Verbotene Liebe – die Ausstellung „trotzdem da!“
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
Tobias Rischk ist Redaktionsassistent des Magazins Lernen aus der Geschichte. Als freiberuflicher Historiker beschäftigt er sich u. a. mit der Geschichte des NS, deutsch-jüdischer Geschichte, der Geschichte der Extremen Rechten nach 1945 sowie der Erinnerungskultur im Berliner Stadtraum.
Tobias Rischk
Ingelore Prochnow ist 1944 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück geboren, weil ihre Mutter eine sogenannte verbotene Beziehung mit einem polnischen Zwangsarbeiter eingegangen war. In einer langen schmerzhaften Suche nach ihrer Herkunft rekonstruierte Prochnow die Umstände ihrer Geburt. Sie fragte sich, wie man als Baby in einem KZ überleben konnte. „Du hattest hier in Ravensbrück viele Mütter“, war die Antwort einer ehemaligen Insassin bei einer Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte Ravensbrück. Ingelore Prochnow tritt als Zeitzeugin auf und ihre Biografie ist Teil der Wanderausstellung „trotzdem da!“.

Die Ausstellung betont zentrale Aspekte, die das Thema Zwangsarbeit mit der NS-Gesellschaft verbinden: Zwangsarbeit gehörte zum Alltag der nationalsozialistischen Kriegsgesellschaft und wurde von Menschen verrichtet. Und wo Menschen auf Menschen treffen, enstehen Begegnung, Kontakt und manchmal auch Liebe. Da der rassenwahnsinnige, totalitäre NS-Staat jedoch bestimmen wollte, in welche Menschen sich „arische“ Deutsche zu verlieben hatten, gab es „verbotene“ und „unerwünschte“ Beziehungen, aus denen auch Kinder entstanden. Diese Kinder waren eben trotz der faschistischen Ideologie der Nationalsozialisten da. Vom bewegenden Schicksal einiger dieser Kinder berichtet die Ausstellung.
Die Ausstellung „trotzdem da!“
Die Ausstellung ist Teil eines zweijährigen Forschungsprojekts der Gedenkstätte Lager Sandbostel zu den Kindern aus Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeiter:innen oder Kriegsgefangenen. Für das Projekt konnten zwanzig Kinder ausfindig gemacht und interviewt werden. Neun von ihnen werden in der Ausstellung ausführlich portraitiert. Jede:r Betroffene hat eine eigene Station. Sie besteht aus einführenden Texten, Faksimiles von Dokumenten, Bildern und einem Videointerview. Mit der Station „Das unbekannte Kind“ macht die Ausstellung die eigenen Herausforderungen und Leerstellen des Projekts sichtbar. Man erhält kompakte Informationen über die Lebensgeschichte der Betroffenen, die familiäre Konstellation, meist war die Mutter deutsch, und den historischen Kontext bezüglich des Verbots der elterlichen Verbindung.

Die Auswahl der Biografien ist so kuratiert, dass sie ein breites Spektrum „verbotener“ beziehungsweise „unerwünschter“ Beziehungen zeigen, gleichwohl mit dem Fokus auf die Kinder, die aus dieser Verbindung geboren wurden. In der perfiden nationalsozialistischen Rassenlogik machte es einen Unterschied, ob der Vater ein polnischer oder ein niederländischer Zwangsarbeiter war. Die biografischen Stationen sind säulenartig angeordnet, man wandelt durch die Leben der Betroffenen. Die gesamte Komplexität menschlich-intimer Beziehungen im Kontext der NS-Zwangsarbeit vermag die Ausstellung nicht abzubilden. Doch die kluge Auswahl der Biografien lädt zur weitergehenden Beschäftigung ein. Diese wird durch eine zusätzliche Station mit Informationen zum historischen Kontext ermöglicht. Sie zeigt in chronologisch-didaktischer Weise, warum diese Beziehungen im NS „verboten“ oder „unerwünscht“ waren, welche Konsequenzen das hatte und welche Traumata und Stigmatisierungen damit einhergingen, die bis weit in die Nachkriegsgesellschaften reichten. Auch die geschichtswissenschaftliche und erinnerungskulturelle Aufarbeitung dieses Themas findet Erwähnung an dieser Station.
Für die Wanderausstellung stehen die Stationen bereits bis Ende 2027 fest. Der Online-Auftritt der Ausstellung funktioniert wie eine virtuelle Variante, sodass man sich auch ortsunabhängig mit dem Thema beschäftigen kann.
Erfahrungen und Chancen der historisch-politischen Bildung
Der biografische Ansatz der Ausstellung bietet einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema „verbotene“ Beziehungen und zur Beschäftigung mit dem System der NS-Zwangsarbeit. Mit Schüler:innen kann der Einstieg in das Thema über Fragen der Identität und Herkunft gelingen. Sobald sie sich mit einem Schicksal beschäftigen, ergeben sich viele weitere Fragen: Warum waren diese Beziehungen „verboten“? Wo arbeiteten Zwangsarbeiter:innen während der NS-Zeit? Wie prägte ihre „verbotene“ Herkunft die Betroffenen? Zur Unterstützung bei ihrer Beantwortung, zur Vor- und Nachbereitung sowie für den Ausstellungsbesuch selbst hat die Projektgruppe Multi-peRSPEKTif Bildungsmaterialien erarbeitet.
Doch auch Erwachsene schätzen den Zugang zum Thema über die Biografien, wie Eva Kuby, historisch-politische Bildnerin des Berliner Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit, berichtet. Die Teilnehmenden der öffentlichen Führungen fanden zum Beispiel die Geschichten der Betroffenen sehr berührend. Über ihr eigenes Nichtwissen zum Thema waren sie schockiert. Die Ausstellung regte sie an, über die eigene Familiengeschichte im Nationalsozialismus nachzudenken. Die Beschäftigung damit ist mit der Öffnung der archivierten NSDAP-Mitgliederkartei des US-Nationalarchivs in Washington D.C. aktuell in den Fokus einer breiteren deutschen Öffentlichkeit gerückt (Staas 2026).
Wie die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit Christine Glauning (siehe Interview im Magazin) auf der Tagung zur Ausstellung betonte, begann die Forschung zum sogenannten verbotenen Umgang erst vor etwa zehn Jahren. Die Geschichtsschreibung über die Kindern aus diesen Beziehungen steht erst recht noch am Anfang. Entsprechend zeigt sich das auch in der Erinnerungskultur. Bis heute wird kaum an die Schicksale der Kinder erinnert, deren Mütter und Väter wegen ihrer Liebe kriminalisiert wurden. Die Ausstellung „trotzdem da!“ gibt diesen Kindern eine Stimme – und den Interessierten einen Einblick in einen unterbelichteten Aspekt der Zwangsarbeit in NS-Deutschland.
Literatur
Staas, Christian: Späte Wahrheiten, in: DIE ZEIT, 09.04.2026, S. 27.