Migrantische Perspektiven sichtbar machen – im Gespräch mit Monika Kubrova und Yasser Muhammad über interkulturelle Erinnerungsprojekte bei DaMOst
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte
Monika Kubrova, promovierte Historikerin, arbeitet seit 2015 in migrantischen Verbandsstrukturen. Für DaMOst e. V., dem Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland, konzipierte sie 2019 das Projekt „Mi*story. Migrationsgeschichten in und aus Ostdeutschland“.
Yasser Muhammad, Bauingenieur, kam 1988 aus Palästina in die DDR, um Bauwesen zu studieren. Er lebt in Weimar und engagiert sich dort ehrenamtlich in der migrantischen Vereinsarbeit sowie als Zeitzeuge.
LaG: Wie ist DaMOst entstanden und welche Ziele hat die Organisation?
Monika Kubrova: In der DDR gab es keine unabhängige Vereinsarbeit und so entstanden erste Migrant*innenorganisationen erst in den 1990er Jahren. Vereinsmitglieder waren ehemals oder noch Studierende und ehemalige Vertragsarbeitende, deren aufenthaltsrechtlicher Status und wirtschaftliche Situation prekär waren. Weitere Organisationen entstanden mit dem Zuzug neuer Migrant*innen von Mitte der 1990er Jahre bis in die Gegenwart. Kooperationen untereinander erleichterten die Gründung von bundeslandweiten Netzwerken, die im Unterschied zu Westdeutschland herkunftsübergreifend (community-übergreifend) ausgerichtet sind. Den Anfang machte im Jahr 2000 Brandenburg, später folgten Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern 2008 und 2009 und Thüringen und Sachsen 2015 und 2017. Um den Anliegen migrantischer ostdeutscher Organisationen auf Bundesebene Gehör zu verschaffen, gründeten Vertreter*innen aus den Landesverbänden 2018 DaMOst, den ostdeutschen Dachverband als Interessenvertretung für etwa 400 Mitgliedsorganisationen.
Unsere Vision ist eine solidarische, rassismus- und diskriminierungsfreie (Post)Migrationsgesellschaft. Unsere Ziele sind deshalb die Stärkung demokratischer Haltungen in der (Post)Migrationsgesellschaft, das Empowerment ostdeutscher Migrant*innen sowie Vernetzung und Dialog zwischen (post)migrantischen Communities und der nichtmigrantischen Mehrheitsgesellschaft. Nicht zuletzt geht es uns darum, das öffentliche Bewusstsein für die Geschichte und die Besonderheiten von migrantischen Strukturen in Ostdeutschland zu stärken.
LaG: Welche Projekte hat DaMOst bisher im Feld der interkulturellen Erinnerung und zur DDR-Migrationsgeschichte umgesetzt?
Monika Kubrova: Wir haben von 2020 bis 2024 zwei größere Projekte umgesetzt. Im ersten, „Mi*story. Migrationsgeschichten in und aus Ostdeutschland“, war Yasser als Zeitzeuge beteiligt. Das zweite hieß „Ostdeutsche Migrationsgesellschaft selbst erzählen“ (MigOst). Beide lagen thematisch eng beieinander, unterschieden sich jedoch methodisch und zum Teil in der Umsetzung. Hintergrund beider Projekte war, dass im öffentlichen Diskurs und auch in der politischen Bildungsarbeit zur DDR häufig eine homogene weiße Alltagsgesellschaft gezeichnet wird. Inzwischen ändert sich das ein wenig, aber wir wissen, hier lebten Vertragsarbeiter*innen, Studierende, politische Immigrant*innen und in den 1990er Jahren kamen die Spätaussiedler*innen, Kontingent- und Kriegsflüchtlinge. Die DDR und auch Ostdeutschland haben eine Migrationsgeschichte. Und unser Ziel bei DaMOst war und ist, das sichtbarer zu machen.
LaG: Yasser Muhammad, wie kam es, dass Sie an dem Projekt Mi*story von DaMOst teilgenommen haben?
Yasser Muhammad: Nach der Wende haben wir − als Studenten in die ehemalige DDR gekommen − uns eigentlich in einem leeren Raum gefühlt und Angst gehabt, was mit uns passiert. Und es gab oft Nazi-Angriffe auf Ausländer, auf Studenten und Studentenheime. Ich habe nicht lange in der DDR gelebt, aber auch meine Freunde, die schon länger in der DDR lebten, wir hatten uns eigentlich sehr sicher gefühlt. Wir hatten nie das Gefühl hier als Ausländer benachteiligt zu werden oder wurden auf der Straße beleidigt oder gar körperlich angegriffen. Was sich nach der Wende rapide geändert hat: Die Skinheads, die Stiefelträger, die Glatzköpfe haben öfter in unseren Studentenclubs gefeiert, was uns nicht gefallen hat und öfter zu Reibereien und Handgreiflichkeiten führte.
Da wir ausländischen Studenten uns untereinander kannten − nicht nur die in Weimar, sondern auch die in Rostock, Ost-Berlin und Leipzig − waren wir gut vernetzt durch den palästinensischen studentischen Verein. Und ich habe durch einen guten Freund von DaMOst dieses Projekt Mi*story kennengelernt. Er hat mich gefragt, ob ich interessiert bin, meine Geschichte über das Leben in der DDR zu erzählen, wie wir uns hier gefühlt und uns entwickelt haben. Zugesagt habe ich, damit die Leute erfahren: Wir sind keine Schatten, sondern wir sind Menschen. Wir haben unsere Geschichte, wir haben unser Leben und wir sind in Deutschland, in Ostdeutschland, etabliert. Wir bestreiten unser Leben hier mit Höhen und Tiefen wie jeder andere auch. Und das muss eigentlich erzählt werden.
Monika Kubrova: Aus meiner Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kenne ich das verbreitete Narrativ: Rassismus ist ein Phänomen der 1990er Jahre. Diese biografische Erzählung hat ihre Berechtigung, es kommt jedoch immer darauf an, wer spricht. Wir wissen allerdings, dass es auch in der DDR Rassismus gegeben hat.
LaG: Was waren denn Ihre Erfahrungen als Zeitzeuge im Projekt Mi*story: Wem haben Sie Ihre Geschichte erzählt und was für eine Resonanz gab es darauf?
Yasser Muhammad: Da war eine Mitarbeiterin von DaMOst bei mir zu Hause. Und wir saßen hier in dem Zimmer, wo ich jetzt gerade sitze, und haben fast anderthalb Stunden oder länger darüber gesprochen. Vorher habe ich mich gefragt: Was willst und kannst du denn erzählen? Und dann habe ich versucht, mich zu erinnern, und habe erzählt. Es war für mich persönlich als Rückblick interessant. Hinterher war ich traurig und überrascht, wie wir das ausgehalten haben, und auch erfreut, dass wir vieles gemeistert haben. Es gab natürlich Tiefpunkte, vor allem die Erfahrung mit Rassismus und mit der Brutalität der Skinheads. Das kann man nicht schönreden. Hier in Weimar gibt es ein Volksfest, das Zwiebelmarkt heißt, immer in der zweiten Woche im Oktober. Das ist wunderschön. Und 1991 kamen viele Skinheads dorthin und stürmten unser Studentenwohnheim. Sie wollten uns daraus vertreiben, auf Deutsch gesagt. Und da hat die Polizei eine Kette gebaut, um uns Studenten zu schützen.

Monika Kubrova: Wir haben die Interviews im Mi*story-Projekt als Buch herausgegeben, es heißt „… die DDR schien mir eine Verheißung“. Teil des Projekts waren viele Erzählcafés. Die waren prinzipiell offen angelegt, und es zeigte sich: Je nachdem, über welche Migrantenorganisationen wir ein Erzählcafé organisiert haben, kamen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Jeder einzelne hatte dann seine oder ihre eigene Herkunftsgeschichte und Ankunftsgeschichte. Als Modul war die Ausbildung zu Zeitzeug*innen vorgesehen, in drei Wochenendseminaren wurden Zeitzeugenkompetenzen vermittelt. Yasser und noch einige andere Teilnehmende sind inzwischen im Zeitzeugenbüro der Stiftung Aufarbeitung aufgenommen und porträtiert. Dort kann man sie jederzeit anfragen.
LaG: Auch im Projekt „MigOst − Ostdeutsche Migrationsgesellschaft selbst erzählen“ fanden Erzählcafés in Dresden, Halle und Cottbus statt. Warum in diesen Städten? Nahmen daran auch Deutsche ohne Migrationserfahrung teil?
Monika Kubrova: MigOst war ein Projektverbund mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus und der Technischen Universität Dresden. DaMOst hat seine Geschäftsstelle in Halle, dadurch waren die Orte festgelegt, an denen dieses Selbsterzählen stattfinden sollte. Wir haben die Erzählcafés veranstaltet und mit den beteiligten Migrantenorganisationen organisiert. Und die haben natürlich ihre Klientel mitgebracht, Menschen ohne Migrationsgeschichte waren eher nicht dabei. MigOst war prozesshaft angelegt: Nach den Interviews und den Erzählcafés folgten als Stufe 3 die Kulturproduktionen. Und aus dem gesammelten Material der Erzählcafés, was da an biografischen Erfahrungen geteilt wurde, entstanden dann öffentliche Kulturproduktionen, an denen auch nichtmigrantische Menschen beteiligt waren. In Halle entstand ein kleiner Ausstellungsteil in einer Jahresausstellung des Stadtmuseums.

In Dresden kooperierten wir mit der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel über mehrere Workshops hinweg, aus denen eine Theaterperformance hervorging. In Cottbus haben wir mit dem Geflüchtetennetzwerk Cottbus e. V. und dem Stadtmuseum zusammengearbeitet. Beide waren an einer Zusammenarbeit interessiert, also überlegten wir gemeinsam: Wie kann man die Dauerausstellung in der Stadt um migrantische Aspekte erweitern? Und so entstand eine Intervention in die Dauerausstellung – „Cottbus hört zu, Cottbus erzählt“. Diese ist im Dezember 2024 eröffnet worden. Sie macht migrantische oder migrantisierte Zeitzeug*innen sichtbar und versucht, das Gespräch darüber zu öffnen, wie Menschen in Cottbus leben. Aktuell gibt es in Cottbus jetzt auch die Sonderausstellung „Vietnam und die Niederlausitz – Verbundene Welten“. Ich würde sagen: Migrantinnen und Migranten sind in der Stadtgesellschaft präsent, wenn man hinschaut.
LAG: Herr Muhammad, die DDR gibt es schon seit mehr als 35 Jahren nicht mehr. Wie schauen Sie heute auf die DDR?
Yasser Muhammad: Eine Geschichte, die ich immer wieder erzähle: Im ersten Studienjahr, die ersten paar Monate im Hörsaal war es für uns gleich, ob wir da sitzen oder in China, wir haben nichts verstanden. Nach neun Monaten Deutschvorbereitungskurs kommst du an die Uni und verstehst nichts von Baukonstruktion und Baustoffen. Das war alles für uns wirklich schwierig, wir mussten das Drei- und Vierfache dessen lernen, was unsere deutschen Kommilitonen lernten. Da habe ich einmal einen deutschen Kommilitonen gefragt, ob er mir in einem Fach hilft. Und er hat gesagt: Ich komme am Donnerstag um 15 Uhr zu dir ins Zimmer und dann lernen wir eine Stunde zusammen. Er kam dann nicht am Donnerstag, sondern am Mittwochabend, als es geregnet hat wie aus Eimern. Der kam pitschnass bis auf die Unterwäsche, um sich zu entschuldigen, dass er morgen nicht kommen kann. Da dachte ich, ich bin jetzt im falschen Film. Er meinte, wir hätten doch einen Termin, ich kann dich doch nicht einfach warten lassen. Das zeigt Respekt, wenn du einen Termin hast mit jemandem und bist pünktlich, das ist Respekt für ihn und für seine Zeit. Das sind Erlebnisse, die mich geprägt haben. Was nicht gut war: diese Mangelwirtschaft. Wir kamen ja aus einer mediterranen Gegend, wo Obst und Gemüse im Überfluss da ist. Und ich koche gern und zum Kochen gehören auch immer Tomaten und Tomatenmark dazu. Aber das gab es zu DDR-Zeiten nicht. Im Winter oder Herbst, als wir ankamen, gab es dieses Wurzelgemüse, da konnte ich nichts mit anfangen. Was soll ich mit Kohl machen? Essen ist Kultur und dieser kulturelle Mangel an Essen war für uns schwierig.
Wenn ich über die DDR erzähle, erzähle ich viel Positives. An einer Schule in Darmstadt habe ich vor Schülern der 9. bis 12. Klasse erzählt und Fragen beantwortet. In der Pause kam der Geschichtslehrer auf mich zu und sagte: „Stellen Sie sich vor, da fragt mich wirklich ein Schüler: ,Woher wollen wir wissen, ob er hier nicht Werbung für die DDR macht?‘“ Für diesen Schüler war die DDR noch Gegenwart und er dachte, da kommt ein Werbeagent und erzählt nur Positives. Ich betone das: Ich erzähle über meine Erfahrungen, die ich gemacht habe.
LaG: Welche Erzählungen, welche anderen Perspektiven bringen denn migrantische Menschen ein, die dominante Diskurse differenzieren können?
Monika Kubrova: Im Projekt MigOst haben wir all die Erzählungen und Erinnerungen vor allem gesammelt und versucht, in den Veranstaltungen auf die Leerstellen in der Erinnerungskultur hinzuweisen. Hier geht es mir um den Oberbegriff „Sammeln“. Das Material haben wir dem Lebensgeschichtlichen Archiv für Sachsen überstellt. Für eine bleibende Sichtbarkeit migrantischer Perspektiven würde ich mir wünschen, dass das von uns gesammelte Material mal systematisch ausgewertet wird. Eine Monografie zur Geschichte der DDR, der Wiedervereinigung und der Transformation aus migrantischer Perspektive − auf der Grundlage von Egodokumenten − fehlt meines Erachtens. Allerdings ist gerade die umfängliche historische Arbeit „Solidarität und Gewalt“ von Carsta Langner erschienen. Sie thematisiert Rassismus und Migration in der ostdeutschen Umbruchsgesellschaft − und Interviews gehören zum Quellenkorpus.
LaG: Welche Chancen haben denn Migrant*innen in wissenschaftlichen oder öffentlichen Diskursen, ihre Perspektiven und ihre Geschichten selbst zu vermitteln? Viele Menschen mit Migrationsgeschichte mussten Anfang der 1990er Jahre erst einmal auf die Füße fallen: ihr Aufenthaltsstatus war nicht geklärt, sie verloren ihre Arbeit und oft auch ihre Bleibe im Wohnheim. Das ist nicht unbedingt eine Voraussetzung dafür, als Zeitzeuge in einem Projekt mitzumachen.
Yasser Muhammad: Diese Frage ist sehr interessant und wichtig. Ich finde, DaMOst hat uns wirklich eine Bühne gegeben, sodass wir die Möglichkeit haben, unsere Geschichte mitzuteilen. Es ist schwierig für uns gewesen in den 1990er Jahren. Durch unsere Kontakte und studentischen Aktivitäten haben wir bald danach mit deutschen Freunden einen Verein gegründet. Aber wir dachten nie daran, die eigene Geschichte zu erzählen. Wir haben versucht, uns über Wasser zu halten und eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Zum Glück wurde unser Stipendium von der BRD übernommen, und wir konnten unser Studium sicher zu Ende bringen. Der Rassismus war eines der allergrößten Probleme, die wir hatten. Ich habe in den 1990er Jahren nach dem Studium in meinem Beruf keine Arbeit gefunden. Dann musste ich wie viele andere auch eine Umschulung machen und habe in der Computerbranche gearbeitet. Jetzt bin ich schon seit mehreren Jahren wieder als Bauingenieur im Brückenbau tätig und das ist meine Berufung; plus meine Vereinsarbeit, dass ich meinen Mitmenschen helfe, wo ich kann.