Posting

Karol Mazur über die pädagogische Arbeit des Museums Warschauer Aufstand

Das Museum des Warschauer Aufstandes entstand nach längerer Diskussion im Jahre 2004 während der Amtszeit des Warschauer Bürgermeisters, Lech Kaczynski. Es versucht den Balanceakt zwischen einem Gedenkort und einem Museum. Und es ist ein kontroverses Projekt. Kritiker werfen dem Museum vor, die Geschichte zu einseitig zu präsentieren. Die Verfechter der Gegenseite weisen stattdessen auf seine identitätsstiftende Funktion hin.

Wir sprachen mit dem Leiter der pädagogischen Abteilung im Museum des Warschauer Aufstands über Bildungsangebote für Jugendliche und seine Erfahrungen aus der Praxis.

Lernen aus der Geschichte (LAG): Herr Mazur, können Sie sich noch an die Eröffnung des Museums des Warschauer Aufstands vor fünf Jahren erinnern?

Karol Mazur (KM): Oh ja! Es war so voll, dass man gar nicht auf Gelände kam. Auch die Entstehungsphase vor 2004 ist mir noch gut in Erinnerung. Seit der Einweihung des Denkmals für die Aufständischen in Warschau im Jahre 1989 war es nur eine Frage der Zeit bis ein Museum gebaut werden würde. Viel wurde um den richtigen Ort für das Gebäude diskutiert. Erst der Warschauer Bürgermeister, Lech Kaczynski, setzte sich entschieden für die Entstehung des Museum ein, so dass es im Sommer 2004, 60 Jahre nach Ausbruch des Aufstandes, eröffnet werden konnte.

LAG: Können Sie kurz beschreiben, wie die pädagogische Arbeit im Museum des Warschauer Aufstands aussieht? Was sind zentrale Aspekte ihrer Arbeit?

KM: Wir bieten verschiedene Seminare und Workshops für Teilnehmende ab 6 Jahren an. Kindern zeigen wir in unserer Arbeit eher was ein Museum ist. Trotzdem wollen wir, dass die Kinder verstehen, dass Krieg nichts Schönes ist. Wir versuchen allerdings, dies auf unterhaltsame Weise zu tun. Mit Grundschülerinnen und -schülern setzen wir uns schon mehr mit der Geschichte des Aufstandes auseinander. Gemeinsam untersuchen wir die Rolle von Kindern im Kampf am Beispiel der Pfadfinder.

Dabei verfolgen wir auch das Ziel, einem Mythos entgegenzuwirken, nämlich dem der schwer bewaffneten, kämpfenden Kinder. Diese Vorstellung wurde vor allem durch das Warschauer Denkmal des kleinen Aufständischen, der eine Waffe in der Hand trägt, geweckt. Sie entspricht aber nicht den Tatsachen, denn Kinder haben so gut wie nie an den Kämpfen teilgenommen! Wir wollen den Kindern und Jugendlichen zeigen, wie der polnische Untergrundstaat funktionierte, wie eine demokratische Zivilgesellschaft entstand. Mit Teilnehmenden von der Oberschule und mit ausländischen Gästen thematisieren wir den Aufstand im Kontext der zwei Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Das sind also eher historische Seminare.

LAG: Wie sieht ein typischer Workshop mit Jugendlichen aus?

KM: Wenn wir mit älteren Jugendlichen aus der Oberstufe arbeiten, verlagern wir den Fokus etwas weg von der Ausstellung und geben mehr Raum für Diskussionen. In einem Workshop debattieren wir über Pro und Contra des Aufstandes, geben dabei aber kein Ergebnis vor. In einer weiteren Einheit untersuchen die Teilnehmenden das alltägliche Leben im Aufstand anhand von Quellen. Indem sie die Bedingungen kennen lernen, sollen die Jugendlichen verstehen, dass der Aufstand nichts „Cooles“ ist. Das mag merkwürdig klingen, aber wir treffen häufig auf einseitige Meinungen, die den Aufstand verherrlichen.

Ein dritter Workshop vergleicht den Warschauer Ghettoaufstand mit der Erhebung von 1944. Hier suchen wir mit den Teilnehmenden nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. In diesem Workshop kommt es immer wieder zu Diskussionen um die polnisch-jüdischen Beziehungen. Die Frage „Warum haben die Polen den Juden 1943 nicht geholfen?“ tritt am häufigsten auf. Der Warschauer Aufstand ist ein sehr emotionales Thema, was sich natürlich auf die Gespräche der Jugendlichen auswirkt.

LAG: Bieten Sie auch Fortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen an?

KM: Ja, wir haben zwei Materialsammlungen für Lehrende veröffentlicht und bilden regelmäßig Pädagoginnen und Pädagogen fort. Das Themenspektrum umfasst hier aber nicht nur den Warschauer Aufstand, sondern verschiedene Aspekte des Zweiten Weltkrieges. 

LAG: Dem Museum wird gelegentlich vorgeworfen, ein zu starres Geschichtsbild über die Helden von Warschau vermitteln zu wollen. Wie stehen Sie dazu und wie gehen Sie damit in ihrer alltäglichen Arbeit um?

KM: Das ist ein komplexes Thema. Zunächst muss man verstehen, dass unser Museum ein Gedenkort für die Aufständischen ist. Das wirkt sich natürlich auf unsere Arbeit aus. Ferner gilt es zu unterscheiden zwischen der Ausstellung und der Bildungsarbeit. In unseren Workshops und Seminaren geht es mehr um den Austausch und um die Diskussion, während die Ausstellung von allen subjektiv interpretiert werden kann. Da haben wir keinen Einfluss drauf. Auch in meiner alltäglichen Arbeit stelle ich oft fest, dass wir als Pädagoginnen und Pädagogen nur eine begrenzte Wirkung auf die Jugendlichen haben. Wir können in 90 Minuten lediglich versuchen, Interesse zu wecken und Raum für Gespräche zu geben. Außerdem liegt uns am Herzen, dass wir kein schwarz-weißes Denken vermitteln. Es ärgert mich als Historiker, wenn komplexe Sachverhalte auf ein simples „richtig“ und „falsch“ vereinfacht werden.

LAG: Kommt dieses Vereinfachen in den Workshops denn häufig vor?

KM: Nun, gelegentlich wird der Aufstand stark verherrlicht oder es fallen anti-deutsche Kommentare. Wir verurteilen das zutiefst und versuchen solche Bemerkungen nicht einfach stehen zu lassen, sondern nachzufragen, warum man so etwas sagt. Manchen fällt es schwer zwischen dem „Dritten Reich“ und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden. Hier betonen wir stets, dass das Deutschland von heute ein völlig anderes ist als vor 70 Jahren. Doch unser Einfluss auf die jungen Menschen ist, wie gesagt, begrenzt. Den realen Kontakt zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen können wir nicht ersetzen.

LAG: Gibt es denn pädagogische Angebote für Interessierte aus Deutschland?

KM: Wir bieten diverse Workshops für Jugendliche auf Englisch an. Die Führungen durch die Ausstellung sind jedoch auch auf Deutsch. Für die deutsch-polnische Zusammenarbeit ist allerdings eher das an das Museum angeschlossene Stefan-Starzynski-Institut zuständig. Im Frühjahr 2008 und 2009 veranstaltete das Institut zwei deutsch-polnische Seminare zu Erinnerungskulturen.

LAG: Herr Mazur, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Link

Seminarreihe „Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts in Polen und Deutschland”: http://www.erinnerungskultur.pl

Stefan-Starzynski-Institut: starzynski [at] 1944 [dot] pl

 

Kommentar hinzufügen