Geschlecht als blinder Fleck? Über die Darstellung politischer Frauenhaft in der Gedenkstätte Hoheneck
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins
Dr. Nancy Aris ist seit 2021 die Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie beschäftigt sich mit politischer Verfolgung in der DDR, der Aufarbeitung von Diktaturerfahrungen sowie Fragen der Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur. Sie begleitet seit vielen Jahren die erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit politischer Haft in der DDR und engagiert sich insbesondere für die Sichtbarmachung weiblicher Verfolgungs- und Hafterfahrungen.
Nancy Aris
Der vorliegende Text stellt meine Außenperspektive auf die Dauerausstellung in der Gedenkstätte Hoheneck dar. Ich war nicht unmittelbar daran beteiligt, habe aber seit 2003 versucht, ihren Entstehungsprozess unterstützend zu begleiten. Im Herbst 2020 begann die unmittelbare Arbeit an der Dauerausstellung mit Fachbeirat und Ausstellungsagentur. Im Juli 2024 wurde die Gedenkstätte, deren Zentrum die Dauerausstellung ist, eröffnet. Sie wird als Gedenkstätte Hoheneck gGmbH betrieben und befindet sich in der Trägerschaft der Stadt.
Der lange Weg zur Gedenkstätte
Obwohl Hoheneck als größtes Frauengefängnis der DDR ein zentraler Ort politischer Repression war, dauerte es lange, bis dort eine Gedenkstätte entstand. Da die Vorgeschichte für das Verständnis der heutigen Situation wesentlich ist, soll sie hier kurz skizziert werden. 1991 gründete sich der Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen und setzte sich von Anfang an für eine Gedenkstätte ein. Die Haftanstalt Hoheneck blieb bis 2001 in Betrieb. 2003 wurde das Gelände an einen Investor veräußert, der eine Umnutzung zu einem Hotel mit gehobener Gastronomie und Oldtimermuseum plante. Im Innenhof war zudem eine „Event-Arena“ vorgesehen. Erste Veranstaltungen wie ein „Männertag im Frauenknast mit Jailhouse-Feeling und Knastfrühstück“ deuteten die geplante kommerzielle Aneignung des Ortes an. Der Frauenkreis sowie der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen kritisierten dies scharf. Der Investor zog sich zurück. Erst der Besuch des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff 2011 lenkte erneut öffentliche Aufmerksamkeit auf den Ort. Mit der Aufnahme in das Gedenkstättengesetz der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (2012) und dem Erwerb des Areals durch die Stadt Stollberg (2014) wurde der Weg zur Gedenkstätte bereitet. Dennoch dauerte es weitere zehn Jahre, bis die Gedenkstätte im Juli 2024 eröffnete werden konnte.
Die Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützte den Entstehungsprozess von Anfang an. Ihr war besonders wichtig, die ehemals inhaftierten Frauen nicht lediglich als „Wissensreservoir“, sondern als aktive Partnerinnen in die Konzeption der Gedenkstätte einzubeziehen. Sie erstellte einen Fragebogen, der nicht nur die Hafterfahrungen abfragte, sondern auch ein differenziertes Bild zu den Erwartungshaltungen an die zukünftige Gedenkstätte ermittelte. Die Rückmeldungen stellte sie dem Kurator zur Verfügung.*
Als Vorsitzende des 2020 gegründeten Fachbeirates setzte sie sich intensiv für regelmäßige Gesprächsformate ein, bei denen über den Planungsstand informiert werden sollte. Ziel war es, Transparenz zu schaffen und Akzeptanz zu fördern, da erste Konzeptentwürfe auf Kritik gestoßen waren. Den direkten Austausch bei den daraufhin eingeführten „Quartalsgesprächen“ unterstützte die Landesbeauftragte durch Übernahme der Reisekosten. Dass in relativ kurzer Zeit eine beachtenswerte Gedenkstätte geschaffen wurde, ist außerordentlich zu würdigen. Die Aufgabe war gewaltig: Fast alle Inhalte mussten von Grund auf recherchiert werden, umfangreiche Baumaßnahmen waren nötig und ein tragfähiges Ausstellungskonzept musste erst erarbeitet werden.
Die Erarbeitung der Dauerausstellung
Die Genese der Gedenkstätte blieb jedoch reine Männersache. Dies betraf sowohl innerstädtische Entscheidungsprozesse als auch wissenschaftliche und kuratorische Fragen, die ausschließlich von Männern verantwortet wurden. Dies spiegelt sich auch in den Schwerpunktsetzungen der Dauerausstellung wider. Auffällig ist, dass die Vorgeschichte des Ortes vergleichsweise viel Raum einnimmt. Historisch ist das zweifellos relevant. Doch Hohenecks Bedeutung als zentrales Frauengefängnis der DDR ist sein Alleinstellungsmerkmal und zugleich der Hauptgrund für die Förderung der Gedenkstätte durch Bund und Land. Angesichts der begrenzten Ausstellungsfläche stellt sich daher die Frage, ob dieser Aspekt ausreichend Beachtung findet.


Gerade weil Hoheneck ein Frauengefängnis war, wäre es wünschenswert, auch jene Bereiche und Konfliktfelder sichtbar zu machen, die spezifisch weibliche Lebenswelten in der DDR betrafen. Dazu gehörte die strafrechtliche Verfolgung von Frauen wegen Schwangerschaftsabbrüchen vor Einführung der Fristenregelung im Jahr 1972, die sich auch in den Belegungszahlen Hohenecks niederschlug. Die Darstellung dieses Teils der Hausgeschichte könnte dazu beitragen, verbreitete Vorstellungen einer durchgehend liberalen DDR-Abtreibungspolitik zu differenzieren.
Geschlecht als Analysekategorie
Obwohl im Vorfeld zahlreiche Interviews mit ehemals inhaftierten Frauen geführt wurden, bleibt der Fokus der Ausstellung ein eher allgemeiner Zugriff auf politische Haft. Zwar wird über Frauen berichtet, dies geschieht jedoch, ohne eine geschlechterspezifische Perspektive auf Haftbedingungen und Repression zu entwickeln. Die bloße Tatsache, dass Hoheneck ein Frauengefängnis war, führt nicht automatisch zu einer geschlechteranalytischen Darstellung.
Die politische Verfolgung von Frauen unterschied sich in einzelnen Punkten von der von Männern. Und sie traf Frauen oft auf andere Weise. Daher stellt sich die Frage, welche Erfahrungen geschlechtsspezifisch geprägt waren und wie sie in der Ausstellung sichtbar werden. Hier zeigen sich aus meiner Sicht deutliche Leerstellen. Im Folgenden möchte ich einige dieser Leerstellen beleuchten, um zu zeigen, was die Ausstellung auslässt und welche Chancen dadurch verpasst wurden. Damit ist keine Gesamtbeurteilung der Ausstellung beabsichtigt.
- Körperlichkeit zwischen Kontrolle und Selbstbehauptung
Die Ausstellung thematisiert die schlechten hygienischen Bedingungen grundsätzlich zutreffend. Diese unterschieden sich jedoch kaum von denen in Männerhaftanstalten der DDR. Der entscheidende Unterschied lag in der spezifischen Bezugnahme auf den weiblichen Körper als Objekt von Kontrolle, Disziplinierung und Demütigung. Es gibt dazu Zeitzeuginnenberichte, die in die Ausstellung hätten einfließen können. So bleibt unerwähnt, wie beispielsweise die Menstruation als Abhängigkeitsinstrument genutzt wurde, indem Binden bewusst rationiert wurden. Manche Frauen reagierten mit solidarischer Selbstorganisation innerhalb der Zelle, andere nutzten das wertvolle Gut, um daraus Vorteile für sich zu ziehen und die eigene Machtstellung zu behaupten.
Auch der Aspekt der Körperkontrolle bleibt unberücksichtigt. Die Ausstellung hätte thematisieren können, dass Leibesvisitationen bewusst entwürdigend durchgeführt wurden oder dass Frauen bei Läusekontrollen nackt in Gruppen antreten und lange warten mussten und so einer zusätzlichen Form der Entblößung und Demütigung ausgesetzt waren. Die oft beschriebene fehlende Intimsphäre war keine zufällige Begleiterscheinung der Haft, sondern ein bewusst eingesetztes Mittel und als Teil der Repressionspraxis strukturell angelegt. Selbst Toiletten waren durch Türspione vom Wachpersonal einsehbar. Diese totale Kontrolle bis in den intimsten Rückzugsort und den privatesten Bereich der körperlichen Existenz war nicht nur erniedrigend, sondern erzeugte auch Gefühle von Ohnmacht und Ausgeliefert-Sein. Das Wachpersonal nutzte und schuf zudem Hierarchien zwischen den politischen und kriminellen Häftlingen: Letztere überwachten beispielsweise das „ordentliche Waschen untenrum“. Der weibliche Körper wurde so zum spezifischen Ansatzpunkt staatlicher Kontrolle.
Gleichzeitig gab es auch Formen der Selbstbehauptung. In einem System, das auf Kontrolle, Disziplinierung und Fremdbestimmung beruhte, konnten Handlungen am eigenen Körper auch Ausdruck von Widerstand und Handlungsmacht sein. Dies betraf einerseits sexuelle Beziehungen unter den Strafgefangenen, aber auch den Körper selbst. Gerade weil der Körper in der Haft permanent kontrolliert und reglementiert wurde, gewann jede Form der Selbstgestaltung eine besondere Bedeutung. Manche Frauen flochten sich untereinander die Haare, schminkten sich, andere tätowierten sich, wieder andere verletzten den eigenen Körper. In einer Situation weitgehender Entmündigung konnten solche Handlungen auch Akte der Selbstermächtigung sein – ein Ausdruck des Willens, zumindest über einen Teil des eigenen Ich noch selbst zu verfügen. Auch intime Beziehungen unter den Gefangenen lassen sich in diesem Kontext als Ausdruck begrenzter Selbstbestimmung verstehen.
- Kinder: Sehnsuchtsort und Druckmittel
Für viele inhaftierte Frauen war die Trennung von ihren Kindern ein zentrales Thema. Als Hoheneck 1950 erstmals mit Frauen belegt wurde, kamen beim ersten Transport aus dem Sowjetischen Speziallager etwa 30 Kinder mit. Man nahm sie kurze Zeit später ihren Müttern weg und brachte sie in Heime, die Frauen blieben äußerst besorgt zurück.

Auch in späteren Jahren brachte manche Frauen die Sorge um ihre Kinder, die Ungewissheit über ihren Verbleib sowie Schuld- und Ohnmachtsgefühle fast um den Verstand. Vergleichbare Belastungen gab es zwar grundsätzlich auch bei männlichen Häftlingen, es zeigen sich jedoch zwei Unterschiede: Erstens nimmt das Thema Kinder in weiblichen Erinnerungsnarrativen eine zentrale Stellung ein. Auch im Haftalltag war es das alles beherrschende Thema: Die Frauen sprachen ständig darüber. Dies trifft bei männlichen Schilderungen nicht zu. Zweitens wurden Kinder im Haftalltag in Hoheneck gezielt als Druckmittel eingesetzt. Kinder wurden zum Hebel für Vernehmungen und Einschüchterungsmaßnahmen. Die Angst vor staatlichen Eingriffen ließ aus Häftlingen zuweilen Stasi-Spitzel werden. Die Sorge um die Kinder war ein wunder Punkt und die Demütigungen, wenn Briefe nicht ausgehändigt, gemalte Bilder zerstört wurden oder Fotos nur kurz angeschaut werden durften, waren unvergleichlich viel „wirksamer“ als andere Schikanen und wurden deshalb gern zur Disziplinierung genutzt. Teilweise wurde Inhaftierten ihre Mutterrolle explizit abgesprochen, sie wurden als schlechte, unfähige Mütter diffamiert. Diese Praktiken sollten das Selbstvertrauen der Frauen zerstören, sie zielten unmittelbar auf ihre Identität als Mütter und stellten eine spezifische Form der Gewalt dar. Zugleich waren die Kinder und ihre Zeichen der Liebe für viele Frauen lebensrettend – die zentrale emotionale Ressource und Überlebensanker.
In der Dauerausstellung ist von diesen wichtigen Erfahrungen, die für viele ehemalige Hoheneckerinnen zentral und haftprägend waren, nichts zu sehen. Das Thema Kinder taucht dort nur zweimal auf: zum einen bei den Kindern, die mit dem ersten „Sachsenhausen-Transport“ nach Hoheneck kamen, zum anderen bei den in Haft geborenen Kinder, die nur kurz erwähnt werden. Was mit den Kindern nach der Trennung geschah, ist sachlich ungenau dargestellt. Den Titel „Knastkinder“ als Titel dieses Ausstellungssegmentes halte ich persönlich für ungeeignet. Aus meiner Sicht müsste die Perspektive auf Mutterschaft und ihre politische Instrumentalisierung in der Dauerausstellung deutlich stärker gewichtet werden.
- Arbeit: Geschlecht als Organisationsprinzip

Ein weiterer Bereich, in dem geschlechtsspezifische Aspekte unberücksichtigt bleiben, ist die Darstellung von Haftarbeit. Die Ausstellung zeigt die Haftarbeit zwar ausführlich, jedoch fehlt der Blick darauf, dass diese Arbeit nicht geschlechtsneutral war. In Hoheneck verrichteten Frauen überwiegend Tätigkeiten, die gesellschaftlich als „Frauenarbeit“ galten, etwa in der Textil- und Nähproduktion. Damit reproduzierte das Haftsystem traditionelle Geschlechterrollen. Zugleich zeigen Akten, dass Arbeit im Haftkontext als zentrales Erziehungsinstrument eingesetzt wurde. Arbeit sollte die Frauen im Sinne sozialistischer Normvorstellungen disziplinieren, um „arbeitsscheue“ Frauen zu „richtigen“ Frauen zu erziehen. Haftarbeit war damit nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein normatives Steuerungsinstrument.
Fazit: Frauengeschichte nicht als Zusatz, sondern als Perspektive
Die Geschichte von Hoheneck ist nicht allein die Geschichte politischer Repression. Sie ist auch eine Geschichte von Weiblichkeit unter den Bedingungen politischer Verfolgung. Eine geschlechtersensible Perspektive bedeutet nicht, Frauen lediglich sichtbar zu machen, sondern auch Repressionsmechanismen, Körperpolitik und Erinnerung selbst als geschlechtlich strukturierte Phänomene zu analysieren. Für ein vertieftes Verständnis von Frauen in politischer Haft wäre es daher dringend notwendig, diese Erfahrungen nicht nur zu dokumentieren, sondern sie systematisch als analytische Kategorie in die Darstellung einzuarbeiten. Die Gedenkstätte Hoheneck bietet hierfür ein wichtiges Fundament und viele Ansatzpunkte. Zugleich bleibt in dieser Hinsicht weiterer konzeptioneller Entwicklungsbedarf.
* Meinen Ausführungen liegen unzählige Gespräche mit ehemals in Hoheneck inhaftierten Frauen zugrunde. Einige ausführliche Interviews mündeten unter anderem in den Porträtband „Das lässt einen nicht mehr los. Opfer politischer Gewalt erinnern sich“, den ich 2017 erstellte. Ich begleitete Marie-Luise Knopp beim Verfassen ihres autobiografischen Buches: „Eingesperrte Gefühle bahnen sich ihren Weg: Burg Hoheneck und ein Leben danach“. Außerdem war ich als Herausgeberin intensiv an der Erstellung der Monografie von Sebastian Lindner beteiligt: „Hoheneck. Die Geschichte des zentralen Frauengefängnisses in der DDR“, Leipzig 2026.
Literatur
mobyDOK GmbH: Der Hoheneck Komplex: ein Projekt zum Frauengefängnis Hoheneck in der DDR, 2020, URL: https://der-hoheneck-komplex.de/#/intro [eingesehen am 12.08.2026].
Schacht, Ulrich: Hohenecker Protokolle. Aussagen zur Geschichte der politischen Verfolgung von Frauen in der DDR, Leipzig 2009.
Schlicke, Birgit: Gefangen im Stasiknast. Tagebuch einer politischen Gefangenen im Frauenzuchthaus Hoheneck, Wiesbaden 2001.
Stötzer, Gabriele: Die bröckelnde Festung, München 2002.
Veith, Ines: Klipp, Klapp, Holz auf Stein. Frauen in politischer Haft Hoheneck 1950–1989, Berlin 1996.