Sowjetische Zwangsarbeit erinnern: Ursprünge und Wandel
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
Daria Reznyk ist assoziierte Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Doktorandin an der Universität Leipzig sowie Mitglied der ukrainischen NGO After Silence. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die sowjetischen Deportationen von 1944 bis 1953, Zwangsarbeit in der Sowjetunion und NS-Deutschland, Erinnerungspolitik und Oral History.
Daria Reznyk
Übersetzung: Anna Labentz
Halyna Herasymtschuk war 18, als sie ins sogenannte Steplag („Steppenlager“) in Kasachstan deportiert wurde, eines der größten Lager für politische Häftlinge im Gulagsystem. Wie alle Insass:innen musste sie schwere Zwangsarbeit leisten. Sie sagte später, sie habe „Glück“ gehabt, weil man sie zum Holzfällen eingeteilt hatte. Das sei vergleichsweise „leichte“ Arbeit gewesen. Andere Frauen mussten im nahegelegenen Steinbruch arbeiten, wo sie Steine in Förderwagen schleppten – eine Schinderei, die viele „verkrüppelt und kaum am Leben“ zurückließ (Interview mit Herasymtschuk 2022).
Das Steplag beruhte auf Häftlingsarbeit im Bergbau und der Bauindustrie. Die Bedingungen waren hart, der Lebensstandard unzureichend. Das führte zur Verbreitung von Krankheiten wie Tuberkulose und Silikose. Herasymtschuk blieb bis 1956 im Lager. Dann wurde sie infolge von Nikita Chruschtschows „Geheimrede“, in der er den Personenkult um Stalin anprangerte, entlassen. Eines der fundamentalen Merkmale des sowjetischen Systems sprach Chruschtschow jedoch nicht an: die Zwangsarbeit. Oft mit dem Gulag assoziiert, umfasste sie ein breiteres Spektrum an Praktiken, darunter Arbeitslager, spezielle Siedlungen und Formen „gesellschaftlich nützlicher Arbeit“. Gefängnisarbeit war tief in die sowjetische Gesellschaft eingebettet. So existierten nahe der meisten großen Städte Unterlager. Dieses Nebeneinander prägte zusammen mit den massenhaften Repressionen von den 1930er bis in die 1950er Jahre das kollektive Gedächtnis – man erinnerte sich an die Zwangsarbeit noch lange nach dem Zerfall der Sowjetunion.

In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, wie und von wem die Erinnerung an die Zwangsarbeit in der Sowjetunion konstruiert wurde, wie sie in der Gedächtnislandschaft (nicht) repräsentiert ist und wie sich dieses Gedächtnis seit 1991 verändert hat. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Erinnerungsräumen in Russland und in der Ukraine.
Arbeit in der Sowjetunion: Von der Verherrlichung zum Zwang
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist ein bekannter Aphorismus, den Lenin in der Sowjetunion aufgriff. Er fand Eingang in alle drei sowjetischen Verfassungen, die von 1918, von 1936 und die von 1977. Arbeit war damit als grundlegende Pflicht definiert. Für den „Aufbau des Kommunismus“ war Lenin zufolge die Arbeit essenziell. Gemeinsam mit anderen prominenten Parteikadern wie Trotzki und Bucharin entwickelte er ein Konzept der Zwangsarbeit, das sich zunächst gegen die ehemalige Bourgeoisie richtete. Das Gebiet des sogenannten Fernen Ostens (sprich: fern von Moskau) stellte eine größere Herausforderung dar, da es dort an der für die Industrialisierung notwendigen Infrastruktur mangelte. Anfangs ermutigte die Regierung die Bevölkerung zur freiwilligen Umsiedlung zwecks gesellschaftlich nützlicher Arbeit, doch erwies sich dieser Ansatz schnell als ineffektiv. Nur wenige Menschen waren gewillt, dort zu arbeiten (Polyan 2001: 61). In den späten 1920er Jahren schlug Nikolai Janson vor, die Zwangsarbeit aktiver zu nutzen, vor allem beim Holzfällen und bei der Urbarmachung der sog. tselina (Neuland). Umgesetzt wurde diese Idee mit der Zwangsarbeit deportierter „Kulaken“ – wohlhabender Bauern. Sie wurden zu einer der wichtigsten Zielgruppen.
1930 wurde die „Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -kolonien“ (Gulag) gegründet, um das Lager- und Siedlungssystem zu überwachen. Ab 1933 wurden die Deportationen und Zwangsarbeit auf sogenannte „politisch unzuverlässige Elemente“ ausgeweitet, und nach dem Zweiten Weltkrieg auf Deportierte aus „unzuverlässigen“ Nationen – etwa Deutsche, Pol:innen, Jüdinnen und Juden, Ukrainer:innen, Krimtatar:innen, Litauer:innen, Lett:innen und andere.

Zwischen 1920 und 1952 wurden in der Sowjetunion insgesamt ungefähr sechs Millionen Menschen Opfer interner Deportationen. Diese Zahl umfasst sowohl Gulag-Häftlinge als auch sogenannte Sondersiedler:innen. Die Gulag-Häftlinge hielt man in Lagern und Gefängnissen gefangen, sie unterlagen einem härteren Haftsystem. Die „Sondersiedler:innen“ zwang man, in entlegene Siedlungen umzuziehen, wo der NKWD sie überwachte. Der NKWD war das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, also Geheimpolizei, Nachrichtendienst und Strafverfolgungsbehörde. Die Zwangsumgesiedelten lebten unter vergleichsweise „einfacheren“ Bedingungen. Sie wohnten oft mit ihren gesamten Familien in Baracken, während die Gulag-Häftlinge völlig isoliert lebten. Grundsätzlich mussten sowohl Gulag-Häftlinge als auch Zwangsumgesiedelte Zwangsarbeit leisten. Es traf jedoch nicht alle – ausgenommen waren etwa ältere Menschen, Kinder und Kranke. Die umfangreiche Deportationspraxis ermöglichte die Zwangsarbeit. Infolgedessen – selbst wenn repressive Politiken und Zwangsarbeit separate historische Phänomene sind – existieren sie in der Erinnerung an den Stalinismus oft nebeneinander.
Die Konstruktion von Gedächtnis
Ein weit verbreitetes Missverständnis bezüglich des kollektiven Gedächtnisses in der Sowjetunion geht davon aus, dass Erinnerungspraktiken als solche nicht existierten, sondern „verboten“ waren (Grinchenko 2012: 424). Nach 1953, als die offizielle Repressionspolitik und Zwangsarbeit zurückgingen, entwickelte sich jedoch die Erinnerung an die gelebte Erfahrung in unterschiedlichen Kontexten.
In den 1950er und 1960er Jahren wurden ehemalige Häftlinge zu zentralen Akteuren des Gedenkens, zugleich waren sie bürokratischen Barrieren, Diskriminierung und sozialer Stigmatisierung ausgesetzt. Um ihr Leben wieder aufzubauen, versuchten viele, ihre Vergangenheit vor ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld zu verbergen, zugleich wurden sie unablässig vom KGB kontrolliert. Chruschtschows „Geheimrede“ von 1956 schuf einen begrenzten Möglichkeitsraum, die Repressionen öffentlich zu diskutieren. 1962 veröffentlichte Aleksander Solschenizyn „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und stieß damit eine Debatte über die Frage an, ob Häftlinge wirklich „Volksfeinde“ gewesen seien und ob Zwangsarbeit sie hätte reformieren können (Dobson 2005). Solche Diskussionen standen jedoch unter strenger Kontrolle; so wurde auch der Text zensiert und später aus den Bibliotheken entfernt. 1973–1975 erschien Solschenizyns „Archipel Gulag“ ausschließlich im Ausland. Obwohl die öffentliche Debatte zwischen 1960 und 1985 begrenzt blieb, legte sie den Grundstein für eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema während Perestrojka und Glasnost. Ein Meilenstein war in diesem Zusammenhang die Gründung der Nichtregierungsorganisation Memorial im Jahr 1987, die später in die ehemaligen Sowjetrepubliken expandierte. Erste Versuche einer Erinnerungskultur von unten gab es bereits in den späten 1980er Jahren, als lokale Expert:innen und Historiker:innen Museen initiierten – ohne Regierungsbeteiligung (Staf 2023). Frühere sowjetische Ausstellungen verherrlichten Projekte wie etwa den Weißmeer-Ostsee-Kanal, ohne die Zwangsarbeit und die hohe Zahl der Opfer, die sein Bau gefordert hatte, zu erwähnen (Makhotina 2010: 94).
Diese frühen Versuche zeigen, dass es in der Sowjetunion sehr wohl eine Erinnerungskultur gab − deren Themen erwiesen sich schließlich als essenziell für breitere Debatten zum kollektiven Gedächtnis in den unabhängigen postsowjetischen Republiken. Was die ehemaligen Opfer von Zwangsarbeit betrifft, so wurden ihre verschwiegenen Erfahrungen zu einem notwendigen Bestandteil der nach 1991 einsetzenden Transformation der Erinnerung.
Nimmt die Erinnerung unterschiedliche Wege?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der schrittweisen Neubewertung des Stalinismus stellten sich manche vor, dass die postsowjetische Gesellschaft allmählich eine breit rezipierte Erinnerungskultur und einen öffentlichen Diskurs über die Repressionen etablieren würde. Dieser Prozess wurde durch eine sukzessive Öffnung der Archive vorangetrieben, was die Verbreitung von Wissen zum Gulagsystem und dessen Praktiken ermöglichte.
Eine der ersten Publikationen auf Basis der nun zugänglichen NKWD-Archive war ein 1992 erschienener Artikel von Oleg Chlewniuk, der darlegte, dass die Zwangsarbeit im Gulag trotz ihres systematischen Einsatzes zugunsten der sowjetischen Wirtschaft ineffizient und oft auch unrentabel blieb. Die Interpretationen des Lagersystems waren von Zeugenberichten ehemaliger Opfer und der Arbeit von Memorial geprägt, das Rechtshilfe anbot, Zeitzeugnisse veröffentlichte und Gedenkstätten errichtete. Sandarmoch, eine 1997 in Russland auf Initiative von Memorial errichtete Gedenkstätte, wurde aufgrund der Politisierung des Gulag und der stalinistischen Repressionen zu einem Ort der „Erinnerungskonflikte“. Zugleich vermieden die russischen Autoritäten, Verantwortung für die Hinrichtungen zu übernehmen. Indem Russland das Erbe der Sowjetunion antrat, versuchte es, eine Balance zwischen der Anerkennung der Repressionen und der Verherrlichung der sowjetischen Geschichte zu finden – insbesondere des Sieges über den Nationalsozialismus –, wobei es die sowjetische Verantwortung noch weiter herunterspielte. Ehemalige Sowjetrepubliken und verschiedene ethnische Gruppen mühten sich derweil ab, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihnen eine Stimme zu geben. Seit den frühen 2000er Jahren divergierten diese Entwicklungslinien des Gedenkens immer mehr. Dabei stellen Russland und die Ukraine besonders illustrative Beispiele dar.
In einem Interview mit dem US-amerikanischen Filmemacher Oliver Stone von 2017 behauptete Wladimir Putin, dass die „exzessive Dämonisierung“ Stalins „ein Mittel sei, die Sowjetunion und Russland anzugreifen“. Zwar erkannte Putin an, dass die zahlreichen Opfer des Stalinismus „in Betracht gezogen werden müssten“, fügte aber hinzu, dass „Stalin ein effektiver Manager“ gewesen sei. Umfragen zeigen, dass die Meinungen zu Stalin zwischen 2008 und 2014 größtenteils neutral waren, sich seit 2015 aber deutlich zum Positiven gewandelt haben – und das unabhängig vom Alter der Befragten. Dieser Wandel geht zurück auf eine breit angelegte Staatspolitik, die vor allem nach 2014 eine antiwestliche, neoimperiale Logik annahm (Garner/Kuzio 2025: 25–26). Dieser Trend wird in der schrittweisen Umorientierung von Institutionen und deren Gedenkpraktiken sichtbar. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Schließung des Staatlichen Museums der Geschichte des Gulag im Jahr 2024, das durch ein Museum des Genozids am sowjetischen Volk ersetzt werden soll, mit einem Fokus auf die Verbrechen der Nationalsozialisten. Bislang diskutierte Themen wie Zwangsarbeit und die Pluralität historischer Narrative werden durch die Ideologie der „Verteidigung Russlands“ zunehmend neu ausgerichtet beziehungsweise verdeckt. Diese Trends haben sich seit dem 2014 begonnenen Krieg gegen die Ukraine, insbesondere nach der vollumfänglichen Invasion Russlands in die Ukraine 2022 verstärkt.
Dagegen lässt sich in der heutigen Ukraine ein „Fest der Geschichtspolitiken“ (Kasianov 2022: 390) beobachten, geprägt durch hohe Sensibilität für die Vergangenheit und oft widersprüchliche Entscheidungen bezüglich des Gedenkens. Nach 2014 und insbesondere seit 2022 setzt die ukrainische Gesellschaft die Sowjetunion zunehmend mit dem heutigen Russland gleich. Dekolonialisierungsprozesse zielen darauf ab, historische Narrative zu „entrussifizieren“, indem sie die sowjetische Repression als Teil einer allgemeineren imperialen russischen Politik darstellen. Auf Staatsebene wird diese Perspektive vom Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken aktiv vorangetrieben und durch die Entkommunisierungsgesetze sowie die Öffnung der KGB-Archive verstärkt. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Ausstellung „Communism = Rashizm“ (dt.: „Kommunismus = Raschismus“) von 2024/25, in der die Geschichten der Opfer sowjetischer Repression mit denen des andauernden Krieges Russlands gegen die Ukraine verknüpft werden. „Raschismus“ ist ein Neologismus (zusammengesetzt aus „Russia“ und „Faschismus“), der die Ideologie und die politischen Maßnahmen des modernen russischen Staates beschreibt.
Unter Kriegsbedingungen nahm das Interesse an der nationalen Geschichte in der Ukraine erheblich zu – mit dem Ziel, ukrainische Geschichte in den Fokus zu rücken. In diesem Kontext spielen Nichtregierungsorganisationen und lokale Akteure eine große Rolle. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die NGO After Silence, gegründet 2021 in Lwiw von jungen Forscher:innen, die sich mit der brutalen Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert beschäftigten. Die Organisation setzt sich mit individuellen Erfahrungen auseinander, indem sie Zeug:innen trifft und Familienarchive digitalisiert. Als vom Staat unabhängiger Akteur treibt die NGO die Dekolonialisierung ukrainischer Geschichte von russischen Narrativen voran.

Damit wird deutlich, dass ein im Kern gleichartiger Prozess seitens des Staates (vertreten durch das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken) und seitens lokaler Initiativen stattfindet. Die Geschichte der Zwangsarbeit und der Repressionen fungiert hier als zusätzliches Argument im Kampf gegen Russland, das mit der Sowjetunion gleichgesetzt wird. Während Putin in Russland ein einheitliches Gedächtnismodell etablierte, indem er historische Narrative umgestaltete oder mundtot machte, ist die Ukraine seit 2014 Schauplatz einer vom Krieg geprägten Vervielfältigung der Geschichtspolitik. Die Geschichte der Repression in der Sowjetunion, einschließlich der Zwangsarbeit und des Stalinismus, hat sich erheblich verändert: von der Validierung individueller Erfahrungen hin zur Instrumentalisierung der Vergangenheit in aktuellen politischen Narrativen. Es scheint, als sei die Konstruktion eines einzelnen, einheitlichen Gedenknarrativs für alle ehemaligen sowjetischen Republiken – insbesondere Russland und die Ukraine – weder machbar noch wünschenswert. Dies stattet uns wiederum mit einer Vielfalt an Narrativen aus und wird die Erinnerungskultur in Friedenszeiten hoffentlich zum Besseren prägen.
Literatur
Dobson, Miriam: Contesting the Paradigms of De-Stalinization. Readers’ Responses to One Day in the Life of Ivan Denisovich, in: Slavic Review, 64 (2005), H. 3, S. 580–600.
Etkind, Alexander: Russia against Modernity, Cambridge 2023.
Garner, Ian/Kuzio, Taras (Hrsg.): Russia and Modern Fascism. New Perspectives on the Kremlin’s War against Ukraine, Stuttgart 2025.
Grinchenko, Gelinada: The Ostarbeiter of Nazi Germany in Soviet and Post-Soviet Ukrainian Historical Memory, in: Canadian Slavonic Papers, 54 (2012), H. 3–4, S. 401–426.
Kasianov, Georgiy: Memory Crash. Politics of History in and around Ukraine, 1980s–2010s, Budapest 2022.
Makhotina, Ekaterina: Vom „Heldenepos“ zum „Opferort“ und zurück. Gedächtnisorte des Weißmeerkanals im heutigen Russland – eine Lokalstudie im Medvež’egorsker Rayon, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 58 (2010), H. 1, S. 70–99, URL: http://www.jstor.org/stable/41052382 [eingesehen am 15.04.2026].
Polyan, Pavel: Against Their Will: The History and Geography of Forced Migrations in the USSR, Budapest 2004.
Staf, Vladislav: Local Initiatives. A Historical Analysis of the Creation of Memorial Museums of the Gulag in (Post)Soviet Russia, in: Problems of Post-Communism, 70 (2023), H. 5, S. 471–478. URL: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10758216.2023.2166846 [eingesehen am 15.04.2026].