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Historisches Lernen zum Mauerbau am Beispiel des Notaufnahmelager Gießens

Dr. Jeannette van Laak war zwischen 2008 und 2012 als Lehrkraft am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig und erforscht nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte die Geschichte des Notaufnahmelagers Gießen.

Von Jeannette van Laak

Über den Mauerbau im Jahr 1961 wurde bereits fast alles gesagt - ebenso wie zahlreiche Lernkonzepte hierzu erprobt wurden. Für viele Bundesbürger/innen und erst recht für Heranwachsende fand der Mauerbau in Berlin statt und wirkte sich nur mittelbar auf den Rest der Republik aus. Am Beispiel des Notaufnahmelagers Gießen soll im Folgenden gezeigt werden, dass auch in gewöhnlichen deutschen Städten fernab der innerdeutschen Grenze deutsch-deutsche Geschichte stattgefunden hat und dass diese Geschichte entdeckt werden will.

Die Geschichte der Notaufnahmelager

1949/50 wurden in der Bundesrepublik Notaufnahmelager eingerichtet, um die SBZ-/DDR-Flüchtlinge in die Bundesrepublik aufzunehmen. Zwar sah es die junge Bundesrepublik gern, wenn die Menschen in der SBZ/DDR ‚mit den Füßen abstimmte’, zugleich befürchtete sie aber, dass die SBZ-Flüchtlinge die sozialen Kassen zu sehr belasten. Deshalb erließ die Bundesregierung 1950 das Notaufnahmegesetz und bestimmte die Flüchtlingslager in Uelzen und Gießen, das Notaufnahmeverfahren durchzuführen. 1953 kam noch Berlin-Marienfelde hinzu, weil seit Mai 1952 die meisten SBZ-Flüchtlinge aufgrund der Grenzsicherung über Berlin flohen. Notaufnahme fand, wer nachweisen konnte, dass er in der SBZ/DDR politisch verfolgt wurde oder ihm dort Gefahr für Leib und Leben drohte, wie es in der Verwaltungssprache hieß.

Das Gießener Lager war das kleinste der drei Notaufnahmelager, weshalb es auch nach dem Mauerbau bestehen blieb. Bis 1989 hatten hier alle DDR-Bürger/innen formal ihre Aufnahme in die Bundesrepublik zu beantragen, entweder persönlich oder schriftlich. Viele blieben zwischen ein und drei Tagen im Lager, bevor sie in ein Übergangswohnheim oder zu ihren Verwandten zogen. Damit war das Notaufnahmelager eine Flüchtlingseinrichtung, die 40 Jahre lang existierte und der ein ganz eigener Anteil am deutsch-deutschen Verhältnis zugeschrieben werden kann.

Fragt man heutige Gießener/innen nach dem Lager, so antworten diese: „Das hatte mit uns nichts zu tun! Das war eine Einrichtung des Bundes!“ Auch in der Stadt selbst erinnert nichts an das Lager. Das ist ein interessanter Befund, kann doch die Geschichte des Notaufnahmelagers als eine bundesdeutsche Erfolgsgeschichte im besten Sinne verstanden werden. Noch im Sommer/Herbst 1989 leisteten hier sowohl der Bund als auch das Land Hessen und die Stadt Gießen außergewöhnliches hinsichtlich der Unterbringung, Versorgung und Weiterleitung. Eine Welle der Solidarität ging durch das Land, die ihren Ausdruck etwa darin fand, dass hessische Bürger/innen mit DDR-Übersiedler/innen Weihnachten feierten, nachdem die Mauer gefallen war. Damit ist das Spannungsfeld umrissen: auf der einen Seite Abwehr und Desinteresse gegenüber einer solchen Einrichtung und auf der anderen Seite Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Fremden. Zwischen diesen beiden Polen wirkte das Flüchtlingslager für DDR-Übersiedler/innen, das in den vergangenen zwanzig Jahren in Vergessenheit geraten war – ein noch zu bergender Schatz der Zeitgeschichte. 

Oral History-Projekt von Studierenden: Herausforderungen der Arbeit im Feld

2008 begann eine Gruppe von Geschichtsstudent/innen der Justus-Liebig-Universität Gießen mit der ‚Bergung’. Dabei interessierten uns die Erfahrungen derjenigen, die hier aufgenommen worden waren, also ehemaliger DDR-Bürger/innen. Und welche Interaktionen zwischen Lager und Stadt erinnert werden. Aus diesem Interesse leiteten sich methodische Überlegungen ab: wie kann Oral History erprobt werden? Indem die Erfahrungen anderer studiert oder indem Personen selbständig interviewt werden? Und wie findet man gesprächsbereite Zeitgenoss/innen? Über einen Zeitungsbericht in den lokalen Medien (Gießener Anzeiger vom 5. Dezember 2009, S. 17.), durch Gespräche im Bekanntenkreis über unser Projekt und durch Vermittlungen der Pressestelle der Universität fand schließlich jeder Studierende einen Interviewpartner.

In einer zweiten Phase erfolgte eine Auswertung der vielfältigen Erfahrungsgeschichten: Die Interview-Erfahrungen der Studierenden gingen weit über die Erwartungen hinaus. Zwar waren im Vorfeld mögliche Schwierigkeiten diskutiert worden, doch in der konkreten Situation taten sich andere Probleme auf: Eine Gesprächspartnerin wollte keine digitale Tonaufzeichnung, weshalb sich die Studentin zu einer spontanen Mitschrift entschloss und anschließend ein Gesprächsprotokoll anfertigte. Einem anderen ging die Tonaufzeichnung beim Überspielen von einem Gerät auf das andere verloren. Eine Gesprächspartnerin wollte den Studierenden nicht wieder gehen lassen. Ein weiteres Gespräch wurde durch wiederholtes Telefonieren gestört. Stolz waren die Studierenden darüber, dass es ihnen gelungen war, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen: Im Prozess des längeren Erzählens wurden tatsächlich Erinnerungen an Episoden frei gesetzt werden, die über stereotype Erzählungen - etwa einer Abenteuer oder Widerstandsgeschichte – hinausgingen und eine weiterführende Auswertung der Erfahrungsgeschichte ermöglichten. Das erstaunte sowohl die Studierenden als auch die Interviewten und äußerte sich etwa in Aussagen wie „Das hatte ich gar nicht erzählen wollen.“ oder „Daran hab ich gar nicht mehr gedacht.“

Parallel dazu bargen die Erfahrungen der Interviewpartner zum Notaufnahmelager Überraschendes: Trotz beengter Wohnverhältnisse oder den langen Wartzeiten zwischen den Behördengängen wird vor allem Positives erinnert: die Unterbringung war gut, die Versorgung ebenfalls. Die Mitarbeiter/innen der Einrichtung waren freundlich und hilfsbereit.

Die Erfahrungen über erste Begegnungen mit einer bundesdeutschen Stadt waren ambivalent: Das Lichtermeer der Reklame beeindruckte und schüchterte die Neuankömmlinge gleichzeitig ein ebenso die Auslagen in den Kaufhäusern. Freundliche Fragen der Verkäuferinnen, ob man helfen könne, wurden abgewehrt. Die Interviewten erzählten von ihrer Furcht, dass sie allein schon wegen ihrer Kleidung damals sofort als Zonies erkennbar gewesen seien. Über ihr weiteres Leben in der Bundesrepublik erzählten die Ehemaligen, dass sie sich schnell um Wohnung und Arbeit kümmerten, dass sie sich ein Häuschen bauten und/oder die Welt bereisten. Sie versuchten sich also rasch in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren und beklagten meist nur den hohen bürokratischen Aufwand, der für Sozialleistung und anderes betrieben wurde.

Fazit

Wie können die hier skizzierten Ergebnisse validiert werden? Um diese Erfahrungen der Zeitgenossen breiter zu diskutieren, ist es wichtig, Personen zu befragen, die mit den DDR-FlüchtlingenKontakt hatten: etwa die Mitarbeiter/innen des Notaufnahmelagers oder die des Notaufnahmeverfahrens. Auch Gießener Bürger/innen werden künftig als Gesprächspartner herangezogen. Außerdem bietet es sich an, mit den Archivalien zum Notaufnahmelager im Stadtarchiv zu arbeiten. Dort gibt es etwa eine Akte, die Dankschreiben der Flüchtlinge beinhaltet. Der Vergleich mit den positiven Erinnerungen der Flüchtlinge an das Lager verdeutlicht die Wirkmächtigkeit dieser Erfahrungen. Damit kann auch den Kritiker/innen der Oral History begegnet werden, die nur zu gern den subjektiven Charakter der Erinnerung problematisieren. Der oben skizzierte Spannungsbogen zwischen Abwehr und Desinteresse auf der einen und Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auf der anderen Seite wird damit nicht aufgehoben, aber das Dazwischen kann facettenreich erzählt werden.

 

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