Bildungsarbeit mit Texten von NS-Überlebenden aus der Nachkriegszeit
Interview mit Hon. Prof. Dr. Sascha Feuchert und Dr. Markus Roth
Sascha Feuchert ist Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Honorarprofessor am Department of World Languages der Eastern Michigan University (USA).Markus Roth ist stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Herder-Institut Marburg.
Das Interview wurde im Rahmen des Seminars "Autobiographische Zeugnisliteratur 1940 – 1969" der Seminarreihe Bildungsarbeit mit Zeugnissen der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" im April 2010 in Berlin geführt. Das Seminar hat einen geschichtlichen Blick auf die Entstehungsbedingung autobiografischer Zeugnisliteratur von Überlebenden des Nationalsozialismus geworfen.
Von Markus Nesselrodt und Ingolf Seidel
1. Aura der Texte (Länge 00:37)
Feuchert konstatiert, dass sich die Aura der Texte durch die Nähe zum Ereignis, den Zeugnisdruck und die direkte Ansprache an den Leser auszeichnet.
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2. Textgattungen (Länge 1:30)
Die Intention der Autoren, anhand von Tatsachenberichte das Innenleben der Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager zu dokumentieren, fand ihren Ausdruck in unterschiedlichsten Formen der Präsentation, so Feuchert.
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3. Autoren (Länge 1:32)
Roth hält fest, dass im Zeitraum von 1945 bis 1949 die überwiegende Mehrzahl der Texte von ehemals politisch verfolgten Häftling stammt; jüdische Häftlinge kamen in dieser Zeit kaum zu Wort.
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4. Doppelter Zeugnischarakter (Länge 00:27)
Die autobiographischen Berichte bezeugen über die leidvolle Erfahrung in den Lagern hinaus, das Nicht-gehört-werden der einstigen Verfolgten in der Nachkriegszeit. So dokumentieren die Texte, laut Feuchert, den Ruf nach Aufmerksamkeit: „Hört uns jetzt zu!“
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5. Erfahrungen in der Bildungsarbeit (Länge 2:00)
Feuchert blickt auf ermutigende Erfahrungen in der Bildungsarbeit zurück: die auratische Qualität der Texte spricht junge Leute an und löst Diskussionen über die Gestaltung und Verfasstheit der Texte aus.
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6. Gesellschaftpolitischer Kontext (Länge 2:00)
Die deutsche Nachkriegsgesellschaft sah sich in erster Linie selbst als Opfer, betonen die beiden Wissenschaftler; zudem setzte bereits 1949 eine vehemente Schlussstrichdebatte ein.
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7. Potential der Texte (Länge 00:38)
Die autobiographischen Berichte unterscheiden sich deutlich in den Gestaltungsweisen von den Texten, die den gegenwärtigen Kanon bestimmen.; dadurch, so Feuchert, eröffnen sich neue Zugänge zum Thema.
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8. Reaktionen auf die Texte (Länge 00:46)
Jugendliche und junge Erwachsene sind von der aus heutiger Sicht reißerischen Aufmachung der Texte irritiert; eine Reaktion, die zur Auseinadersetzung führt.
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9. Sprache (Länge 1:23)
Wegen des immensen Zeugnisdrucks findet sich in den Texten nur andeutungsweise eine Sprachskepsis, wie das Unvorstellbare zu Versprachlichen ist, erläutert Feuchert.
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10. Zeitraum 1945-1949 (Länge 1:42)
Es handelt sich um einen deutlich abgrenzbaren Zeitraum in der Literatur über den Holocaust und die Konzentrationslager, vom Kriegsende bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. Roth und Feuchert weisen darauf hin, dass Hunderte von Texten in dieser Zeit entstanden sind, die fast vollständig in Vergessenheit gerieten.
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11. Texte versus Zeitzeugengespräch (Länge 00:54)
Die auratische Qualität des Zeitzeugengesprächs können die Texte nicht ersetzen, betont Feuchert, doch die zeitliche Nähe zum Ereignis eröffnet neue Zugangsformen.
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Datei
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