Empfehlung Fachdidaktik

Was machst Du für Geschichten? Didaktik eines narrativen Konstruktivismus – Jörg van Norden

Norden, Jörg van: Was machst Du für Geschichten? Didaktik eines narrativen Konstruktivismus. Freiburg: Centaurus 2011. ISBN 978-86226-116-1. 290 Seiten.

Matthias Mader

In den meisten pädagogischen Seminaren macht man sich sehr unbeliebt, wenn man sich als Konstruktivist outet: Bei der Mehrheit der Studierenden gilt das als unsinnige, unverständliche, unpraktische und unbrauchbare Theorie. In der pädagogischen Fachliteratur ist das freilich anders. Und auch in der Geschichtswissenschaft sind konstruktivistische ideen – zumal in der Kulturgeschichte – weit verbreitet. Von daher ist Jörg van Nordens Habilitationsschrift "Was machst Du für Geschichten?", die in der Schnittmenge dieser beiden Fächer eine "Didaktik eines narrativen Konstruktivismus"(so der Untertitel) verspricht, eigentlich schon fast überfällig.

Der Bielefelder Lehrer und Historiker van Norden ergänzt den Konstruktivismus um das Prädikat ‚narrativ‘. Damit macht er deutlich, dass Geschichte für ihn nur als historisches Erzählen denkbar ist. Das zeigt er – ganz performativ – schon mit seiner Einleitung, die genau dieses Erzählen konstruktivistisch vorführt: Nämlich so, dass das konstruierende Erzählen im Erzählen selbst erkennbar wird. Er folgt in der Differenzierung verschiedener Modi des historischen Erzählens der bekannten Erzähltypologie von Geschichte(n) nach Rüsen mit ihrer Aufteilung in traditionales, exemplarisches, kritisches und genetisches Erzählen [1], die er um "entrücktes Erzählen" [2] ergänzt: Narrative, die sich nur aus der Faszination der Vergangenheit speisen und die den Gegenwartsbezug insofern vermissen lassen, als sie eben der (temporären) Entrückung, der Flucht aus der Gegenwart dienen und daraus überhaupt ihre Motivation ziehen. Entrückung heißt aber nicht, das betont van Norden wiederholt, dass diese Form keine legitime Art der Geschichte sei – auch wenn er andererseits den Gegenwartsbezug als wesentliches Kriterium für die erfolgreiche Vermittlung von Geschichte betont.

Dem folgt eine knappe Darstellung wesentlicher Prinzipien des Konstruktivismus in Bezug auf die Geschichtsschreibung, die weitgehend ohne theoretischen Jargon auskommt. Er schließt das mit der Einführung des Konzeptes der dreifachen Triftigkeit als Merkmal wissenschaftlicher Geschichtsschreibung ab: Die kann – im konstruktivistischen Sinne – natürlich nicht mehr beanspruchen, zu "sagen, wie es eigentlich gewesen" (Leopold von Ranke), also die ‚absolute‘ Wahrheit, sondern kann ‚nur‘ intersubjektiv (den Begriff meidet van Norden) gültig sein: Sie kann Triftigkeit beanspruchen bzw. muss sie einlösen. Triftig müssen Geschichtserzählungen natürlich auf der empirischen Ebene sein, aber auch hinsichtlich ihrer kompositorisch-narrativen Konstruktion und – das ist nicht unwichtig, weil es den Kritikern den Wind aus den Segeln nimmt, die behaupten, der Konstruktivismus würde vollkommene Beliebigkeit nach sich ziehen – im sozialen Vergleich mit anderen Narrationen: Die konsensuale Triftigkeit ermöglicht erst die überindividuelle Verständigung auf bestimmte Deutungen.

In einem dritten Schritt entwickelt van Norden dann eine etwas paradoxe Hermeneutik, die nicht mehr verstehen will (inwiefern das dann noch eine Hermeneutik sein kann, bleibt leider – zwangsweise … – offen), sondern in detailliert entwickelten Schritten zeigt, wie aus Texten Wirklichkeit konstruiert werden kann. Als Texte gelten in guter postmoderner Tradition alle komplexen Zeichensysteme, also auch alle Quellen. Seine "Hermeneutik der Texte" [3] betont dabei als Ausgangspunkt das Subjekt, das die hermeneutische (oder eben konstruierende) Anstrengung unternimmt. Die Frage des Individuums an die Texte aus bzw. über die Vergangenheit sowie sein Standpunkt in der Gegenwart beeinflussen die gesamte hermeneutische Arbeit und dürfen deshalb keinesfalls außer Acht gelassen werden. Diesem ersten Schritt folgt die Heuristik und sodann in expliziter Entgegensetzung zur ‚klassischen‘ historischen Methode und ihrer Technik, der Arbeit mit Quellen und der Quellenkritik, eine doppelte Erarbeitung der Texte. Die überkommenen Differenzierungen wie Tradition – Überrest, Primär- und Sekundärquelle hält van Norden dabei nicht ohne Grund nicht nur für problematisch, sondern für irreführend und störend. Zunächst werden die Texte dabei hinsichtlich der Kommunikationssituation, in der sie stehen, untersucht, bevor die Analyse der Text-Argumente erfolgt, die keinesfalls mit einem irgendwie geartetem Verstehen im Sinne von Perspektivübernahme oder Versetzen in den Standpunkt des Autors zu verwechseln ist. Das Ganze gipfelt dann jeweils in der abschließenden und zentralen Narration, die im elaborierten idealfall Dauer und Wandel in den Zeitverläufen darstellt.

Damit sind die wesentlichen geschichtswissenschaftlichen Grundlagen für seine Idee des Geschichtsunterrichts gelegt. Nun folgt die Hinwendung zum Schüler, die van Norden über das Prinzip der Neugier erarbeitet. Schon hier entwickelt sich die Offenheit des Unterrichts als essentielles Merkmal seiner konstruktivistischen Didaktik – einer Offenheit, die aus dem unbedingten Ernst-Nehmen der Individualität der Lernenden und ihrer notwendigen Autonomie notwendig folgt.

Schließlich überlegt van Norden, wie diese Ideen – konstruktivistische Geschichtsschreibung und "Hermeneutik der Texte" – im Unterricht adäquat umzusetzen seien: Abwägen zwischen Instruktion und Konstruktion heißt seine Lösung, mit Berechtigung der Mischformen und unterschiedlicher Gewichtung je nach Unterrichtsphase, also Einstieg, Erarbeitung und Verarbeitung, wobei er – schließlich vertritt der einen narrativen Konstruktivismus, der nicht nur rezeptiv, sondern auch produktiv gedacht ist – bei der Verarbeitung die konstruierende Narration durch die Lernenden besonders stark macht. Berichte aus seiner eigenen Praxis und Beispiele aus der Literatur erläutern zumindest einige mögliche Durchführungsvarianten – aber als Unterrichtshandbuch ist van Nordens Schrift weder gedacht noch geeignet, hier geht es um die grundlegende theoretische Entwicklung der konstruktivistischen Konzepte.

Im letzten Teil widmet sich van Norden schließlich ergänzend noch dem heiligen Gral der gegenwärtigen Bildungsforschung, den Kompetenzen. Allerdings kann er nur wenig Sympathie für die in Bildungsstandards, Lehrplänen und Curricula vorherrschenden Systematiken aufbringen. Am meisten Wohlwollen erfährt noch das Modell von Körber et al. ("Für Geschichtsbewusstsein"), das er cum grano salis auch als Grundlage für sein eigenes "Strukturmodell narrativer und hermeneutischer Kompetenz" [4], welches er als Gegenvorschlag in die Debatte einbringt, nutzt.

Ohne Zweifel schließt "Was machst Du für Geschichten?" mit der doppelten theoretischen Fundierung einer konstruktivistischen Didaktik eine Lücke in der geschichtsdidaktischen Literatur.

Die empirische Basis dafür ist, das weiß van Norden auch selbst, freilich immer noch sehr schwach und oft nur anekdotisch, ohne die notwendige methodische Absicherung – es bleibt noch einiges zu tun, bis die Didaktik des (narrativen) Konstruktivismus wirklich als die bessere Form der Geschichtsvermittlung oder der Vermittlung von Geschichtsbewusstsein und -bildern anerkannt werden kann. Aber immerhin gibt van Norden schon einige Hinweise zur praktischen Umsetzung eines sehr grundlegenden wissenstheoretischen Konzepts auch für die Geschichtsdidaktik. Dabei bleiben die Ausführungen erstaunlich gut lesbar: Narrative Kompetenz darf man van Norden durchaus bescheinigen, die Vermittlungserfahrung des Autors macht sich positiv bemerkbar – wären da nicht die vielen Tipp- und Rechtschreibfehler, formale Mängel im Literaturverzeichnis und die unübersichtlichen, wenig hilfreichen Tabellen, die den positiven Gesamteindruck dann doch etwas trüben.

[1] Vgl. Rüsen, Jörn: VI. Die vier Typen des historischen Erzählens. In: Rüsen, Jörn: Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt am Main 1990, S. 153-230.
[2] Norden, Jörg van: Was machst Du für Geschichten? Didaktik eines narrativen Konstruktivismus. Freiburg 2011, S. 23.
[3] Norden, S. 77.
[4] Norden, S. 232.

Lizenz für den Text und die Anmerkungen: creative commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland (CC BY-ND 3.0). Unveränd. Zweitpubl. v. Matthias Mader: Rezension: Was machst Du für Geschichten? Didaktik eines narrativen Konstruktivismus – Jörg van Norden, in: Skriptum 2 (2012), Nr. 1, URN: urn:nbn:de:0289-2012050376.

 

 

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