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Grußwort des Staatssekretärs für Bildung, Jugend und Sport Burkhard Jungkamp an das 9. Berlin-Brandenburgisches Forum für zeitgeschichtliche Bildung

Burkhard Jungkamp ist Staatssekretärs für Bildung, Jugend und Sport im Bundesland Brandenburg.

Von Burkhard Jungkamp

Sehr geehrte Damen und Herren,

Emotionalität und Kontroversität im historischen Lernen ist das Thema dieser Tagung hier in der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße in Potsdam.

Der Ort ist schön gelegen: zwischen Pfingstberg und Heiligensee inmitten blühender Gärten und schöner Villen: Hier ist es friedlich, die Gärten und königlichen Parks sind grün und blühen, hier möchte man gerne spazieren gehen. Und es ist wohl auch keine Frage: Spazieren gehen und das Leben genießen klingt verlockender, als in die Zellen des Untersuchungsgefängnisses der sowjetischen Spionageabwehr hinabzusteigen und die kargen Inschriften zu entziffern, aus denen das unvorstellbare Leid der vielen namenlosen Häftlinge spricht, die hier inhaftiert waren.

Welch ein Kontrast!

Das friedliche Umfeld lässt den unvorbereiteten Besucher nicht vermuten, was ihn in dem historischen Gebäude erwartet. Der Kontrast zwischen Innen und Außen ist gewaltig und der Schritt hinein in die Gedenkstätte, hinein in die Auseinandersetzung mit der Diktaturgeschichte kostet emotionale Überwindung.

Diese emotionale Spannung erlebe ich an vielen Gedenkorten: Wer in der Potsdamer Altstadt, in der Lindenstraße spazieren geht, ahnt i.d.R. nicht, was sich hinter der schmucken Barock-Fassade der Lindenstraße 54/55 befindet und befand.

Auch in Sachsenhausen oder in der Collegienstraße in Frankfurt /Oder und an vielen anderen Orten, die historisch kontaminiert sind, weil dort Menschenrechte verletzt wurden, Unrecht geschah, Menschen Willkür und Repression ausgeliefert waren, ist das zu sehen:

Die Normalität des Alltags und die Unterdrückung der Menschlichkeit und der menschlichen Würde liegen oft erschreckend nahe beisammen. Das gilt für die genannten Orte in geografischer Hinsicht aber auch, wie wir aus zahlreichen Berichten über Lager- und Gefängnispersonal der genannten und anderer Gedenkorte wissen, in menschlicher Hinsicht: Dass z.B. KZ-Aufseher in Sachsenhausen ein behagliches Familienleben in niedlichen Häuschen mit kleinen Gärten, unmittelbar an das Lagergelände stoßend, führten und zugleich so Unvorstellbares im Lager anrichteten, zeugt von einer geradezu schizophrenen Gleichzeitigkeit und Nähe von sogenannter Normalität und Unmenschlichkeit in diesen Menschen selber.

Daher ist der Schritt hinaus aus der friedlichen Normalität hinein in die Gedenkorte und in die Auseinandersetzung mit den Themen der Gedenkorte für mich immer auch mit dem Gefühl der Irritation, Betroffenheit und zunächst auch einer gewissen Sprachlosigkeit verbunden.

Auch andere emotionale Lagen wie Angst, Neugier, Trauer, Grusel, innere Verstockung und Abwehr, auch Voyeurismus oder Hilflosigkeit sind vorstellbar und kommen vor.

Kurz gesagt: Die deutsche Diktaturgeschichte ist emotional hoch aufgeladen. Und es wäre schlimm, wenn wir in der Auseinandersetzung dieser Emotionalität gleichgültig gegenüberstünden.

Ich finde es wichtig, dass junge Menschen Zeitzeugnisse, sogenannte authentische Orte aufsuchen und dabei lernen, auf ihre eigene innere emotionale Stimme zu hören.

Ich finde es wichtig, dass junge Menschen mit Zeitzeugen in Kontakt kommen und dabei etwas von der Emotionalität und der Authentizität der individuellen Leidensgeschichte erfahren und Empathie lernen.

Im Besuch des authentischen Ortes und im Hören des authentischen Berichtes liegt die Möglichkeit Geschichte zu berühren und von Geschichte berührt zu werden. Eine solche Berührung ist immer auch emotional und wir sollten dies anerkennen. Viel schlimmer wäre es, blieben Emotionen bei einem Gedenkstättenbesuch oder im Verlaufe eines Zeitzeugengespräches aus.

Sie werden sagen, dass dieses Plädoyer für die Anerkennung von Emotionalität in der historisch-politischen Bildung unbekümmert oder naiv ist und die Sachlage verkennt.

Zur Klärung: ich spreche nicht davon, Emotionen zu provozieren. Das lehne ich ab. Ich befürworte ausdrücklich die äußerst zurückhaltenden Gestaltungskonzepte, die sich an fast allen Gedenkorten durchgesetzt haben und wie das auch in Ausstellungskonzeptionen, z.B. in der GULAG-Ausstellung in Neuhardenberg aktuell zu sehen ist.

Ich spreche von einer Emotionalität, die nicht absichtsvoll provoziert wird, sondern von den Menschen mitgebracht wird, oder individuell im Prozess der Auseinandersetzung entsteht.

Und zu Ihrer weiteren Beruhigung: Der Konsens von Beutelsbach gilt. Er ist grundlegend für die Erfüllung des historisch-politischen Bildungsauftrags in unserer Demokratie.

Formen der emotionalen Überzeugung und Vereinnahmung in historischen und politischen Kontexten sind nicht zuletzt auch aus den Erfahrungen der deutschen Diktaturgeschichte heraus abzulehnen. Demokratie- und Menschenrechtsbildung erfordern die Unabhängigkeit des Einzelnen, auch in emotionaler Hinsicht. Die Kontroverse im historisch-politischen Diskurs setzt die Unabhängigkeit des Einzelnen voraus.

Der Konsens von Beutelsbach hat hierin seine Begründung. Das Überwältigungsverbot und das Kontroversitätsgebot bilden zu Recht einen zentralen Qualitätsstandart für die historisch-politische Bildung in der Demokratie.

Ich möchte Ihnen aber keinen Vortrag über den Konsens von Beutelsbach halten. Dazu sind andere hier im Raum viel berufener.

Mich beschäftigt aber eben schon angesprochene Frage:

Was machen wir mit den emotionalen Lagen, die in jungen Menschen vorhanden sind, die sie in die Gedenkorte mitbringen, die in ihnen im Verlaufe der Auseinandersetzung mit der deutschen Diktaturgeschichte entstehen?

Was machen wir mit der emotionalen Energie, die in der deutschen Diktaturgeschichte vorhanden ist und die auch ein Beutelsbacher Konsens nicht wegtheoretisieren kann?

Das Betreten der Leistikowstraße und anderer Gedenkorte ist und bleibt eine emotionale Herausforderung. Emotionen sind in einer solchen Lernsituation nicht wegzudenken. Deshalb sind sie, ob wir wollen oder nicht, Teil des didaktischen Prozesses und brauchen deshalb Anerkennung und Raum. Unsere Aufgabe ist es, diesen Raum im didaktischen Prozess zu bestimmen.

Ich würde gerne in den heutigen Workshops mit Ihnen über Emotionalität im Geschichtsunterricht diskutieren und gemeinsam mit Ihnen das hoch komplexe Spannungsfeld zwischen dem Konsens von Beutelsbach und individuellen Emotionen ausloten.

Könnte ich heute den Tag hier mit Ihnen verbringen, würde ich gerne folgende Thesen mit Ihnen diskutieren und auf ihre Tragfähigkeit hin überprüfen:

  1. Emotionen in der historisch-politischen Bildung sind kein Problem, sondern eine Chance. Sie brauchen aber einen bewussten Raum im didaktischen Prozess.
  2. Emotionen, die ein Mensch in die Auseinandersetzung mitbringt oder von sich aus im Prozess der Auseinandersetzung entwickelt, sind ein wesentlicher Bestandteil dessen, was wir als persönliche Meinung oder Auffassung bezeichnen und deshalb auch ein anzuerkennendes Element in der kontroversen Debatte.
  3. Kinder und Jugendliche müssen Emotionalität und Empathie lernen - auch im Geschichtsunterricht. Sie müssen mit ihren Gefühlen umgehen lernen, sie müssen lernen, dass Emotionen Teil ihrer Persönlichkeit und Ihrer Meinung sind. Sie müssen lernen ihre Gefühle angemessen öffentlich machen zu können.
  4. Kinder und Jugendliche müssen unterscheiden lernen zwischen Sache und Emotion und müssen lernen, dies getrennt zu betrachten und zu behandeln.
  5. Teilhabe und Engagement in der Demokratie benötigen neben fachlichen Kompetenzen auch emotionale Sicherheit.
  6. Historisches Lernen, besonders in der Gedenkstättenpädagogik, ist ein komplexer Prozess. Ziel dieses komplexen Prozesses ist nicht die emotionale Betroffenheit, sondern emotionale Sicherheit, Sprachfähigkeit, historische Auseinandersetzung, Demokratie und Menschenrechtsbildung.

Weitere Thesen sind denkbar. Mit jeder weiteren These entdecken wir auch weitere Widersprüche.

Aber eines lässt sich nicht leugnen: Wenn wir uns auf die Auseinandersetzung mit der deutschen Diktaturgeschichte einlassen, werden wir Emotionen begegnen.

Die Aufgabe der historisch-politischen Bildung ist es, dies anzuerkennen einen Raum im didaktischen Prozess zu schaffen und vorhandene Emotionen im Kontext des Konsens von Beutelsbach neu zu bewerten.

 

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