Lothar Dittmer/Detlef Siegfried (Hrsg.): Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit. Hamburg 2005.  

Von Dorothee Ahlers

"Geschichte boomt" – dies gilt nicht zuletzt auch für die Lokalgeschichte und ihre Erforschung durch historisch interessierte Laien, zumeist junge Lernende. Ausgehend von dieser Feststellung hat sich ein Autorenteam aus dem Umfeld des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten zum Ziel gesetzt, Jugendliche bei lokalhistorischer Recherche und Projektarbeit zu unterstützen. Entstanden ist ein praxisnahes Handbuch, das in seinem Aufbau den Verlauf eines lokalhistorischen Projekts nachzeichnet. Leser/innen finden hilfreiche Anregungen und werden begleitet, von der Ideenfindung über die Recherche mit unterschiedlichen Medien sowie in deren Auswertung und Deutung bis hin zu unterschiedlichen Möglichkeiten der Präsentation. Das letzte Kapitel widmet sich Chancen und Grenzen historischer Projektarbeit und reflektiert dabei Erfahrungen aus den Projekten des Geschichtswettbewerbs. Der Anhang enthält u.a. eine hilfreich kommentierte Liste mit Adresshandbüchern, Methodenbüchern und Internet-Links.

Das Ziel des Bandes ist, Grundtechniken historischen Arbeitens zu vermitteln. Er erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versammelt mit zahlreichen Beispielen angereicherte Anregungen aus dem Geschichtswettbewerb, aus denen man sich je nach Bedarf bedienen kann. "Spurensucher" richtet sich dabei in erster Linie an Lehrer/innen, die ihre Schüler/innen anleiten, ist aber so verfasst, dass diese auch selbst damit arbeiten können.

Die Artikel sind zumeist sehr ausführlich, bieten gut lesbare, schrittweise nachvollziehbare Praxisanweisungen und -anregungen, werden mithilfe zahlreicher Beispiele aus dem Geschichtswettbewerb veranschaulicht und abgerundet mit Checklisten, Adressen und Literaturhinweisen. Dem Anspruch des "Spurensuchers" entsprechend sind sie auch gut für die Lernenden zur eigenen Lektüre geeignet. Abgerundet wird jeder Beitrag mit einem Serviceteil, der Checklisten und Praxistipps enthält.

Der erste Beitrag soll die Themenfindung und Arbeitsplanung unterstützen. Anschaulich schildert die Autorin mögliche Wege hin zur Themenfindung und Hinweise, wie man dieses auf Machbarkeit überprüft. Ergänzt werden Tipps zur Organisation und zeitlichen Einteilung der eigenen Arbeit. Zwar bietet der Beitrag keine sonderlich neuen Ideen, ist aber übersichtlich verfasst, von zahlreichen Beispielen begleitet und gibt insgesamt hilfreiche Anregungen, wie historische Projektarbeit überhaupt beginnt.

Der Themenkomplex "Recherche" behandelt die Informationsquellen Literatur, Archiv, Zeitzeug/innenbefragung, Expert/innenbefragung, Meinungsumfragen, Sachzeugnisse, historische Fotos sowie Internet. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag zur Arbeit im Archiv, der sehr ausführlich die Arbeits- und Sortierungsweise von Archiven erläutert, eine genaue Beschreibung eines Archivbesuchs bietet, auch auf Schwierigkeiten eingeht und Hinweise zur Nachbereitung und Quellenkritik gibt. Zudem findet sich ein Verzeichnis von Archiven, in denen speziell geschulte Pädagog/innen zur Beratung zur Seite stehen. Aber auch alle anderen Beiträge enthalten eine Fülle von Informationen, beginnend bei den speziellen Charakteristika der jeweiligen Informationsquelle, über Recherche und Kontaktaufnahme, Durchführung und Nachbereitung.

Entsprechend der Chronologie einer historischen Forschungsarbeit widmen sich die nächsten Beiträge der Erstellung einer Gliederung, der Quellenkritik und -interpretation sowie der Deutung und Erzählung, wobei der Konstruktcharakter und die Vieldeutigkeit von Geschichte offensichtlich gemacht werden. Bot das vorangehende Kapitel vor allem praxisorientierte Arbeitstechniken, so führt dieser Beitrag in die Denkweise eines Historikers/einer Historikern ein und unterstützt die Lernenden, die gewonnenen Informationen zu sortieren.

Das Kapitel über mögliche Präsentationsformen historischer Projektergebnisse spiegelt den Schwerpunkt des Geschichtswettbewerbs wider: Ein sehr ausführlicher Beitrag geht auf die Darstellungsform von Projektergebnissen im Rahmen einer schriftlichen Arbeit ein und erläutert Aufbau und formale Arbeitsregeln anhand zahlreicher Beispiele. Andere mögliche Vermittlungsformen wie Spiele, Stadtrundgänge und Ausstellungen werden – und das ist die einzige zu beanstandende Lücke des umfangreichen "Spurensuchers" – in einem weiteren Beitrag lediglich angerissen. Sie können Anregung sein für eine andersartige Präsentation der eigenen Ergebnisse; ihre knappe Form trübt jedoch keinesfalls den ansonsten positiven Eindruck. Weitere Beiträge thematisieren das fotografische Spurensichern, die grafisch-redaktionelle Produktgestaltung sowie öffentlichkeitswirksame Maßnahmen.

Wandten die bisherigen Beiträge sich vor allem an Lernende – sei es direkt oder durch Vermittlung ihrer Lehrkräfte – richten sich die Artikel des letzten Kapitels mit Reflexionen zur historischen Projektarbeit an Pädagog/innen. Ein Artikel gibt Anleitungen, wie Jugendliche in ihrer Arbeit sinnvoll betreut werden können. Ein Erfahrungsbericht von Tutor/innen des Geschichtswettbewerbs offenbart Tücken, wie sie sich vor allem Anleiter/innen mit wenig Erfahrung in der Projektarbeit stellen. Der Geschichtsdidaktiker Bodo von Borries reflektiert in seinem Beitrag die Diskrepanz zwischen theoretischer Idealisierung der historischen Projektarbeit und der vehementen Ablehnung von Seiten der Praktiker/innen. In einem abschließenden Beitrag rekapituliert Katja Fausser die mehr als 30 Jahre des Geschichtswettbewerbs und zeigt konkrete Auswirkungen der Projekte auf ihr Umfeld auf.

Der "Spurensucher" ist unabhängig von seiner starken Orientierung an den Bedürfnissen des Geschichtswettbewerbs ein riesiger Fundus an übersichtlich und motivierend verfassten Praxisbeiträgen, die Lernende und Lehrkräfte auf einem hohen, aber dennoch verständlichen Niveau in Arbeitsweisen historischer Praxisarbeit einführen. Vor allem das ausführliche Kapitel zu Recherchetechniken vermittelt umfangreiche technische Kenntnisse und sensibilisiert für die Grundlagen historischer Forschung. So richtet sich der Band nicht nur an Schüler/innen, sondern an alle, die Interesse an (lokal)historischer Arbeit haben und sich entweder eine vollständige, projektbegleitende Lektüre wünschen oder auch nur einzelne Themen nachschlagen möchten.

 

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