Erinnern und Vergessen von NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum. Die Studie „Am Horizont“ von Angelika Laumer

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung 

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Sabrina Pfefferle ist freie Autorin und Psychotherapeutin in Ausbildung.

Sabrina Pfefferle

Das Thema NS-Zwangsarbeit in der ländlichen Gesellschaft steht bislang kaum im Fokus von Forschung und Erinnerung. Dabei war NS-Zwangsarbeit gerade hier allgegenwärtig: In fast jedem Ort gab es Menschen, die unfreiwillig auf Bauernhöfen und in Familien arbeiteten. Durch die räumliche Nähe – die gemeinsame Arbeit im Haus, auf einem Hof und dem Feld – waren die Leben von Zwangsarbeiter:innen und Profiteur:innen sowohl während als auch teilweise nach dem NS eng verwoben. Wie vollzog sich NS-Zwangsarbeit in dieser räumlichen und sozialen Nähe? Wie wirkte sich rasseideologisches Denken dabei aus? Und wie wird NS-Zwangsarbeit hier und heute erinnert – und vergessen?

Biografische Eigenverortung

Diesen Fragen widmet sich die 2023 erschienene Studie „Am Horizont. Kinder von NS-Zwangsarbeiter_innen und das alltägliche Erinnern und Vergessen in der deutschen ländlichen Gesellschaft“ von Angelika Laumer. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist ein persönlicher Bezug: Von ihrer Großmutter erfuhr die Autorin von Emil Torba, einem Zwangsarbeiter aus Polen, der auf dem familieneigenen Bauernhof in Niederbayern arbeiten musste. Das Aufwachsen der Autorin im Untersuchungsraum prägt die teilhabende Beobachtung: Laumer reflektiert, wie ihre Rolle – als Angehörige, Weggezogene, Forscherin – von der Dorfgemeinschaft wahrgenommen wird und ihren Zugang sowie ihr Sprechen über das Untersuchungsvorhaben beeinflusst. Durch ihre persönliche Verbundenheit erhält Laumer besonderen Zugang zu ihrem Untersuchungsraum: Die Autorin führt Gespräche am Gartenzaun, beim Kaffeetrinken im Haus ihrer Tante oder auf dem Friedhof. Die Zuordnung der Autorin zu einem bestimmten Ort, einer konkreten Familie scheint Voraussetzung für die Kontaktaufnahme und teilweise auch für die Offenheit der Interviewpartner:innen zu sein – zumindest auf Profiteursseite. Denn die Autorin diskutiert auch, inwiefern das Schweigen der Nachkommen von Zwangsarbeiter:innen über bestimmte Inhalte zugleich ein Schweigen ihr gegenüber ist – als Nachkommin einer Profiteurs-Familie.

Aufbau der Arbeit

Auf die Einleitung, die einen Überblick über den Forschungsstand zu NS-Zwangsarbeit und ländlichem Erinnern gibt, folgt eine historische wie gegenwärtige Charakterisierung des Untersuchungsgebiets: der heutigen Landkreise Straubing-Bogen, Cham und Regen in Niederbayern, die während des NS Teil des Gaues Bayerische Ostmark waren. Das anschließende Kapitel widmet sich soziologischen sowie (psycho)analytischen Konzepten von Erinnern und Vergessen sowie deren Zwischenräumen. Die Vielzahl der eingeführten Konzepte erscheint teilweise wenig systematisiert, wenngleich die einkreisende und umschreibende Herangehensweise neue Perspektiven öffnet. Ein stärker ordnendes System hätte die Beziehungen der Denkansätze klarer hervortreten lassen und die anschließenden Ergebnisse konzeptionell stärker strukturiert.

Auf die Theorie folgt die Methode: Die Autorin forschte im Archiv und führte Interviews mit Profiteur:innen und deren Nachkommen sowie mit Angehörigen ehemaliger NS-Zwangsarbeiter:innen. Ausgehend von der Grounded Theory wertet sie sowohl sprachlich explizite Deutungsmuster als auch beobachtete soziale Praktiken aus. Dazu gehört auch das (Ver)Schweigen. In zwei ausführlichen Ergebniskapiteln präsentiert sie ihre Befunde, von denen im Folgenden einzelne skizziert werden.

Ländliches Wissen über NS-Zwangsarbeit

Die Profiteur:innen und ihre Nachkommen bringen die Ankunft der „Ausländer“ kaum explizit mit dem NS, dem deutschen Vernichtungskrieg oder dem Zweiten Weltkrieg allgemein in Verbindung. Erinnert wird weniger das „Phänomen Zwangsarbeit“ – auch das Wort selbst fällt kaum –, als vielmehr einzelne konkrete Personen. Diese Entkopplung zeigt sich teilweise auch im Sprechen über Beziehungen zwischen deutschen Frauen und Zwangsarbeitern, die die NS-Rassenideologie kriminalisierte. Häufig werden sie offen, im Modus des Klatsches thematisiert. Erst wenn von Bestrafungen bis hin zu KZ-Inhaftierungen die Rede ist, tritt die Wirkmacht der NS-Ideologie hervor.

Hier zeigt sich auch ein Tabu: Einige Interviewte nennen die Namen der verfolgten deutschen Frauen nicht oder nicht mehr. Doch während deren Identitäten zunehmend verblassen, wurden die Namen der verfolgten Zwangsarbeiter gar nicht erst erinnert. Auch weitere Aspekte, die sich in historischen Quellen zeigen, bleiben im Sprechen der Profiteur:innen und ihrer Nachkommen ausgespart. Dazu gehört etwa die hohe Zahl verstorbener Säuglinge polnischer oder ukrainischer Zwangsarbeiter:innen im Untersuchungsgebiet (siehe den Beitrag Brüntrup in diesem Magazin).

Zugehörigkeit und Erinnern

Sehr präsent ist im Untersuchungsraum hingegen lokales Wissen darüber, wo welche „Ausländer“ gelebt haben. Dabei scheint das Arbeitsethos als zentrales Deutungsmuster maßgeblich dafür zu sein, wer als zugehörig gilt und später erinnert wird. Es bewegt sich entlang eines Kontinuums von ethnischem und eugenischem Rassismus und wirkt in Fragmenten bis heute fort: Zwangsarbeiter:innen werden entweder als „arbeitsam“ und damit als zugehörig oder als „faul“ und „rebellisch“ und damit als ausgeschlossen kategorisiert.

Wer dazugehört, wird zugleich einverleibt: Die „fleißigen“ Zwangsarbeiter:innen werden, teils in sexualisierter Form, auf ihre Körperlichkeit und auf ihre Körperkraft reduziert, einzelnen Höfen zugeordnet und damit in eine Erinnerungslogik der Leibeigenschaft eingebunden. Wer nicht dazugehört, verschwindet aus dem Blickfeld: An seiner oder ihrer Geschichte besteht kein Interesse. Laumer zeigt zudem, wie Erinnerung im untersuchten ländlichen Raum räumlich organisiert ist: Die Erinnerungen der Interviewten an die Zwangsarbeiter:innen setzen mit deren Ankunft im Ort ein und enden mit dessen Verlassen; für deren Leben davor und danach besteht kein Interesse.

Passing

In den Berichten von Angehörigen von Zwangsarbeiter:innen – darunter Partnerinnen und Nachkommen aus den „verbotenen“ Beziehungen zwischen Zwangsarbeitern und deutschen Frauen (siehe auch den Beitrag Rischk in diesem Magazin), die nach 1945 im Untersuchungsgebiet, teilweise im Dorf, verblieben – zeigt sich eine deutliche Diskrepanz: Es überwiegen Selbstzuschreibungen von ungebrochener Zugehörigkeit, die gleichzeitig von Ambivalenzen durchzogen sind. Auffällig ist das Schweigen vieler Angehöriger, die Erinnerung, dass die Väter „zurückgezogen“ oder „schwierig“ gewesen seien, sowie das Fehlen einer problematisierenden Auseinandersetzung mit Profiteursfamilien. Konkrete Gewalttaten – die in Spruchkammerakten beschrieben wurden – werden in den Gesprächen kaum thematisiert, ebenso selten die lebensbedrohlichen Erfahrungen ihrer Eltern oder Partner. Die Autorin deutet diese Konstellation als „Passing“, also „dass die Tatsache, Nachkommen von Zwangsarbeiter_innen zu sein, verborgen oder erfolgreich nicht thematisiert wird, um etwaige gesellschaftliche Nachteile zu vermeiden“ (Laumer 2023: 21). Ein solches „Verstehen des eigenen Platzes“ sowie das damit einhergehende Ausblenden potenziell konflikthafter Themen könnten zur Sicherung von Zugehörigkeit in der ländlichen Gemeinschaft beitragen. Verstärkt wird dieser Prozess durch die ungleiche Verteilung von ökonomischem, sozialem und symbolischem Kapital, die darüber entscheidet, welche Erinnerungen Gewicht erhalten. Die Autorin geht davon aus, dass durch die dominierenden Deutungen der Mehrheit bestimmte Akteur:innen implizit lernen, ihren Platz im Wissensgefüge zu akzeptieren. Zugleich zeigen sich Abweichungen von diesen Selbstunterordnungen: In den Interviews werden bestimmte Motive, die aus der öffentlichen Erinnerung an die Shoah bekannt sind – wie beispielsweise dunkle Waggons oder das Abrasieren der Haare – aufgenommen. Auch wenn ihre Eltern nicht jüdisch waren, beschreiben einzelne Nachkommen von Zwangsarbeiter:innen Ähnlichkeiten zum Schicksal der Opfer der Shoah. Dafür gibt es bereits Worte und Erinnerungsstränge. Sie suchen so nach Worten für die Verfolgung ihrer Eltern.

Fazit

Die Studie überzeugt durch ihre dichte empirische Rekonstruktion der ländlichen Erinnerungs- und Vergessenslogiken im Untersuchungsgebiet sowie die bewusste Einbindung der eigenen Subjektposition in den Forschungs- und Denkprozess. Laumers zentrale Schlussfolgerung ist normativ aufgeladen: Da der Stellenwert der Einzelnen den skizzierten Kommunikationslogiken folgt, verschwinden bestimmte Menschen aus den Erinnerungen vor Ort – als seien sie nie dagewesen. Genau diesen Modus will die Autorin mit ihrer Aufforderung zur autobiografischen Erzählung irritieren und unterbrechen. Wofür? Für die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen und ihre Angehörigen, für eine vollständigere Geschichtsschreibung und, um der alltäglichen Aktualisierung nationalsozialistischer Deutungsmuster etwas entgegenzusetzen.

Literatur

Laumer, Angelika: Am Horizont. Kinder von NS-Zwangsarbeiter_innen und das alltägliche Erinnern und Vergessen in der deutschen ländlichen Gesellschaft, Weinheim/Basel 2023.

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