„In Zwangsgemeinschaft“ – die Ausstellung zu Frauen in den Strafgefangenenarbeitskommandos in Hohenschönhausen

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins 

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Andreas Engwert (*1968), Historiker und Ausstellungsmacher, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist Kurator der Dauerstellung zu den Arbeitskommandos der weiblichen Strafgefangenen sowie Mitkurator der Dauerausstellung zum Haftort Hohenschönhausen. Der Autor hat zudem die Sonderausstellungen der Gedenkstätte zum Stalin-Kult in der DDR und zur Stasi in Berlin kuratiert.

Andreas Engwert

Entgegen DDR-Recht hielt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in seinen Untersuchungs­gefängnissen auch Strafgefangene fest – das heißt Inhaftierte, die nach einem Gerichtsprozess zu einer oft mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden waren. Sie dienten der Staatssicherheit („Stasi“) als Arbeitskräfte beim Betrieb ihrer U-Haftanstalten. In der zentralen Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen warteten männliche Strafgefangene Fahrzeuge oder waren als Elektriker, Schlosser und Tischler tätig. Strafgefangene Frauen arbeiteten in der Küche und der Wäscherei, putzten die verschiedenen Gebäudetrakte oder mussten Uniformen des MfS-Personals reinigen und ausbessern. Zu diesen nach klassischen Rollenbildern aufgeteilten „Strafgefangenen­arbeitskommandos“ gehörten neben politischen Häftlingen auch wegen krimineller Delikte Verurteilte.

Der Küchentrakt im Souterrain des ab 1960 betriebenen Gefängnisneubaus ist bis in die Gegenwart weitgehend erhalten geblieben. In diesem Bereich bereitete bis 1989 das aus rund 25 weiblichen Strafgefangenen bestehende „Kommando Neue Küche“ die Verpflegung der MfS-Untersuchungshäftlinge zu. Mit Eröffnung der Ausstellung „In Zwangsgemeinschaft. Die Arbeitskommandos der Strafgefangenen in Hohenschönhausen“ im Februar 2023 wird in der Gedenkstätte Hohenschönhausen dieses zuvor wenig beachtete Kapitel des Haftortes in einer eigenen Dauerausstellung dargestellt. Kuratorische Überlegungen führten dazu, den Fokus auf die Haft- und Arbeitsbedingungen der strafgefangenen Frauen zu richten.

Der Ort und die Ausstellung

Hinter den schweren Gittertüren zum Küchentrakt herrscht eine beklemmende Atmosphäre. Die seit langem ungenutzte, über 120 m² große Kochhalle mit den überdimensionierten Küchengeräten wirkt wie ein „Lost Place“. Sie bildet zusammen mit den angrenzenden Räumen – Spül- und Schälküche, Näh- und Bügelstube, Waschküche sowie daran anschließend Aufenthalts- und Schlafräume – den szenografischen Hintergrund für die Entfaltung der Ausstellungskapitel. Der Ort selbst ist das zentrale Exponat: Bis auf drei Vitrinen befinden sich keine Ausstellungsmöbel, Texttafeln oder festmontierten Medienstationen in der Ausstellung. Statt über Objektschilder werden sämtliche Exponate mithilfe der digitalen Augmented-Reality-Technik (AR) zum Sprechen gebracht. Die auf Tablets aufgespielte AR-App verbindet die Erkundung der Räume mit den Ausstellungsinhalten. Auch übergreifende Themen werden per App bereitgestellt.

Im Raum platzierte 360°-Aufnahme eines Statements der ehemaligen Strafgefangenen Monika N. zur Arbeit in der Bügelstube, 2023 © Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Foto: Andreas Engwert

In der Ausstellung kommen zwölf ehemals inhaftierte Frauen in mehr als 50 Video- und Audiosequenzen zu Wort und reflektieren rückblickend ihren beschwerlichen Arbeitsalltag sowie die Herausforderungen beim streng reglementierten Zusammenleben auf engem Raum. Einige Statements wurden mit einer speziellen Studiotechnik so aufgezeichnet, dass lebensgroße, volumetrische 360°-Aufnahmen entstanden. Auf dem Tablet betrachtet, wirken die Studioaufnahmen wie im Raum platzierte „3D-Ansichten“ der Interviewten; die Person scheint gleichsam vor einem zu stehen. An neun Stationen ermöglichen diese Simulationen eine virtuelle Begegnung mit Betroffenen – mit lebensklugen und warmherzigen Persönlichkeiten, die offen über ihre Hafterfahrung sprechen.

Als Quellengrundlage zur Erschließung des Themas dienten Akten im Stasi-Unterlagen-Archiv. Aus dem Schriftgut ließen sich dienstliche Vorgaben und Strukturen des MfS-Gewahrsams rekonstruieren. Zu den problematischen Quellen zählen die vorliegenden Meldungen von Gefangenen an die Stasi-Offiziere über den Arbeitsalltag in den Kommandos sowie die Spitzelberichte von Denunziantinnen. Vor allem Letztere legen eine stark durch Eigeninteresse und die Belastung von Mitgefangenen gefärbte Sichtweise auf die Kommandos bloß. Gleichzeitig offenbaren diese schlaglichtartigen Innensichten, was anderen Inhaftierten verborgen blieb oder in der späteren Rückschau ausgeblendet, verdrängt oder schlichtweg vergessen wurde.

Erzwungenes Miteinander

Über die Arbeitswelt hinaus nimmt die Ausstellung das Leben in der Zwangsgemeinschaft in den Blick. Im Gegensatz zu den U-Häftlingen wurden die strafgefangenen Frauen nicht in Zellen geschlossen, sondern konnten sich frei in ihren Unterkünften bewegen. Die Gemeinschaft war sowohl von Freundschaften als auch von Misstrauen und Feindseligkeiten geprägt. Häufig führte bereits die von der Stasi festgelegte Hierarchie unter den Inhaftierten zu Konflikten. So bestimmten MfS-Offiziere, wer dem mehrköpfigen Kommandorat angehörte. Dieser sollte für einen reibungslosen Tagesablauf sorgen und diente der Stasi als Kontrollinstrument. Die Vorsitzende hatte regelmäßig über die Situation im Kommando zu berichten.

Im Kommando befanden sich aufgrund von politischen Straftatbeständen oder Fluchtversuchen Verurteilte ebenso wie Kleinkriminelle oder wegen Mordes Inhaftierte. Meist kam es zur Gruppenbildung nach „Politischen“ und „Kriminellen“. Vorbehalte gab es in beide Richtungen. In einem Rapport aus dem Jahr 1973 etwa monierte eine Kommandoratsvorsitzende das Auftreten einer politischen Gefangenen, die sich „vom ersten Tage an verhasst machte. Sie interessierte sich intensiv für die Delikte der anderen Strafgefangenen. Ich verbat ihr dieses vor versammeltem Kommando. Es nutzte nichts, sie betitelte die anderen als Mörder und Verbrecher. Und sie war empört, mit solchen Menschen zusammenzuleben sei eine Zumutung, sie gehörten ins Zuchthaus.“ (BArch MfS Abt. XIV 16, S. 18).

Eingespielter Interviewausschnitt der ehemaligen Strafgefangenen Kirsten E. über ein in der Haft angefertigtes Gemälde, 2023 © Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen/Foto: Martin Koch

Die Ausstellung spiegelt unterschiedliche Sichtweisen auf das erzwungene Miteinander wider, die nicht zuletzt den jeweiligen Zeitumständen, Erfahrungen oder dem Verhalten der Mitinhaftierten geschuldet sind. Die ehemalige Gefangene Kirsten E. bemerkt im Interview 2022 zu ihrer Haftzeit 1962/63, untereinander seien „wir Politischen […] sehr, ja ich würde sagen, verständnisvoll, liebevoll miteinander umgegangen. Zu dem Zeitpunkt, als ich da war, war das eine richtig gute Frauengemeinschaft. […] Wir sind sehr, sehr kameradschaftlich miteinander umgegangen und ich habe wirklich richtig enge Freundschaften geschlossen.“ (Interview Kirsten E. 2022).

Wilma R. empfand 1980/81 das Zusammenleben hingegen als „friedlich zwar, aber freundschaftlich möchte ich nicht behaupten – so wie manche immer meinen, wenn Leute im Gefängnis sind, sind sie total solidarisch. Ansonsten, ja Gott, in der Küche, die Frauen haben zusammengearbeitet und eigentlich hat es auch geklappt mit dem Essenkochen und so. Aber dass die großartig Freundschaft geschlossen hätten, das wüsste ich jetzt nicht.“ (Interview Wilma R. 2022).

Brüche verliefen auch auf sozialer Ebene. Neben individuellen Fähigkeiten oder beruflichen Vorkenntnissen beeinflussten unterschiedliche Bildungshorizonte die Zuteilung zu den verschiedenen „Brigaden“ des „Kommandos Neue Küche“. Das festigte – entgegen dem sozialistischen Idealbild – „eine gewisse ‚Rangordnung‘“, wie es Ende der 60er Jahre in dem Bericht einer Gefangenen an einen MfS-Offizier heißt, „an deren letzter Stelle das Reinigungskommando rangiert. Das drückt sich nicht in Worten aus, sondern man merkt es an der ganzen Haltung uns gegenüber. Auch die Spülküche wird kaum anders behandelt. Diese beiden Brigaden kommen sich manchmal vor wie Menschen zweiter Klasse.“ (BArch MfS Abt. XIV 16, S. 233).

Blick in die Küchenhalle in der ehemaligen MfS-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen, 2022 © Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Foto: Luise Wagener

Die Ausstellung nimmt auch in der DDR marginalisierte Personengruppen in den Blick – mangels direkter Kontakte zu Betroffenen freilich aus der Perspektive jener politischen Gefangenen, die sich später in Interviews zur Zusammensetzung der Kommandos äußerten. So standen etwa „Kindesmörderinnen“ oder als „asozial“ stigmatisierte Frauen meist außerhalb der Häftlingsgemeinschaft. So vielfältig die Wege in die Haft, so verschieden waren auch die Strategien der Inhaftierten, sich mit den Eigenheiten ihrer Mitgefangenen zu arrangieren und im Kontrollregime der Stasi zu behaupten. Solide Beziehungen zu anderen Gefangenen waren dabei eine wichtige Stütze, mal zweckorientiert, etwa wenn die Gefangenen Zigaretten, Kaffee oder die Pakete von Verwandten teilten, mal, weil sie emotionalen Rückhalt gaben. In der Gesellschaft bestehende Marginalisierungen führten hingegen auch innerhalb der Gefängnismauern zu Isolation. Häufig einte lediglich die Sorge um Mitverurteilte und Angehörige: „Das Schlimmste war die Trennung von den Kindern“, wie Monika B. im Interview erzählt, „und dieses Ungewisse: Wie lange muss ich hier ausharren?“ (Interview Monika B., 2022).

MfS-Personal und Gefangene

Das Verhältnis zwischen den MfS-Angehörigen und den Frauen war geprägt durch das starke Machtgefälle. Ein oft harscher Ton demonstrierte den Inhaftierten, dass sie sich unterzuordnen hatten. Dennoch bestanden, wenn auch enge, individuelle Handlungsspielräume, deren Nutzung auch von persönlichen Sympathien und Antipathien abhing. Im Haftalltag traten den Gefangenen sowohl männliche als auch weibliche Offiziere gegenüber, die Arbeiten beaufsichtigten oder fachliche Anweisungen erteilten. Die Frauen gaben den MfS-Angehörigen, mit denen sie regelmäßig zu tun hatten, heimlich Spitznamen. Sie offenbaren den meist spöttischen Blick auf das Stasi-Personal.

Fast ausnahmslos männliche „Erzieher“ beurteilten die Bereitschaft der Gefangenen zur „Wiedergutmachung“ der Straftat – und schätzten die Möglichkeit ihrer Umerziehung zu loyalen oder zumindest anpassungsbereiten Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft ein. Besonders perfide: Die regelmäßigen „Erziehungsgespräche“ dienten auch dazu, die Häftlinge unauffällig auszuhorchen oder als Zuträgerinnen anzuwerben.

Der Blick des Gefängnispersonals war bestimmt von Vorschriften, die die Häftlinge immer wieder zu Objekten der heimlichen Überwachung degradierten. Um über Vorkommnisse informiert zu sein, setzte das MfS sogenannte Kontaktpersonen ein – Gefangene, die heimlich über ihre Mitinsassinnen und Missstände im Arbeitsablauf berichteten. 1968 etwa waren von den 26 Strafgefangenen des „Kommandos Neue Küche“ 9 als Kontaktpersonen tätig. Die Zuträgerinnen wussten nicht voneinander. Von ihnen wurden auch Informationen über eingeschlafene Wachposten oder Aufsichten, die mit Gefangenen private Gespräche führten, eingeholt.

Im Einzelfall kam es auch zu heimlichen Beziehungen zwischen MfS-Offizieren und inhaftierten Frauen, die nach der Entlassung fortbestanden – bis das MfS sie unterband. Ob die jeweilige Beziehung aus Zuneigung entstand oder vielmehr Ausdruck der Abhängigkeitsstrukturen war, lässt sich aus den Dokumenten nicht ablesen. Zudem sind einzelne Vorfälle von sexuellen Übergriffen dokumentiert. Sie waren Gesprächsstoff unter entlassenen Strafgefangenen, wie das MfS von einer IM, einer „Inoffiziellen Mitarbeiterin“, erfuhr – und blieben ohne disziplinarische Folgen für den Stasi-Offizier.

Liebesbeziehungen unter den Gefangenen

Über Spitzel wollte die Stasi auch über Liebes- und sexuelle Verhältnisse unter den Frauen informiert werden. Konnte die „Aufnahme von unnatürlichen Beziehungen“, wie es in einem MfS-Bericht von 1971 heißt, aufgedeckt werden, wurden diese „zerschlagen“ (BArch MfS Abt. XIV 807, S. 32). In den Spitzelberichten finden sich entsprechende Denunziationen. Viele Frauen standen solchen Beziehungen unter ihren Haftkameradinnen tolerant gegenüber, andere reagierten ablehnend. Für manche Gefangene war körperliche Nähe indessen ein Ventil für sexuelle Bedürfnisse: „Und wenn jemand vom Sprecher [dem unter MfS-Aufsicht stattfindenden Besuchstermin mit Angehörigen, AE] kam […] und hatte schlechte Nachrichten […]. Ja, dann hat man ja so einen ‚Passi‘ gehabt […]. Und über den Trost, man nimmt sich mal in die Arme und man ist berührt, wenn es dem Passi schlecht geht und zeigt unbewusst als Freundin oder als Passi auch zärtliche Berührungen. Um zu zeigen: ‚Du, ich bin dir ganz nah, gefühlsmäßig und alles.‘ […] Und dann kamen Frauen, die man nicht mehr Passi nannte, sondern das wurde hier gehandelt als ‚Liebi‘. Also das war dann schon die höhere Stufe von zärtlichen Gesten her. Und das war aufregend und reizvoll und hat der Seele gutgetan.“ (Interview Carmen H. 2021).

Die eigenen Erlebnisse prägen auch den späteren Umgang mit der Haftzeit. Für manche Betroffene bleibt sie eine stets präsente und bedrückende Erfahrung. Andere betrachten sie als eine verarbeitete Lebensphase. Die Ausstellung schließt mit Rückblicken auf die Bedeutung der Haft für den weiteren Lebensweg. Kirsten E. betont: „Und diese Haftzeit hat mich deutlich wacher gemacht und bereiter fürs Leben. […] Jeden Tag in meinem Leben, den ich in Freiheit war, den wusste ich zu schätzen.“ (Interview Kirsten E. 2022).

Quellen

Maschinenschriftliche Abschrift eines heimlichen Berichts einer Strafgefangenen aus dem Kommandorat an einen MfS-Offizier vom 27.3.1973, BArch MfS Abt. XIV 16, S. 18.

Handschriftlicher Bericht „Einschätzung des Kommandos“ einer Angehörigen des Kommandorats an einen MfS-Major, o. D. [ca. 1969], BArch MfS Abt. XIV 16, S. 233.

Maschinenschriftlicher „Bericht über die Ergebnisse der inoffiziellen Arbeit mit Kontaktpersonen im Jahr 1970“ von Major Weigel vom 19.2.1971, BArch MfS Abt. XIV 807, S. 28-35.

Die Interviews für die Ausstellung wurden von der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen geführt und sind im dortigen Zeitzeugenbüro abgelegt.

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