Schwarze Schwestern in sozialistischen „Bruderstaaten“

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte 

, , ,

Maresa Nzinga Pinto beschäftigt sich transdisziplinär mit kollektiver Erinnerung, Zugehörigkeit und Widerstand in neokolonialen, realsozialistischen und intersektionalen Kontexten. In partizipativen erinnerungskulturellen Projekten forschte sie zu Schwarzer Bewegungsgeschichte sowie zu Solidaritäten marginalisierter Communities. Derzeit arbeitet sie an dem Community-Archivprojekt „Schwarze Geschichte(n) in Ostdeutschland“.

Maresa Nzinga Pinto

Laut einer Akte des Bundesarchivs verweigerten fünfzehn mosambikanische Werktätige im Januar 1989 im Volkseigenen Betrieb (VEB) Gewächshausanlage Vockerode (heute Bundesland Sachsen-Anhalt) die Annahme ihres Lohns und blieben der Arbeit fern. Sie drohten sogar damit, die Pflanzen des Gewächshauses zu vergiften. Unter ihnen waren sechs Frauen, die schon wiederholt gegen prekäre Arbeitsbedingungen und schlechte Löhne protestiert hatten. Als Streikführerinnen wurden sie „disziplinarisch zur Verantwortung“ gezogen und nach Mosambik „zurückgeführt“ (BArch DQ 3/2131).

Im Bundesarchiv finden sich zahlreiche Geschichten Schwarzer Frauen in der DDR. Häufig sind sie von Kontrolle, Paternalismus sowie patriarchaler und rassistischer Gewalt des SED-Staates geprägt. Die Perspektiven der Migrantinnen selbst bleiben jedoch meist unsichtbar. Dennoch sind diese Archivzeugnisse geeignet, um die dominante Vorstellung von einer „männlichen“ Migration in die DDR zu hinterfragen.

Das Abkommen zwischen zwei Bruderstaaten

Migrant*innen kamen auf unterschiedlichsten Wegen in die DDR; die meisten als Vertragsarbeitende aus sogenannten sozialistischen Bruderstaaten. Auch in Mosambik sollte nach der Unabhängigkeit 1975 der Sozialismus eingeführt werden. Unterstützung erhielt Mosambik dabei von der DDR. 1979 unterzeichneten beide Staaten das Abkommen über „die zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben der DDR“ (BArch DQ 3/2131). Die Befreiungsbewegung und spätere Regierungspartei FRELIMO erhoffte sich von dem Abkommen, die Folgen kolonialer Ausbeutung zu überwinden und die sozialistische Entwicklung voranzutreiben. Mosambikanische Arbeiter*innen sollten daher neben einer technischen Qualifikation eine ideologische Schulung erhalten und nach etwa vier Jahren als ausgebildete Fachkräfte zurückkehren. Doch vor allem die DDR profitierte wirtschaftlich und symbolisch von dem Abkommen, das als Ausdruck von „Völkerfreundschaft“ und „internationaler Solidarität“ galt.

Teil der sozialistischen Ideologie beider Staaten war auch der offizielle Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit. Bereits 1973 erklärte der spätere Präsident der FRELIMO und somit der Volksrepublik Mosambiks, Samora Machel: „Die Befreiung der Frauen ist eine Notwendigkeit für die Revolution“ (Machel zit. nach Arnfred 2011: 24). Auch in der DDR galten Rassismus und Sexismus offiziell als überwunden. Dennoch blieben patriarchale Strukturen weitgehend bestehen (Harsch 2015: 87f.). Obwohl eine patriarchale Geschlechterordnung ideologisch abgelehnt wurde, zeigte sie sich in der Praxis staatlicher Autorität – insbesondere in ihrem Zusammenwirken mit rassistischen Zuschreibungen. Von rund 20.000 mosambikanischen Vertragsarbeitenden, die zwischen 1979 und 1989 in die DDR kamen, waren lediglich zehn bis fünfzehn Prozent Frauen (Allina 2017: 88). Während Männer überwiegend im Bergbau oder in der Schwerindustrie eingesetzt wurden, arbeiteten viele Vertragsarbeiterinnen in der Textilproduktion (Schenck 2022: 68).

Auch Ana Raquel Masoio arbeitete in einer Textilfabrik (Ihr Name ist kein Pseudonym; die Gesprächspartnerin legte Wert darauf, mit ihrem richtigen Namen genannt zu werden). Sie kam 1985 mit dem Wunsch in die DDR, Krankenschwester zu werden. Eine Ausbildung erhielt sie nicht, ebenso wenig den vollständigen Lohn. 1989 wurde sie schwanger nach Mosambik zurückgeschickt – mit dem Versprechen, der einbehaltene Lohn werde dort ausgezahlt. Für die Anerkennung ihrer Erfahrung und den Lohn kämpft sie bis heute. Doch welche Erfahrungen machten sie und ihre mosambikanischen Kolleginnen in der DDR? Und wie gestaltete sich ihr Leben nach ihrer Rückkehr? In Interviews habe ich mich gemeinsam mit Ana Raquel und weiteren ehemaligen Vertragsarbeiterinnen an ihre Zeit im sogenannten Bruderstaat zurückerinnert.

Kindheit in Mosambik und der Weg in die DDR

Ana Raquel wuchs in einer Familie aus der Mittelschicht in der Großregion Maputos auf. Bereits in ihrer Grundschule wurden damals Schüler*innen ausgewählt, um die Schule der Freundschaft (siehe auch den Beitrag von Pfeffer/Popovic in diesem Heft) in der DDR zu besuchen. Etwa 900 mosambikanische Jugendliche nahmen zwischen 1982 und 1988 an dem Bildungsprogramm teil und erhielten eine allgemeine und berufliche Schulbildung in der DDR. In ihrer Klasse gab es neben ihr noch einen anderen Jungen, der sehr gute Noten hatte. Er wurde ausgewählt, sie blieb zurück. Dennoch träumte sie weiterhin davon, eines Tages mit dem Flugzeug in ein anderes Land zu reisen und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. Diesen Traum konnte sie wegen der anhaltenden inneren Unruhen in Mosambik und dem Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit vorerst nicht realisieren. Eines Tages hörte sie jedoch von der Möglichkeit, eine Ausbildung in der DDR zu absolvieren – und bewarb sich. Ihren Eltern erzählte sie bis kurz vor der Reise nichts von ihren Plänen.

Vor der Ausreise wurden die meisten Vertragsarbeitenden zur Vorbereitung in einem Sammelzentrum untergebracht. Neben allen notwendigen Dokumenten wie Visum und Pass bekamen sie hier auch eine militärische Ausbildung. Zudem mussten sie teilweise übergriffige intime medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen. Viele ehemalige Vertragsarbeiterinnen berichteten, dass sie zur Schwangerschaftsverhütung die Pille bereits vor ihrer Ausreise einnehmen mussten – ein massiver Eingriff in ihre reproduktiven Rechte. Ana Raquel berichtete davon, dass sie damals lediglich einen Schwangerschaftstest machen musste. Wahrscheinlich, weil sie erst 17 Jahre alt war. Am 13. Dezember 1985 flog Ana Raquel von Maputo nach Berlin-Schönefeld.

Ankunft und Leben in der DDR

Nach der Ankunft bezog Ana Raquel ein Wohnheim am Stadtrand in der Nähe ihres Betriebs. Bevor sie anfing, im VEB Oberlausitzer Textilbetriebe Zittau im Drei-Schicht-System in der Spinnerei zu arbeiten, besuchte sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen den Deutschunterricht. Als sich Mitte der 1980er Jahre die Lage der DDR-Wirtschaft weiter verschlechterte und erneut enormer Arbeitskräftemangel herrschte, verkürzte sich die Zeit des Sprachunterrichts (Schenck 2022: 68). Auch die technische Ausbildung blieb teilweise aus. So fing Ana Raquel nach nur drei Monaten Sprachschule an zu arbeiten. Auf Arbeit hatte sie es auch mit rassistischen Kolleg*innen zu tun. Am besten verstand sie sich, so berichtet sie im Interview, mit ihren polnischen Kolleg*innen, trotz unterschiedlicher Sprachen. Ein Teil ihres Lohnes wurde zunächst einbehalten. Dieser sollte ihr bei ihrer Rückkehr nach Mosambik ausgezahlt werden.

Ana Raquel (re.) mit ihren Kolleg*innen im Wohnheim in Zittau, 02.10.1988 © Ana Raquel Masoio

In ihrer Freizeit häkelte sie oder ging gerne tanzen. Manchmal besuchte sie einen Bekannten in Luckenwalde oder fuhr bis an die Grenze zu Dänemark, wo ihr Freund lebte, den sie in der DDR kennengelernt hatte. Dass er sie im Wohnheim besuchte, war kaum möglich: Ohne Voranmeldung durfte kein Besuch ins Wohnheim, Übernachtungen waren strengstens verboten. Paternalistische Kontrollen durch die Betreuer*innen und strenge Regeln bestimmten ihren Alltag. Ana Raquel berichtete, wie sie in den ersten Wochen von ihrer Betreuerin immer gegen 18 Uhr gerufen wurde: „Nimm!“ Sie gab ihr eine Pille und einen Schluck Wasser zum Runterschlucken. Dass sie ein hormonelles Verhütungsmittel einnahm, erfuhr sie nur, weil sie aufgrund von Nebenwirkungen eine Ärztin aufsuchte. Erst nach etwa einem Jahr durfte sie die Pille eigenständig einnehmen, wurde jedoch von ihren Betreuerinnen kontrolliert.

Regelmäßige gynäkologische Untersuchungen gehörten ebenfalls dazu. Denn 1981 war das Abkommen ergänzt worden: Im Falle von Schwangerschaft seien mosambikanische Arbeiterinnen „zurückzuführen“ – mit Verweis auf „nicht gewährleistete Produktivität“. Während Vertragsarbeiterinnen aus anderen Bruderstaaten wie Vietnam und Angola eine Abtreibung legal vornehmen lassen konnten, blieb mosambikanischen Frauen der Zugang zu sicheren Abbrüchen verwehrt. Zugleich verstand Samora Machel Kinder als die „Blüte der Revolution“ (Machel 1976 zit. nach Munslow 1985: 179). Die Vorstellung des jungen mosambikanischen Staates war eng mit dem Bild von Frauen als Müttern der sozialistischen Nation verbunden. Die Kontrolle ihrer Körper wurde so politisch festgeschrieben und institutionell verankert. Auch die DDR hatte ein Interesse daran, schwangere Vertragsarbeiterinnen möglichst rasch zurückzuführen: Andernfalls hätten sie Anspruch auf staatliche Leistungen wie Mutterschaftsurlaub oder Kindergeld gehabt (Schenck 2022: 180). Zugleich hätte ein legaler Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen der DDR ermöglicht, bereits eingearbeitete Arbeitskräfte länger im Betrieb zu halten. In der Vorstellung beider Staaten war der ideale Arbeiter gesund, diszipliniert, folgsam, produktiv und implizit männlich (Schenck 2022: 71). Das vor allem auch Vertragsarbeiterinnen romantische und sexuelle Beziehungen eingingen, Freunde und Bekannte in anderen Wohnheimen besuchten, ausgingen und feierten, war nicht Teil des Plans der DDR.

Ende 1989 wurde Ana Raquel schwanger. Ohne eine Verabschiedung von Freund*innen und Kolleg*innen musste sie die DDR verlassen.

Zurückgehen und Neuankommen in Mosambik

Ihre Familie unterstützte sie nach ihrer Ankunft in Mosambik. Ihr Kind zog sie ohne den Vater groß. Als ihr und auch anderen ehemaligen Vertragsarbeiter*innen bewusst wurde, dass ihr einbehaltener Lohn nicht auf ihr Bankkonto überwiesen wurde, gründeten sie die Vereinigung der mosambikanischen Vertragsarbeiter*innen aus der ehemaligen DDR (ATMA): „Wir warteten, aber sahen unser Geld nicht. Wir dachten, wir würden hier Millionäre werden, wie es uns erzählt wurde. Bis heute kämpfen wir. Das ist unsere Geschichte. Unsere lange Geschichte.“ (Interview mit Ana Raquel Masoio, 13.05.2025).

Ana Raquel nahm erstmalig 1991 an einem der Treffen teil – ihre Tochter war damals ein Jahr alt. Anfangs waren sie etwa zwanzig, in den darauffolgenden Jahren waren es mehrere tausend ehemalige Vertragsarbeitende. Gemeinsam wandten sie sich an die Regierung, um ihren einbehaltenen Lohnanteil einzufordern. Dieser belief sich zwischen 1979 bis 1985 auf 25 Prozent und in den darauffolgenden Jahren auf bis zu 60 Prozent (Mende/Miguel 2021). Erst später erfuhren sie, dass Mosambik seine Schulden bei der DDR mit den einbehaltenen Anteilen beglich. So begannen in den 1990er Jahren in Maputo die wöchentlichen Demonstrationen der ehemaligen „ausländischen Werktätigen“, auch „Madgermanes“ genannt.

Für viele Vertragsarbeitende war es schwierig, sich nach ihrer Rückkehr in der mosambikanischen Gesellschaft zurechtzufinden. Sie waren häufig von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialem Abstieg betroffen, da ihre in der DDR erworbenen Qualifikationen auf dem mosambikanischen Arbeitsmarkt nicht anerkannt wurden. Auch Ana Raquel fand erst nach einiger Zeit eine Anstellung als Pflegekraft und später als Hausangestellte. Die Teilnahme an den Demonstrationen war damals eine Herausforderung für Ana Raquel. Ihre Familie akzeptierte zunächst nicht, dass sie an den Treffen und Protesten der Madgermanes teilnahm. Zudem war es schwierig, sich neben der Bewältigung des Haushaltes, der Care-Arbeit für ihr Kind und ihrer Berufstätigkeit aktivistisch zu organisieren.

Welche Erinnerungen bleiben?

Am Ende unseres Gesprächs erzähle ich Ana Raquel von den streikenden Frauen des VEB Gewächshausanlage Vockerode und frage sie, ob es damals in ihrem Betrieb auch kollektiven Widerstand gab. Sie erwidert: „Nein, es gab keinen Streik. Aber es gab stillen Streik, zum Beispiel, als ich mich wegen des geringen Lohns beschwerte, drohte mir mein Chef mit der Rückführung. Dann habe ich angefangen langsamer zu arbeiten. Das war auch ein Streik, nicht wahr?“ Ähnlich wie die streikenden Frauen nahm auch Ana Raquel den Einbehalt und damit den geringen Lohn, den sie in Deutschland erhielt, zunächst nicht einfach so hin. Doch dass sie ihn bis heute nicht ausgezahlt bekommen würde, das ahnte sie damals noch nicht.

2023 gründete sie gemeinsam mit ehemaligen Kolleginnen den Verband der mosambikanischen aus Deutschland zurückgekehrten feministischen Frauen (AMFMRA). In einem Notizbuch sammelt sie all die Namen von ehemaligen Vertragsarbeiterinnen und dokumentiert die ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten. Gemeinsam organisieren sie Treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, häkeln miteinander oder veranstalten kleine Märkte mit Verkaufsständen. Als ich ihr das Dokument über die streikenden Frauen für ihr Vereinsarchiv überreiche, sagt sie: „Es ist stark – und bis heute sind es die Frauen, die weiterkämpfen“ (Interview mit Ana Raquel Masoio, 13.05.2025).

Literatur

Allina, Eric: Between Sozialismus and Socialismo. African workers and public authority in the German Democratic Republic, in: Sarkar, Mahua (Hrsg.): Work out of Place. Work in Global and Historical Perspective, Boston 2017, S. 77–100.

Arnfred, Signe: Sexuality and Gender Politics in Mozambique. Rethinking Gender in Africa, Woodbridge 2011.

BArch DQ 3/2131 – Abkommen zwischen der Regierung der DDR und der Volksrepublik Mosambik über die zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben der DDR, URL: https://vertragsarbeit-mosambik-ddr.de/wp-content/uploads/2020/12/abkommen-alt.pdf [eingesehen am 28.02.2026].

Harsch, Donna: Between state policy and private sphere. Women in the GDR in the 1960s and 1970s, in: Clio 41 (2022), S. 89–113.

Mende, Christiane/Miguel, Paulino: Mauerfall und Deutsche Einheit aus der Perspektive mosambikanischer Migrantinnen und Migranten, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 19.03.2021, URL: https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/migrantische-perspektiven/322909/mauerfall-und-deutsche-einheit-aus-perspektive-mosambikanischer-migrantinnen-und-migranten/ [eingesehen am 28.02.2026].

Poutrus, Patrice/Warda, Katharina: Ostdeutsche of color. Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 72 (2022), H. 12, S. 19–25.

Munslow, Barry (Hrsg.): Samora Machel, an African Revolutionary. Selected Speeches and Writings, übersetzt von Michael Wolfers, London 1985, S. 179–184.

Schenck, Marcia C.: Remembering African Labor Migration to the Second World. Socialist Mobilities between Angola, Mozambique und East Germany, London 2022.

Interview

Pinto, Maresa Nzinga: Interview mit Ana Raquel Masoio am 13.05.2025 in Maputo, Mosambik.

Nach oben scrollen
Lernen aus der Geschichte
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von Ihnen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind.

Weitere Informationen zu unseren Datenschutzrichtlinien finden Sie hier.