
Die Garnisonkirche ist das größte Politikum unter den Bestrebungen, Potsdams historische Mitte nach 1989 wiederherzustellen. Am 24. Oktober 1990 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam eine „behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, gewachsene historische Stadtbild“. 1999 folgte dann die Festlegung des Sanierungsgebiets. Schon das Landtagsschloss löste Debatten aus: Kritikerinnen und Kritiker sahen darin eine Rückkehr Preußens ins politische Zentrum der Landeshauptstadt. Auch die Rekonstruktion des Alten Markts, die Teile der DDR-Nachkriegsmoderne überbaute, wurde in der Stadtgesellschaft kontrovers diskutiert – vor allem unter dem Gesichtspunkt des „Rechts auf Stadt“ und der sozialen Funktion urbaner Räume (Tomczak/Lutz/Zschoge 2018). Doch der Wiederaufbau der Garnisonkirche ragt für Gegner der Rekonstruktion heraus. Für sie steht die Kirche für die Verquickung von Protestantismus mit preußischem und deutschem Militarismus, als Grablege preußischer Könige für den Obrigkeitsstaat und für den Tag von Potsdam am 21. März 1933, als Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler die Hand reichte – das Symbol der Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Befürworter der Rekonstruktion sehen hingegen andere Bilder und Ereignisse: Zum einen sind das die zahlreichen Veduten – Stadtansichten, die die Garnisonkirche als Wahrzeichen des alten Potsdams zeigen. Zum anderen ist das die Sprengung des kriegsbeschädigten Kirchturms 1968 durch das SED-Regime. Der anschließende Bau des Datenverarbeitungszentrums, dessen Grundriss heute jenen des historischen Kirchenbaus überlagert, steht für sie als Symbol der Zerstörung.

Garnisonkirche Potsdam, Luftaufnahme, 2023 © Raimond Spekking & Elke Wetzig / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Garnisonkirche Potsdam, Luftaufnahme-0745, CC BY-SA 4.0.
Die Motive der Unterstützer wie der Gegner des Kirchenbaus sind dabei kaum auf einen Nenner zu bringen und auch politisch sind sie nicht feinsäuberlich links und rechts einzuordnen. Da sich die Diskussion schon über fast vierzig Jahre hinzieht, haben sich manche Kontexte verschoben, die für die Frage nach der Bedeutung der Kirche und ihrer Rekonstruktion – und des heute immer mitzudenkenden Rechenzentrums – eine Rolle spielen und spielten. Es lassen sich jedoch einige Punkte herausdestillieren, die für das Verständnis der Diskussion sowie die Frage nach dem eigenen Standpunkt wichtig sind.
Vergessen darf man zunächst nicht, dass die Garnisonkirche bereits in der städtischen Oppositionsbewegung und für die Argus-Initiative (1988 gegründeter Verein, der sich für Stadtentwicklung in Potsdam einsetzt) Ende der 1980er Jahre ein Symbol war, um gegen den Verfall der Innenstadt und den sozialistischen Umbau der Stadt zu protestieren. Zudem war die Sprengung der Kirche für die Stadtbevölkerung ein einschneidendes Ereignis. Allerdings zeigt sich in der Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten, dass die Stadtgesellschaft insgesamt und auch die evangelische Kirchengemeinde in den 1960er Jahren einen eher pragmatischen Umgang mit der Kriegsruine pflegten. Dabei ging es auch um Ressourcen: Es war abzuwägen, welche der Potsdamer Kirchen man angesichts knapper finanzieller Mittel und eines religionsfeindlichen sozialistischen Regimes erhalten konnte und wollte (Grünzig 2017: 246ff., 281ff.).
Ebenso ist festzuhalten, dass einer der entscheidenden Impulsgeber für die Rekonstruktion ein rechtsnationaler Oberstleutnant der Bundeswehr mit geschichtsrevisionistischen Motiven war. Die Initiative von Max Klaar, das Glockenspiel nachbauen zu lassen und 1991 an die Stadt Potsdam zu übergeben, war einer der wichtigsten Antriebsmotoren des Wiederaufbaus (Juhnke 2021). So zieht sich eine Linie von geschichtsrevisionistischen und antikommunistischen Kreisen in der alten Bundesrepublik zu den Neuen Rechten, Rechtsnationalen und Rechtsextremen, die sich heute unter dem Deckmantel des Rechtspopulismus und der „Alternative für Deutschland“ verbergen und den Neubau begrüßen. Zudem verbindet sich hier die – im Historikerstreit der alten Bundesrepublik noch zurückgewiesene – Relativierung des Nationalsozialismus mit dem konservativen Erhalt von „Tradition und Erbe“ – letzteres ein antidemokratisches Konzept, das zu DDR-Zeiten vom Honecker-Regime proklamiert wurde.
Diese rechtskonservative Grundierung darf aber nicht überdecken, dass am Wiederaufbau breite gesellschaftliche Schichten interessiert und beteiligt waren. Man darf sich dabei durchaus fragen, ob die allenthalben zu findende Vorliebe für die „gute alte Zeit“ und für die heute ästhetisch so ansprechend erscheinende alte Mitte nicht Teil eines gesellschaftlich Unterbewussten ist. Ein Unterbewusstes, das die Geschichte zweier deutscher Diktaturen des 20. Jahrhunderts, des Antisemitismus und Rassismus, und das Unbehagen an der Moderne – und vor allem an der städtebaulichen Nachkriegsmoderne – am liebsten durch Überbauung vergessen würde. Und zwar nicht mit eigenen Entwürfen, sondern nach den Fotografien der (Ur)Großelternzeit. So ist die vielbeschworene Versöhnung, die vom Wiederaufbau der Garnisonkirche und ihrer Nagelkreuzgemeinde ausgehen sollte, vor allem eine Versöhnung mit sich selbst und der Familie, und insofern eine Wiedergutmachung für das, was diese „zu Hause“ angerichtet hat.
Heute wird das bestehende Ensemble aus Turm und Rechenzentrum zu einem symbolträchtigen Ort der jüngeren deutschen Geschichte und vor allem derjenigen des 20. Jahrhunderts stilisiert. Hier „verdichten“ sich – wenn man diesen Ausdruck überhaupt verwenden möchte und nicht für überzogen hält – preußische Geschichte, militärischer Expansions- und Eroberungsdrang, die Verquickung von Militär und Kirche von Preußen bis zum Dritten Reich. Der Ort verweist auch auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die schwierige Wiederaufbaugeschichte nach dem Krieg und auf den Umgang der SED mit Kirchenbauten und dem preußischen Erbe. Dieser Umgang änderte sich von den 1950er bis in die 1980er Jahre gravierend – und führte schon in der DDR zur staatlich propagierten Wiederaneignung von „Tradition und Erbe“, wie es ab den späten 1970er Jahren hieß. Aber die Geschichte endet hier nicht. Vielmehr kann das Ensemble heute auch von der Transformationszeit nach 1989 berichten, vom Umgang mit dem Wiedererstarken der Neuen Rechten, von der Umnutzung von Funktionsbauten durch die kreative Szene und Kreativwirtschaft, und auch vom Umgang mit der sozialistischen Fortschrittsideologie, so wie sie das Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ rund um das Rechenzentrum darstellt.
Tatsächlich ist aber das Argument, dass sich hier Geschichte verdichte, nur bedingt überzeugend, denn vor wenigen Jahren war der Ort ja eine Brache neben einem in die Jahre gekommenen DDR-Neubau. Insofern ist der historisierende Neubau und der gesamte Diskurs über die Garnisonkirche eine Inwertsetzung von Vergangenheit: Man wertet sie auf, so problematisch sie ist. Zugleich ist sie eine Inwertsetzung von städtischem Grund und Boden, durch die man sich der notorischen Unterfinanzierung des Bauprojekts zum Trotz auch eine Preissteigerung umliegender Immobilen erhofft. So ist der Ort ein Ort der Anwesenheiten und Abwesenheiten, mit den angrenzenden breiten Straßen ein Ort des Vorbeifahrens und mit dem Turmneubau auch einer der Wiederkehr. Dass es sich bei der Garnisonkirche um die „Krone der Stadt“ und einen „Schauplatz der Geschichte“ handele, wie ein Rekonstruktionsbefürworter 2016 schrieb, war eher ein Werbeslogan für den Wiederaufbau als historisch überzeugend (Kitschke 2016). Denn was heißt hier: „Schauplatz der Geschichte“? Vor allem: Was für eine Geschichte und wessen Geschichte? Und ist die Krone das richtige Bild für eine Landeshauptstadt in einer demokratischen Bundesrepublik?
Positiv gewendet, haben der Potsdamer Garnisonkirchenturm und die hier verhandelte Vergangenheit ihren eigenen Streitwert entwickelt. Es ist ein Ort, an dem über Geschichte gerungen wird. Noch immer kämpfen unterschiedliche Initiativen gegen den Weiterbau der Garnisonkirche, nachdem sie den Turm nicht verhindern konnten. Man kann dabei sehen, wie beide Parteien, die Stiftung Garnisonkirche einerseits und der Lernort Garnisonkirche im Rechenzentrum andererseits, sich über die Jahre professionalisiert haben. Das zeigt sich an solchen Feinheiten wie den wissenschaftlichen Beiräten, die sich die Stiftung und die Initiative gegeben haben. Das zeigen aber auch die Publikationen, die im Umfeld entstanden sind. Sie haben auf jeden Fall zu einer breiteren historischen Kenntnis darüber geführt, inwiefern der Tag von Potsdam ein Propagandaschachzug der Nazis war (vgl. insb. Kopke/Treß 2013) oder wer in der Garnisonkirche was und wann predigte. So steht etwa außer Frage, dass man noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hier Durchhaltewillen bis zum Letzten predigte. Dass die Kirche ein Ort des Widerstands gewesen sei, kann heute als ein veritabler Mythos bezeichnet werden (Grünzig 2017: 246ff.). Doch zeigt sich hier auch, dass aktivistische Geschichtsschreibung nicht nur Partei ergreift, sondern die Tendenz hat, breitere Kontexte und die Vielfalt der Stimmen auszublenden. Sie neigt auch zur Übertreibung, wenn etwa die Sprengung der Garnisonkirche dramatisierend als „Hinrichtung“ bezeichnet wird (Kitschke 2016: 193).
Mit dem Garnisonkirchenturm wurde also eine „Dark Heritage Site“ gebaut. Das war nicht die Intention derjenigen, die die schöne alte Stadt oder das Preußentum, seine militärische Stärke oder „Großdeutschland“ wieder auferstehen lassen wollten. Aber das ist der Eindruck, der nach dem Besuch der Ausstellung bleibt, die sich nach langen Aushandlungen halbwegs kritisch zur problematischen Rolle der Garnisonkirche bekennt, aber keineswegs selbstkritisch über die Geschichte des Wiederaufbaus berichtet. Inszeniert ist sie als Dunkelkammer der Geschichte, um zum Schluss mit dem im Loop wiedergegebenen bedrohlichen Brummen der Sprengung von 1968 ein eher antikommunistisches als antinazistisches Signal zu senden. Derart entlassen, klimmt man im Anschluss höher, um in luftiger Höhe und befreit von der Last der Geschichte den Blick über die Stadt zu genießen. Dabei bleibt, aller Stadtrekonstruktion zum Trotz, der sozialistische Wohnungsbau an den Peripherien des Zentrums weithin sichtbar.
Geschichte lässt sich erzählen, dokumentieren, ausstellen, kritisch aufarbeiten – und auch bauen oder nachbauen. Die Garnisonkirche taugt weder zur positiven Identitätsbildung noch uneingeschränkt zur kritischen Auseinandersetzung. Ein Ausweg wäre, das Ensemble aus Turm und Rechenzentrum als „Ort der Demokratie“ weiterzuentwickeln, was derzeit in der Stadt allerdings nur halbherzig als möglicher Kompromiss verfolgt wird. Aus historischer Sicht bleibt der Garnisonturmbau zu Potsdam vor allem eine revisionistische Denkmalsetzung; aus städtischer Perspektive ein Unternehmen, das ein bedeutendes Bauwerk wiedererrichtet. Auch wenn der Turm nur eine Aussage unter vielen in einem demokratischen Gemeinwesen ist, wird man auch künftig wachsam bleiben müssen, was hier veranstaltet wird. Gleichzeitig gilt es, selbstbewusst darauf zu vertrauen, dass die kritische Aufarbeitung von Nationalsozialismus, SED-Diktatur und der Geschichte Preußens – wie sie letztlich auch die Ausstellung anstößt – den demokratischen Diskurs befördert: darüber, was gute und verantwortliche (Stadt)Politik im 21. Jahrhundert ausmacht, und darüber, was erinnert werden soll. Dafür ist es unerlässlich, den urbanen Gegenentwurf – das Rechenzentrum in seiner jetzigen Nachnutzung – zu bewahren und zu fördern.
Juhnke, Dominik: Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche, Potsdam 2021.
Grünzig, Matthias: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Berlin 2017.
Kitschke, Andreas: Die Potsdamer Garnisonkirche. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte, Berlin 2016.
Kopke, Christoph/Treß, Werner (Hrsg): Der Tag von Potsdam. Der 21. März 1933 und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur, Berlin/Boston 2013.
Tomczak, André/Lutz, Manuel/Zschoge, Holger: Make Potsdam great again, in: sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, 6 (2018), H. 2/3, S. 231–244.