Vorwort
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
Annemarie Hühne-Ramm ist Geschäftsführerin der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung.
Liebe Leser*innen,
historische Verantwortung zu übernehmen, beinhaltet in Deutschland auch, sich mit der nationalsozialistischen Zwangsarbeit zu beschäftigen. Während die Zahl der Zeitzeug*innen abnimmt, wächst die Dringlichkeit, Wissen zu sichern, Erinnerung lebendig zu halten und daraus Orientierung für die Gegenwart zu gewinnen.
Diese Ausgabe des Magazins „Lernen aus der Geschichte“ leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Sie präsentiert aktuelle Forschung, beleuchtet unbekanntere Aspekte und öffnet bewusst den Blick über nationale Grenzen hinaus. Denn NS‑Zwangsarbeit war kein ausschließlich deutsches Phänomen, sondern ein gesamteuropäisches System, das Millionen Menschen betraf. Zugleich zeigen die Beiträge, dass sich der Komplex der NS-Zwangsarbeit nur dann umfassend erkennen lässt, wenn die Quellen aller Beteiligten einbezogen werden – von Zwangsarbeiter*innen über Mitarbeitende und Unternehmensleitungen bis hin zur lokalen Bevölkerung und zu staatlichen Stellen.
Auch für die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung ist die Auseinandersetzung mit NS‑Zwangsarbeit ein zentrales und dauerhaftes Anliegen. Wir unterstützen verschiedene Formate, um dieses Thema weiter aufzuarbeiten. Gemeinsam mit der Bayer AG haben wir erste Schritte unternommen: Ein Erinnerungsort vor dem Unternehmenssitz ist ein sichtbares Zeichen und lädt dazu ein, sich vertiefend mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Dieser Ort ist den ca. 16.000 Zwangsarbeiter*innen der Betriebsgemeinschaft Niederrhein der I.G. Farben gewidmet. Zudem wollen wir die Forschung weiter vorantreiben – etwa durch eine geplante Studie zur Zwangsarbeit der Standorte am Niederrhein. Ziel ist es darüber hinaus, die gewonnenen Erkenntnisse mit lokalen Aktivitäten zu verbinden und so neue Formen der Erinnerung und Bildungsarbeit zu stärken.
Diese Ausgabe verdeutlicht: Die Auseinandersetzung mit NS‑Zwangsarbeit ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie verlangt kontinuierliche Forschung, institutionelle Verantwortung und gesellschaftlichen Dialog. Magazine wie dieses schaffen dafür eine unverzichtbare Grundlage, indem sie Einblicke in die Forschung ermöglichen und neue Perspektiven für Erinnerung und Bildung eröffnen.
Ich danke der Redaktion sowie allen Autor*innen für ihre wertvollen Beiträge und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Annemarie Hühne-Ramm
Geschäftsführerin
Hans und Berthold Finkelstein Stiftung