LaG-Magazin vom 20. Januar 2010 (01/10)

Für das Leben: Jüdischer Widerstand und Partisanen gegen den Nationalsozialismus

Liebe Leserinnen und Leser,

wir möchten Sie zur Magazin-Ausgabe von Lernen aus der Geschichte begrüßen.

Die erste Ausgabe im neuen Jahr widmet sich dem Widerstand und der Selbstbehauptung von Juden gegen den Nationalsozialismus, gegen die deutsche Besatzung im Verlauf des Krieges und gegen die Politik der Vernichtung der europäischen Juden und des Judentums. Im Vergleich zur Darstellung von Juden als Verfolgte und Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik und des ungebremsten Vernichtungswillens kommen Juden als widerständische Individuen in Schulgeschichtsbüchern selten vor. Auch die offizielle Erinnerung schreibt meist eine viktimisierende Sichtweise fort.

Sicherlich war der Spielraum von Juden zum Widerstand häufig klein bis kaum gegeben. Den deutschen Juden zumal, die sich in ihrer Mehrzahl als Deutsche jüdischen Glaubens verstanden, musste die Möglichkeit der vollkommenen Auslöschung absurd erscheinen. Sämtliche bewährten Überlebensstrategien der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und in den besetzten Ländern, die auf der Basis zweckrationaler Überlegungen beruhten, wurden durch die neuen Realitäten sinn- und zwecklos. Umso wichtiger waren die unzähligen Akte jüdischer Gegenwehr, eines kulturellen wie zum Teil bewaffneten Widerstandes und der Selbstbehauptung vor allem in den durch Deutsche überfallenen Ländern. Hinzu kommen zehntausende Juden, die in den alliierten Armeen ihr Leben im Kampf gegen die Nationalsozialisten wagten.

Die Vorstellung von Juden, die wie Schafe zur Schlachtbank gehen, hat sich im kollektiven Gedächtnis in Deutschland eingeprägt. Vor diesem Hintergrund erscheint die pädagogische Vermittlung des Themas Widerstand von Juden als mehr denn eine Randaufgabe der Geschichtsvermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust. Hier zeigen sich die Möglichkeiten, die es für diejenigen gab, die der ärgsten Verfolgung ausgesetzt waren, und die Frage nach den Gründen der Tatenlosigkeit der deutschen Mehrheitsbevölkerung stellt sich zugleich beinahe zwangsläufig. Treffend fasste der Hannah Arendt-Übersetzer Eike Geisel die Problematik zusammen: „Es lag nicht an der Brutalität der SA oder am Terror der SS, es lag an der organisierten Macht der Volksgemeinschaft, welche die Juden schrittweise in ohnmächtige Parias verwandelte, bis sie schließlich im Inneren Deutschlands ausgebürgert, so rechtlos und wehrlos waren, daß sie jenen Zustand erreichten, den Jean Améry als Einbuße des ‚Weltvertrauens‘ und Hannah Arendt als Verlust der ‚Weltbezogenheit‘ bezeichnet haben.“ (Störenfriede der Erinnerung, in Wilfried Löhken / Werner Vathke : Juden im Widerstand, Berlin 1993)

Wir können in dieser Ausgabe das breite Thema nur anreißen und Anregungen für eine vertiefte Beschäftigung geben Pädagogisch aufbereitete Materialien sind rar. Dennoch bietet der bevorstehende 27. Januar, der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, vielleicht eine Möglichkeit, sich vertiefend dem Thema zu widmen. Selbstverständlich wollen wir mit diesem Hinweis nicht das Gedenken an andere Opfer- und Verfolgtengruppen schmälern. Die Präzedenzlosigkeit der Vernichtung des europäischen Judentums und der damit einhergehende Zivilisationsbruch allein rechtfertigen jedoch eine vertiefte Aufmerksamkeit.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge. Simone Erpel beleuchtet in ihrem Aufsatz vor allem die Ebene der Erinnerung an den jüdischen Widerstand. Wolfgang Benz widmet sich in seinen Betrachtungen den grundlegenden Fragestellungen nach Möglichkeiten und Unmöglichkeit eines jüdischen Widerstands. Gudrun Schroeter beschreibt den Widerstand in den Ghettos und das ihm zu Grunde liegende Konzept des Amidah.

Die nächste Ausgabe des Magazins erscheint am 10. Februar. Sie beschäftigt sich mit Fragen der Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus um Grundschulunterricht. Zu diesem Schwerpunkt bietet Lernen aus der Geschichte am 8. Februar ab 16.00 Uhr einen Expertinnenchat mit Isabel Enzenbach an.

Aktuelle Veranstaltungshinweise, ebenso wie Radio- und TV-Tipps finden Sie nun unter der Rubrik „Teilnehmen & Vernetzen“.

Die Redaktion

Beiträge

Zur Diskussion

Beispiele jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

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Zur Diskussion

 Historischer Abriss über die öffentliche Erinnerung an jüdischen Widerstand.

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Jüdischer Widerstand und das Konzept des Amidah.

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Empfehlung Fachbuch

Die Geschichte des Kampfes jüdischer Partisaninnen und Partisanen gegen die deutsche Besatzung.

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Überblick über die historische Forschung zum jüdischen Widerstand 1933 - 1945.

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Sammelband über jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

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 Ein Roman von Primo Levi über jüdische Partisanen.

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Ein sehr gut gezeichnetes Comic über das Warschauer Ghetto.

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Überblick über Projekte der belgischen Gedenkstätte Mechelen.

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Eine Wanderausstellung dokumentiert drei Widerstandsgruppen in Berlin zwischen 1939 und 45.

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Unterrichts- und Methodenvorschläge zu jüdischen Partisanen für Sekundarstufe I und II.

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Empfehlung Film

Filmhefte zu „Unbeugsam - Defiance“, „Zug des Lebens“ und „Inglourious Basterds“

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Empfehlung Unterrichtsmaterial

Eine Unterrichtseinheit zu den Motiven und Organisationsformen jüdischen Widerstands in Lagern und Ghettos.

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