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Nachbarschaft in der Diktatur – spannende Fragen, sperrige Quellen

Franz Jungbluth ist Programm Manager im Bereich Bildung der Körber-Stiftung und dort unter anderem für die Geschäftsstelle des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten tätig.

Von Franz Jungbluth

Nachbarschaft in den deutschen Diktaturen – schnell werden Assoziationen wach, die allerdings oft Schwarz-Weiß-Bilder bedienen. "Der Stasispitzel" und "der Blockwart" sind trotz oder gerade wegen der begrifflichen Unschärfe zu Synonymen für staatliche Überwachung "in der Diktatur" geworden. Die unterschiedlichen Funktionen offizieller NSDAP-Blockleiter und inoffizieller Stasimitarbeiter geraten dabei ebenso aus dem Blickfeld, wie die ideologischen Grundlagen und die daraus entstehenden Ausgrenzungs- und Entrechtungserfahrungen der Opfer des jeweiligen Unterdrückungssystems. Noch pauschaler gilt dies für die Betrachtung der eigenen Nachbarschaft, die oft zur unpolitischen Notgemeinschaft, wenn nicht gar zum Rückzugsraum vor politischer Ideologie stilisiert wird. Anekdoten zu Flüsterwitzen, zum gemeinsamem Schlange stehen im HO oder zu durchwachten Nächten im Luftschutzkeller dürften sich an fast jedem Ort finden. Sie verankern das Bild einer vorgeblich normalen, vom jeweiligen System unberührten Nachbarschaft im kollektiven Gedächtnis – zumeist ohne die Frage zu stellen, welchen Mitmenschen zum jeweiligen Zeitpunkt aus politischen oder rassistischen Gründen kein Platz mehr in dieser Gemeinschaft gewährt wurde.

Potenziale der Regionalgeschichte

Dabei gibt es in Geschichtsschreibung und –vermittlung zu beiden Diktaturen genügend Anknüpfungspunkte, solche Fragen zu stellen. Dank einer Vielzahl von regionalen Fallstudien und Ausstellungen erhalten Täter/innen, Opfer und Helfer/innen Namen und Gesichter. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR war diese Personalisierung dank der besonderen Überlieferungsgeschichte wichtiger Quellen durch die Bürgerrechtsbewegung von Beginn an angelegt. Bei der Erforschung des Nationalsozialismus stellt sie das Ergebnis einer langen Entwicklung dar, die in den späten 1970er Jahren mit dem "Bayern-Projekt" des Instituts für Zeitgeschichte und den Ausschreibungen des damaligen Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte erstmals sichtbar wurde und seitdem insbesondere durch die zunehmende Aufarbeitung von sogenannten Arisierungsvorgängen, des Einsatzes von Zwangsarbeiter/innen oder die Hintergrundrecherchen zu Stolpersteinverlegungen an Dynamik gewann.

Nachbarschaft im Nationalsozialismus

Die Beispiele aus der NS-Geschichtsschreibung zeigen, welche Fragestellungen sich für eine "Nachbarschaftsgeschichte der Diktatur" aus dieser Personalisierung ergeben können, aber auch, vor welchen Problemen die Suche nach Antworten in den Quellen steht. Sicher ist: Nachbarinnen und Nachbarn, die "von nichts gewusst" haben wollen, sind wenig glaubwürdig, wenn sich Wohnungen von Deportationsopfern im gleichen Haus befanden und Zwangsarbeiter/innen gegen Kriegsende in Schulen oder Turnhallen mitten im Ortskern untergebracht waren. Doch welche Strukturen prägten diese im Nachhinein verdrängte Nachbarschaft? Gegenüber der zeitlich begrenzten und von Partei und Behörden stark reglementierten Nachbarschaft zu Zwangsarbeiter/innen war das Ausgrenzen durch Ignorieren noch ein mögliches und bequemes Verhaltensmuster. Aber wie schwer – oder leicht – fiel es, die ehemals geachtete, gar befreundete Nachbarsfamilie plötzlich aufgrund ihres jüdischen Hintergrunds zu meiden? Wer waren die Käufer/innen, die sich nach den ersten Deportationswellen auf Versteigerungen "aus nichtarischem Besitz" preiswert mit Wohnungen und Mobiliar eindeckten? Kannten sie die Vorbesitzer/innen? Wenn ja, fragten sie sich beim Betreten der neuen Wohnung oder beim Polieren der neuen Kommode, was wohl aus ihren ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn geworden war?

Sofern solche Warenkreisläufe von der Enteignung bis zum Kauf nachvollziehbar sind, kann man mit Hilfe alter Adressbücher auch rekonstruieren, ob und wie diese "Arisierungen" tatsächlich innerhalb einer Nachbarschaft stattfanden. Anzeigen und Denunziationen – beispielsweise gegenüber Menschen, die sich nicht an vorgeschriebene Kontaktverbote hielten – geben Aufschlüsse über das Klima in einer Nachbarschaft während der NS-Zeit, etwa ob in bestimmten Stadtteilen die Neigung zur Denunziation oder aber zu widerständigem Verhalten besonders ausgeprägt war. Das Verhalten der schweigenden Mehrheit lässt sich, wie so oft, jedoch nicht aus den Akten erschließen. Mögliche Motive und Befindlichkeiten von Denunziant/innen – handelten sie aus ideologischer Überzeugung? Aus persönlicher Abneigung? In der Erwartung politischer oder materieller Vorteile? – noch viel weniger. Die Analyse von Egodokumenten wie Tagebüchern oder privaten Briefwechseln stößt hier ebenso an ihre Grenzen wie Interviews mit den immer seltener verfügbaren Zeitzeug/innen. Wer nicht exponiert politisch Stellung bezog, so lässt sich überspitzt sagen, der verdrängte die Veränderungen in der Nachbarschaft nicht erst nach 1945, sondern blendete den Vorgang bereits zeitgenössisch weitgehend aus.

Nachbarschaft in der DDR

Für die Analyse von Nachbarschaftsbeziehungen in der DDR erscheint die Quellenlage ergiebiger– insbesondere dann, wenn es um politische Überwachung und Ausgrenzung geht. Das Ministerium für Staatssicherheit griff durch den IM-Einsatz systematisch in den Nahbereich ein. Dank seiner Dokumentationswut lassen sich für viele Fälle nicht nur Denunziant/innen und Denunzierte, sondern auch Hintergrundinformationen zu Motiven und Beziehungsgeflechten identifizieren. Zahlreiche Beispiele hierfür finden sich in Materialsammlungen für Unterricht und Projekttage, z.B. der BStU und ihrer Außenstellen. Auch ganz offiziell wurden Siedlungen und Straßenzüge durch die Arbeit von Abschnittsbevollmächtigten und freiwilligen Helfer/innen der Volkspolizei erfasst und in Hausbüchern und Protokollen dokumentiert. Diese an sich unschöne Bestandsgeschichte eröffnet Zugänge zur Nachbarschaftsgeschichte, über die sich mit dem nötigen Maß an Quellenkritik nicht nur die Geschichte politischer Kontrolle, sondern auch alltägliche Sozialbeziehungen in der DDR aufzeigen lassen.

Eine wertvolle Ergänzung hierzu können die Hausgemeinschafts- und Brigadetagebücher darstellen, die meist die ganze Bandbreite des organisierten Freizeitlebens von der "politischen Erziehung" über organisierte Nachbarschaftshilfe durch Subbotniks und Schulpatenschaften bis zu Ausflügen und Grillabenden dokumentieren. Der oft persönlich gehaltene Schreibstil, angereichert mit Bildern und Postkarten, sollte zwar nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Quellen keine Innensicht der jeweiligen Nachbarschaften gewähren, da die Tagebücher auch stets der Dokumentation nach außen dienten. In Abgleich mit dem Forschungsstand lässt sich jedoch durchaus herauslesen, welche Probleme Nachbar/innen und Kolleg/innen beschäftigten, wie weit das Organisationsleben die vorhandenen Bedürfnisse nach Geselligkeit und gegenseitiger Hilfe erfüllte und welche Veranstaltungen die Mitglieder eher als notwendiges Übel wahrnahmen.

Übergreifende Fragen

Nicht nur in den DDR-Brigaden, sondern auch bei den nationalsozialistischen Freizeitorganisationen wie den Jugendverbänden oder "Kraft durch Freude", erinnerten viele Aktivitäten an gänzlich unspektakuläre »Vereinsmeierei«, die mehr oder weniger subtil ideologisch aufgeladen wurde. Dies führt zu heiklen, aber auch lohnenden Fragen, die sich – ohne die Spezifika des jeweiligen Systems aus den Augen zu verlieren – an das Thema Nachbarschaft in den deutschen Diktaturen stellen lassen: Wo liegen die Grenzen zwischen dem unter Nachbarinnen und Nachbarn üblichem Klatsch, sozialer Kontrolle und bewusster Denunziation? Wie veränderten diese Gegebenheiten das Verhältnis von Nähe und Distanz, von Vertrauen und Misstrauen, mit dem man sich in der Nachbarschaft begegnete? Die Antworten sind wohl komplexer als die Einteilung in harmlose Bürger/innen und heimtückische Spitzel. Eben deswegen lohnt sich ihre Erforschung – gerade auch im Rahmen der politischen Bildung!

 

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