Racial Slavery – die Geschichte einer Katastrophe, ihre Erinnerung und Wiedergutmachung
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
B. Anthony Bogues ist Asa Messer-Professor für Geisteswissenschaften und Africana Studies an der Brown University (Rhode Island, USA) und Gründungsdirektor des Ruth J. Simmons Center for the Study of Slavery and Justice.
Anthony Bogues
Übersetzung: Adina Stern
Im Jahr 1965 bemerkte der afroamerikanische Autor James Baldwin, dass „die große Kraft der Geschichte daher rührt, dass wir sie mit uns tragen […] Geschichte ist buchstäblich in allem gegenwärtig, was wir tun.“ (Baldwin 1998: 723). Baldwin schrieb gegen eine damals vorherrschende Sichtweise an, die hartnäckig leugnete, wie tief antischwarzer Rassismus in den Vereinigten Staaten in das gesellschaftliche System der historischen rassistischen Sklaverei eingebettet war. Laut dieser Auffassung war Rassismus nicht grundlegend bei der Entstehung der US-amerikanischen Republik, sondern vielmehr ein Überbleibsel des Segregationssystems der Südstaaten des 19. Jahrhunderts (Jim Crow).
Die durch die Sklaverei hervorgebrachte rassistische Ordnung der Vereinigten Staaten wurde weder durch die Amerikanische Revolution von 1776 noch durch den Amerikanischen Bürgerkrieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts beseitigt. Der Bürgerkrieg führte lediglich zur Befreiung der versklavten Schwarzen, beendete jedoch nicht formell den institutionellen antischwarzen Rassismus. Die Revolution wiederum gewährte ausschließlich weißen Männern politische Gleichheit, während Frauen das Wahlrecht erst 1920 erhielten und indigene Menschen erst im Jahr 1924. Afroamerikaner*innen wurden vollständige Wahlrechte sogar erst 1965 zugestanden. Das bedeutet, dass die Vereinigten Staaten erst seit 61 Jahren eine vollwertige Wahldemokratie sind.
Historisch entstand der antischwarze Rassismus in den USA parallel zum gesellschaftlichen System der rassistischen Sklaverei und zum europäischen Kolonialprojekt insgesamt. Es handelte sich um ein autoritäres Gesellschaftssystem. Der afroamerikanische Denker und Autor W. E. B. Du Bois bezeichnete es als ein System, in dem Menschen dem „willkürlichen Willen“ anderer unterworfen waren. Dieses System funktionierte durch Gesetze und gesellschaftliche Praktiken. In ihm galten die versklavten Afrikaner*innen nicht als Menschen; sie wurden als austauschbare Körper betrachtet und waren weder Teil der Zivilgesellschaft noch des politischen Gemeinwesens. Sie bildeten die konstitutive Außenseiterbevölkerung und waren zugleich paradoxerweise das Fundament des wirtschaftlichen Reichtums der US-amerikanischen Republik. Noch im Jahr 1857 entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten im berühmten Fall Dred Scott, dass Afroamerikaner*innen selbst dann keine Staatsbürger*innen werden konnten, wenn sie rechtlich frei waren. Im Zentrum dieser Entscheidung stand die Vorstellung, dass Schwarze Menschen nicht vollständig menschlich seien. Wie ich bereits an anderer Stelle dargestellt habe, ist die Geschichte der rassistischen Sklaverei in den Vereinigten Staaten und in den Amerikas insgesamt eine Geschichte historischer Katastrophen (Bogues 2010: 38–65). Das bedeutet, dass die versklavte Person „Eigentum in Person“ war und nicht bloß ein Gegenstand. Ein solches System konnte nur durch institutionalisierte und reguläre Gewalt aufrechterhalten werden, die zum Alltag der Versklavten gehörte. Diese Realität beruhte auf den Sklavengesetzen jener Zeit. Da es sich um ein System handelte, in dem Schwarze Menschen aufgrund rassistischer Zuschreibung auf Lebenszeit versklavt wurden, war diese Form der sogenannten Eigentumssklaverei sowohl einzigartig als auch zugleich zentral für die Entstehung der modernen Welt.
Sie war insofern katastrophal, als sie strukturell von Gewalt geprägte Lebensweisen hervorbrachte. Die Politikwissenschaftlerin Bedour Alagraa weist darauf hin, dass die verschiedenen Plantagengesellschaften der sogenannten Neuen Welt Orte waren, an denen das, was sie die „grausame Mathematik“ der Sklaverei nennt, einen normalisierten Zustand ständiger Wiederholung erzeugte (Alagraa 2021). Mit anderen Worten: Die rassistische Sklaverei brachte einen rassistischen amerikanischen Staat hervor.
Das 19. Jahrhundert entwickelte sich anschließend zunächst unter den ideologischen Vorzeichen der Monroe-Doktrin von 1823, die eine weitere europäische Kolonisierung des amerikanischen Kontinents untersagte. Ab 1845 wurde das Konzept des Manifest Destiny zur Rechtfertigung der westlichen Expansion der Vereinigten Staaten herangezogen. Infolgedessen wurde aus diesem rassistischen Staat ein rassistischer imperialer Staat. Vor diesem Hintergrund betrachten wir die alltäglichen Lebensrealitäten versklavter Schwarzer Menschen, die ihnen aufgezwungenen Arbeitsregime sowie die Frage, wie dieses System heute erinnert wird und welche gegenwärtigen Kämpfe zwischen Erinnerung und Nostalgie daraus entstehen.

Alltägliche Arbeit
Die erzwungene Arbeit der Versklavten bestand überwiegend, jedoch nicht ausschließlich, aus schwerster landwirtschaftlicher Arbeit. Der wirtschaftliche Motor des Systems der rassistischen Sklaverei war die Plantage. Als Produktionsmodell lassen sich Plantagen als groß angelegte, überwiegend landwirtschaftlich ausgerichtete Betriebe beschreiben. Während der frühen Kolonialzeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts befanden sich die weltweit größten Zuckerplantagen in der portugiesischen Kolonie São Tomé. Diese Plantagen wurden zum Vorbild für das amerikanische Festland; bereits um 1530 entstand in Brasilien die erste große Plantage. Auf diesen Plantagen wurden unterschiedliche Pflanzen angebaut: Tabak, Baumwolle, Reis und Zuckerrohr. Das Arbeitsregime der Versklavten bestand aus sog. Arbeitskolonnen (gangs), die sämtliche anfallenden Tätigkeiten verrichteten: Land roden, Felder bestellen, die Kulturen pflegen und schließlich die Ernte einbringen. Innerhalb dieses Systems gab es keine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung – Männer und Frauen, häufig auch Kinder, verrichteten dieselben Arbeiten. Darüber hinaus versorgten sie Nutztiere und errichteten die Infrastruktur der Plantagen.
Die soziale Organisation und der Charakter dieser Plantagenarbeit führten dazu, dass manche Autor*innen die Versklavten als das Proletariat ihrer Zeit bezeichneten. Studien haben gezeigt, dass die Unternehmen, die am Handel mit versklavten Afrikaner*innen beteiligt waren, häufig gezielt Menschen mit bestimmten Fähigkeiten auswählten. So erforderte beispielsweise der Reisanbau ganz spezifische Kenntnisse und Techniken. Deshalb konzentrierten sich viele Sklavenhandelsgesellschaften darauf, Menschen von der „Reisküste“ Afrikas – dem Gebiet zwischen Senegal und Sierra Leone – zu deportieren. Historische Quellen zeigen, dass insbesondere Angehörige der Mende- und Wolof-Gesellschaften über hochentwickelte Kenntnisse des Reisanbaus verfügten, die für die Reisplantagen Nordamerikas benötigt wurden. All dies widerlegt die weit verbreitete Annahme, die Arbeit der Versklavten sei unqualifiziert gewesen.
Plantagen waren nicht nur Orte erzwungener landwirtschaftlicher Arbeit; viele beherbergten auch Fabriken, in denen die Versklavten arbeiteten. Als sich Mühlen zunehmend in der Wirtschaftslandschaft der Vereinigten Staaten etablierten, waren es wiederum Versklavte, die in ihnen die Arbeit verrichteten. Dasselbe gilt für Textilfabriken und Eisenhütten. Versklavte Männer arbeiteten zudem als Seeleute und in der Walfangindustrie. Die vorliegenden Erhebungen deuten darauf hin, dass vor der Emanzipation mehr als 25 Prozent der Beschäftigten im Walfang Schwarze waren, viele von ihnen versklavt. In den Hafenstädten waren versklavte Schwarze als Seeleute von zentraler Bedeutung für Schiffe, die Exportgüter transportierten, und auf denen sie als Navigatoren und Lotsen dienten (Rediker 2025: 10). Das schuf zugleich Möglichkeiten für Versklavte, über das Meer oder Flüsse zu fliehen. Darüber hinaus errichteten sie die Wohnhäuser der Sklavenhalterelite und stellten in manchen Fällen auch die Keramikwaren zu ihrer Ausstattung her. So wurde beispielsweise der Edgefield District in South Carolina für die von Versklavten hergestellte Keramik bekannt.
Viele Versklavte waren außerdem in der Hausarbeit auf den Plantagen tätig. Sie kochten, reinigten die Häuser und übernahmen vor allem die Betreuung der Kinder der Sklavenhalterfamilien. Analysen zahlreicher Testamente von Plantagenbesitzern zeigen, dass versklavte Frauen häufig deren Kindern vererbt wurden, damit diese weiterhin versorgt werden konnten.
Eine Darstellung der Arbeit Versklavter wäre allerdings unvollständig, würde sie die sexuelle Ausbeutung versklavter Frauen ausklammern. Als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Nachrichten über die mögliche Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels verdichteten, begannen viele Plantagenbesitzer „breeding grounds“ einzurichten. Dabei handelte es sich um Plantagen, die auf die biologische Reproduktion versklavter Menschen spezialisiert waren. Im Jahr 1808 waren diese Plantagen zu einem integralen Bestandteil des Systems der Sklaverei geworden und trugen zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Reichtums des Baumwollplantagensystems bei, häufig als „Cotton Kingdom“ bezeichnet. Eine Folge dessen war, dass Bundesstaaten wie Virginia und Maryland zu Exportregionen für versklavte Menschen wurden, die in andere Staaten wie Louisiana oder Mississippi verkauft wurden. Dieses ökonomische Netzwerk schuf ein soziales System, das sich durch sexuelle Gewalt selbst reproduzierte. All diese Regime machten Gewalt zur zentralen Herrschaftsform, die das System zusammenhielt.
Dies war der historische Charakter jenes Gesellschaftssystems, das den enormen Reichtum der Vereinigten Staaten hervorbrachte. Der Prozess der Kapitalanhäufung in den USA war tief in der Sklaverei verwurzelt. Ein solches System ließ keine voll entwickelte repräsentative Demokratie zu. In „Black Reconstruction“, dem vielleicht bedeutendsten Werk der amerikanischen Geschichtsschreibung, schreibt W. E. B. Du Bois, dass Schwarze Männer und Frauen zu einem „zentralen Motiv in der Geschichte der Vereinigten Staaten wurden – zugleich eine Herausforderung für ihre Demokratie und stets ein wesentlicher Bestandteil ihrer Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ (Du Bois 1936: 7). Die Frage bleibt jedoch: Wie haben die Amerikaner*innen über diese historische Tatsache nachgedacht?
Erinnerung versus Nostalgie
Ein dominanter Teil der Gesellschaft leugnet nach wie vor den prägenden Einfluss der rassistischen Sklaverei auf die amerikanische Gesellschaft und bestreitet, dass sie bis heute in strukturellen Formen des antischwarzen Rassismus fortwirkt. In der US-amerikanischen Populärkultur zeigt sich diese Leugnung häufig in Westernfilmen oder historischen Epen in Gestalt der Idee der Lost Cause. Diese Strömung des US-amerikanischen Kinos begann mit dem Film „The Birth of a Nation“ (1915) und setzte sich in populären Werken wie „Gone With the Wind“ (1939) und „The Outlaw Josey Wales“ (1976) fort. Der Kerngedanke der Lost Cause besteht darin, dass es im Amerikanischen Bürgerkrieg bei der „Sache“ der Südstaaten – der sogenannten Konföderation – nicht um die Verteidigung der Sklaverei gegangen sei, sondern um die „Rechte der Einzelstaaten“, also um deren Autonomie gegenüber der Bundesregierung. Diese Form der Geschichtsleugnung wurde im Jahr 2020 während der COVID-19-Pandemie durch den Aktivismus der Black Lives Matter-Bewegung angefochten. Die Bewegung protestierte nicht nur gegen die Polizeigewalt, der die afroamerikanische Community regelmäßig ausgesetzt ist. Sie stellte auch die symbolische Landschaft von Denkmälern infrage, die das öffentliche Geschichtsbild der Vereinigten Staaten und dessen Darstellungen von rassistischer Sklaverei prägen. In der Folge wurden mehr als 160 Denkmäler und Symbole entfernt, die mit der Geschichte der Sklaverei verbunden waren. Dazu gehörten bedeutende Denkmäler für zentrale Figuren der Konföderation wie Robert E. Lee, Oberbefehlshaber der Südstaatenarmee, und Jefferson Davis, den politischen Führer der Konföderation. Bemerkenswert war zudem die Entfernung von Denkmälern für Christoph Kolumbus. Zwar war Kolumbus selbst kein Sklavenhändler, doch wurde weithin die Auffassung vertreten, dass seine Reisen am Ende des 15. Jahrhunderts den europäischen Kolonialismus auf dem amerikanischen Kontinent einleiteten.

Umfragen zeigten zudem, dass eine beträchtliche Zahl weißer Amerikaner*innen der Meinung war, die Geschichte der Sklaverei solle Bestandteil des Unterrichts an weiterführenden Schulen sein. Zugleich machten dieselben Erhebungen aber auch deutlich, dass die Mehrheit der weißen Bevölkerung keinen Zusammenhang zwischen der Geschichte der Sklaverei und der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft sah. Für sie existierte keine Verbindungslinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Für viele andere hingegen erschienen die Proteste und Aktionen der Black Lives Matter-Bewegung als ein Moment der Abrechnung mit der Vergangenheit – eine Gelegenheit, sich der Geschichte der rassistischen Sklaverei tatsächlich zu stellen. Dazu kam es jedoch nicht.
Die Wiederwahl von Präsident Donald Trump im Jahr 2024 leitete eine Reihe von Kehrtwenden ein, darunter Bestrebungen zur Wiedererrichtung bedeutender Denkmäler der Konföderation. Die Regierung erklärte, antischwarzer Rassismus existiere in der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr und forderte große Museen wie die Smithsonian Institution dazu auf, den Fokus auf die „negativen Aspekte der amerikanischen Geschichte“ zu reduzieren. Stattdessen sollten sie einen „feierlicheren“ Zugang wählen, um die „Einzigartigkeit“ der Vereinigten Staaten hervorzuheben. All dies ist Teil der gegenwärtigen Geschichtspolitik des Regimes, die unter dem Motto „Restoring Truth and Sanity“ („Wahrheit und Vernunft wiederherstellen“) steht. Bundesbehörden werden inzwischen angewiesen, in ihrer Darstellung der amerikanischen Geschichte vorrangig „ermutigende“ oder „aufbauende Narrative“ zu vermitteln. Darüber hinaus hat die Regierung ein Beratungsgremium mit der Bezeichnung „1776 Commission“ eingerichtet, das die Entwicklung eines „pro-amerikanischen Lehrplans“ fördern soll. Somit steht heute die Deutung der Geschichte im Zentrum der Auseinandersetzung um die politische Zukunft der Vereinigten Staaten.

Bezogen auf Baldwins Beobachtung, dass Geschichte stets gegenwärtig ist, ließe sich ergänzen, dass Fragen der Demokratie nicht als abgeschlossen betrachtet werden können, wenn diese Gegenwart den Charakter einer historischen Katastrophe hat. Denn historische Katastrophen suchen die Gegenwart weiterhin heim. Solange sie nicht kritisch aufgearbeitet werden, prägen sie fortwährend die Lebensformen, gesellschaftlichen Strukturen und politischen Ordnungen einer Gesellschaft.
Literatur
Alagraa, Bedour: The Interminable Catastrophe, in: Offshoot Journal 2021, URL: https://offshootjournal.org/the-interminable-catastrophe/, [eingesehen am 12.05.2026].
Baldwin, James: Collected Essays, The Library of America 1998.
Bogues, Anthony: Empire of Liberty: Power Desire and Freedom, Dartmouth Press, 2010.
Du Bois, W. E. B.: Black Reconstruction in America: An Essay toward a History of the Part which Black Folk Played in the Attempt to Reconstruct Democracy in America, 1860-1880, Atheneum 1936.
Rediker, Marcus: Freedom Ship: The Uncharted History of Escaping Slavery by Sea, Viking 2025.