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Alltagskultur des Antisemitismus im Kleinformat

Isabel Enzenbach / Wolfgang Haney (Hrsg.): Alltagskultur des Antisemitismus im Kleinformat. Vignetten der Sammlung Wolfgang Haney ab 1880. Berlin (2012). 
Von Ingolf Seidel

Wer verstehen will, was die von Shulamit Volkov stammende Begrifflichkeit von „Antisemitismus als kulturellem Code“ bedeutet, muss sich in die Niederungen antisemitischer Propaganda begeben. Diesem Unterfangen haben sich die Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Isabel Enzenbach und Wolfgang Haney als Inhaber einer umfangreichen Sammlung antisemitischer Postkarten und Marken mit der Herausgabe des Buches „Alltagskultur des Antisemitismus im Kleinformat“ gewidmet. Der Band beinhaltet neben einer Einführung zwei grundlegende Aufsätze der Herausgeberin zur Sammlung Haney und zur mediengeschichtlichen Einordnung, ein Gespräch mit Wolfgang Haney zur Motivlage seiner Sammlerleidenschaft sowie Texte von Werner Bergmann, Christoph Kreutzmüller, Alfred Gottwald sowie Jennifer Meyer.

Marken in jeglicher Form sind ein frühes Massenmedium, ein Ausdruck der entstehenden „Konsum- und Mediengesellschaft“ (S. 7). Ihr Aufkommen fällt zusammen mit der Entstehung des modernen Antisemitismus und dessen antimoderner und völkisch-nationalistischer Kritik an Kapitalismus und Liberalismus. Als Klebemarken werden nicht nur Briefmarken bezeichnet, sondern verschiedene Typen, wie „Siegel-, Reklame-, Gelegenheits-, Schatz-, Sammel-, Wohlfahrts- und Briefverschlussmarken“ (S. 7), die allesamt als Medien zur Verbreitung unterschiedlichster Botschaften genutzt wurden. Während Briefmarken, deren Herausgabe in der Regel an ein staatliches Monopol gebunden ist, in erster Linie zur „Vermittlung einer pekuniären Information“ (S. 145) dienen, machen sich beispielsweise Siegelmarken nur noch die „hoheitliche Aura“ (S. 48) zunutze und dienen im Deutschen Reich sowohl privaten Organisationen als auch Geschäftsleuten zur Verbreitung von Informationen. Die Verwendung erster Siegelmarken als Hoheitszeichen durch die Jüdische Gemeinde zu Berlin aus den Jahren 1849/50 verweist auf die noch junge rechtliche Gleichstellung der Berliner Juden (vgl. ebda).

Das kleine Format der Marken zwingt geradezu zum Parolenhaften und es kommt so der antisemitischen Weltsicht, die komplexe gesellschaftliche Sachverhalte simplifiziert, entgegen. Prägnant fasst Isabel Enzenbach die Funktion der antisemitischen Marken zusammen: „Klebemarken transformieren Emotionen und Haltungen in antisemitische Politik- und Welterklärungsmodelle. Gesellschaftlich erzeugen sie eine Alltagskultur der Exklusion.“ (S. 11) Der Wandel, den die Form antisemitischer Agitation durchlebt spiegelt sich auf den Klebemarken wider. Frühe Textmarken, die vermutlich aus den 1890er Jahren stammen, tragen antisemitische Zitate und greifen „auf eine unter den Antisemiten des Kaiserreich beliebte Legitimationsstrategie zurück, die negative Aussprüche und Textstellen berühmter Männer der Geschichte benutzt, um die ewige Existenz von Judenfeindschaft von Stimmen politischer und kultureller Größe beglaubigen zu lassen“ (S. 89). Diese Marken widerspiegeln vor allem das klassische Repertoire judenfeindlicher Stereotype. Demgegenüber würden laut Bergmann Marken aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend tagespolitische Bezüge tragen. Dazu gehören Themen wie die fälschliche Unterstellung von sogenannter Drückebergerei jüdischer Männer während des Ersten Weltkrieges oder auch die zu dieser Zeit populäre Dolchstoßlegende.

Im Nationalsozialismus kamen staatlicherseits verschiedene Formen von Vignetten zur Verbreitung antisemitischer Propaganda zum Einsatz. Briefmarken mit dem Hakenkreuz, mit Abbildungen von Adolf Hitler oder dem geänderten Reichsadler hatten die Funktion „den absoluten Herrschaftsanspruch des Nationalsozialismus zu untermauern“ (S. 147). Die Briefmarken wurden vor allem für positive Referenzen für den Nationalsozialismus genutzt und auf ihnen wurden „keine Feindbilder – vor allem keine Juden - dargestellt“ (S. 167). Neben antisemitischen Briefsiegelmarken kamen über im Jahr 1935 aufgestellte sogenannte Stürmerkästen neben der Zeitung „Der Stürmer“ auch Boykottlisten und Aufkleber in Umlauf (vgl. S. 130). Jennifer Meyer resümiert, dass „Briefmarken und Stempel Öffentliches und Privates verschmelzen“ (S.168). „Die Entscheidung, antisemitische und nationalistische Marken auf Briefe zu kleben sowie Sondermarken zu erwerben (...) ist eine alltägliche Form des Mitmachens“ (ebda.).

Die Darstellung der Geschichte eines frühen Massenmediums der antisemitischen Agitation ist nicht alleine für einen engeren Kreis von beruflich mit der Thematik befassten Expert/innen interessant. Die Auseinandersetzung mit dem Medium Klebemarke zeigt, wie tief der Antisemitismus in der Moderne und im vorliegenden Fall speziell in der deutschen Kultur verankert ist. Deutlich wird durch die Darstellung, dass das judenfeindliche Ressentiment zu keiner Zeit nur den gesellschaftlichen Rändern zuzuordnen ist. Durch die unzähligen Abbildungen antisemitischer Vignetten und Briefmarken bietet „Alltagskultur des Antisemitismus im Kleinformat“ einen tiefen Einblick in die antisemitische Ideologie. Wer sich mit aktuellen Formen der medialen Verbreitung von Antisemitismus befasst, kommt kaum daran vorbei, sich mit der frühen Form massenmedialer Agitation zu beschäftigen. Der vorliegende Band bietet dazu eine herausragende Möglichkeit.

 

 

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