Interkulturelles Lernen auditiv – viet(ost)deutsche Stimmen im Podcast für den Unterricht

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte 

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Tobias Rischk ist Redaktionsassistent des Magazins Lernen aus der Geschichte. Als freiberuflicher Historiker beschäftigt er sich mit der Geschichte des NS, deutsch-jüdischer Geschichte, der Geschichte der Extremen Rechten nach 1945 sowie der Erinnerungskultur im Berliner Stadtraum.

Tobias Rischk

Interkulturelles Lernen ist keine Einbahnstraße, sondern findet in einer Wechselbeziehung statt. Es setzt gegenseitiges Interesse, Neugier und Offenheit voraus. Was aber, wenn bestimmte Gruppen nicht am Diskurs teilhaben, nicht hör- und sichtbar sind? Am Beispiel des Podcasts „Rice and Shine“ soll in diesem Beitrag aufgezeigt werden, wie − in diesem Fall vietdeutsche − Stimmen hörbar werden und das interkulturelle Lernen jenseits der Ausführungen von Historiker:innen und Migrationsforscher:innen sinnvoll bereichert wird.

Der Podcast „Rice and Shine“

Der Podcast ist ein mediales Angebot des ZEIT-Verlags. Er wurde ab Februar 2018 von den vietdeutschen Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu konzipiert und moderiert. Im Januar 2023 erschien die vorerst letzte Folge.

Tran und Vu, selbst zur zweiten Migrationsgeneration gehörend, empfanden das Bild von Vietnames:innen in Deutschland und von Vietdeutschen als sehr klischeebeladen, weshalb sie, mal zu zweit, mal mit Gast, begannen diese Klischees zu dekonstruieren. Sie tragen mit ihrer migrantischen Perspektive zu einem tieferen Verständnis bei, was es in Deutschland bedeutet vietnamesischer Herkunft zu sein. Und anders, als es meistens der Fall ist, sprechen hier die Betroffenen selbst – einer der wichtigsten Bausteine im Feld des interkulturellen Lernens.

Mit der Folge „Generation 1991“ vom November 2021 wurde ein eher unbekannter Aspekt der ostdeutschen Migrationsgeschichte beleuchtet: Warum so viele Kinder vietnamstämmiger Eltern, die in die DDR migriert waren, erst nach dem Ende der deutschen Teilung geboren wurden. Ein erster Gedanke könnte sein, dass die Unsicherheiten der Transformationszeit dafür verantwortlich seien, doch die Gründe liegen tiefer und führen direkt in die Migrationsgeschichte der DDR. Die beiden Journalistinnen tragen in ihrem Gespräch mit der Künstlerin Maithu Bùi zu Erkenntnissen über die lebensweltlichen Einschränkungen vietnamesischer Arbeitskräfte in der DDR bei.

Geboren 1991 – die vietdeutsche Community und Ostdeutschland

Der Podcast hat nicht den Anspruch, das Thema wissenschaftlich zu durchdringen. Er nähert sich ihm über die Familiengeschichte von Maithu Bùi. Als Kind vietnamesischer Immigrant:innen in Ostdeutschland groß geworden und als Künstlerin, die zu diesem Thema arbeitet, gibt Bùi Einblick in die ostdeutsch-vietnamesische Migrationsgeschichte. Um sich nicht auf biografische Evidenz zu beschränken, gehen die drei Vietdeutschen zusammen auf die Suche nach offiziellen Dokumenten und Statistiken. Das Problem ist nur: Es fehlen viele. Zwar ist das im April 1980 geschlossene und damals nur einem sehr kleinen Personenkreis einsehbare Abkommen zwischen der DDR und dem kommunistischen Nordvietnam inzwischen sogar online einsehbar. Aber die These, dass 1991 besonders viele Kinder in der vietnamesisch-deutschen Community geboren wurden, kann aufgrund fehlender statistischer Erhebungen vor und nach 1990 nicht überprüft werden. Über die Familiengeschichte Búis werden lebensweltliche Dimensionen sichtbar, die keine Statistik abbilden kann. Am Ende des Podcasts werden diese Zeitzeuginnenstimmen durch das Einspielen von zugesandten Audionachrichten aus der vietdeutschen Community erweitert. Zur Kernfrage, ob tatsächlich besonders viele Vietdeutsche 1991 geboren wurden und wenn ja, warum, fördert das Gespräch folgende Erkenntnisse zu Tage:

Die DDR war für viele Vietnames:innen in den 1980er Jahren eine Chance, aus ihrem kriegsgebeutelten Heimatland herauszukommen. Dort konnten sie arbeiten, Geld verdienen und so die in Vietnam verbliebenen Familienmitglieder unterstützen. Von DDR-Seite wurde den Vietnames:innen eindeutig vermittelt, dass sie zum Arbeiten im Sinne der planwirtschaftlichen Fünfjahrespläne sowie der sozialistischen Bruderstaatssolidarität gekommen seien. Somit war eine Schwangerschaft von Vietnamesinnen nicht erwünscht, wenn auch nicht offiziell verboten. Es gab vorbeugende Maßnahmen wie die Ausgabe der Anti-Baby-Pille oder Informationen über legal mögliche Abtreibungen. Auch Fälle von Ausweisungen als Sanktion für eine Schwangerschaft hat es gegeben, wie Maithu Bùi berichtet. Da die meisten Vietnames:innen auf ein langes Anstellungsverhältnis in der DDR hofften, entwickelte sich in der Community eine regelrechte Angst davor, schwanger zu werden.

Mit dem Ende der DDR zerfiel auch das Abkommen mit Vietnam. Die Unsicherheit der Transformationszeit traf die Vietcommunity doppelt: Durch den Wegfall des Vertragsarbeiter:innen-Status wurden sie wie viele andere arbeitslos. Zudem wussten sie nicht, ob sie im vereinigten Deutschland willkommen sein würden. Kinder zu haben, war für viele damals eine Bleibeperspektive und Hoffnung auf die Zukunft in Deutschland. Wirtschaftlich gesehen war es die Selbstständigkeit, die ihnen oft die einzige Möglichkeit eines Auskommens verschaffte.

Im Podcast vermitteln die beiden Moderatorinnen und Maithu Bùi auch ihre eigenen Erfahrungen und damit die Perspektive der zweiten Generation: Wie sie für ihre Eltern übersetzten, wie sie sich mit ihrer Identität auseinandersetzten, welche Erfahrungen mit Rassismus sie machten oder wie eine Sekundärmigration aus ehemals sozialistischen Staaten wie der Tschechoslowakei in das vereinigte Deutschland stattfand. All diese lebensweltlichen Aspekte bieten weitere Anknüpfungspunkte für interkulturelles Lernen.

Podcasts als Bildungsmedium zum Einsatz in Unterricht

Obwohl sich dieses Medienformat immer mehr Beliebtheit erfreut, gibt es wenig bildungswissenschaftliche Untersuchungen zu Podcasts im Unterricht. Mittlerweile sind viele Schulen technisch gut genug ausgestattet, um den Mehrwert dieses Mediums zu nutzen. Deshalb wird im Folgenden beleuchtet, welche Vorteile Podcasts im Unterricht haben und warum ihr Einsatz gerade für das Hör- und Sichtbarmachen unterrepräsentierter Perspektiven sinnvoll ist.

Mit Podcasts als Quelle und Informationsressource wird die Zuhörkompetenz bei Schüler:innen gefördert. Die Einkanaligkeit erfordert ein hohes Maß an Konzentration, die dadurch wiederum auch gestärkt wird. Durch die auditive Einführung weiterer Expert:innen in den Unterricht wird die Lehrkraft entlastet und durch den Abspielmodus kann das individuelle Lerntempo berücksichtigt werden (Pleimfeldner/Bernius 2013: 32f.). Wird nun ein Podcast wie „Rice and Shine“, der ein breites Publikum anspricht, eingesetzt, ist eine „Konfektionierung“ durch die Lehrkraft nötig: Es ist sinnvoll, mit Hörschnipseln (Snippets) zu arbeiten und diese für den Unterricht passgenau zuzuschneiden. In unserem Beispiel könnte das etwa ein Ausschnitt sein, in dem die Gästin Maithu Bùi die Ankunft ihres Vaters in der DDR beschreibt. Damit würde eine Expertise zum Thema vietnamesische Migration in die DDR genutzt, die Authentizität vermittelt und biografische Evidenz präsentiert. Solche Snippets können auch zum Thema Migration oder Ankommen in Deutschland beispielsweise im Politikunterricht genutzt werden. Interessierte Schüler:innen können die gesamte Podcastfolge als „Lernsnack to go“ auf dem Heimweg von der Schule zu hören (ebd.: 34).

Generell geben Podcasts den Lehrkräften die Möglichkeit, unterbelichtete Themen einzubringen und marginalisierte Stimmen des Diskurses hörbar zu machen. Gerade einzelne Facetten der Migrationsgeschichte, wie sie die vorgestellte Folge von „Rice and Shine“ behandelt, können so Eingang in den Unterricht finden. Dennoch ist ein medienkritischer Umgang geraten: die Subjektivität der Sprechenden, die geskriptete Dramaturgie des Gesprächs und die Seriosität des Mediums sollten im Kontext des Erlernens von Medienkompetenz im Unterricht thematisiert werden.

Medium

Vu, Vanessa/Tran, Minh Thu: Generation 1991, in: Rice and Shine. Der Podcast für vietdeutsche Perspektiven, 30. November 2021, URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-11/familienpolitik-ddr-vertragsarbeiter-geburten-rice-and-shine-podcast [eingesehen am 18.02.2026].

Literatur

Deutsches Historisches Institut, Washington, D.C.: Abkommen zwischen der DDR und Vietnam über die Einreise von ausländischen Vertragsarbeitern, 11. April 1980, in: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern, URL: https://germanhistorydocs.org/de/zwei-deutsche-staaten-1961-1989/ghdi:document-854, [eingesehen am 14.04.2026].

Heinrich-Böll-Stiftung: Aus Vietnam in die DDR. 40 Jahre Vertragsarbeiter-Abkommen (Dossier), URL: https://www.boell.de/de/aus-vietnam-die-ddr-40-jahre-vertragsarbeiter-abkommen [eingesehen am 27.01.2026].

Pleimfeldner, Markus/Bernius, Volker: Podcasts als digitale Lernmedien. Didaktische Chancen und methodische Hinweise, in: Computer + Unterricht, 90 (2013), S. 32–35.

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