Ein verschwundenes Gefängnis hörbar machen – der Hörweg Barnimstraße 10
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins
Julia Stoff studierte Kunstgeschichte, Anglistik, Spanisch, Publizistik und Italienisch an den Universitäten Salzburg, Glasgow und Sevilla. Sie arbeitete unter anderem für die dOCUMENTA (13) und Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas und ist seit 2012 als freie Kuratorin, Produzentin
und Lektorin tätig.
Julia Stoff
Wer heute die Verkehrsschule in Berlin-Friedrichshain besucht, ahnt kaum, dass sich auf ihrem Gelände über mehr als ein Jahrhundert das zentrale Berliner Frauengefängnis befand. Zwischen 1864 und 1974 waren hier Frauen inhaftiert – im Kaiserreich, während der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der DDR. Nach dem Abriss des Gefängnisses verschwanden die sichtbaren Spuren. Gerade dieser Verlust wurde zum Ausgangspunkt eines außergewöhnlichen Projekts der Erinnerungskultur: „Barnimstraße 10 – Hörweg durch ein verschwundenes Frauengefängnis“ von Christoph Viscorsum macht seit 2015 Geschichte an einem Ort erfahrbar, wo keine Mauern mehr stehen.

Der Hörweg ist kein klassischer Audioguide. Er rekonstruiert das Gefängnis weder architektonisch noch erzählt er die Geschichte chronologisch. Das verschwundene Gebäude entsteht vielmehr, während Besucher:innen über die Wege der heutigen Verkehrsschule gehen, durch Stimmen, Geräusche und Erzählungen. Der Ort wird nicht betrachtet, sondern imaginiert. Damit entwickelt der Hörweg eine Form des Erinnerns, der zur besonderen Situation der Barnimstraße passt: Ein historischer Ort ist vollständig verschwunden und kann dennoch erfahrbar werden.
Das fast 90-minütige Audioprojekt führt in drei Kapiteln durch vier politische Systeme – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Besatzungszeit und DDR. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Institutionen oder historische Daten, sondern Frauenbiografien: Besucher:innen begegnen der politisch inhaftierten DDR-Flüchtigen Inge Stürmer, der Lehrerin Heide Wendrich, der Widerstandskämpferin Alice Michelson, der Ärztin und NS-Täterin Hilde Wernicke, den Figuren aus der Kaiserzeit Jenny, die wegen angeblicher Prostitution kriminalisiert wurde, und Lotte, die wegen eines Schwangerschaftsabbruchs inhaftiert wurde, sowie Rosa Luxemburg. Der Hörweg zeigt, wie sich mit jedem politischen System nicht nur Gesetze veränderten, sondern auch gesellschaftliche Moralvorstellungen und die Definition dessen, was strafbar war.
Bemerkenswert ist die erzählerische Perspektive. Der Hörweg ordnet Geschichte nicht rückblickend aus heutiger Sicht, sondern versucht, die Wahrnehmung der jeweiligen Frauen in ihrer Zeit nachvollziehbar zu machen. Auszüge aus Originalinterviews mit Zeitzeuginnen stehen neben Briefen, Gerichtsakten und Archivmaterial, die von den Schauspielerinnen Leonie Benesch und Margarita Broich interpretiert werden. Dadurch entsteht kein dokumentarischer Vortrag, sondern ein vielstimmiger Erfahrungsraum. Der wirft für unsere Gegenwart relevante Fragen auf wie: Wo beginnt Widerstand? Was würde ich riskieren, um frei zu sein? Wie verändert Macht den Blick auf Schuld?
Gerade diese Verbindung von künstlerischer Form und historischer Forschung macht den Hörweg zu einem besonderen Ausgangspunkt historisch-politischer Bildungsarbeit. Anders als viele Gedenkstätten arbeitet die Barnimstraße nicht mit erhaltenen Gebäuden oder authentischen Zellen, sondern mit Vorstellungskraft. Die Besucher:innen bewegen sich durch einen alltäglichen Stadtraum und entdecken darunter Schicht für Schicht die Geschichte eines verschwundenen Ortes. Aleida Assmann beschreibt dieses Prinzip treffend als das Öffnen verschiedener historischer Ebenen „wie mit einem Fahrstuhl in einer Tiefgarage“ (Assmann, o.J.).

Die Barnimstraße zeigt beispielhaft, wie sich künstlerische Erinnerung und historisch-politische Bildung gegenseitig bereichern können. Ausgangspunkt bleibt der Hörweg, der das verschwundene Gefängnis erlebbar macht. Die Diskussionen des Workshops „Frauen in Haft. Historisch-politische Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten der SBZ und DDR“ haben zugleich verdeutlicht, wie groß der Bedarf an einer geschlechtersensiblen Auseinandersetzung mit Haftgeschichte bis heute ist. Im Mittelpunkt stand die Forderung, die Hafterfahrungen von Frauen in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen, stereotype Heldinnen- oder Opfererzählungen zu überwinden und Geschlecht als zentrale Kategorie von Herrschaft, Repression und Erinnerung mitzudenken. Gerade hier kann der Hörweg Barnimstraße 10 wichtige Impulse geben: Er erzählt unterschiedliche Lebensgeschichten, macht Ambivalenzen sichtbar und eröffnet einen emotionalen Zugang, ohne historische Komplexität zu reduzieren. Seit 2026 wird das künstlerische Erinnerungsprojekt erweitert: Dank der Unterstützung des Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur entstehen Unterrichtsmaterialien, Workshops und digitale Angebote. Diese werden zum Teil mit Partnerschulen entwickelt. Die Bildungs- und Vermittlungsangebote knüpfen an den Ansatz des Hörwegs an. Sie laden dazu ein, Fragen von Freiheit und Ausgrenzung in Bezug auf Geschlecht aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren. So entsteht Schritt für Schritt ein Lernort, der Geschichte nicht nur bewahrt, sondern für aktuelle Debatten über Demokratie, Menschenrechte und Erinnerungskultur fruchtbar macht.
Literatur
Assmann, Aleida: Der iPod als Denkmal: Zwei Gedenkorte in Gusen (Oberösterreich) und Berlin, in: Barnimstraße 10, o.J., URL: https://barnimstrasse.de/aleida-assmann-der-ipod-als-denkmal/ [eingesehen am 10.08.2026].
Barnimstraße 10 – Hörweg durch ein verschwundenes Frauengefängnis. Ein Projekt von Christoph Viscorsum, URL: https://barnimstrasse.de/ [eingesehen am 26.8.2026].