Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte

Liebe Leser*innen,
als diese Magazinausgabe konzipiert wurde, stand die LaG-Redaktion vor einem Themenfeld, das sich in den letzten zehn Jahren enorm weiterentwickelt und ausdifferenziert hat. Das gilt sowohl für die akademische Erforschung als auch für die Erinnerungs- und Bildungsarbeit. In Zeitzeug*innenprojekten mit Fokus auf bestimmte Herkunftsländer erzählten ehemalige Vertragsarbeitende ihre Geschichte und Interviewsammlungen entstanden. Ausstellungen veranschaulichten, dass es in der DDR nicht nur die „ausländischen Werktätigen“ gab, sondern auch weitere Gruppen wie Studierende und politische Immigrant*innen. Dokumentationen beleuchteten regionale Kontexte, etwa in Cottbus oder Eberswalde, oder thematisierten bestimmte Aspekte wie die rassistische Gewalt der 1990er Jahre. Wer im Netz danach sucht, findet Texte zu geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Arbeitsmigrantinnen oder zur Kontroverse um die Entschädigung der „Madgermanes“ in Mosambik.
Vor diesem Hintergrund war es unser Anliegen, die DDR-Migrationsgeschichte aus zwei Perspektiven zu betrachten. Erstens im Hinblick auf interkulturelles Lernen: Neben einem Beitrag zur universitären Forschung in diesem Feld finden Sie in dieser Ausgabe Berichte von Praktiker*innen, die interkulturelle Bildungsprojekte umsetzen und ihre Erfahrungen teilen. Zweitens präsentieren wir Ihnen historiografische Essays, die bisher wenig beachtete Aspekte beleuchten oder ungewohntere Blickwinkel eröffnen. Dabei handelt es sich lediglich um Schlaglichter, denn viele Migrationsgeschichten aus Ostdeutschland warten noch darauf, erzählt zu werden – etwa die der frühen Arbeitsmigrant*innen aus Polen, von ihnen kamen die ersten bereits ab den 1960er Jahren in die DDR.
Bei unseren Recherchen sind wir immer wieder auf die zweite Generation gestoßen – Kinder der Migrant*innen engagieren sich in der Aufarbeitung der Erfahrungen ihrer Eltern im Sinne geschichtskultureller agency (Lale Yildirim). Sie bringen nicht nur ihre persönliche Perspektive ein, sondern prägen den migrationshistorischen Diskurs durch eigene Forschungsprojekte und mediale Formate. Ziel all dieser Projekte ist es, die Perspektiven ostdeutscher Migrant*innen in dominante Narrative einzubringen − sowohl zur DDR- und Transformationszeit als auch in die gesamtdeutsche Migrationsgeschichte nach 1945.
Die Beiträge im Überblick:
Monika Kubrova vom Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland und der Zeitzeuge Yasser Muhammad berichten über zwei mehrjährige Projekte zur interkulturellen Erinnerung.
Anke John und Patricia Kleßen von der Universität Jena stellen das digitale Evaluationstool „Weltoffen lernen“ vor, mit dem sich die interkulturelle Kompetenz von Schulen messen lässt.
Tom Drechsel forscht zu mosambikanischen Arbeitsmigrant*innen und vertritt die These, dass sich die Migrationspolitik in der späten DDR liberalisierte.
Maresa Nzinga Pinto erforscht die geschlechtsspezifischen Erfahrungen mosambikanischer Vertragsarbeiterinnen. Ihr Fokus liegt auch auf ihrem späteren Kampf um die Frauenrechte in Mosambik.
Maren Möhring vergleicht die Einwanderungsgeschichte der BRD und der DDR – am Beispiel der Arbeitsmigration.
Isabel Enzenbach schreibt über die Erinnerungsarbeit der zweiten Generation; die meisten von ihnen sind in den späten 1980er und in den 1990er Jahren geboren worden.
Die „Generation 1991“ ist Thema einer Folge des Podcasts „Rice and Shine“, den Tobias Rischk für uns angehört und besprochen hat.
Eckhard Pfeffer und Sebastian Popovic geben Einblick in ein internationales Schulprojekt zu den namibischen Kindern, die in den 1980er Jahren in der DDR aufgenommen wurden.
Die Online-Ausstellung „De-Zentralbild“ stellt uns Sabrina Pfefferle vor. Dieses Projekt arbeitet mit Bildmaterial aus den privaten Archiven von Migrant*innen.
Wir weisen darauf hin, dass der im Magazin häufig verwendete Begriff „Vertragsarbeit“ erst in den 1990er Jahren im Rahmen bundesrepublikanischer Regierungspolitik entstand. In öffentlichen Debatten sowie innerhalb der Bleiberechtskämpfe hat er sich bis heute etabliert und wird auch von den Betroffenen verwendet (vgl. Dossier Bundessstiftung Aufarbeitung).
Wir danken der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie allen Autor*innen und Interviewpartner*innen, die diese Ausgabe ermöglicht haben. Das nächste LaG-Magazin erscheint am 1. Juli 2026. Es widmet sich der Erinnerung und Aufarbeitung von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus.
In eigener Sache: Wir freuen uns, den Relaunch unseres Portals „Lernen aus der Geschichte“ bekanntzugeben. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 ist es zu einem umfangreichen Archiv für Bildungsmaterialien, Fachbeiträge und Projektberichte angewachsen. Auch alle Magazinausgaben seit 2009 sind dort abrufbar. Dieses Archiv bleibt erhalten und steht weiterhin für Recherchen zur Verfügung. Zudem können wie gewohnt Veranstaltungen angekündigt und Informationen geteilt werden. Nutzen Sie das Portal weiterhin und geben Sie uns gern Feedback!
Ihre LaG-Redaktion
Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
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