Zur Diskussion

„… nur wenn man das Fronterlebnis versteht, kann man den Nationalsozialismus verstehen“

Der Erste Weltkrieg als „Maschine zur Brutalisierung der Welt“ und seine Bedeutung für die (politischen) Soldaten des Nationalsozialismus.

Anke Hoffstadt ist als Historikerin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Forschungsschwer­punkte sind: Geschichte der (politischen) Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert, Militär­soziologie und Geschichte soldatischer Männlichkeit, Geschichte und Theorie des Anti­semitismus, Psychiatriegeschichte, Dis-/Ability History und queer-feministische Theorie. Letzte Veröffentlichung:„Stahlhelm. Bund der Fronstoldaten“, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 5: Organisationen, Institutionen, Be­wegungen, München 2012, S. 585-587.

Von Anke Hoffstadt

„Mein Vater gab sein Leben als anständiger Soldat“, konnten im Februar 1997 Passantinnen und Passanten auf dem Münchner Marienplatz auf einem Schild lesen, das ein älterer Herr vor dem Eingang zum Rathaus hochhielt. In den selben Tagen bekamen 300.000 Münchner Haushalte Post von Peter Gauweiler (CSU), der sich vehement für die „zahllosen Männer“ einsetzte, die im Zweiten Weltkrieg „ehrenhaft gekämpft“ hätten. Auslöser war die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über „Verbrechen der Wehrmacht“, die von 1995 bis 1999 durch die Großstädte der Bundes­republik und Österreichs tourte. Ihre Kernthese, dass die deutsche Wehrmacht zwischen 1941 und 1945 „an der Planung und Durchführung eines Vernichtungskrieges gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung beteiligt“ war, galt zu diesem Zeitpunkt in der wissenschaftlichen Forschung als Konsens. Doch in der Öffentlichkeit löste die Aus­stellung nicht nur lebhafte Diskussionen, sondern auch massivste Proteste aus. In den Feuilletons der bundesdeutschen Presse, auf den Straßen der Ausstellungsorte, auf wissenschaftlichen Podiumsdiskussionen und nicht zuletzt in vielen Familien wurden polemische und erhitzte, oder auch ernste und produktive Debatten geführt. Wo auf der einen Seite Kurt Tucholskys Worte „Soldaten sind Mörder“ zitiert wurden, zogen sich demgegenüber Veteranen oder ihre Angehörigen auf „soldatische Pflicht“, auf Befehls­notstand und Gehorsams-Gebote zurück. Der aktuelle Anlass rief auch Rechtsradikale und Rechtspopulisten auf den Plan: In Saarbrücken etwa demonstrierte die NPD im Februar 1999 für die „Ehre unsere[r] tapferen Soldaten beider Weltkriege“. Unter Verantwortung des Neonazis Friedhelm Busse wurde in München zum Protest der „volksdeutschen Verbände“ gegen die „Hetzausstellung“ aufgerufen. Und es blieb nicht bei kontroversen Diskussionen, verbalen Anfeindungen und Papiergefechten: Wo 1996 in Erfurt ‚nur‘ eine der Ausstellungstafeln demoliert worden war, zerstörte drei Jahre später, wiederum in Saarbrücken, ein Sprengstoffanschlag einen Teil der Ausstellungs­räume.

Warum löste diese historische Ausstellung über die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in den 1990er Jahren eine so immense Erschütterung aus?

Der Erfahrungs- und Erinnerungsrahmen ‚Erster Weltkrieg‘

„Ehre“ ist eines der Stichworte, das bei der Lektüre von Flugblättern, Zeitungs­artikeln und wissenschaftlichen Einschätzungen zur sogenannten „Wehrmachtsaus­stellung“ häufig zu lesen ist. Wie ‚Schuld‘ und ‚Opfer‘ ist ‚die Ehre des deutschen Soldaten‘ ein Begriff, der im Kern weit über die Wahrnehmung und (Selbst-)Beurteilung der Ange­hörigen der nationalsozialistischen Wehrmacht hinausgeht. Vor allem diese drei Wörter waren es, die schon in der Zwischenkriegszeit, nach Ende des Ersten Welt­krieges, das Bild und Selbstbild vom ‚Soldaten‘ formten. Zu den deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges haben Historikerinnen und Historiker viel über totalisierte Gewalt, Mord auf Befehl, über Handlungsspielräume und letztlich auch über Verantwortung und Schuld geschrieben. Der Krieg selbst, die Eigen­gesetzlichkeit des Krieges, wurde dabei, wie zuletzt von Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem Buch „Soldaten“, oft als Bezugsrahmen interpretiert. In der Umkehr des Tötungsverbotes oder etwa auch durch die Bindungs-Kraft der Peer Group in der soldatischen Gemeinschaft, habe der Zweite Weltkrieg wie kein anderer die Soldaten brutalisiert und im Krieg geforderte Gewalt­handlungen in Exzesse kippen lassen. Sozialpsychologische Erklärungsmöglichkeiten für das Überborden (individueller) kriegerischer Gewalt zwischen 1939 und 1945 liegen nahe.

Bisher kaum untersucht wurde die Frage, wie denn der längerfristige Erfahrungs- und Erinnerungsrahmen ‚Krieg‘ eigentlich aussah, den die Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges und ihre Angehörigen im Gepäck hatten. Denn der letzte Krieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) war 1939 gerade einmal 21 Jahre her. Die meisten Deutschen hatten den Ersten Weltkrieg als Soldaten durchlebt oder an der Heimatfront unter Angst, Entbehrungen und Unsicherheit gelitten. Nahezu jede deutsche Familie hatte einen ‚Gefallenen‘ zu beklagen, vermisste Vater, Bruder, Mann oder Onkel, oder war damit konfrontiert, sich um einen nicht selten schwerst­kriegsverletzen Angehörigen kümmern zu müssen. Wie sehr der Krieg auch Kinder be­einflusste, hat Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen („Geschichte eines Deutschen“) eindrucksvoll geschildert.

Die Generation der Nachgeborenen stellte spätestens ab 1968 immer lautere Fragen an ihre Eltern, vor allem an ihre Väter und Großväter, über ihre Rolle im National­sozialismus und im Krieg. Sie wollten wissen, wie aus „ganz gewöhnlichen Deutschen“ (Daniel Goldhagen) Täter werden konnten. Sie fragten nicht danach, welche Eindrücke ihre Eltern eigentlich bereits aus dem Ersten Weltkrieg mitge­nommen hatten – und auch die Forschung stellte diese Frage kaum (vgl. z. B. Theweleit 1978; Peukert 1987, Krumeich 2010). Welche Erinnerungen und Einstellungen hatten die Menschen in der Folge des Ersten Weltkrieges durch die Zeit der Weimarer Republik begleitet? Und welchen Einfluss hatte dieser gewichtige Erfahrungsrahmen dafür, dass die National­sozialisten ab 1930 mit wachsendem ‚Erfolg‘ und breiter Unterstützung ihrer Wähler und Wählerinnen ihre Macht etablieren konnten?

Welche Erfahrungen oder auch Erfahrungsmuster – hier vor allem die der Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges – sind dies? Und inwiefern lassen sie sich mit der Entwicklung des (politischen) ‚Soldaten‘ des Nationalsozialismus zusammenbringen, über dessen Verantwortungen bzw. ‚Schuld‘ in den 1990er Jahren angesichts der „Wehrmachts­ausstellung“ so intensiv gestritten wurde?

Gesellschaftliches Trauma, Feindbilder und Verschwörungsmythen

Der totalisierte Krieg von 1914–1918 hinterließ Menschen, die zutiefst traumatisiert, aber auch in Teilen durchaus brutalisiert waren. Töten und Todesgefahr waren nicht länger Bestandteile eines fiktiven, abstrakten Lebens, sondern Möglichkeiten, die ein jeder am eigenen Leib erfahren hatte und auch weiterhin, nach Ende des Krieges, ergreifen oder erleiden konnte. Diese konkreten Erlebnisse lieferten den Kitt dafür, dass sich die Frontsoldaten auch über das Kriegsende hinaus als Schicksals­gemeinschaft empfinden konnten, die die „Stahlgewitter“ (Ernst Jünger), den industrialisierten Krieg, die Stellungskämpfe, Elend und Tod überwunden hatte.

Dieses ‚Opfer‘ erbracht und für das ‚Vaterland‘ gekämpft zu haben war für einen Teil der Soldaten eine patriotische ‚Pflicht‘. Sich nach Kriegsende nicht enttäuscht abzuwenden, sondern vielmehr verstärkt der ‚Nation‘ die Treue zu halten, vermochte wohl, den ver­lorenen Krieg rückwirkend mit Sinn zu füllen.

Der opferbereite, positive, nationalistische Bezug auf Deutschland (nicht: auf die Republik!) sollte sich durch den Versailler Friedensvertrag (1919) noch verfestigen. In der Wahrnehmung der Zeitgenossen bürdete die von den Siegern diktierte „Schmach von Versailles“ den Besiegten die ‚Schuld‘ am Weltkrieg auf. Dabei war es nicht ent­scheidend, ob der sog. „Kriegsschuldparagraph“ tatsächlich die Verantwortung für den Kriegsausbruch einwandfrei zuwies oder wie empfindlich die Reparationsver­pflichtungen die Volkswirtschaft im Großen wie im Kleinen tatsächlich berührten: ‚Die Deutschen‘ werden nach dem verlorenen Krieg und erst recht nach dem Vertrag von Versailles wenig anderes empfunden haben als Ehrverlust und Demütigung. Die von den Feinden zugewiesene ‚Schuld‘ am Krieg, erst recht die Niederlage machte jedes ‚Opfer für das Vaterland‘ nachträglich sinnlos.

Es überrascht kaum, dass ‚Schuldige‘ für Kriegsniederlage und Novemberrevolution gesucht und schnell gefunden wurden: Mit der Legende vom Dolchstoß in den Rücken der Front schienen diejenigen ausgemacht, die den Sieg der kaiserlichen Armee ver­hindert und die Demütigung der Kriegsverlierer ausgelöst habe. In den gleichen Sozialisten und Kommunisten sahen Konservative und Deutschnationale dann auch rasch jene Feinde, die als ‚vaterlandslose Gesellen‘ mit ihren internationalistischen Ideen der Nation endgültig den Garaus zu machen drohten. Zudem sollten Antisozialismus und Antikommunismus eine folgenreiche Erweiter­ung erfahren. Gleichgültig, ob die Realität der Vorstellung entsprach oder nicht: die ‚Vaterlandsverräter‘, die in der jungen Re­publik nun teilweise das Sagen hatten, wurden nur allzu häufig als Juden diffamiert. Antisemitische Phantasien vom ‚jüdischen Kriegsgewinnler‘ oder ‚jüdischen Drücke­berger‘ flammten ebenso auf wie das neue Feindbild vom ‚jüdischen Bolschewisten‘.

Die nationalsozialistische Propaganda bediente alle diese Befindlichkeiten in Permanenz: Mit dem Versprechen, den Versailler Vertrag zu revidieren, sollten Gefühle von Schuld, Ehrverlust und Demütigung wettgemacht werden. Das Ideal der (politischen) Soldaten des NS war die im Schützengraben geborene „Stahlnatur“, für sie galt eine „Verhaltenslehre der Kälte“ (Helmut Lethen) bzw. der Härte. Höchstes Gut war die nationale‚Volksgemeinschaft‘. Als Gegenpol waren die Feindbildstereotypien vom ‚Novemberverbrecher‘, ‚jüdischen Bolschewisten‘ oder vom ‚internationalen Börsen­juden‘ allgegenwärtig und so fest mit anti­semitischen Haltungen verwoben, dass es zu Beginn der 1930er Jahre nicht einmal mehr nötig war, ‚den Juden‘ konkret zu be­zeichnen, um das Feindbild abzurufen.

Alle diese hier beispielhaft gewählten Schlaglichter auf den Erfahrungshaushalt der Zwischenkriegs-Zeit zeigen, dass der Erste Weltkrieg für die Entwicklung des Nationalsozialismus eine kaum zu unterschätzende Bedeutung hatte. „Die Geburts­stunde des Nationalsozialismus war das Fronterlebnis und nur wenn man das Front­erlebnis versteht, kann man den Nationalsozialismus verstehen“ (Merkl 1965: 167), schrieb ein Nationalsozialist 1934 in einem autobiographischen Aufsatz, mit dem er seine frühe Überzeugung für den Nationalsozialismus mit seinen Erfahrungen als Front­soldat des Ersten Weltkrieges begründete. Und noch 1943 argumentierte Himmler mit dem Ersten Weltkrieg für die Notwendigkeit der ‚Endlösung‘: In seiner Rede vor SS-Führern in Posen bezeichnete er den Mord an den Juden als ein „niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt“ deutscher Geschichte, weil man nur so einen zweiten Dolchstoß durch „die Juden, die Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer“ verhindere: „Wir würden wahrscheinlich jetzt ins Stadium des Jahres 1916/17 ge­kommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volks­körper säßen“.

Der Nationalsozialismus war kein Betriebsunfall. Der Aufstieg der Nationalsozialisten folgte auch keinem ‚Naturgesetz‘. Sie profitierten auch nicht von der Lenkbarkeit willenlos Verführter. Und natürlich sollte nicht jeder Frontsoldat des Ersten Weltkrieges Nationalsozialist werden. So war der größte Veteranenverband der 1920er Jahre das sozialdemokratische Reichsbanner Schwarz Rot Gold. Doch der Erste Weltkrieg war, um mit dem 2012 verstorbenen Historiker Eric Hobsbawm zu sprechen, zweifellos eine „Maschine zur Brutalisierung der Welt“. Die Erinnerungen an den Krieg und die Wahr­nehmung seiner Spuren hatten in den 1920er und 1930er Jahren in entscheidendem Maße Einfluss auf den Aufstieg der radikalen Rechten. Denn ihr ‚Erfolg‘ wurde ganz wesentlich auch von jenen „nationalistisch eingestellten Soldaten und jungen Männern“ getragen, „die nicht vergessen konnten, daß man sie mit dem Ende des Krieges auch ihrer Chancen zum Heroismus beraubt hatte.“ (Hobsbawm 2003: 62 f.) Die Soldaten, über die das Hamburger Institut für Sozialforschung ab 1995 in seiner Ausstellung zum „Vernichtungskrieg“ erzählte, mögen nicht zuletzt von diesen Zusammenhängen geprägt gewesen sein, als sie, schon 1914–1918 Kriegsteilnehmer oder an ihrer Vater statt, ab 1939 in den Zweiten Weltkrieg zogen, um den Ersten nachträglich vielleicht doch noch zu gewinnen. 

Literatur (in der Reihenfolge der Erwähnung im Text)

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Hamburg 2002, hier insbesondere: S. 687, 694 f., 706 f.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Bd. 1 und 2, unv. Taschenbuchausg., München/Zürich 2000 (zuerst Frankfurt a. M./Basel 1978).

Detlev Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt a. M. 1987.

Gerd Krumeich (Hrsg.): Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg, Essen 2010.

Helmut Lethen: Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Frankfurt a. M. 1994.

Peter Merkl: Political Violence under the Swastika. 581 Early Nazis, Princeton 1965.

Internationaler Militärgerichtshof Nürnberg  (Hrsg.): Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Bd. 29, Nürnberg 1947, S. 110–173, hier S. 145 f.: Rede Heinrich Himmlers vor SS-Führern in Posen (4.10.1943).

Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 2003.

 

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