Eine Leerstelle der Aufarbeitung? Frauen in politischer Haft in der DDR − im Gespräch mit Silke Klewin
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins
Silke Klewin ist Historikerin und Leiterin der Gedenkstätte Bautzen/Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
LaG: Frau Klewin, Sie waren bereits in den 1990er Jahren Mitarbeiterin des Bautzen-Komitees e. V., seit 1998 leiten Sie die Gedenkstätte Bautzen. Wie sind Sie in diesem Kontext auf das Thema Frauen in Haft gekommen?
Silke Klewin: Frauen in Haft ist schon seit 1998 eines meiner Themen, als ich anfing, die Gedenkstätte Bautzen aufzubauen. Die Gedenkstätte Bautzen ist ein komplexer Erinnerungsort. Hier wird die Geschichte der beiden Bautzener Gefängnisse dokumentiert: die Geschichte von Bautzen I und II während der NS-Diktatur, der sowjetischen Besatzungszeit und des SED-Regimes. Und natürlich dokumentiert die Gedenkstätte, die sich in der ehemaligen Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II befindet, die Schicksale der hier inhaftierten Männer und Frauen. Die Beschäftigung mit Frauen in der Haft begann mit meiner wissenschaftlichen Arbeit hier.
Während wir in der Gedenkstätte immer schon Haftschicksale von Frauen dokumentierten, verfolgen wir geschlechtergeschichtliche Ansätze erst seit Kurzem. Und manchmal stellen KollegInnen noch immer infrage, ob dieser Ansatz überhaupt einen Sinn macht. Ich war auch zuerst skeptisch, da es normativ überhaupt keine Hinweise auf Unterschiede in der Behandlung von Frauen und Männern gibt. Eher durch Zufall hatte ich bei der Auswertung einer Arrestkartei der Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II ein Aha-Erlebnis. Die Arrestkartei ist für einen bestimmten Zeitraum erhalten und die Auswertung kam zunächst zu dem Ergebnis, dass 20 Prozent aller hier in diesem Stasiknast verhängten Sanktionen gegen Häftlinge Arreststrafen waren. Da habe ich mal geschaut: Macht es bei Arreststrafen einen Unterschied, ob ich ein Mann oder eine Frau bin? Der Anteil an Frauen im Verhältnis zu Männern, die eine Arreststrafe erhalten haben, ist deutlich geringer – nur 4 Prozent. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Personal grundsätzlich weniger Arrest gegen Frauen verhängte. Jedoch können wir nicht mehr sagen: 20 Prozent aller verhängten Sanktionen gegen die Gefangenen waren Arreststrafen. Zusammen mit den Befragungen der ehemaligen Gefangenen und auch des Personals ergibt sich dann ein schlüssiges Bild: Es gab einen eklatanten Unterschied im Verhalten, wenn man die Kategorie Geschlecht in den Blick nimmt. Frauen haben sich anders angepasst und sind anders mit den Regeln umgegangen.
LaG: Warum ist es wichtig differenzierter zu fragen?
Silke Klewin: Die weiblichen Gefangenen waren von der DDR-Forschung weitgehend ausgeblendet – erzählt wurde überwiegend aus einer männlichen beziehungsweise vermeintlich geschlechtsneutralen Perspektive. Bemerkenswert ist jedoch der hohe Anteil an Frauen im Strafvollzug der DDR: 12 Prozent der Strafgefangenen in der DDR in den 1980er Jahren waren Frauen. In der Bundesrepublik zur gleichen Zeit waren es drei Prozent. Konkret saßen an einem Stichtag, dem 20. Januar 1989, 2.723 verurteilte Frauen in der DDR in Haft. Diese vergleichsweise hohe Zahl spiegelt sich überhaupt nicht in der Forschung. Es gibt zum DDR-Strafvollzug ziemlich viele Untersuchungen: Die Haftarbeit ist untersucht, der Einfluss der Staatssicherheit, der Freikauf, die Erziehung, Disziplinierung und Bestrafung, meist dann auf einzelne Orte bezogen. In einführenden Kapiteln wird immer gesagt, es saßen hier Männer ein und auch so und so viele Frauen – dann endet die Differenzierung. Selbst grundlegende statistische Angaben differenzieren nicht nach Geschlecht.
Frauen wurden nicht bewusst aus der Forschung ausgeschlossen, aber eben vielfach nicht als Akteurinnen wahrgenommen. Der männliche Gefangene war gewissermaßen der Normalfall, seine Erfahrungen wurden verallgemeinert und damit implizit auf die Frauen übertragen. Darin liegt für mich die Männerzentrierung. Eine systematische Geschichte des Frauenstrafvollzugs steht noch aus. Es gibt lediglich Studien, die einzelne Orte in den Blick nehmen und so haben wir es ja auch in Bautzen gemacht. Von da aus fehlt der nächste Schritt: dass wir das Ganze in den Vergleich bringen. Das grundsätzliche Defizit der DDR-Forschung ist, dass Geschlecht als historische Analysekategorie erst vergleichsweise spät erkannt wurde. Und wir haben gar nicht danach gefragt, ob staatliche Repressionen Frauen und Männer unterschiedlich trafen, ob Geschlechterbilder den Haftalltag beeinflussten oder auch, ob Frauen und Männer unterschiedliche Strategien entwickelten, um mit Haftkontrolle und Entwürdigung umzugehen.
Damit ergänzen wir nicht nur die Geschichte der Frauen – wir gewinnen ein genaueres Bild davon, wie das Repressions- und Strafvollzugssystem der DDR insgesamt funktionierte. Es geht nicht darum, die bisherige Forschung pauschal als falsch abzuwerten oder eine Frauengeschichte neben die Männergeschichte zu stellen. Es geht darum zu erkennen, dass eine überwiegend männliche Perspektive bestimmte Fragen gar nicht erst gestellt hat. Dadurch sind wesentliche Teile der Haftrealität unsichtbar geblieben und es haben sich Gender Biases in unsere historische Wahrnehmung eingeschrieben. Genau das muss die weitere Forschung korrigieren
LaG: Macht es denn Sinn, schon über Vermittlungsfragen in den Gedenkstätten nachzudenken, wenn noch so vieles erforscht werden muss?
Silke Klewin: Die Forschungslage ist noch ausgesprochen lückenhaft, bei dem Thema stehen wir in vielerlei Hinsicht eher am Anfang. Aber es sind bereits erste wichtige Schneisen geschlagen worden. Sebastian Lindner hat etwa Forschungsergebnisse zum Frauengefängnis Hoheneck zusammengetragen. Daneben gibt es einzelne Aufsätze zu Frauen und ihren spezifischen Hafterfahrungen, Erinnerungsberichte und eine Reihe vergleichsweise gut dokumentierter Einzelschicksale. Auch an verschiedenen Gedenk- und Erinnerungsorten liegen inzwischen Quellen, Zeitzeuginneninterviews und Erfahrungen aus der Vermittlungsarbeit vor. Trotzdem besteht hier erheblicher Forschungsbedarf. Das bedeutet aber keineswegs, dass wir mit der Bildungsarbeit warten müssten, bis all diese Fragen wissenschaftlich geklärt sind. Entscheidend ist, in der Vermittlung transparent zu machen, was wir wissen, aber eben auch, was wir noch nicht wissen. Gerade solche Leerstellen und offenen Fragen können zum Gegenstand historisch-politischer Bildungsarbeit werden.
LaG: Was wissen wir bisher über die Haftorte, an denen Frauen in der DDR einsaßen?
Silke Klewin: Wenn wir heute über Frauen im DDR-Strafvollzug sprechen, dann fällt automatisch immer ein Name: Hoheneck. Dieses Frauengefängnis im sächsischen Stollberg ist stark im öffentlichen Gedächtnis verankert, es gilt geradezu als Synonym für die politische Verfolgung von Frauen in der DDR. Das hängt jedoch auch damit zusammen, dass wir all die anderen Haftorte einfach ausgeblendet haben, nicht nur in der Forschung, sondern auch im öffentlichen Bewusstsein. In meinen bisherigen Recherchen bin ich auf 25 Haftorte für Frauen gestoßen – von Altenberg über Dessau bis Waldheim, sie sind über die ganze DDR verteilt. In der frühen DDR bestanden noch viel mehr kleinere Gewahrsame. In den 1980er Jahren gab es dann vier größere Frauengefängnisse und fünf Frauenabteilungen innerhalb von Männergefängnissen, über die wenig bis nichts bekannt ist. Hoheneck ist eines von vielen Frauengefängnissen, das muss uns bewusst werden. Das größte reine Frauengefängnis in den 1980er Jahren stand in Ost-Berlin in der Grünauer Straße mit 610 Haftplätzen, das zweitgrößte befand sich in Halle mit über 500 Haftplätzen. In Hoheneck saßen im Januar 1989 370 Frauen ein, das waren nur etwa 14 Prozent der insgesamt rund 2.700 strafgefangenen Frauen in der DDR. Dazu kommen noch Frauenabteilungen in Dessau mit 760 Plätzen für weibliche Erwachsene und schließlich auch Bautzen II, was auch nicht als Haftort mit weiblichen Strafgefangenen wahrgenommen wird. Die Geschichte weiblicher Haft in der DDR ist sehr viel größer als die Geschichte Hohenecks und wenn wir das System verstehen wollen, dann müssen wir anfangen, die gesamte Gefängnislandschaft in den Blick zu nehmen.
LaG: Wenn wir über Frauen in Haft sprechen, was sind denn Aspekte und Teilthemen, die so in Bezug auf männliche Haft nicht vorkommen?
Silke Klewin: Ich finde spannend, dass es ein reges Doing Gender im Haftalltag gab. Formal galten für Männer und Frauen dieselben Vollzugsziele, dieselben Erziehungsgrundsätze, dieselben Sanktionsbestimmungen. Zugleich war der Haftalltag aber keineswegs geschlechtsneutral. Obwohl zum Beispiel alle Gefangenen im Strafvollzug der DDR zur Arbeit verpflichtet waren, wurden die konkreten Tätigkeiten nach Geschlecht verteilt und nicht nach Fähigkeiten. Frauen waren in Bautzen II, wie auch in anderen Haftanstalten der DDR, für Küche, Reinigung und Wäsche zuständig, also in Arbeitsbereichen, die als weiblich galten. Nach Schließung des Berliner Frauengefängnisses in der Barnimstraße wurde in das Frauengefängnis in der Grünauer Straße eine Großwäscherei gebaut, in der die Frauen zum Einsatz kamen. Auch die mehr als 300 weiblichen Gefangenen in der SV-Abt. Markleeberg arbeiteten in der Wäscherei Leipzig. Zudem waren diese Arbeiten schlechter bezahlt. Auch in Bautzen II, wo Frauen, wenn alle Bereiche in Küche, Reinigung und Wäsche abgedeckt waren, für leichte, einfache, monotone Montagearbeiten herangezogen wurden, wurden sie schlechter bezahlt als Männer. Frauen ihrer vermeintlichen Bestimmung nach einzusetzen und geringer zu entlohnen, war gängige Praxis im Strafvollzug.
Ein weiteres Thema, das einen geschlechterdifferenzierten Blick verdient, sind Strategien der Selbstbehauptung und des Umgangs mit der Haft. In unseren Befragungen zeigt sich, dass Frauen ihre Gesundheit stärker im Blick hatten als die männlichen Inhaftierten. Sie achteten etwa darauf, Sport zu machen, in Bautzen II gab es Aerobic-Gruppen und Yoga. Bei den von uns befragten Männern spielte das deutlich weniger eine Rolle. Sie hatten die Zeit nach der Haft weniger im Blick und ließen sich häufiger als die Frauen Beruhigungsmittel verabreichen. Das Psychopharmakon Faustan wurde hier massenhaft verteilt, die Frauen haben das aufgrund der Nebenwirkungen deutlich weniger genutzt, sie wollten fit bleiben, die Zähne nicht verlieren, keinen Haarausfall oder Augenschäden erleiden.
Auch die Formen von Anpassung und Widerstand unterscheiden sich, das beginnen wir jetzt in den Rundgängen und in der Bildungsarbeit in Haftanstalten zu thematisieren. Die Differenzen im Verhalten sind eklatant, Frauen haben sich anders zur Wehr gesetzt. Sie sagten sich, ich muss diese Zeit hier durchstehen, ich will nicht anecken und keinen zusätzlichen Ärger haben. Männer wurden häufiger als Frauen wegen Disziplinarverstößen bestraft. Daraus folgen spannende Fragen, auch für die Vermittlung: Welche Handlungsmöglichkeiten standen zur Verfügung? Welche Formen von Anpassung, Widerstand, Solidarität gab es? Unterschiede lassen sich allerdings nicht allein mit dem Geschlecht erklären, sondern sollten deshalb immer gemeinsam mit anderen Faktoren wie Herkunft, Sozialisation, Alter oder familiärer Situation betrachtet werden.
LaG: Aus welchen Quellen kommen denn all diese geschlechtsspezifischen Thematiken und Erkenntnisse, die Sie jetzt gerade angerissen haben?
Silke Klewin: Aus ganz verschiedenen Quellen. In den sogenannten Lagefilmen wird immer minutiös der Ablauf in einem Gefängnis festgelegt, da findet man Angaben dazu, wer wohin geht: Aha, die gehen schon wieder zum Aerobic, aber bei den Männern gibt es kein Aerobic. In der Arrestkartei, die ich erwähnte, sind die Sanktionen festgehalten. Schlussfolgerungen ermöglichen weitere schriftliche Überlieferungen der Haftanstalt, etwa Monats- und Jahresberichte des Personals über besondere Vorkommnisse und auch über die verhängten Strafen. Des Weiteren gibt es Einschätzungen des Personals, laut denen etwa der Umgang mit den Frauen wieder viel einfacher gewesen sei. Die hätten kaum Ärger gemacht und bei den Männern hätten sie schon wieder durchgreifen und 17 Strafgefangene mit Disziplinarstrafen belegen müssen. Dann habe ich auch mit ehemaligen Bediensteten gesprochen und mit den ehemaligen Häftlingen. Und aus diesen einzelnen Mosaiksteinen ergibt sich dann ein Gesamtbild.
LaG: Aus welchen Gründen waren Frauen in der DDR in Haft: Sind die Haftgründe andere als die der Männer? Waren die Haftstrafen kürzer?
Silke Klewin: Ihre Frage kann haftortübergreifend derzeit noch nicht beantwortet werden. Es gibt Schätzungen, aber es fehlen Untersuchungen. Bei Frauen wie Männern gab es Verurteilungen aus politischen und aus kriminellen Gründen. Für Bautzen II weiß ich, dass im Vergleich zu den inhaftierten Männern die Deliktstruktur keine größeren Abweichungen aufwies. Nur bei den inhaftierten MfS-Angehörigen war das anders, die waren zum größten Teil männlich. Auch zur Frage der Haftdauer lässt sich nichts Verlässliches sagen.
LaG: Welche Ressourcen und Rahmenbedingungen benötigt die geschlechterspezifische Aufarbeitung von DDR-Unrecht? Wie kann diese Perspektive an den Gedenkstätten gestärkt werden?
Silke Klewin: Die Erinnerung an Haft in der DDR ist seit vielen Jahrzehnten von männlichen Akteuren geprägt. Sie dominieren bis heute das Bild vom Strafvollzug im SED-Staat, was dazu führt, dass im öffentlichen Bewusstsein die männliche Erfahrung mit dem Gefängnissystem gleichgesetzt wird. Weiblichen Strafgefangenen wurde nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wie auch die spezifisch weibliche Sicht ein Randthema blieb. Frauen sind bei der Beschreibung und der historischen Einordnung des SED-Regimes bisher zu kurz gekommen.
Die Gründe dafür sind vielfältig und mitnichten nur in der niedrigeren Zahl inhaftierter Frauen zu finden: Männer organisierten sich vor und nach 1989 stärker in Opferverbänden und Initiativgruppen. Fast ausschließlich ehemalige männliche Häftlinge artikulierten in öffentlichen Debatten ihre Erfahrung und ihre Agenda. Auch im männerdominierten und heteronormativ geprägten Politikbetrieb der Transformationsjahre fanden ehemalige weibliche Gefangene kaum ideelle und finanzielle Unterstützung. Berichte von und über Frauen wurden seltener publiziert, Biographien von weiblichen Häftlingen finden sich bis heute seltener in Ausstellungen an historischen Haftorten.
Nach meiner Einschätzung braucht es zunächst eine noch breitere Einsicht in die Notwendigkeit einer geschlechtergeschichtlichen Aufarbeitung. Wir müssen die Kategorie Geschlecht selbst als historische Analysekategorie ernst nehmen, damit verändert sich nämlich unser Blick auf das gesamte System. Dann braucht es Kontinuität. Zeitlich begrenzte Forschungsaufträge können wichtige Grundlagen schaffen. Sie reichen aber nicht, wenn anschließend weder eine institutionelle Zuständigkeit noch eine Finanzierung für die Weiterarbeit besteht. Notwendig wären längerfristig abgesicherte Forschungsstellen und Förderprogramme, die nicht nur einzelne prominente Orte untersuchen, sondern Forschungslücken systematisch erfassen.
Eine zweite zentrale Ressource sind Zeit und geeignete Strukturen für Zeitzeuginnenarbeit. Viele Erfahrungen werden erst heute oder nach Jahrzehnten erstmals erzählt. Und wir stellen heute neue Fragen. Gerade bei sexualisierter oder geschlechtsspezifischer Gewalt, bei Erfahrungen rund um Schwangerschaft, Kinder oder familiäre Trennungen braucht es sensible Interviewmethoden, Vertrauen und gegebenenfalls psychosoziale Begleitung. Zeitzeuginnen sollten dabei nicht lediglich als „Quellen“ betrachtet werden, sondern angemessen beteiligt und in ihrer Arbeit unterstützt werden.
Drittens braucht es eine bessere Vernetzung von Forschung, Archiven, Gedenkstätten, Aufarbeitungsinstitutionen und Betroffenenverbänden. Und schließlich benötigt die öffentliche Vermittlung Ressourcen. Forschung allein führt noch nicht zu gesellschaftlicher Wahrnehmung. Ergebnisse müssen in Dauerausstellungen, Bildungsangebote, Publikationen und digitale Formate eingehen. Entscheidend wäre daher, von einzelnen Projekten zu einer dauerhaften Infrastruktur zu gelangen. Frauen- und geschlechterspezifische Aufarbeitung sollte kein befristetes Sonderprojekt sein, sondern selbstverständlicher Bestandteil der allgemeinen Aufarbeitung des DDR-Unrechts.
LaG: Wie soll es jetzt, nach dem Workshop, weitergehen?
Silke Klewin: Der Workshop war für mich insgesamt informativ und hilfreich. Besonders positiv fand ich den gemeinsamen Austausch und die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Für die Zukunft wäre es sinnvoll, das Thema weiterzuverfolgen und die erarbeiteten Inhalte stärker in die Praxis zu übertragen. Hilfreich wären konkrete nächste Schritte, regelmäßige kurze Austauschrunden und eine spätere Überprüfung, welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt wurden und wo noch Handlungsbedarf besteht.
Wir sollten Frauen sichtbarer machen. Eine Geschlechterperspektive hilft, das Funktionieren von Repression insgesamt genauer zu verstehen: Inwiefern behandelte das System Menschen unterschiedlich? Welche gesellschaftlichen Rollenbilder wirkten im Gefängnis weiter? Und welche unterschiedlichen Möglichkeiten hatten Frauen und Männer, unter repressiven Bedingungen ihre Würde, ihre Identität und ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren? In diesem Sinne ist Geschlechtergeschichte kein Spezialthema am Rand der DDR-Aufarbeitung, sondern ein Instrument, mit dem wir die DDR-Unrechtsgeschichte präziser erzählen können. Insgesamt müssen wir stärker vergleichend arbeiten und dürfen nicht mehr nur auf einzelne Haftorte schauen, wenn wir unseren Untersuchungsgegenstand verstehen wollen. Ebenso dringlich ist der Vergleich zur Bundesrepublik.