Grabe, wo du stehst – das österreichische Projekt „Spuren lesbar machen“
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
Tobias Rischk ist Redaktionsassistent des Magazins Lernen aus der Geschichte. Als freiberuflicher Historiker beschäftigt er sich u. a. mit der Geschichte des NS, deutsch-jüdischer Geschichte, der Geschichte der Extremen Rechten nach 1945 sowie der Erinnerungskultur im Berliner Stadtraum.
Tobias Rischk
„Österreich war das erste Opfer des Nationalsozialismus“ – dieses Narrativ verhinderte lange Zeit eine differenzierte Auseinandersetzung mit der nationalen NS-Geschichte in der Alpenrepublik. Mittlerweile hat eine kritische Forschung Einzug gehalten, Aufarbeitungsinitiativen und Gedenkstätten sind entstanden, und damit auch Perspektiven auf NS-Zwangsarbeit an verschiedenen Orten.
Das Bundesdenkmalamt hat 2020/21 in Österreich über 2.000 Standorte ehemaliger NS-Zwangsarbeitslager identifiziert, die häufig nicht mehr sichtbar sind, überbaut oder abgetragen wurden. Damit einher geht, dass das Thema NS-Zwangsarbeit im kollektiven Gedächtnis lange marginalisiert bzw. vergessen war. Das 2022 gestartete Projekt „Spuren lesbar machen“ setzt dem etwas entgegen. Die Projektinitiator:innen verknüpften für die Umsetzung die Methode der Citizen Science (Laien beteiligen sich an wissenschaftlicher Forschung) mit künstlerischer Vermittlung vor Ort. Sie wählten dafür den Granitsteinbruch Roggendorf in der niederösterreichischen Gemeinde Pulkau. Dort waren seit 1941 osteuropäische Zwangsarbeiter:innen und ab 1944 ungarische Juden und Jüdinnen eingesetzt. Ziel des Projekts war, die lokale Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit exemplarisch zu demonstrieren und andere zur Nachahmung anzuregen.
Das Projekt „Spuren lesbar machen“
Das Projekt zur Sichtbarmachung von Orten der NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum bestand aus mehreren Teilprojekten. Die Geschichtswerkstatt des Historikers Wolfgang Gasser lud Interessierte zu monatlichen Workshops ein, um die Geschichte des Orts zu ergründen. Die Künstler:innen Rosa Andraschek und Martin Krenn übersetzten die Ergebnisse in künstlerisch-digitale Vermittlungsformen – Martin Krenn entwickelte beispielsweise eine Virtual Reality-Anwendung, die eine eigenständige Erschließung der Historie per Tablet ermöglicht. Ein Projekt mit der Mittelschule Pulkau brachte den Schüler:innen Oral-History-Techniken bei, die diese vor Ort mit Menschen der Großelterngeneration umsetzten. Begleitet wurde das ganze Projekt von OpenGLAM, einem Netzwerk zur Entwicklung digitaler Strategien für österreichische Kulturprojekte. OpenGLAM, die das Projekt gemeinsam mit universitären Einrichtungen trugen, implementierte einen Open Data-Ansatz: Die gesammelten Daten (Recherchen, Dokumente, Bilder) sollten frei zugänglich und verwendbar sein. Das Projekt verband demnach zivilgesellschaftliches Engagement, Wissenschaft, Kunst und Digitalität.
Citizen Science – oder Science mit Citizens?
„Grabe, wo du stehst“ lautet der Titel des 1989 erschienenen Buches des schwedischen Schriftstellers Sven Lindqvist − ein Plädoyer für die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte vor Ort. Auch in der Gemeinde Pulkau sollte die Geschichtswerkstatt Erkenntnisse zur NS-Zwangsarbeit im dortigen Steinbruch zu Tage fördern. Die akademische Forschungsgruppe aus verschiedenen österreichischen geschichtswissenschaftlichen Institutionen brachte recherchierte Archivalien in die Workshops mit und hatte im Vorfeld bereits dreizehn Zeitzeug:innen-Interviews geführt. Sie baten die Teilnehmenden aus der Gemeinde Pulkau private Erinnerungsstücke (Briefe, Bilder, Objekte) mitzubringen, die dem Forschungsprozess dienlich sein könnten. Diese Erinnerungsstücke füllten eine digitale Bibliothek für Pulkau, die so sogenannte Topothek.
In den monatlichen Workshops lernten die Teilnehmenden den kritischen Umgang mit zeitgenössischen Quellen, sortierten das Material und wählten Schwerpunkte für die öffentliche Präsentation. Erkennbar wird dabei in der Dokumentation, dass den Citizen Scientists an einer Chronologie der Geschichte des Steinbruchs gelegen war – NS-Zwangsarbeit wird dabei historisiert. Die Zeittafel der Historikerin Edith Blaschitz stellt das Thema NS-Zwangsarbeit demgegenüber ins Zentrum und ergänzt somit wissenschaftlich gewinnbringend.
Der Forscher Mordechai Haklay hat eine Typografie vorgenommen, nach der der Grad der Involvierung von Laien in ein Forschungsprojekt kategorisiert werden kann (Haklay 2013). Forschungsleiter Wolfgang Gasser reflektiert, dass im Projekt Level 3 erreicht wurde: Neben der Sammlung von Daten übernehmen die Teilnehmenden auch die Problemdefinition. Im Fall des Pulkau-Projekts bedeutete das, dass die Pulkauer Bürger:innen ihr Interesse zu Teilthemen formulierten und eine Darstellungsform wählten. Somit ergänzten sie die wissenschaftliche Vorarbeit der Forschendengruppe durch alltagshistorische Quellen und gaben dem Output durch ihre Fragen eine Richtung.
Der Leitfaden
Das Projekt hatte den Anspruch ein Modell für andere Initiativen zu sein. Zu diesem Zweck entstand im Ergebnis ein Leitfaden, der jedoch eher den Charakter eines Projektberichts hat. Die österreichische Forschungsgruppe hat mit dem Projekt Pionierarbeit geleistet, eine Reflexion der Projektarbeit, aus der sich praktische Anwendungen ableiten ließen, wäre als Teil des Leitfadens jedoch wünschenswert gewesen. Interessant wäre weiterhin zu erfahren, was diese multiperspektivische Erinnerungsarbeit vor Ort bei den Gemeindebewohner:innen bewirkt hat: War es für sie eine interessante lokalhistorische Veranstaltung oder setzte es weitere Fragen und Nachforschungen – zum Beispiel zur NS-Zwangsarbeit – in Gang?
Literatur
Blaschitz, Edith/Krenn Martin (Hrsg.): Spuren lesbar machen. Das NS-Zwangslager im Granitwerk Roggendorf. Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung zwischen Kunst und Wissenschaft, Innsbruck 2025.
Haklay, Mordechai: Citizen Science and Volunteered Geographic Information – overview and typology of participation, in: Sui, Daniel/Elwood, Sarah/Goodchild, Michael Frank (Hrsg.): Crowdsourcing Geographic Knowledge. Volunteered Geographic Information (VGI) in Theory and Practice, Berlin 2013, S. 105–122.