
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an den Tempelhofer Flughafen und das angrenzende Feld in Berlin denken? Luftfahrt- und Technikgeschichte? Konzentrationslagerhaft, Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion im Nationalsozialismus? Fluchtgeschichten im geteilten Deutschland? West-Berlin als Frontstadt und Insel im Kalten Krieg? Oder die Schaffung eines Naherholungsgebiets per Volksentscheid?
All diese Antworten treffen zu. Der ehemalige Flughafen und das Feld verdichten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wie unter einem Brennglas. Diese Vielschichtigkeit ist Chance und Herausforderung zugleich. Einerseits bietet Tempelhof lokale Beispiele für zentrale Aspekte der deutschen Geschichte. Andererseits stehen Akteur*innen, die vor Ort an die Geschichte erinnern möchten, vor der Aufgabe, Themen auszuwählen und öffentlich zu präsentieren.

Blick über den ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, 2021 © Kasa Fue, Tempelhof Luftbrücke Berlin Juli 2021 1, CC BY-SA 4.0
Wie kann man an einem so geschichtsträchtigen Ort adäquat erinnern? Zu dieser und weiteren Fragen äußerten sich drei erinnerungskulturelle Expert*innen in Gesprächen, die ich einzeln mit ihnen führte: Dr. Thomas Werneke (Historiker bei der Tempelhof Projekt GmbH), Beate Winzer (freiberufliche Historikerin im Förderverein zum Gedenken an Nazi-Verbrechen um und auf dem Tempelhofer Flugfeld e. V.) sowie Prof. Dr. Stefanie Endlich (Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e. V.).
Auf die Frage, was denn das Besondere am Ort des Tempelhofer Feldes und Flughafens sei, nennen die Gesprächsteilnehmer*innen unisono die Vielfältigkeit und die vielen Schichten deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts, die sich hier überlagern. Stefanie Endlich betonte, dass diese Vielschichtigkeit die Möglichkeiten der Erinnerung im Vergleich zu monothematischen Gedenkstätten enorm erweitert. Tempelhof kann als lokalhistorischer Ausgangspunkt dienen, um sich mit Wirtschafts- und Baugeschichte (Pionierflüge, moderner Flughafenbau, Lufthansa), der Gewaltgeschichte des NS-Regimes (KZ, Zwangsarbeit), der deutsch-deutschen Teilung (Luftbrücke, Fluchtlogistik) oder der Berliner Stadtgeschichte zu beschäftigen. Am Ort finden wir historische Themen, die „aufeinanderprallen […], dass man zwischen Gedenkfeiern und Jubiläumsfeiern immer hin- und herswitcht“, so Thomas Werneke. Das motiviere, stelle aber auch eine Herausforderung für die Erinnerungskultur dar.
Die befragten erinnerungskulturellen Akteur*innen stellten in den Gesprächen die Erinnerung an die NS-Zeit ins Zentrum – diese Gewichtung hängt einerseits damit zusammen, dass einige Aspekte der NS-Gewaltgeschichte bislang weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Andererseits ist die NS-Zeit die prägendste, auch im Kontext der Berliner Stadtgeschichte. 2011, so Stefanie Endlich, beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus, „einen Gedenk- und Informationsort“ zur NS-Geschichte des Tempelhofer Feldes einzurichten. Dieser Beschluss wurde nicht umgesetzt, doch es entstand in dessen Gefolge ein Runder Tisch namens „Historische Markierung Tempelhofer Feld“, der die verschiedenen erinnerungskulturellen Gruppen und Personen zusammenbrachte. Das Gremium trug wesentlich dazu bei, Tempelhof als historischen Ort des Terrors zu kennzeichnen. Die Ausstellung „Ein weites Feld. Der Flughafen Tempelhof und seine Geschichte“ inklusive Ausstellungskatalog (Nachama 2019), konzipiert von der Stiftung Topographie des Terrors, konzentriert sich ebenfalls auf die NS-Vergangenheit des Ortes.

Hinweistafel zur Ausstellung vor dem ehemaligen Flughafengebäude, 2025 © Tobias Rischk
Seit 2015 ergänzt ein „Geschichtspfad“ die Auseinandersetzung mit der vielschichtigen und komplexen Geschichte des Ortes. Er wurde unter dem Dach des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart von Stefanie Endlich, Monika Geyler-von Bernus und Beate Rossié erarbeitet – es entstanden 27 Informationstafeln an 20 Stationen, die über das ganze Gelände verteilt sind. Sie beleuchten eine große Bandbreite (stadt)geschichtlicher Themen, darunter auch weniger bekannte wie einen Ordenssitz der Tempelritter im 13. Jahrhundert, einen islamischen Friedhof oder die Nutzung als preußischer Exerzierplatz. Auch die Nachkriegsgeschichte – etwa Kinderluftbrücke, Ausfliegen von jüdischen Überlebenden und Flüchtlingen, Nutzung als US-Luftwaffenstützpunkt im Kalten Krieg – wird thematisiert. Besucher*innen können diese Lektionen bei einem Spaziergang über das weitläufige Feld entdecken. Stefanie Endlich wies darauf hin, dass die Tafeln Schlaglichter auf die Geschichte des Ortes werfen, aber noch um weitere Themen ergänzt werden könnten. Ideen gibt es bereits. Auch Führungen der Tempelhof Projekt GmbH bieten einen guten Einstieg in die Geschichte des Orts, wie Thomas Werneke betonte. Dennoch bleiben bestimmte Aspekte der NS-Gewaltgeschichte, etwa das KZ Columbia-Haus und das Zwangsarbeiterlager, unzureichend erinnert.
Das KZ Columbia-Haus, das einzige offizielle Konzentrationslager der SS auf Berliner Stadtgebiet, und das Zwangsarbeiterlager sind solche verschwundenen Orte, deren Existenz fast vergessen ist. Das KZ wurde 1936 für den Flughafenneubau abgerissen, das Zwangsarbeiterlager durch Bomben zerstört. Diese bauliche Auslöschung erschwert die Erinnerung, doch auch Ignoranz spielt eine Rolle. Stefanie Endlich berichtete, dass das KZ Columbia-Haus in der Wanderausstellung „Auftakt des Terrors“ zu frühen KZ nicht einmal erwähnt wurde. Seit 1994 erinnert ein etwas verloren stehendes Mahnmal an die Opfer des KZ, 2024 wurde dieses durch die Kunstinstallation „nicht mehr zu sehen“ entlang der Böschung des Flughafengebäudes am Columbiadamm immerhin besser kontextualisiert (Endlich 2021). Die beiden in Vergessenheit geratenen Orte waren auch ein wesentlicher Anstoß für den Geschichtspfad.

Mahnmal für die Opfer des KZ „Columbia“, 2008 © Beek100, Mahmal KZ Columbia, Berlin, Columbiadamm, CC BY-SA 3.0
Die Existenz des Zwangsarbeiterlagers steht in engem Zusammenhang mit der militärischen Verbrechensgeschichte der Nazis in Tempelhof, so Beate Winzer. Das Reichsluftfahrtministerium schuf vor Ort „paradiesische“ Bedingungen für deutsche Luftfahrtingenieure und -techniker. Das Ziel der Schaffung einer kriegstauglichen deutschen Luftwaffe konnte nur durch den rassistischen und menschenverachtenden Einsatz polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter*innen erreicht werden. Auch die Weser Flugzeugbau GmbH und die Lufthansa profitierten davon (Budraß 2016). Wer in Tempelhof die Geschichte einer modernen Luftfahrttechnik erzählt, muss diese brutale Kehrseite einbeziehen, forderte Thomas Werneke. Nur dadurch könne dieses Narrativ einer Erfolgsgeschichte der Technik sinnvoll in Relation gesetzt werden. An diesen „Schattenort“ (Martin Sabrow) werde bis heute zu wenig erinnert.
Auch die sogenannte Grüne Baracke, die zur Registrierung und Abfertigung von ausreisewilligen DDR-Bürger*innen diente, wird nur durch eine Informationstafel erwähnt. Laut Werneke reicht das nicht aus, um diesen Aspekt der Teilungsgeschichte im kollektiven Gedächtnis zu verankern.
„Die Luftbrücke ist eine Meistererzählung. An der stimmt gar nichts, wenn man sie dekonstruiert“, kritisierte Beate Winzer. Die Erinnerung an die Luftbrücke müsse im Kontext des beginnenden Kalten Krieges gesehen werden. Tempelhof galt bis zur deutschen Vereinigung als „Tor zur Welt“ und symbolisierte westliche Freiheit im Gegensatz zur kommunistischen Unfreiheit (Endlich/Geyler-von Bernus 2019: 167f.). Die USA inszenierten sich als Befreier statt Besatzer. Das erhöhte die Akzeptanz ihrer Präsenz in Tempelhof und darüber hinaus. Dieses Narrativ bietet die Chance, erinnerungs- und geschichtspolitische Mythen kritisch zu hinterfragen, es sachlich und differenziert einzuordnen, betonten Stefanie Endlich und Thomas Werneke.
Nach der Schließung des Flughafens wurden Ideen zur Vermarktung der gesamten Anlage entwickelt. Der Vorschlag, das Feld „Tempelhofer Freiheit“ zu nennen, knüpfte an dieses alte Freiheitsnarrativ der Nachkriegsjahrzehnte an. Doch die historisch interessierte Zivilgesellschaft kritisierte diesen Namen angesichts der Unfreiheiten, die dieser Ort symbolisiert, sodass dieser Plan verworfen wurde, wie Stefanie Endlich ausführte.
Die Gespräche zeigen: Im Tempelhofer Feld steckt immens viel Geschichte. Die Frage, wie man adäquat an die verschiedenen Zeiten und Ereignisse erinnern kann, stellt sich dauerhaft. Klar ist jedoch auch, dass es dafür finanzielle und personelle Ressourcen braucht. Thomas Wernecke bildet mit seiner Kollegin im Archiv das kleine Team der Tempelhof Projekt GmbH, das aktuell ein Projekt zur Geschichte der Lufthansa plant, da im nächsten Jahr das 100. Gründungsjubiläum des Unternehmens ansteht. Der Runde Tisch bringt regelmäßig erinnerungskulturelle Akteur*innen zusammen und fördert die Entstehung solcher Ideen.
Beate Winzer betonte, dass Berlin mehr an der (baulichen) Verwertung des Ortes liegt als an der Aufarbeitung der Geschichte. In Zeiten klammer Kassen und gestrichener Haushaltsgelder für Kulturprojekte werde es für die Erinnerungskultur am Tempelhofer Feld nicht leichter. Stefanie Endlich hob das Engagement von Bürgerschaft und Zivilgesellschaft für das Feld hervor. Viele begeisterte Besucher*innen brächten sich – auch fragend – ein und gestalteten den Ort mit. Auch die Führungen, die die Projekt GmbH anbietet, sind gut besucht, berichtete Thomas Werneke. Sie könnten auch ein erster Einstieg für ein erinnerungskulturelles Engagement sein.
Wie es mit der Erinnerung an die komplexe Geschichte von Tempelhofer Feld und Flughafen weitergeht, ist offen. Doch eines ist klar: Tempelhof ist ein zentraler Ort, um über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzudenken. Die erinnerungskulturellen Akteur*innen vor Ort arbeiten konstruktiv zusammen, wovon der regelmäßig tagende „Runde Tisch“ beredter Ausdruck ist. Die Komplexität erfordert es auch – so mein Eindruck aus den Gesprächen.
Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e. V.: Informationspfad zur Geschichte des Tempelhofer Feldes und des Flughafens Tempelhof, URL: https://bfgg.de/informationspfad-zur-geschichte-des-tempelhofer-feldes/ [eingesehen am 13.11.2025].
Budraß, Lutz: Adler und Kranich. Die Lufthansa und ihre Geschichte. 1926–1955, München 2016.
Endlich, Stefanie/Geyler-von Bernus, Monica: Flughafen Tempelhof – Berlins „Tor zur Welt“ im Kalten Krieg, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland Archiv 2018, Bonn 2019, S. 163–175.
Endlich, Stefanie: „nicht mehr zu sehen“ Ein Schriftzug für den Erinnerungsort KZ Columbia in Berlin, in: Topografie des Terrors (Hrsg.): GedenkstättenRundbrief, Nr. 201 (2021), H. 3, S. 3–13.
Nachama, Andreas (Hrsg.): Ein weites Feld. Der Flughafen Tempelhof und seine Geschichte. Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung, Berlin 2019.