Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins

Liebe Leser*innen,
im April dieses Jahres kamen Historiker*innen, Gedenkstättenpädagog*innen und andere Interessierte in Berlin zusammen, um über die Bildungsarbeit zu inhaftierten Frauen in der DDR zu sprechen. Haft in der DDR und in der Sowjetischen Besatzungszone ist ein Thema, das vor allem an den ehemaligen Haftorten vermittelt und oft auch dort erforscht wird. Denn diese Orte öffnen den Zugang zu den Quellen: zu behördlichen Akten, Bildern, Objekten und nicht zuletzt zu den ehemaligen Inhaftierten – über Opferverbände, die diese nach 1990 in Bezug auf diese Haftorte gründeten.
Die Hafterfahrungen von Frauen bleiben an DDR-bezogenen Gedenkstätten und Lernorten bis heute ein Randthema. Daher ging es in der Expert*innenrunde vor allem um Konzepte der Bildungs- und Vermittlungsarbeit – ein praxisnaher Fachaustausch. Vorweggenommen sei: Solche Formate sollte es für dieses Thema viel häufiger geben. Denn geschlechterspezifische Sichtweisen haben es schwer, sich durchzusetzen. Männliche Erzählungen sind immer noch normgebend für das allgemein geltende Bild von Haft in der DDR, ihnen wird oft die Frauen- oder die queere Perspektive als Sonderaspekt beigeordnet. Dieser Befund ist nicht neu und auch nicht spezifisch für das Thema DDR-Haft, Geschlechterforscher*innen kritisieren das an der Geschichtsschreibung seit Jahrzehnten. Dass der Blick auf die Kategorie Geschlecht zu neuen Erkenntnissen führt, sollte selbstverständlich für eine demokratische Forschungs- und Erinnerungspraxis sein. Besucher*innen von Gedenkstätten fragen längst danach.
Das vorliegende Magazin dokumentiert den Workshop und setzt dabei einen eigenen Akzent: die Frauenhaft in Ost-Berlin. Daher sind auch neue Beiträge enthalten, die gemeinsam mit ausgewählten Workshopinputs eine Bestandsaufnahme leisten: Welche Haftorte für Frauen gab es in Ost-Berlin? Wie weit ist die Aufarbeitung zu ihnen und welche Bildungsformate werden angeboten? Langjährig engagierte Expertinnen stellen übergreifende Fragen, diskutieren bisherige Konzepte und zeigen Wege auf, wie es weitergehen soll.
Für Ost-Berlin in den 1980er Jahren scheint das ehemalige Frauengefängnis an der Grünauer Straße in Berlin-Köpenick mit mehr als 600 Verwahrplätzen ein bedeutender Haftort gewesen zu sein. Viele Insassinnen dort waren nach Paragraf 249 des DDR-Strafgesetzbuchs aufgrund sogenannten asozialen Verhaltens inhaftiert – ein Haftgrund, der nicht als politisches Delikt galt und noch heute nur in Einzelfällen rehabilitiert wird. Er könnte jedoch für das Verständnis von (DDR-)Geschichte und Gegenwart aufschlussreich sein, eine weitergehende Erforschung dieses Ortes ist hierfür eine wichtige Voraussetzung.
Die Beiträge im Einzelnen:
Unsere Fragen zum Konzept des Workshops beantwortet Henrike Voigtländer. Sie berichtet über die Diskussionen und die Ergebnisse.
Silke Klewin führt im Interview haftortübergreifend in das Thema ein, sie beschreibt den Stand der Aufarbeitung und formuliert Ziele für die weitere Arbeit.
Viele in Ost-Berlin Verurteilte saßen ihre Haftstrafe im Frauengefängnis Hoheneck ab. Nancy Aris blickt kritisch auf die Ausstellung in der neuen Gedenkstätte in Stollberg.
Elke Stadelmann-Wenz zeigt, welche spannenden Ergebnisse bereits die quantitative Auswertung von Haftakten in der Gedenkstätte Hohenschönhausen liefert.
Über die Ausstellung zu den Arbeitskommandos weiblicher Strafgefangener in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen berichtet der Kurator Andreas Engwert.
Fruzsina Müller und Hannes Schneider fragen, wo die Aufarbeitung der Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Station in Berlin-Buch heute steht.
Bis 1973 war das Frauengefängnis in der Barnimstraße die zentrale Ost-Berliner Hafteinrichtung für Frauen – einen Hörweg am historischen Ort stellt Julia Stoff vor.
Jessica Bock rezensiert die Wanderausstellung „frauenHAFT“: Im Speziallager Sachsenhausen in Oranienburg befand sich die größte Gruppe inhaftierter Frauen in der Sowjetischen Besatzungszone.
Wir danken dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für die Förderung dieser Magazinausgabe. Der Workshop „Frauen in Haft. Historisch-politische Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten der SBZ und der DDR“ wurde von der Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V./Lernort Keibelstraße, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam konzipiert und durchgeführt. Den Initiatorinnen und den Autor*innen, die zu dieser Magazinausgabe beigetragen haben, danken wir herzlich.
Mit dem nächsten LaG-Magazin schauen wir auf das Berliner Olympiagelände: Wie wird dort an die Olympischen Spiele von 1936 erinnert? Diese Ausgabe erscheint am 25. November 2026 in Zusammenarbeit mit dem Sportmuseum Berlin.
Ihre LaG-Redaktion
Gefördert durch den Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
