„…noch viel Aufarbeitung nötig“. NS-Zwangsarbeit in der Industriestadt Krefeld − im Gespräch mit Fabian Schmitz und Christoph Becker
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
Fabian Schmitz ist Historiker und Archivar der NS-Dokumentationsstelle Krefeld in der Villa Merländer.
Christoph Becker ist Leiter des Industriedenkmals „Historisches Klärwerk“ Krefeld Uerdingen und im Vorstand des Rheinischen Industriekultur e.V. Köln.
LaG: Krefeld war während des Nationalsozialismus ein wichtiger Industriestandort. Wie stellt sich NS-Zwangsarbeit in Krefeld dar?
Christoph Becker: Krefeld war und ist eine Industriestadt. Industriekomplexe wie die Textilproduktion oder die Chemieindustrie spielten während des NS eine große Rolle. Aus dieser Zeit sind in Krefeld Industriedenkmäler oder ungenutzte Gebäude erhalten geblieben. Dazwischen gab es viele kleine Betriebe und natürlich Landwirtschaft. Die NS-Dokumentationsstelle in Krefeld hat eine Karte zu den Orten der Stadt herausgegeben, an denen Zwangsarbeit stattfand. Das verteilte sich im Grunde genommen über die ganze Stadt. In unserer Sonderausstellung im Jahr 2024 zur Industriegeschichte und Zwangsarbeit, an deren Erarbeitung ich als Industriedenkmalspezialist beteiligt war, fokussieren wir die Betriebe, die Zwangsarbeiter*innen in großem Umfang eingesetzt haben. Dort arbeiteten aber auch viele Krefelder*innen, die Betriebe waren dominant im jeweiligen Stadtteil und die Produktion wurde im Krieg mit Zwangsarbeit aufrechterhalten.

Fabian Schmitz: Im damaligen Landkreis Kempen-Krefeld gab es viel Landwirtschaft, das hat den Zwangsarbeitereinsatz auch geprägt. In den Familien, auf den Bauernhöfen wurden 1939 nach dem Überfall auf Polen viele polnische Kriegsgefangene eingesetzt. In den Fällen, die ich untersucht habe, waren das vor allem solche, die in das Kriegsgefangenenlager Stalag VI J in Krefeld-Fichtenhain kamen und dann, entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen 1929, in sog. Zivilarbeiter umdeklariert wurden. Dagegen entstanden in den drei großen Krefelder Betrieben, etwa den Deutschen Edelstahlwerken oder bei I.G. Farben strukturell durchgeplante Lagerkomplexe mit Tausenden Zwangsarbeitern. Wir haben Stolpersteine für zwei polnische Zwangsarbeiter verlegt, die in einer Krefelder Wohnung in einem Mehrfamilienhaus untergebracht waren und aufgrund dieser Konstellation auch Kontakt zu anderen Hausbewohner*innen hatten. Später wurden sie von der Gestapo verfolgt, weil ihnen sexuelle Kontakte zu deutschen Frauen dort vorgeworfen wurden.
Christoph Becker: Die Deutsche Edelstahlwerke hatten ein sehr großes Zwangsarbeiterlager auf dem Werksgelände, so groß wie ein Dorf. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen dort untergebracht waren. Eines der wenigen Fotos davon haben die US-Truppen gemacht, als sie Krefeld auf dem Weg nach Berlin einnahmen. Das Foto ermöglicht uns, das Lager auf dem Werksgelände genau zu verorten, es zeigt neben den eindeutig identifizierbaren Industriekomplexen im Hintergrund das Zwangsarbeiterlager. Es war mit Stacheldraht umzäunt und wie ein Konzentrationslager aufgebaut.
LaG: Aus welchen Ländern wurden die Zwangsarbeitenden nach Krefeld deportiert und wie waren ihre Lebensbedingungen? In Ihrer Ausstellung heißt es, dass 400 von ihnen zu Tode kamen.
Fabian Schmitz: Durch unsere westliche Lage in Deutschland kamen vor allem Menschen aus Westeuropa. Das merkt man noch heute an den Anfragen von Nachkommen in unserem Archiv, die wissen, dass ihr Vater oder Opa in Krefeld Zwangsarbeit geleistet hat, und wollen nachforschen. Dann kamen Zwangsarbeitergruppen je nach Kriegsverlauf: anfangs vor allem polnische Zwangsarbeiter aus den Kriegsgefangenenlagern, nach den Westfeldzügen 1940 viele aus Frankreich und den Beneluxstaaten und dann mit dem Krieg gegen die Sowjetunion viele sogenannte Ostarbeiter*innen. Auch als jüdisch verfolgte Krefelder*innen wurden zur Arbeit gezwungen, falls sie den Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager entgangen waren.
Die Lebensbedingungen unterschieden sich deutlich je nach Herkunft. Die Behörden ordneten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen hierarchisch ein: Menschen aus den skandinavischen Staaten oder den Beneluxländern galten als den Deutschen „blutsähnlicher“, sie sollten perspektivisch dem Reich zugehören und deswegen auch möglichst gut behandelt werden. Dagegen war der Kontakt zu jüdischen Menschen oder jenen aus den slawischen Ländern so strikt wie möglich zu unterbinden. Sexueller Kontakt zu deutschen Frauen führte für Männer aus den letztgenannten Gruppen dann sehr schnell zu Todesstrafen.
Christoph Becker: Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion waren beispielsweise in den I.G. Farben-Werken in Krefeld Uerdingen in einer alten Ziegelei unmittelbar an der Grenze zum Werksgelände untergebracht. Dort war der Kontakt zur Bevölkerung praktisch ausgeschlossen.
Fabian Schmitz: Was die Todesopfer angeht: Es gab auf dem Stadtgebiet drei sogenannte Arbeitserziehungslager, die wie Konzentrationslager funktionierten. Dorthin kamen Menschen, denen man Arbeitsvertragsbruch vorwarf, darunter fielen das unerlaubte Entfernen vom Arbeitsplatz ebenso wie die sogeannnte Bummelei. Viele Zwangsarbeiter*innen kamen durch den Bombenkrieg um, sie mussten die Bunker zwar mit aufbauen, aber durften bei den Angriffen nicht dort hinein. Und wir wissen von einigen Kindern von Zwangsarbeiterinnen, die hier zur Welt gekommen sind und nach kurzer Zeit aufgrund von gezielter Vernachlässigung durch NS-Behörden starben (siehe den Beitrag Brüntrup in diesem Magazin).
LaG: Das NS-Dokumentationszentrum in der Villa Merländer existiert seit 1991. Das Thema NS-Zwangsarbeit wurde vor kurzem ein Schwerpunkt der Dauerausstellung. Wie kam es dazu das Thema ausführlicher in den Blick zu nehmen?
Fabian Schmitz: Mit dem Thema Zwangsarbeit haben wir uns von Beginn an beschäftigt. Bereits 1994 haben wir dazu eine Sonderausstellung und eine Publikation der Aurel Billstein Geschichtswerkstatt gezeigt. Die schon erwähnte Karte zur Krefelder Topografie von Zwangsarbeit ist bereits länger Teil der Dauerausstellung. In den letzten zwei Jahren bekamen wir jedoch sehr viele Anfragen aus dem Ausland zu dem Thema, und das Interesse hält weiter an. Zusammen mit dem Verein zum Erhalt des historischen Klärwerks in Krefeld Uerdingen haben wir die Sonderausstellung „Ausbeutung und Zwangsarbeit in Krefeld 1933-1945 und deren heutige Spuren“ kuratiert. In ihr konnten wir private Fotos von einem ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter, eingesetzt in den Deutschen Edelstahlwerken, zeigen. Das kam nur zustande, weil der Journalist Tim Overdiek aus den Niederlanden uns angeschrieben und gefragt hat: „Mein Vater hat Zwangsarbeit in Krefeld geleistet, was wisst ihr dazu?“ Und so sind wir mit ihm ins Gespräch gekommen und er hat uns sehr wertvolle Fotos zur Verfügung gestellt, die sein Vater im Zwangsarbeitslager gemacht hat.

Das Thema lässt sich auch indirekt an die Geschichte der Villa Merländer, des Sitzes der NS-Dokumentationsstelle, anbinden. Der Erbauer Richard Merländer war Krefelder Kaufmann und Seidenfabrikant. Er wurde als Jude verfolgt, enteignet und 1942 in Treblinka ermordet. Die Shoah nahm und nimmt einen zentralen Platz in unserer Erinnerungsarbeit ein. Andere Opfergruppen wie die Sinti*zze und Rom*nja, politische Gegner*innen oder eben Zwangsarbeiter*innen wurden dabei aber ebenfalls mitberücksichtigt. Die Textilindustrie, in der Merländer eine namhafte Rolle spielte, prägte Krefelds Wirtschaft und Selbstbild enorm. Hier war uns wichtig, in unserer neuen Dauerausstellung prominent zu zeigen, dass diese Industrie so wie alle anderen Wirtschaftsbereiche während des Krieges nur durch Zwangsarbeit am Leben erhalten werden konnte.
LaG: Welche Initiativen kamen denn aus der Krefelder Stadtgesellschaft, das Thema aufzuarbeiten?
Christoph Becker: Aus Krefeld-Uerdingen kam Fritz ter Meer, der technische Direktor der I.G. Farben in Frankfurt am Main, er war also für den gesamten Konzern zuständig. Er hat das Zwangsarbeitslager Auschwitz III Monowitz mitinitiiert und verantwortet, welches den synthetischen Kautschuk Buna produzieren sollte. In den Nürnberger Nachfolge-Prozessen ist er vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Nach der Haft zurück in Krefeld wurde er der erste Aufsichtsratsvorsitzende der neu gegründeten Bayer AG in der Nachkriegszeit. Fritz ter Meer hat aus seiner Position heraus eine Legende inszeniert, die viele andere mitangeklagte Industrielle übernahmen − dass sie nicht dafür verantwortlich waren, sondern eigentlich nur irgendwie produzieren wollten. Über die NS-Verstrickungen von bekannten Krefelder Unternehmern wird in der Stadt zu wenig geredet. Da besteht Nachholbedarf, mir persönlich wird jetzt erst klar, dass wir noch viel mehr aufarbeiten müssen.
Fabian Schmitz: Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben, gerade was die Rolle der Unternehmer angeht. In Gesprächen mit Familien, deren Unternehmen Zwangsarbeiter*innen beschäftigten, fallen Aussagen wie: „Die Unternehmer hatten keine Wahl und bekamen die Zwangsarbeiter einfach zugewiesen. Und wenn sie welche im eigenen Betrieb hatten, dann haben sie die gut behandelt.“ Das mag es auch gegeben haben, vor allem im Fall der westeuropäischen Zwangsarbeiter*innen. Aber es besteht die Gefahr der Verallgemeinerung. Viele Krefelder*innen sind auch nicht mehr persönlich betroffen davon. Aber von den Unternehmen selbst kommt nicht sehr viel Interesse, etwa indem sie auf uns zu gehen mit dem Wunsch, diese Vergangenheit aufarbeiten. Es ist kein Widerstand gegen die Aufarbeitung zu bemerken, aber auch kein offensives Herangehen.
LaG: Welche Rolle spielte die Geschichte der Krefelder Familie Finkelstein bei der Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit?
Fabian Schmitz: Der Chemiker Dr. Hans Finkelstein übernahm im I.G. Farben-Werk in Uerdingen eine leitende Funktion in der Forschung. Am zentralen Uerdinger Platz „Am Röttgen“ steht eine Reihe von imposanten Häusern, die der Konzern für die Führungsriege erbaut hatte, dort lebte die Familie. Der aus Österreich stammende Finkelstein konvertierte 1895 zum evangelischen Glauben und heiratete 1912 die Christin Annemarie Bruns. Unter den Nationalsozialisten wurde er jedoch verfolgt, weil er als jüdisch, die Kinder des Ehepaars als „Mischlinge“ galten. Hans Finkelstein konnte seine Position bis Ende 1938 halten. Angesichts seiner Entlassung und der Pogrome im November nahm er sich am 30. Dezember das Leben. Sein Sohn Berthold hat dann als Zwangsarbeiter bei I.G. Farben gearbeitet. In der Nachkriegszeit setzte sich Berthold Finkelstein unter anderem als Gründer des Gustav-Stresemann-Instituts für die Versöhnung und die europäische Einigung ein. Er gab der NS-Dokumentationsstelle bereits 1992 ein Interview über die Familiengeschichte. Später ist die Finkelstein-Stiftung auf uns zugegangen und hat die stetige Kooperation zwischen beiden Einrichtungen angeregt. Die Familie wird in unserer neuen Dauerausstellung vorgestellt und vor ihrem ehemaligen Wohnhaus erinnern Stolpersteine an ihre Verfolgung.
LaG: Welche Bildungsangebote zu NS-Zwangsarbeit gibt es in der Villa Merländer und wie werden diese angenommen?
Fabian Schmitz: Wir haben über ein Dutzend Partnerschulen hier in Krefeld, die das ganze Jahr über unsere Bildungsangebote wahrnehmen. Schulklassen begleiten uns bei den Stolpersteinverlegungen. Auf Grundlage der neuen Dauerausstellung erarbeiten wir aktuell Material für Workshops zum Thema Zwangsarbeit. Begleitend zur vorhergehenden Ausstellung über Zwangsarbeit im Historischen Klärwerk, einem Industriedenkmal und Museum, haben wir eine Radtour zu Orten in Krefeld angeboten, die einen Bezug zu Zwangsarbeit haben. Zudem ist Tim Overdiek nach Krefeld gekommen und hat sein Buch „Zwijgende vaders“ über die Zwangsarbeit seines Vaters Paul in den Deutschen Edelstahlwerken öffentlich präsentiert.

LaG: Wie ist das Feedback auf die Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit aus der Krefelder Stadtgesellschaft?
Christoph Becker: Vor Kurzem habe ich einen Vortrag zur Industriearchitektur in Krefeld gehalten und da spielte NS-Zwangsarbeit auch eine Rolle. Wir haben in Krefeld zwei Bauhausvillen und ein Gebäude, das Mies van der Rohe gebaut hat. Bauhaus wird ja als Zeichen der Moderne gefeiert, allerdings kann das nicht eindimensional gesehen werden. Die Unternehmer, die diese Villen haben bauen lassen, waren gleichzeitig auch Werksgründer und die Eigentümer der Unternehmen, die Zwangsarbeiter einsetzten. Da gab es auch Widerspruch von einzelnen Zuhörern, es sei ja alles schon aufgearbeitet. Dann musste ich klar machen, dass dem nicht so ist.
Fabian Schmitz: In den 1990er Jahren gab es gewisse Widerstände in der Stadtgesellschaft, heute dagegen erfahre ich eher wohlwollendes Interesse an unserer Arbeit. Die schon erwähnte Karte mit den Orten von Zwangsarbeit in Krefeld soll perspektivisch vollständig digital verfügbar sein. Jeder und jede kann dann die einzelnen Punkte anklicken und bekommt detaillierte Informationen zu den einzelnen Betrieben und konkrete Biografien ausgespielt. Ich bin auf die Reaktionen gespannt, wenn die Leute dann vielleicht merken, hier bestehen Verbindungen zwischen Krefelder NS-Zwangsarbeit und der eigenen Familie.