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Subkulturelles Verhalten in der DDR

Zwischen Anpassung und Opposition

Dr. Peter Wurschi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Ettersberg zur Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung.   
Von Peter Wurschi 

„In der DDR stimmen die grundlegenden Ziele und Interessen von Gesellschaft, Staat und Jugend überein. Geführt von der SED haben die Arbeiterklasse, alle anderen Werktätigen und die Jugend den Staat der Arbeiter und Bauern geschaffen. Gemeinsam gestalten sie die DDR, ihr sozialistisches Vaterland.“ 

Alles klar?! Dieser im Jugendgesetz von 1974 festgezurrte Grundsatz der Interessenidentität aller Bürger mit den Zielen des Staates lässt eigentlich keinen Spielraum offen. Geführt von der Avantgarde im Sinne des Sozialismus, schreiten die Menschen Seit an Seit einer kommunistischen Zukunft entgegen. Die Jugendlichen messen ihren Geist und ihre Kraft bei den Spartakiaden, gehen täglich – im Wissen um die Bedeutsamkeit ihrer Arbeit für den Weltfrieden – fröhlich ihrem Tagwerk nach und nehmen gerne die gesellschaftlichen Angebote wahr… 

Doch halt! Wie passen in dieses DDR-Bild Bands wie The Polars oder The Sputniks? Schreiende Teenager werfen in den 1960er Jahren in Ermangelung echter Helden ihre BHs den Jungs aus der Stadt, welche die echten Helden nachspielen, entgegen. Beatfans gehen am 31. Oktober 1965 in Leipzig auf die Straße, um gegen das Verbot ihrer Bands zu demonstrieren. Den „Musikkapellen“ wie Renft und Freygang trampen in den 1970er Jahren langhaarige Frauen und langbärtige Männer hinterher, und Gruppen wie Zwitschermaschine, Le Attentat oder Die Art beleben in den 1980er Jahren den popkulturellen Underground der DDR. 

Subkulturen in der DDR betonten vor allem das Individuelle und stellten sich damit gegen das Egalitätsprinzip des Staates. Die meisten subkulturellen Protagonisten wollten weder das Land revolutionieren noch die Gesellschaft in ihrem Sinne verändern. Was sie jedoch wollten, war leben – und zwar so, wie sie es für richtig hielten: mit ihrer Musik, mit ihren Büchern, mit ihrem Tanz, mit ihrem Aussehen, mit ihren Gedanken, mit ihren Provokationen und mit ihren Träumen. Kurzum, sie wollten ihre Zukunft selbst gestalten.  

Halbstarke, Beatfans, Rock’n’Roller, Blueser, Hippies, Punker, Metaller, HipHopper, Skater, Skinheads, Popper, Grufties, Lebenskünstler und Bohemiens – all diese vorwiegend jugendlichen Subkulturen gab es auch in der DDR, und sie waren stets eine Minderheit. Die Mehrzahl der Jugendlichen in der DDR hielt sich an die von Seiten des Staates aufgestellten Regeln, auch wenn sie versuchten, diese mit einer gehörigen Portion Eigensinn aufzuweichen. Eine Interaktion zwischen Subkulturen und Mainstream war vorhanden und wahrnehmbar. In die Freiräume, die die Subkulturen austesteten, stießen sukzessive auch die breiteren Bevölkerungsschichten: Immer mehr Jugendliche orientierten sich kulturell-modisch an diesen Individualisten, ließen sich die Haare lang wachsen und trugen Jeans, fanden verstärkt Mut zur freieren Meinungsäußerung, und immer häufiger wurde ihnen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im real-existierenden Sozialismus der 1970er/1980er Jahre bewusst. 

Dabei schöpften die Subkulturen der DDR stets auch aus dem popkulturellen Fundus der westlichen Welt. Die angebotenen Stilmittel wurden bricollagiert und in die DDR-Lebenswelt eingepasst. Der Mangel an Originalen ließ eine phantasievolle Welt entstehen. Kleidung und Mode der Marke Eigenbau waren weit verbreitet, Hauptsache es fiel auf und stach aus dem Einheitsalltagsgrau heraus. In ihrer Sehnsucht nach Teilhabe an der pop- und subkulturellen Welt entflohen die Jugendlichen trotz der physischen Grenzen in eine quasi grenzenlose und virtuelle Popwelt. Die jugendkulturellen Stars der westlichen Hemisphäre versprühten ihren Charme auch in der DDR: Elvis Presley und The Beatles, Led Zeppelin und Jimi Hendrix, Sex Pistols und The Cure – sie alle wurden gehört, geschätzt und verehrt. Die gedankliche Welt der subkulturell Heranwachsenden war im Osten wie im Westen wohl sehr viel ähnlicher als es sich die Staatenlenker vorstellen konnten. 

Die popkulturelle Ausdifferenzierung des Jugendlebens machte an der deutsch-deutschen Grenze nicht Halt. Jugendtrends, Jugendmoden und Subkulturen etablierten sich im Osten allerdings immer etwas später als im westdeutschen Nachbarstaat. Doch auch innerhalb der DDR kam es zu zeitlichen Verzögerungen: Subkulturen entstanden zuerst in den Städten, später dann auch auf dem Land. Durch das Hören und Spielen von (westlicher) Musik, das Tragen (westlicher) modischer Kleidung, das Interagieren in Gruppen von Gleichaltrigen setzten sich die Subkulturellen bewusst vom allumfassenden Anspruchsdenken des SED-Staates ab. Um vollends identifizierbarer Teil einer Subkultur zu werden, bedurfte es jedoch Mut.

Denn Vater Staat reagierte auf solcherart Absetzbewegung von den proklamierten gemeinsamen Ideen des Sozialismus mit einem breiten Spektrum an Repression und Sanktionierung: Verbote von Bands, Reiseverbote für Jugendliche, Relegation von der Schule, Kriminalisierung der Fans bis hin zu Inhaftierung und Abschiebung in die Bundesrepublik. Die Herrschenden zeigten sich vom Emanzipationswillen der eigenen Jugend überfordert. Deren Einfordern von Individualität sprengte das sorgsam gepflegte Bild der sozialistischen Menschengemeinschaft. Der Gesellschaften stets innewohnende und dynamisierende Generationskonflikt wurde in der DDR in eine politische Sphäre verschoben. Der Staat, der von sich stets behauptete, jung und modern, zukunftsgewandt und revolutionär zu sein, fand keine Antwort auf die Differenzierung und Emanzipation seiner Bewohner. Die Bürgerinnen und Bürger weiteten die ihnen zugestandenen Freiräume aus, suchten Nischen und besetzten immer wieder neue Themen. Die jugendlichen Subkulturen gingen in der DDR dieser Entwicklung voran. 

 

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