Zur Diskussion

Emotionale Harmonisierung oder intellektuelle Provokation

Zur Darstellung von Emotionalität in Besuchervideos von Gedenkstättenbesuchen.

Elena Demke ist Referentin des Berliner Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen.

Von Elena Demke

Die folgende Auswahl privater, auf dem Portal „you tube“ veröffentlichter Filmaufnahmen wirft exemplarische Schlaglichter auf die Darstellung von Emotionalität in der Rezeption von Gedenkstätten- und Museumsangeboten zur Geschichte der SED-Diktatur. Die meist kurzen Filmsequenzen, wie sie auch zu diversen touristischen Themen verfügbar sind, können als virtuelle Varianten der mit dem Besuch historischer Orte traditionell verknüpften „Ich war hier“ – Botschaften betrachtet werden. Anders jedoch als Graffiti, welche spätere Besucher vor Ort adressieren und damit das Aufsuchen der historischen Stätte als geteilte Erfahrung evozieren, gilt das Filmprodukt einem Erlebnis, an dem die Betrachter erst durch eben diese Vermittlung Anteil nehmen.

Von Postkarten als einem weiteren analogen Medium der Mitteilung über den Besuch historischer Orte unterscheiden die Filme sich dadurch, dass jene die persönlichen Aussagen an vorgegebene Bildarrangements binden, während in den multimedialen Film-Zeugnissen das Arrangement selbst – Bildauswahl, -zusammenstellung und ggf. Aufbereitung mit Musik – Kern der persönlichen Mitteilung ist, die verschiedentlich auch ohne Wort-Kommentare auskommt. Die Darstellung von Emotionen nimmt dabei zentralen Raum ein. Sie reichen von Überwältigung und Betroffenheit bis zu Faszination und Fröhlichkeit.

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Jugendliche aus dem niedersächsischen Wendland, die im März 2009 die ehemalige DDR bereisten und für ihre Projektdokumentation den Einheitspreis der Bundeszentrale für politische Bildung erhielten, versuchen beispielsweise bei der Dokumentation ihres Besuchs der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen die empfundene Betroffenheit multimedial darzustellen. Klassische Musik schafft eine Atmosphäre von Feierlichkeit und Trauer. Sie wird den Zeitzeugenaussagen über erfahrene Ohnmacht und Gewalt leise unterlegt und füllt die Sprechpausen akustisch. So stellt sie den Zusammenhang her zwischen Bildaufnahmen der durch die Gänge laufenden und in Zellen schauenden Schüler, des erklärenden Zeitzeugen und von Details wie einem nachgebauten Folterinstrument, Glasbausteinen oder Wandstrukturen. Die abschließende Sequenz ist als visuelle Auflösung verblassender Gestalten der Schüler in den Wänden der Haftanstalt gestaltet (09:20). So wird Einfühlung als Versuch der visuell inszenierten Verschmelzung dargestellt, die auf selbst formulierte Information über den als „voll krass hier“ (02:35) erlebten Ort verzichtet.

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Zentral für das Zuweisen emotionaler Bedeutung ist Musik in verschiedenen Beispielen. Dabei kann sie Kommentare ganz überflüssig machen. So werden Bilder der menschenleeren Räume der ehemaligen Haftanstalt Cottbus, die immer wieder Spuren vergangener Präsenz wie leere Betten und Graffiti an den Wänden einfangen, durch die Klänge des „stabat mater“ von Pergolesi zum Gedenken an das Opfer und Leiden Unschuldiger vereindeutigt.  Hinzu kommen bekannte Symbole wie lange Sequenzen, die Stacheldraht ins Bild setzen (03:00 bis 3:50). 

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Im Rahmen des Projekts „Trabbi-Schrauber“ besuchten Plauener Schüler im März 2010 das DDR-Museum in Pirna. Die Kinder sprechen in der Filmdokumentation von „unserer Nostalgiereise“, während sie die Museumsobjekte –  von Pionierkleidung über Utensilien des „Abschnittsbevollmächtigten“ der Volkspolizei bis hin zu Fahrzeugen und Küchengeräten aus der DDR – kommentieren. Der Inszenierung des Museums folgend, erscheint die DDR als ein Sammelsurium bunter Gegenstände. Auch in dieser Wendung dient Musik der Vereindeutigung. Schunkelige Schlager- und Pop-Musik unterstreicht die Atmosphäre von Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Mögliche Widersprüche werden übertönt, und so darf mit Nenas „99 Luftballons“ auch ein westdeutscher Hit fröhliche Stimmung bei der Begegnung mit „unseren Pionieren“ vermitteln. 

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Schließlich dokumentieren private Filme auch Faszination und Voyeurismus bei der Begegnung mit museal aufbereiteter DDR-Geschichte. Ein britischer Besucher des Stasi-Museums Normannenstraße – des ehemaligen Dienstsitzes von Erich Mielke – verzichtet dabei auf musikalische Begleitung seiner Bilder und drückt seine Bewunderung in den teilweise im konspirativen Flüsterton vorgetragenen Kommentaren aus, wenn es um den „great stuff“ (4:30) an Technik geht, welche die Stasileute als „certainly very crafty buggers“ (2:40) für Überwachung und Bespitzelung einsetzten. 

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In den bisherigen Beispielen diente der Einsatz unterschiedlicher Medien einer „multimedialen Vereindeutigung“. Im Rahmen solcher Eindeutigkeit wird der Museums- oder Gedenkstättenbesuch vor allem als emotionales Erlebnis vorgeführt. Das letzte Beispiel –verbunden mit dem Blick auf eine museale Repräsentation der jüngsten Vergangenheit in Tschechien – führt eine andere Methode vor, wenngleich diese nicht kreative Leistung eines Besucherfilms ist, sondern aus einer musealen Inszenierung übernommen wird. Die sechseinhalbminütige Dokumentation eines Besuchs im Prager Museum des Kommunismus besteht zu zwei Dritteln aus der Reproduktion einer Film- und Tonsequenz aus der Museums-Schau, welche mit einer provokanten Dissonanz von Bilderzählung und Musik überrascht. Zu den geheimdienstlichen Aufnahmen von Polizei-Repressionen wird der Song „Danke“ des tschechischen Liedermachers Karel Kryl eingespielt. Bilder prügelnder und auf Demonstrantinnen mit Stiefeln eintretender Polizisten werden mit zarter Musik und einem bereits in sich paradoxen, komplexe Reflexion bezeugenden Text („Danke für den Schmerz, der mich lehrte, Fragen zu stellen …“) synchronisiert. Dissonanz und Paradoxon wirken hier als Kunstgriff, durch den emotionale Anrührung und die Aufforderung zur kognitiven Auseinandersetzung nicht in Konkurrenz treten, sondern einander bedingen. 

 

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