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Der Erste Weltkrieg: Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Prof. Dr. Volker R. Berghahn ist seit 1998 Seth Low Professor of History an der Columbia University in New York. Von ihm ist u.a. erschienen „Europa im Zeitalter der Weltkriege“ (2002).

Von Volker R. Berghahn

Selbst siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es letztlich immer noch unbegreiflich, wie der nationalsozialistische Massenmord  an den europäischen Juden und anderen Minderheiten möglich wurde. Am häufigsten sucht man bei dieser Frage nach einer Erklärung des industriellen Tötens in den großen Vernichtungslagern im Osten. Noch schwieriger ist es indessen, den Holocaust in den polnischen und sowjetischen Dörfern und Städten zu erklären. Damals trieben beispielsweise aus Hamburg stammende Angehörige des „Polizeibatallions 101“ Frauen, Kinder und Greise in die umliegenden Wälder oder Steinbrüche, um sie dort eigenhändig zu erschießen und in Massengräbern  zu verscharren. Wie soll man solche Taten begreifen? 

Die Massenschlachten des Ersten Weltkrieges

Gleichwohl darf die Forschung nicht aufgeben, nach Antworten auf diese deprimierenden Fragen zu suchen. Sofern die Historiographie nicht auf die lange Geschichte von Massakern in der Antike oder im Mittelalter zurückgreifen will, bietet der Erste Weltkrieg einen guten Einstieg, da dieser zugleich auch die Urkatastrophe der Gewalttaten des 20. Jahrhunderts und ein Vorläufer des Zweiten Weltkriegs war.

Sofern sie eine Reise nach Frankreich planen, habe ich meinen Studenten in Vorlesungen immer wieder geraten, dabei nicht nur - in einem Pariser Café sitzend - das Treiben auf dem Boulevard Saint Michel zu beobachten, sondern auch mit dem Zug eine Stunde nordwärts nach Péronne an der Somme zu fahren. Dort sind nicht nur ein Museum und ein Forschungszentrum zum Ersten Weltkrieg zu besichtigen, sondern in der Nähe auch die großen Areale der britischen, deutschen, französischen, belgischen und amerikanischen Soldatenfriedhöfe. Inmitten eines Meeres von Kreuzen kann man sich wenigstens schemenhaft vorstellen, was an der Somme am 1. Juli 1916 geschah. 

Nach einem tagelangen intensivsten Granatfeuer glaubten die Briten an jenem Tage die Deutschen in den gegenüberliegenden Schützengräben und Unterständen so dezimiert und demoralisiert zu haben, dass sie den Angriff durch die Drahtverhaue im dazwischenliegenden Niemandsland wagen konnten, um an diesem Frontabschnitt den ersten großen Durchbruch in dem bisherigen militärischen Patt zu erzielen. Doch viele Deutsche hatten in ihren tief gegrabenen Unterständen überlebt und als die Artillerie plötzlich schwieg, wussten sie, dass der britische Angriff auf ihre Gräben bevorstand. Schnell bauten sie ihre Maschinengewehre auf und mähten die anstürmenden Briten reihenweise nieder. Am Ende dieses Tages zählten die Angreifer an die 60.000 Tote, Verwundete und Vermisste. Insgesamt forderte die Schlacht an der Somme, die erst im Herbst 1916 abgebrochen wurde, auf beiden Seiten ca. 1,3 Millionen Opfer. 

Bei anderen Schlachten vor und nach dem 1. Juli 1916 waren die täglichen Verluste zum Teil noch höher. Bei Passchendale zum Beispiel verloren die Briten in drei Stunden 13.000 Mann und gewannen knapp 10 Meter an Boden. Insgesamt fielen bis 1918 ca. 9,4 Millionen meist junge Männer an allen Fronten. Die Menschenverluste, einschließlich der Zivilbevölkerung auch durch Hunger und Krankheit, werden auf grob 20 Millionen geschätzt. 

Zwischenkriegszeiten 

Zugleich hatte der Weltkrieg den Hass unter den Nationen enorm aufgeheizt und als hernach dann in Russland, im Baltikum, und in weiten Teilen Zentraleuropas Bürgerkriege ausbrachen, richtete sich die Gewalt nicht mehr gegen den Feind in der gegenüberliegenden Front, sondern gegen politisch Andersdenkende und deren Familien im eigenen Lande. Ein Zitat des Majors Adolf Schulz, der im Baltikum gegen die Rote Armee kämpfte, zeigt die Verrohung: „Hinter der Hecke lag ein Weib dieser Sorte in zärtlichster Umarmung mit ihrem Geliebten. Eine [von Schulz geworfene Hand-]Granate hat sie bei der Ausübung ihres eigentlichen Berufes überrascht.” Mochten bis zum Ende dieser ‚Nachkriege’ auch mehr Soldaten und Männer bei oft grausamsten Folterungen zu Tode gekommen sein, die Entgrenzung einer auch gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Gewalt erreichte in  den frühen zwanziger Jahren einen ersten Höhepunkt. 

An dieser Eskalation hatten ehemalige Soldaten und Offiziere einen erheblichen Anteil, die sich nach dem Ende der Kämpfe als Schriftsteller und Agitatoren betätigten.  Unter ihnen gewann Ernst Jünger in Deutschland eine besondere Stellung. Seine ersten tagebuchartigen Veröffentlichungen waren noch ganz realistisch. Doch in seinem Buch „Kampf als inneres Erlebnis“begann er das Töten des Gegners und das sogenannte Schützengrabenerlebnis zu überhöhen und zu heroisieren. Es ist eine fürchterliche Lektüre. Das Gefühl nach der Niederlage von 1918, dass alles umsonst gewesen sei, führte auch zu einer Suche nach Sündenböcken und mobilisierte Hundertausende von ehemaligen Soldaten. Sie traten in die rechtsradikalen Wehrverbände ein, unter denen die größten, wie der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten und die NS-Sturmabteilungen (SA) sich für die Zerstörung der bestehenden Verfassungsordnung, die Errichtung einer Diktatur und eine gewaltsame Revision des Versailler Friedensvertrages einsetzten. Jetzt  machte man die linken Revolutionäre und die Juden zur Zielscheibe eines neuen Hasses, was wiederum die politische Linke zur Gründung eigener Wehrverbände veranlasste. 

Es fand eine Ideologisierung und Polarisierung statt, die dann während der großen Krise nach 1929 in Deutschland erneut zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten. Fast täglich verloren Angehörige des Rotfrontkämpferbundes oder der SA in den Städten Deutschlands bei Straßenschlachten ihr Leben. Mit Hitlers Machtergreifung richtete sich die Gewalttätigkeit von  SA und SS, nunmehr staatlich sanktioniert, zuerst gegen innenpolitische Gegner. Der angebliche deutsche Todeskampf gegen diese rechtfertigte zunehmend nicht nur die Viktimisierung von Männern, sondern auch die ihrer Frauen und Kinder. Hinzu kamen bald auch andere wehrlose Gruppen wie Homosexuelle sowie geistig und physisch Behinderte. Schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden diese Zivilist/innen zu Zehntausenden ermordet. Hiernach war es nur konsequent, dass nach Ausbruch des Krieges der nationalsozialistische Rassismus gegen die gesamte Zivilbevölkerung erst in Polen und später in quantitativ noch größerem Ausmaß  in der besetzten Sowjetunion wütete.

Krieg gegen die Zivilbevölkerung

Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg starben jetzt mehr Zivilist/innen als kämpfende Männer. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung schließlich 1943/44, als das Morden in den Vernichtungslagern auf Hochtouren lief, während die deutsche Zivilbevölkerung zunehmend den Alliierten Bombardierungen zum Opfer fiel. So kam es, dass im Zweiten Weltkrieg an die 60 Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten. Die meisten davon waren Zivilist/innen. Die Entgrenzung der Gewalt war komplett und hat seither kein Ende genommen. Insgesamt kamen nach groben Schätzungen im 20. Jahrhundert an die 187 Millionen Menschen uns Leben. Beziffert man die Opfer der beiden Weltkriege auf rund 80 Millionen, so starben in der zweiten Hälfte mehr Menschen als in der ersten. 

Wir stehen letztlich immer noch vor der Frage, warum Männer – und es waren in erster Linie – Männer zu solchen Grausamkeiten fähig sind. Über die psychischen Folgen gibt es inzwischen diverse  Studien. Doch zur Frage, was sie zum Töten von Frauen und Kindern brachte, müssen wir uns vornehmlich auf spätere Gerichtsaussagen verlassen. Authentische Quellen aus der Zeit der Verübung der Verbrechen gibt es nur wenige, obwohl das von Sönke Neitzel und Harald Welzer vor einiger Zeit veröffentlichte Buch „Soldaten“ viele verstörende Zitate aus Gesprächen unter deutschen Kriegsgefangenen enthält, die von den Engländern und Amerikanern insgeheim auf Tonband aufgenommen wurden und insofern zumindest aus dem Krieg stammendes Material darstellen. 

 

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