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Erzähl mir vom Krieg

Das Anne Frank Zentrum befähigt Jugendliche, verantwortungsvoll mit Geschichten von der Kindheit im Krieg umzugehen

Timon Perabo ist Leiter des Projektes „Kriegskinder – Lebenswege bis heute“ am Anne Frank Zentrum. Thomas Heppener ist Direktor des Anne Frank Zentrums.

Von Timon Perabo und Thomas Heppener

Im Projekt „Kriegskinder – Lebenswege bis heute“ führt das Anne Frank Zentrum gemeinsam mit vielen lokalen Partnern in den Städten Neustrelitz, Saalfeld und Schwedt Jugendliche und Seniorinnen und Senioren zusammen. Sie sprechen darüber, wie die Generation 70 plus den Krieg als Kinder erlebt hat. Und sie tauschen sich darüber aus, was Jugendliche in ihrem Leben erfahren haben. Auf diese Weise kommen Menschen unterschiedlichen Alters ins Gespräch, lernen Beweggründe für das Handeln ihrer Dialogpartner kennen und bauen Vorurteile gegenüber der anderen Generation ab. Methoden des intergenerativen Dialogs regen zu einem intensiven Austausch über Themen an, die die Leben beider Generationen berühren. Im Frühjahr 2013 präsentieren die Beteiligten in den drei Orten Ergebnisse aus den Dialogen. Es entstehen Ausstellungen, Theaterstücke, Stadtführungen, Filme und Texte. Im Herbst 2013 werden im Rahmen einer Tagung in Berlin Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Prozess präsentiert: Wie kann ein Dialog der Generationen über das Thema Geschichte geschaffen werden? 

Grundlagen und Herausforderungen des Projekts

Wichtiger Bestandteil der Begegnungen zwischen Jung und Alt sind Interviews, in denen Jugendliche Seniorinnen und Senioren zu ihrer Kindheit im Krieg befragen. So öffnet das Projekt Räume für ältere Menschen, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen. Für diese Gespräche gibt es Bedarf, das zeigt auch das große Interesse von älteren Menschen an dem Projekt. Da bisher vor allem in rechtsorientierten Kreisen dieser Raum angeboten wurde, sieht das Anne Frank Zentrum die Notwendigkeit, ein alternatives Forum zu schaffen.

Viele Zeitzeugenprojekte zum Nationalsozialismus legen den Fokus auf die von Deutschen begangenen Verbrechen. Auf diese Weise wurde den Opfern des Nationalsozialismus eine Stimme verschafft und sie konnten Zeugnisse über die Verbrechen ablegen. Im Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« geht es ebenfalls um diese Zeit, aber ohne eine thematische Vorgabe. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind aufgefordert, ihre unterschiedlichen Biografien zu erzählen. Eine solche Herangehensweise birgt das Risiko, dass nur am Rande von den von Deutschen verübten Verbrechen, von Ausgrenzung und Vernichtung erzählt wird. Denn jüdische Kriegskinder, die diese Erfahrungen gemacht haben und davon erzählen könnten, leben nicht mehr in den Projektorten. Im Vordergrund stehen stattdessen möglicherweise Erfahrungen der mehrheitsdeutschen Bevölkerung von Vertreibung, Bombardierung und Besatzung. So könnten die eindrücklichen Zeitzeugenerzählungen bei den jugendlichen Interviewern den Eindruck hinterlassen, vor allem mehrheitsdeutsche Kinder hätten Leid erfahren. Und die Frage nach deutscher Verantwortung für Krieg und Holocaust bliebe ausgespart.

Wir ermöglichen deshalb mit diesem Projekt nicht nur intergenerative Gespräche. Gleichzeitig befähigen wir Jugendliche, verantwortungsvoll mit den Geschichten aus der Kindheit im Krieg umzugehen, indem sie Erzähltes reflektieren. Diese Reflexion steht unter zwei Prämissen. Erstens sollen Jugendliche dabei die Wertschätzung und Empathie für die Interviewpartner nicht verlieren – denn die sind grundlegend für den Dialog der Generationen. Zweitens muss die Reflexion ohne große fachliche Vorkenntnisse angeleitet werden können. Denn einige der Partnerorganisationen an den Projektorten, die die Dialoge umsetzen, arbeiten erstmalig im Bereich der historisch-politischen Bildung. 

Kriterien und Maßstäbe für die fachliche Umsetzung

Folgende Kriterien und Maßnahmen hat das Anne Frank Zentrum für einen verantwortungsvollen Umgang mit Geschichten entwickelt:

1. Jugendliche erfahren Multiperspektivität auf Geschichte. Sie erkennen, dass es nicht eine richtige Sicht auf Geschichte gibt, sondern dass die Geschichte von jedem und jeder anders erzählt wird. Jede dieser Geschichten hat ihre Berechtigung und zugleich ist sie nur begrenzt auf andere übertragbar, da sie aus einer spezifischen Perspektive heraus erzählt wird. Vor allem in der Vor- und Nachbereitung der Interviews soll vermittelt werden, dass unser Verständnis von Geschichte immer davon abhängt, aus welcher Perspektive wir auf Geschichte schauen.

  • Im Vorfeld der Interviews eignen Jugendliche sich Hintergrundwissen zu der Zeit an. Die Lokalgeschichte können sie  z. B. im Rahmen einer Stadtführung zum Nationalsozialismus vor Ort erkunden. Wichtige nationale und lokale Ereignisse und Entwicklungen während des Nationalsozialismus werden auf einem Zeitstrahl eingetragen. Im Anschluss an das Interview werden Erfahrungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hinzugefügt. So können sie die unterschiedlichen Sichtweisen vergleichen und Unterschiede feststellen. In der Auswertung von Interviews kann auch darüber gesprochen werden, was Jugendliche geärgert oder überrascht hat. Oft ergeben sich daraus Hinweise, wo sie Diskrepanzen wahrgenommen haben zwischen den Aussagen im Interview und ihrem eigenen Wissen.
  • Die Jugendlichen führen Gespräche mit mehreren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die auf Grund unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und Sozialisierung verschiedene Perspektiven auf den Krieg mitbringen. Diese werden im Anschluss nach Themen geordnet miteinander verglichen. Auch können die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus verschiedenen Interviews Passagen auswählen, die in Widerspruch zueinander stehen, und sie mit den Jugendlichen besprechen.

2. Wir möchten die Jugendlichen dazu anregen, sich eher als Menschenforscher statt als Geschichtsforscher zu verstehen. Ziel eines Zeitzeugengespräches ist es nicht, möglichst viele Fakten über die Geschichte zu sammeln, sondern vielmehr zu verstehen, wie Menschen mit ihrer Vergangenheit umgehen und warum sie auf eine bestimmte Weise über Geschichte sprechen. Wenn verschiedene Perspektiven nebeneinander stehen, sollen Jugendliche nicht untersuchen, welche von ihnen wahr oder falsch sind, oder gar, wo Zeitzeugen gelogen haben. Vielmehr wollen wir sie dabei unterstützen zu fragen, was zu den unterschiedlichen Perspektiven führt. So ergründen sie, aus welcher Perspektive Menschen Geschichte erlebt haben und sie schauen sich den Kontext heute an, aus dem heraus Menschen erzählen: Welche Erwartungen gibt es da an sie? Welche Perspektiven auf Geschichte sind politisch gewollt und welche nicht? Worüber wollen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mit Jugendlichen sprechen und worüber nicht? Wie möchten sie sich selber darstellen etc.?

  • Es ist wichtig, den Jugendlichen vorab zu erklären, dass sie eher erkunden, wie Menschen über Geschichte erzählen als dass sie die Geschichte erforschen. 
  • Die Interviews werden eingeleitet mit einer Vorstellungsrunde, in der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen genauso wie Jugendliche ihre Motivation mitteilen, an dem Gespräch teilzunehmen. So können Jugendliche bereits erste Anhaltspunkte dafür bekommen, aus welchen Gründen Zeitzeugen auf eine bestimmte Weise von ihrer Geschichte erzählen.
  • Vorab erfahren die Jugendlichen in Übungen, wie sie ein gemeinsames Erlebnis unterschiedlich erinnern.
  • In der Auswertung sollen die Jugendlichen Gründe dafür sammeln, warum Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bei manchen Themen knappe Antworten geben oder emotional werden, über bestimmte Aspekte der Zeit nichts sagen oder nichts sagen wollen etc. Dazu zählt auch, sich klar zu machen, dass man häufig selber intime Dinge fremden Menschen nicht erzählen möchte.
  • Die Jugendlichen können Vermutungen darüber anstellen, wie andere Personen, die sie nicht interviewt haben, über die Zeit sprechen würden und warum.

3. Jugendliche lernen auch Perspektiven von »stummen Gruppen« kennen. Die Gefahr einer einseitigen und die Mehrheitsgesellschaft entlastenden Narration über die Zeit des Nationalsozialismus hängt auch damit zusammen, dass diejenigen, die von der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik betroffen waren, heute nicht mehr an den Projektorten leben und davon erzählen können. Wir versuchen deshalb, NS-Verfolgte für Zeitzeugengespräche an die Orte zu bringen.

Mit diesen Maßnahmen wollen wir einen verantwortungsvollen Umgang mit Geschichten aus der Kindheit im Krieg schaffen. Die Jugendlichen erkennen die subjektive Perspektive der Geschichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ohne dabei den Menschen, die sie erzählen, zu misstrauen. Und sie hören auch die Geschichten von Menschen, die im Nationalsozialismus von Deutschen verfolgt wurden. Beides befähigt sie dazu, differenziert auf die Zeit des Nationalsozialismus zu blicken.

Weitere Informationen

Mehr Informationen über das Projekt »Kriegskinder – Lebenswege bis heute« erhalten sie auf der Webseite: www.annefrank.de/kriegskinder. Dort können Sie auch einen Newsletter zum Projekt abonnieren. Personen, die noch neu in das Projekt einsteigen wollen, finden Ansprechpartner an den Projektorten.

Das Anne Frank Zentrum freut sich über einen Austausch mit Personen und Institutionen, die andere intergenerative Geschichtsprojekte planen oder realisiert haben.

 

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