Zur Diskussion

Zeitgeschichte, Deutschland, Kinder – Annäherungen zum zeitgeschichtlichen Lernen in der Primarstufe

Detlef Pech, Professor für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Sachunterricht an der Humboldt-Universität zu Berlin; Arbeitsschwerpunkt: Politisch-historische Bildung mit/von Kindern, insbesondere gesellschaftliche Zusammenhänge und Problemstellungen aus der Perspektive von Kindern.

Von Detlef Pech

A - Intro

Zeitgeschichte ist ein schwieriges Feld. Es geht um Vergangenheit und damit nicht um die Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich politisch analysieren ließen. Doch zugleich geht es um Vergangenheit in der noch lebende Personen mit ihren Lebensentwürfen und -verläufen verstrickt sind, was einem historisch-analytischen Zugriff im Weg steht.

Wissenschaftliche, erst recht didaktische Diskussionen um die Potenziale von Zeitgeschichte als eigenständige Momente des historischen Lernens lassen sich nur begrenzt aufzeigen - bezogen auf die Arbeit mit Kindern eigentlich gar nicht.

Nichtsdestotrotz deutet sich in letzter Zeit ein weiteres Feld des zeitgeschichtlichen Lernens an, das in der Arbeit mit Kindern aufgegriffen wird - und nicht nur die Strukturen, wie es sich etabliert, sondern auch viele Fehler, die gemacht wurden, denen der Entwicklung zur Frage der Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus ähneln: Das Aufgreifen der deutsch-deutschen Geschichte und der Wiedervereinigung.

B - Zeitgeschichtliches Lernen am Beispiel der Frage der Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus in der Arbeit mit Kindern

Seit Mitte der 1990er Jahre wird grundschuldidaktisch über Möglichkeiten und Potenziale der Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust in der Arbeit mit Kindern diskutiert. Eine Diskussion, die zunächst ohne Bezüge zu geschichtsdidaktischen Positionen begann und sich (grundschul-)pädagogisch positionierte - wegweisend hierfür war Gertrud Becks Publikation in der Grundschulzeitschrift 1996 sowie der von Moysich und Heyl veröffentlichte Sammelband 1998. Konzeptionell begründete Weiterentwicklungen sowie geschichtsdidaktische Bezüge etablierten sich insbesondere mit den Veröffentlichungen von Rita Rohrbach 2001 und Heike Deckert-Peaceman 2002. Seitdem hat sich die Diskussion konzeptionell als auch empirisch stark weiterentwickelt. Insbesondere die empirischen Arbeiten von Vera Hanfland, Andrea Becher, Alexandra Flügel und Isabel Enzenbach haben hierzu seit 2008 maßgeblich beigetragen. In ihnen wird nicht nur das Interesse von Kindern an zeithistorischen Momenten deutlich, sondern auch vorhandene Wissensbestände, die sich unabhängig von einer gezielten, systematischen, schulischen Thematisierung entwickelt haben (insbesondere bei Becher). Darüber hinaus wird sowohl deutlich, dass bereits Kinder das Sprechen über Vergangenheit als gesellschaftliche Teilhabe verstehen (insbesondere bei Flügel) - als auch, dass das unterrichtliche Aufgreifen von Aspekten zum Nationalsozialismus auch unabhängig von der Verankerung in Lehrplänen in den Grundschulen längst erfolgt (insbesondere bei Enzenbach).

Doch vermutlich hätte sich die Frage nach den Möglichkeiten der Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust nicht so stark im fachlichen Diskurs etablieren können, wenn nicht auch in der Geschichtsdidaktik Entwicklungen aufzuzeigen wären, die anschlussfähig zu dieser Diskussion sind.

Hierbei geht es insbesondere darum, dass zumindest in einigen Kompetenzmodellen, die in den vergangenen Jahren bezogen auf das historische Lernen in der Geschichtsdidaktik entwickelt wurden, wie bspw. das Modell der FUER-Arbeitsgruppe, auch die Primarstufe miteinbezogen wird.

Bedingung für diese Entwicklungen ist die Aufgabe einer Orientierung an entwicklungspsychologischen Paradigmen, die Kinder als nicht fähig betrachteten, kognitiv komplexe, abstrakte Zusammenhänge zu erfassen. Mit den neueren Befunden, die bspw. von Elsbeth Stern vielfach zusammengefasst wurden, geht einher, dass Kindern dies durchaus möglich ist, wenn das Thematisierte anschlussfähig an Erfahrungen und Zugänge von Kindern ist und sie es - so meine Formulierung - Erleben können.

Greift man diese Prämissen auf, so kann dem zeitgeschichtlichen Lernen in der Primarstufe eine besondere Bedeutung zukommen. Denn es greift Historisches auf, das gegenständlich präsent ist, bei dem die Notwendigkeit von Deutungen und Rekonstruktion auch in Narrativen gegenwärtig ist.

Ob die Vermutung trägt, dass im zeitgeschichtlichen Lernen im Primarbereich eine besondere Chance des Zugangs zum historischen Lernen liegt ist gegenwärtig ungeklärt. Empirische Befunde liegen ebenso wenig vor, wie eine Theorie des zeitgeschichtlichen Lernens in der Primarstufe.

C - Zeitgeschichtliches Lernen: Zum Stand der Thematisierung deutsch-deutscher Geschichte in der Arbeit mit Kindern

Bezogen auf die Arbeit mit Kindern der Grundschule zu deutsch-deutscher Geschichte ist sowohl hinsichtlich didaktischer Vorschläge als auch Forschungsbefunden so gut wie nichts aufzuzeigen. So sind auch die Annahmen, was die Geschichte der deutschen Zweistaatlichkeit in der schulischen Behandlung von der Thematisierung von Holocaust/Nationalsozialismus unterscheidet allenfalls basierend auf Erfahrungen und Erzählungen, aber keineswegs abgesichert. Es kann vermutet werden, dass die deutsch-deutsche Geschichte unabhängig von der Verankerung in Lehrplänen bereits häufiger aufgegriffen wird, nicht zuletzt aufgrund der Präsenz im familiären Gedächtnis, insbesondere in den östlichen Bundesländern und erst recht in Berlin, denn die Geschichte des Heimatortes, der Region lässt sich unabhängig von der Wiedervereinigung  nur schwer thematisieren. Dieses Argument gilt zwar ebenso für den Nationalsozialismus, doch ist der Charakter der Erzählung zweifellos anders gelagert, da er insbesondere nicht mit dem Grauen der Verbrechen verbunden ist. Doch eben dieser vielleicht weniger sperrige Charakter birgt - ohne systematische didaktische Aufbereitung - die Gefahr des Moralisierens in sich, bspw. indem die DDR als eine banale Negativfolie der Bundesrepublik gedeutet wird.

Schaut man nüchtern auf jenes, was bereits vorliegt für eine Thematisierung der deutschen Teilung in der Arbeit mit Kindern, so sind dies Fragmente, die weder systematisch noch konzeptionell entwickelt wurden.

Zum einen liegen einige Kinderbücher, wie Kordons "Flaschenpost" vor. Zu diesem wurden von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auch einige Materialien für die schulische Arbeit veröffentlicht. Auch im Bereich der Bilderbücher gibt es erste Publikationen, bspw. das "Wendebilderbuch". Aus sachunterrichtsdidaktischer oder geschichtsdidaktischer Perspektive sind diese Veröffentlichungen indes bislang nicht diskutiert worden.

Auch von Seiten der Museen und Gedenkstätten sind Initiativen für Kinder aufzuzeigen. Hervorzuheben ist dabei sicher, die Ausstellung "Sag, was war die DDR?", die ab dem April 2009 im FEZ in Berlin gezeigt wurde und den ersten Versuch darstellte, eine Ausstellung zur DDR explizit an Kinder zu adressieren. Ob der ehemalige Pionierpalast für eine solche Ausstellung tatsächlich der richtige Ort war, sei dahingestellt - bemerkenswert indes, dass der Ort der Ausstellung selber in der Ausstellung unbearbeitet blieb. Womöglich hätte dieser grundsätzlich spannenden Ausstellung eine stärkere Orientierung an didaktischen Positionen gut getan - vielleicht wäre dann, das "Verkleiden" mit Pionieruniformen nicht so kommentarlos ein Bestandteil der Ausstellung geworden.

Auch in einigen Gedenkstätten, insbesondere der Gedenkstätte Berliner Mauer, gibt es längst Angebote explizit für Kinder. Inwieweit diese mittlerweile systematisch evaluiert wurden, ist mir nicht bekannt - nichtsdestotrotz wären hier Kooperationen zwischen Gedenkstättenpädagogik und Didaktik, wie sie sich im Rahmen diverser Tagungen hinsichtlich der Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus in der Arbeit mit Kindern in den letzten Jahren andeuteten, zweifellos gewinnbringend und weiterführend.

Die beiden Beispiele stehen für Entwicklungen, die es auch hinsichtlich der Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus in der Arbeit mit Kindern gab. In diesem Bereich wurden z.B.  bereits Mitte der 1980er Jahre erste (Bilder-)Bücher für Kinder publiziert, während die explizite grundschulpädagogische Diskussion erst zehn Jahre später begann und erst in allerjüngster Zeit mit empirischen Befunden und Konkretionen vorangebracht werden konnte.

Aus der Grundschulpädagogik als wissenschaftlicher Disziplin sind kaum Publikationen zur Frage der deutsch-deutschen Geschichte zu verzeichnen. Immerhin gibt es erste Forschungsarbeiten, die sich z.B. mit den Wahrnehmungen von Lehrkräften aus Ost und West (Silke Pfeiffer) oder den Lehrplänen des Heimatkundeunterrichts in der DDR (Johannes Jung) auseinandersetzen oder mit allgemeineren Fragestellungen zur heutigen Wahrnehmung von älteren Schüler/innen in den Arbeiten von Sabine Möller. In der didaktischen Forschung, dem Bereich von Unterricht oder Vorstellungen, Deutungen von Kindern, liegt so gut wie nichts vor. Eine allererste Annäherung ist im Schwerpunktheft "Als es Deutschland zwei Mal gab" der Zeitschrift "Grundschule" in 2010 angedeutet.

Selbst wenn diese Zusammenstellung nicht vollständig ist, genügt sie, um das fragmentarische der bisherigen Entwicklung sichtbar zu machen. Zugespitzt: Nicht einmal die Potenziale einer möglichen Thematisierung sind bislang diskutiert, geschweige denn geklärt.

D - Outro: Bildungspotenziale

Der Sachunterricht, jenes Schulfach, in dem in der Grundschule der gesamte Bereich der Sozial- und Naturwissenschaften verortet ist, umfasst als Bildungsauftrag, Kinder zu unterstützen bei ihrer Orientierung in der Welt. Es soll Modelle und Methoden sinnvoll erfahrbar machen, tragfähiges Wissen anbieten, damit sich Kinder ihre Umwelt erschließen können, wie es Joachim Kahlert formuliert. Aus dieser Aufgabe kann die Bedeutung der Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte recht einfach argumentiert werden: denn wie sollte eine Orientierung in der heutigen Gesellschaft in Deutschland gelingen, wie kann die Verfasstheit des Staates in dem wir leben, verständlich werden, ohne Kenntnisse um die jüngste Vergangenheit dieses Landes und ihre Wirkungen auf das Leben von Menschen?

Literatur

Becher, Andrea: Die Zeit des Holocaust in Vorstellungen von Grundschulkindern. Eine empirische Untersuchung im Kontext von Holocaust Education, Oldenburg 2009.

Deckert-Peacemann, Heike: Holocaust als Thema für Grundschulkinder? Frankfurt a.M. 2002.

Enzenbach, Isabel: Klischees im frühen historischen Lernen. Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Judenfeindschaft im Grundschulunterricht, Berlin 2011.

Flügel, Alexandra: „Kinder können das auch schon mal wissen und nicht nur, dass alles schön ist!“ Nationalsozialismus und Holocaust im Spiegel kindlicher Reflexions- und Kommunikationsprozesse, Opladen 2009.

Gläser, Eva/Becher, Andrea: Kompetenzorientierung im historischen Lernen – eine Analyse schriftlicher Lernaufgaben in Schulbüchern. In: Giest, Hartmut/Heran-Dörr, Eva/Archie, Carmen (Hrsg.): Lernen und Lehren im Sachunterricht, Bad Heilbrunn 2012, S. 143-150.

Hanfland, Vera: Holocaust – ein Thema für die Grundschule? Eine empirische Untersuchung zum Geschichtsbewusstsein von Viertklässlern, Münster 2008.

Jung, Johannes: Der Heimatkundeunterricht in der DDR. Die Entwicklung des Faches in den unteren vier Jahrgangsstufen der Polytechnischen Oberschule zwischen 1945 und 1989, Bad Heilbrunn 2011.

Kahlert, Joachim: Der Sachunterricht und seine Didaktik, Bad Heilbrunn 2002.

Moysich, Jürgen/ Heyl, Matthias (Hrsg.): Der Holocaust : ein Thema für Kindergarten und Grundschule? Kongress: Internationale Tagung „Der Holocaust - ein Thema für Kindergarten und Grundschule?“ (Hamburg 1997), Hamburg 1998, S. 120-141.

Körber, Andreas/Schreiber, Waltraud/Schöner, Alexander (Hrsg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ein Struktur-Modell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik, 2. Auflage, Neuried 2010.

Lücke, Martin/Sturm, Michael: Stiefschwestern. Zum Verhältnis von Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik. In: Barricelli, Michele/ Hornig, Julia (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, „Histotainment“? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt a.M. 2008, S. 27-41.

Möller, Sabine: Eine Fußnote des Geschichtsbewusstseins? Wie Schüler in Westdeutschland Sinn aus der DDR-Geschichte machen. Barricelli, Michele/ Hornig, Julia (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, „Histotainment“? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt a.M. 2008, S. 175-188.

Pech, Detlef/Wulfmeyer, Meike: Wie war es damals? Zeitgeschichte als Bereich des historischen Lernens in der Grundschule. In: Grundschule, H.7/8 2010, S. 6-9.

Pech, Detlef: Sachunterricht und frühes historisches Lernen über jüdische Geschichte, Nationalsozialismus und den Holocaust – Entwicklung einer Diskussion. In: Enzenbach, Isabel; Pech, Detlef; Klätte, Christina (Hrsg.): Kinder und Zeitgeschichte: Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Antisemitismus (= 8. Beiheft von widerstreit-sachunterricht.de), Berlin 2012, S. 13-24.

Pfeiffer, Silke: Schule und Sachunterricht in Ost- und Westdeutschland, Baltmannsweiler 2006.

Reeken, Dietmar von: Zeitgeschichte geschichtsdidaktisch. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 7 (2008), S. 94-113.

Rohrbach, Rita: Nationalsozialismus als Thema im frühen historischen Lernen. Erfahrungen und Unterrichtsmaterialien. In: Bergmann, Klaus/Rohrbach, Rita (Hrsg.) (2001): Kinder entdecken Geschichte, Schwalbach 2001, S. 298-365.

Stern, Elsbeth: Wie abstrakt lernt das Grundschulkind. Neuere Ergebnisse der entwicklungspsychologischen Forschung. In: Petillon, Hanns (Hrsg.): Individuelles und soziales Lernen in der Grundschule – Kinderperspektive und pädagogische Konzepte, Opladen 2002, S. 27-42. 

 

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