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„Rosa Winkel“ – eine Graphic Novel über die Verfolgung von Homosexuellen während des NS-Regimes.

Michel Dufranne, Milorad Vicanovic und Christian Lerolle: „Rosa Winkel“.  Berlin (2012). 144 Seiten. 18 €.
Von Birgit Marzinka

Die Graphic Novel von Michel Dufranne, Milorad Vicanovic und Christian Lerolle beschreibt anhand der fiktiven Person Andreas Müller die Verfolgung von Schwulen und Lesben während des NS-Regimes und danach. Die Geschichte beginnt Ende 1932 in Berlin, kurz vor der Machtübergabe an die NSDAP. Der junge und erfolgreiche Werbezeichner Andreas Müller genießt sein Leben in vollen Zügen, verkehrt in schwulen Bars in Berlin-Schöneberg und in der Agentur zeichnet er Plakate für die NSDAP. Trotz der Machtübergabe und des §175, der Homosexualität unter Strafe stellt, fühlt sich Andreas unter dem Schutzmantel des SA-Führers Ernst Röhm sicher. Doch bei einigen seiner Freunde beginnen die ersten Zweifel. Die Geschichte ist in eine Rahmengeschichte eingebettet, in der der inzwischen über 90-Jährige seinem Urenkel und dessen Freund/innen seine Lebensgeschichte erzählt. 

Nach dem Röhm-Putsch spitzt sich die Situation deutlich zu. Andreas Ex-Freund, der SA-Mann geworden ist, wurde in der gleichen Nacht wie Röhm ermordet. Langsam beginnt sich Andreas unsicher zu fühlen, doch an Auswanderung denkt er nicht. Er wird insgesamt zwei Mal verhaftet und einmal verurteilt bis er 1937 zum dritten Mal von der Gestapo mitgenommen wird. Zunächst ist er im KZ-Sachsenhausen inhaftiert bis er 1941 ins KZ-Neuengamme verlegt wird. 

Nach der Befreiung kehrt er nach Berlin zurück. Da er aufgrund des §175 im Konzentrationslager war, erhält er keine Entschädigung. Die Diskriminierungen hören nicht auf und der §175 wird nicht abgeschafft. Seine lesbische Freundin Angela und er beschließen zu heiraten und nach Paris auszuwandern. 

Die sehr schön und detailliert gezeichnete Graphic Novel wurde in verschiedenen Farbgebungen gehalten. Während die Rahmengeschichte in Farbe gestaltet ist, ist die Zeit zwischen 1932 bis zu seiner Inhaftierung im KZ-Sachsenhausen in braun-schwarzen Tönen gezeichnet. Die Zeit der Inhaftierung und nach der Befreiung sind in schwarz und grau gehalten. 

Die Graphic Novel eignet sich meines Erachtens nach sehr gut für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen ab 16 Jahren bzw. für die Sek. II und für den Hochschulbereich. Sie ist die erste, die die Verfolgung von Homosexuellen während des NS-Regimes und den §175 behandelt. Es werden viele Diskussionen zwischen Andreas Freunden dargestellt, in denen sie über die Veränderungen und Verfolgungen – auch die der Juden - sprechen. Die Figuren nehmen dabei unterschiedliche Positionen und Einschätzungen der Situation ein, und widerspiegeln damit die heterogenen Haltungen von Schwulen gegenüber dem NS-Regime. Diese Positionen können mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gut aufgegriffen werden. Die Inhaftierung in den KZ´s wird nur sehr kurz beschrieben, die Autoren konzentrieren sich auf die wesentlichen Punkte. Dieser Aspekt könnte auch mit den Jugendlichen diskutiert werden. Das Thema könnte lauten, inwieweit der Alltag im KZ in einer Graphic Novel dargestellt werden kann.

Die Graphic Novel ist sehr emotional und wühlt auf, was in der konkreten Bildungsarbeit beachtet werden sollte und aufgegriffen werden könnte. Die Geschichte könnte sehr gut als Vorbereitung für den Gedenkstättenbesuch in Sachsenhausen eingesetzt werden, in der eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Verfolgung von Homosexuellen angebracht ist. Eine wirklich lesenswerte Graphic Novel.

 

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