Zur Diskussion

Kriegsgräber und historische Bildung gegen Geschichtsrevisionismus

Dr. John Cramer, Historiker, arbeitet als Schul- und Bildungsreferent des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. im Bezirksverband Lüneburg/Stade.
Von John Cramer

Auf 1.369 Kriegsgräberstätten und zivilen Friedhöfen in Niedersachsen sind insgesamt
255.460 Menschen bestattet, die gemäß dem bundesdeutschen „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ dauerhaftes Ruherecht erhalten haben. Zu ihnen zählen Kriegsgefangene, Bombenopfer, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und ihre in Gefangenschaft geborenen und verstorbenen Kinder, deutsche Soldaten (des Ersten und Zweiten Weltkriegs) ebenso wie Angehörige der alliierten Armeen, KZ-Häftlinge aus allen Teilen Europas, „Euthanasie“-Opfer, delinquente Jugendliche, Flüchtlinge, Vertriebene und Displaced Persons. Die Orte, an denen sie beerdigt wurden, liegen oft abseits, ja geradezu versteckt, und wären dem öffentlichen Bewusstsein wahrscheinlich weitgehend entzogen, würden nicht – wenngleich mit stetig abnehmender Teilnehmerzahl – alljährlich zum Volkstrauertag Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an diese Toten stattfinden. Es sind stumme Stätten: Selten bis nie finden Besucher vor Ort Informationen, die über die wenigen auf den Grabzeichen vermerkten Angaben – Name, Lebensdaten, Nationalität (soweit überhaupt bekannt) – hinausgehen. Wer die Toten waren, woher sie kamen, wie ihre jeweiligen Lebens- und Leidenswege aussahen, unter welchen Umständen sie ums Leben kamen und an diesen Orten beigesetzt wurden – all diese Fragen bleiben in der Regel unbeantwortet.

Diesen Umstand machen sich Alt- und Neonazis zunutze, wenn sie – ebenfalls am Volkstrauertag, bisweilen ausweichend auf den nachfolgenden Totensonntag – zu Kriegsgräberstätten pilgern, um dort das zu zelebrieren, was sie als Heldengedenken verbrämen. Neben geschichtsrevisionistischen Ansprachen, dem Verlesen völkisch-sentimentaler Gedichte und dem Absingen von Liedern wie dem „Treue(?)lied der SS“, neben Schweigeminuten und Kranzniederlegungen enthalten diese Zeremonien auch geradezu gespenstisch anmutende Elemente wie das symbolische „Zurückrufen“ der Toten in die angetretenen Reihen der (sich ihnen als Kameraden verbunden fühlenden) Rechtsradikalen. Dementsprechend fallen all jene Kriegsgräberstätten als Wallfahrtsorte aus, die durch dort bestattete ausländische Kriegstote bzw. Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsam kontaminiert sind. Vielmehr suchen sich die Teilnehmenden – Funktionäre und Sympathisanten rechtsextremistischer Parteien, Mitglieder so genannter freier Kameradschaften und Angehörige von Traditionsverbänden wie HIAG (Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) und  OdR (Ordensgemeinschaft der 
Ritterkreuzträger des Eisernen Kreuzes ) – gezielt solche Friedhöfe aus, auf denen junge, oftmals minderjährige Soldaten von Wehrmacht und Waffen-SS begraben liegen. Als „letztes Aufgebot“ zum angeblichen Schutz der Heimat dem Feind entgegen geworfen, scheinen sie in besonderer Weise jene Tugenden zu verkörpern, die einen zentralen Stellenwert im rechtsradikalen Weltbild einnehmen: Tapferkeit, Treue, Kameradschaft, Uneigennützigkeit, Reinheit. Sich ihrer „in Dankbarkeit“ zu erinnern, ihren „ewig lebenden Tatenruhm“ zu feiern, ihrem Beispiel – dem vorgeblich unerschrockenen Kampf gegen eine feindliche Übermacht – nachzueifern, das ist der Sinn solchen Heldengedenkens.

Ein Ort, der für diese Zwecke wie gemacht erscheint, ist die Kriegsgräberstätte Essel, rund 40 km nördlich von Hannover zwischen Schwarmstedt und Walsrode gelegen, abseits der Straße in einem Waldstück versteckt. Auf ihr ruhen die sterblichen Überreste von 114 deutschen Soldaten, die im April 1945 beim Versuch ums Leben kamen, die vorrückende britische Armee am Übergang des Flusses Aller zu hindern. Sie gehörten einem aus Marine-Einheiten, Panzergrenadieren, Waffen-SS-Mitgliedern und Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes zusammengewürfelten Truppenverband an, besaßen nur eine rudimentäre militärische Ausbildung, waren unzureichend bewaffnet und verfügten meist über wenig oder gar keine Kampferfahrung. Die überwiegende Mehrheit war zum Zeitpunkt ihres Todes nicht älter als 23 Jahre; 28 der in Essel Bestatteten waren noch minderjährig. Bereits bald nach seiner Einrichtung 1950 entwickelte sich der Friedhof zu einer rechten Pilgerstätte, die sie bis heute geblieben ist – trotz regelmäßiger Proteste und Gegendemonstrationen von Gewerkschafts- und Antifa-Gruppen, trotz einer geänderten Besucherordnung, die die Durchführung ideologisch motivierter Gedenkveranstaltungen verbietet und mittlerweile auch polizeilich durchgesetzt wird. Gleichwohl versammeln sich alljährlich zum Volkstrauertag mehrere Dutzend Personen aus dem rechten Spektrum am Rande der Kriegsgräberstätte, um die – wie es ein Redner 2008 formulierte – „für Deutschlands Freiheit gefallenen Helden zu ehren“.

Um dem entgegenzuwirken, hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit Schülerinnen und Schülern der Berufsbildenden Schule Walsrode ein Projekt initiiert: die Erstellung einer „Geschichts- und Erinnerungstafel“. Diese 2005 entstandene Projektidee bildet einen Schwerpunkt der friedenspädagogischen Zusammenarbeit des Volksbundes mit Schulen und konnte bereits an über 30 Orten in ganz Niedersachsen verwirklicht werden. Im Kern geht es darum, Kriegsgräberstätten historisch zu heben, d.h. Informationen zu sammeln (und zu präsentieren), die es ermöglichen, diese oft vergessenen Orte ins öffentliche Bewusstsein zurückzuführen – und damit auch die Schicksale der dort bestatteten Menschen. Zu diesem Zweck sichten die an den Projekten beteiligten Schülerinnen und Schüler (aller Arten weiterführender Schulen, in der Regel ab Klasse 9) zunächst die oftmals bereits vorhandene Sekundärliteratur und vertiefen ihre Erkenntnisse durch zusätzliche Quellenrecherche in lokalen, regionalen und u.U. auch überregionalen Archiven; hinzu kommen Interviews mit Zeitzeug/innen bzw. Familienangehörigen, die idealerweise die Rekonstruktion einzelner Biographien und damit das Aufbrechen der häufig anonym wirkenden Atmosphäre auf Kriegsgräberstätten erlauben. In einem weiteren Arbeitsschritt suchen die Schülerinnen und Schüler nach geeigneten Illustrationen wie Fotos, Karten oder Faksimile persönlicher Dokumente der Toten.

Mit der Erarbeitung einer „Geschichts- und Erinnerungstafel“ für die Kriegsgräberstätte Essel soll dieser Ort sozusagen informativ besetzt, den geschichtsverfälschenden Mystifizierungsbestrebungen von Rechts entzogen und als Heldengedenkplatz entwertet werden. Um dies zu erreichen, wird die Tafel (unübersehbar in den Maßen 160 x 110 cm produziert) neben einer eher knapp gehaltenen Darstellung der Kampfhandlungen vor allem – sachlich, objektiv, konkret – die historischen Hintergründe thematisieren: den Umstand, dass viele jugendliche Soldaten im Dritten Reich sozialisiert und dabei derart indoktriniert worden waren, dass sie – verführt und fanatisiert – nur allzu bereit waren, ihr Leben einer verlorenen Sache zu opfern; die Tatsache, dass die Abwehrkämpfe an der Aller nicht nur militärisch nutzlos und – angesichts der ungeheuren Verluste – verbrecherisch waren, sondern auch dazu führten, dass in Bergen-Belsen, keine 20 Kilometer hinter der Front, das Massensterben noch einige Tage länger vonstattengehen konnte. Und schließlich die einfache wie traurige Wahrheit, dass das Sterben dieser Soldaten so gar nichts Heldenhaftes hatte, sondern in jedem einzelnen Fall grausam, qualvoll und absolut sinnlos war.

 

 

Kommentar hinzufügen