Projekt

Die Grenzreporter – Schüler schreiben Geschichte

Maria Hiebsch ist Historikerin und Ethnologin und seit 2011 am Institut für angewandte Geschichte aktiv. Sie entwickelte das Format der „Grenzreporter“ mit und leitete das Pilotprojekt im Jahr 2011.

Von Maria Hiebsch

Vor einem Supermarkt in einem Ort am Stadtrand von Berlin. Ein ca. 50-jähriger Mann wartet vor dem Eingang und raucht. Zwei Schülerinnen nähern sich ihm zunächst vorsichtig. "Entschuldigen Sie? Darf ich Sie kurz was fragen?" - "Na klar!" - "Wie lange wohnen Sie schon hier? Können Sie sich erinnern, wie es war, als die Mauer noch stand?"

Der Zeitzeuge fängt an zu erzählen: "Früher herrschte hier eine absolute Friedhofsruhe. Deswegen bin ich auch nach der Wende gleich in den Westen." Seine Mutter – Zeitzeugin Nummer zwei – kommt hinzu und widerspricht: "Aber früher war vieles besser, das Brot kostete nur ein paar Pfennige – nicht so wie heute. Das konnte sich jeder leisten!" Die Schülerinnen notieren die Antworten auf ihrem Notizblock. Das hätten sie nicht erwartet, sagen sie hinterher, dass die Leute so bereitwillig erzählen.

Auf den Spuren deutsch-deutscher Geschichte

Sie nehmen teil am Workshop "Die Grenzreporter" organisiert vom Institut für angewandte Geschichte, Frankfurt/Oder. Brandenburger Schüler/innen der 7. bis 11. Klassen gehen im Sommer 2012 auf die Suche nach den Spuren der Berliner Teilung in ihren fünf Heimatorten rund um Berlin, entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Sie schlüpfen in die Rolle von "Grenzreportern" und fragen "Wie war es hier früher, als die Mauer noch stand? Wie hat sich der Ort seit der Wende verändert?".

Doch die Grenzreporter befragen nicht nur Zeitzeug/innen. Auch der Ort selbst erzählt seine Geschichte. Mit stummen Karten (Karte ohne Beschriftung) machen sich die Schüler/innen in kleinen Gruppen auf den Weg durch den Ort und zeichnen auf, wie alt die Gebäude sind, die sie sehen. Vor 1989 gebaute Häuser werden braun, sanierte Häuser orange und Neubauten gelb gekennzeichnet. Die Lernenden können auch herausfinden, wo es Kaufläden, Kirchen, Kindergärten, Restaurants gibt, sie in den Plan einzeichnen und, ergänzen, welche Gebäude und Einrichtungen es früher gab und wo sie sich befanden.

Als Grenzreporter gehen die Schüler/innen selbst auf die Suche nach Geschichte an den Orten des alltäglichen Lebens. Und plötzlich tauchen neue Fragen auf: Was ist das da hinten eigentlich für eine alte Ruine? Aber auch: Was befand sich dort, wo heute Supermarktketten ihre Retortenbauten in die Landschaft gesetzt haben?

Historische Bilder können die Suche nach interessanten Orten anregen. Die Schüler/innen nehmen Archiv-Fotos mit auf ihre historische Spurensuche. Die Aufgabe besteht darin diese Orte zu suchen und sie dann zu fotografieren, um einen Vergleich anstellen zu können. Und plötzlich werden die alltäglichen Orte spannend: da wo heute die neue Siedlung steht, war früher eine Panzerfabrik! Und die Hauptstraße, an der nur Neubauten stehen, war früher der Grenzstreifen!

Ein leichter Einstieg in das selbstständige Gespräch mit Zeitzeug/innen ist es, erst einmal Passanten zu fragen, ob sie die Orte auf den Fotos kennen. Manche Schüler/innen haben gleich Glück: Auf der Foto-Suche sprechen Sie einen älteren Mann an, der den Turm auf dem Foto sofort erkennt: "Na klar, das ist doch der Grenzturm an der heutigen Hauptstraße! Da haben mich mal zwei Grenzsoldaten angehalten. Mit der MP im Rücken haben die mich abgeführt!" Und schon haben diese Grenzreporter ihre erste Geschichte „im Kasten“. Andere Schüler/innen haben weniger Glück. Sie sprechen einen Mann in seinem Vorgarten an, ob er die Gebäude auf einem Foto zuordnen kann. "Nee, also ich wohn' erst seit ein paar Jahren hier. Für Geschichte interessier' ich mich nicht!"

Eine Niederlage für die neugierigen Reporter? Nicht unbedingt: Dieser Kommentar erzählt auch etwas über die Geschichte des Ortes nach 1989. Viele Westberliner zogen in die ehemaligen ostdeutschen Grenzorte. In manchen Ortsteilen sind keine alteingesessenen Bewohner mehr zu finden. Über die Mauer und die Teilung Berlins möchten manche hier nichts mehr wissen. An dieser Stelle ist es wichtig, den Schüler/innen begreiflich zu machen, dass diese Aussagen, diese Beobachtungen, nicht weniger wichtig sind als die Geschichte vom Grenzturm. "Geschichte" hört nicht mit dem Mauerfall auf. Die Auswirkungen der deutsch-deutschen Teilung reichen bis in die Gegenwart hinein.

Ein aktuelles Foto vom Ort auf dem Archivbild zu machen, scheint zunächst eine einfache Aufgabe. Als „echte“ Journalist/innen haben viele Schüler/innen ihre Kamera oder ihr Smartphone gleich dabei. Aber es ist dann gar nicht so leicht, genau die richtige Perspektive für die Aufnahme zu finden, wenn kaum noch Anhaltspunkte auszumachen sind. "Ist das da der Baum auf dem Foto?" Das Haus links des Grenzturms hilft bei der Orientierung nicht – es ist schon längst abgerissen.

Zeugnisse der Veränderungen seit 1989

Und am Ende? Aus den vielen gesammelten Geschichten wählen die Schüler/innen die besten aus. Zeitzeug/innen, die gesondert eingeladen werden, können Unsicherheiten ausräumen: "Wie war das noch mal genau mit der Fluchtgeschichte?" Sind die Vorher-Nachher-Fotos nicht gelungen, gehen die Foto-Begeisterten mit einer „echten“ Fotografin zurück an die Orte und lernen ganz nebenbei, wie man ein gutes Foto macht: ohne Gegenlicht und Verwackeln. Intensiv arbeiten die jungen Reporter/innen mit den Betreuer/innen auch an den Texten. Wie kann ich die Geschichte spannend aufschreiben, die mir der alte Herr etwas langatmig erzählt hat? Was ist ein guter Einstieg? Wie kann ich meine Leser fesseln?

Die Informationen aller Gruppen, die den Ort erkundet haben, werden am Ende zusammengetragen. Die großformatige Karte des Ortes zeigt den ehemaligen Grenzstreifen, umgeben von "gelben" Gebieten, in denen nur Neubauten stehen. Der alte Dorfkern in braun und orange hebt sich deutlich davon ab. Der alte Konsum, das Haus der Pioniere und der Volkseigene Landwirtschaftliche Betrieb sind verschwunden, dafür sind riesige Einkaufsflächen, Altersheime und Sonnenstudios entstanden. In bunten Sprechblasen sind die Erinnerungen der Bewohner/innen zu den Orten in die Karte eingebettet.

Die Karte ist ein anschauliches Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Mit den Vorher-Nachher-Fotos, den Zitaten der Bewohner, ihren kleinen und großen, traurigen und lustigen Geschichten zeigt sie auf einen Blick, wie die deutsch-deutsche Teilung und der Mauerfall den Ort bis heute prägen. Selbst recherchiert, aufgeschrieben und fotografiert von den frischgebackenen Grenzreportern.

Über das Institut für angewandte Geschichte

Wie Geschichte gestaltet, verhandelt und konstruiert wird, steht im Fokus der Arbeit am Institut für angewandte Geschichte. Dazu hat das Institut vielfältige Formate und Methoden der historisch-politischen Bildung in der deutsch-polnischen Grenzregion entwickelt. Die Grenzreporter-Workshops fanden von April bis Juni 2012 rund um Berlin in Falkensee, Dallgow-Döberitz, Klein- und Groß-Glienicke und Glienicke Nordbahn statt. Die interaktiven Karten der Orte werden am 6. September 2012 in der Gedenkstätte Berliner Mauer der Öffentlichkeit präsentiert und können dann auf der Homepage des Instituts für angewandte Geschichte angesehen werden.

 

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