Die zweite Generation: die Erinnerungsarbeit der Kinder von DDR-Migrant*innen

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte 

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Dr. Isabel Enzenbach ist Historikerin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Migration, Visual History, Antisemitismus und Rassismus. Sie ist assoziierte Wissenschaftlerin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung. Zuletzt kuratierte sie (mit Anja Tack) die Ausstellung „Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er Jahre“ und das Archiv und die Online-Ausstellung www.dezentralbild.net/ (mit Julia Oelkers).

Isabel Enzenbach

Liebesbeziehungen zwischen ausländischen Studierenden oder Arbeitsmigrant*innen und DDR-Bürger*innen sollte es nicht geben. „Liebe soll sowieso nicht stattfinden“, bringt es die aus Vietnam stammende Mai-Phuong Kollath auf den Punkt (Website Bruderland 2019) Entsprechend sollte es auch keine Kinder aus solchen Beziehungen und keine binationalen Ehen geben. Die Vorstellung, dass die jungen, unverheirateten Leute aus den „Bruderländern“ keine Liebesbeziehungen und sexuellen Begegnungen haben würden, war jedoch lebensfremd. Die bilateralen Abkommen „über die zeitweilige Beschäftigung“ mit Kuba, Mosambik und Vietnam hatte sich an Singles zwischen 18 und 35 Jahren gerichtet. Die jungen Erwachsenen ließen sich intime Beziehungen nicht verbieten.

Kontrolle über die Körper

Mai-Phuong Kollath berichtet, dass Vietnamesinnen kollektiv Verhütungspillen bekamen – ohne ausreichende Sexualaufklärung. Das führte dazu, dass diese häufig nicht eingenommen wurden. Frauen sollten nicht schwanger werden, denn das galt als unvereinbar mit Arbeit und Ausbildung, dem Zweck der bilateralen Verträge. Eine Schwangerschaft war in diesem Kontext keine Privatangelegenheit. Nicht die Selbstbestimmung der Frauen über ihre Körper, sondern wirtschaftliche und politische Interessen waren vorherrschend: die der Betriebe und die ihrer Herkunftsländer, die unterschiedliche Regelungen mit dem zuständigen Ministerium der DDR getroffen hatten. Frauen aus Vietnam konnten eine Schwangerschaft abbrechen oder in die „sofortige Rückkehr“ ins noch immer vom Krieg schwer gezeichnete Land einwilligen. Viele entschieden sich in dieser Lage für einen Abbruch. Für Frauen aus dem katholisch geprägten Mosambik gab es diese Wahl nicht. Wurde die Schwangerschaft entdeckt, solange die werdende Mutter als reisefähig galt, wurde sie abgeschoben. Diese Sexualpolitik führte zu großem Leid und zu Protesten. Immer wieder widersetzten sich Arbeitsmigrantinnen: Sie verheimlichten Schwangerschaften, wehrten sich gegen die Abschiebung und Mosambikanerinnen organisierten illegale Abtreibungen (Schenck 2025: 187). Bisweilen wurden schwangere Frauen von Kolleg*innen unterstützt, wenn sie sich gegen die rigiden Eingriffe in ihre Körper und Leben wehrten. Ende 1988 berichtete der Vorstand der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB, dass „Schwangerschaft zu einem zunehmenden Problem des Einsatzes ausländischer Werktätiger geworden [ist] […]. Durch den Staatssekretär für Arbeit und Löhne wurde darum veranlasst, dass die Rückkehr von Schwangeren in die Heimat gegen deren Willen auszuschließen ist.“ (zit. nach Elsner/Elsner 1994: 190). Es wurde vereinbart, „dass die Heimfahrt Schwangerer nur mit Methoden der Überzeugung und unter Ausschluss aller Formen des Zwangs erfolgen darf“ (ebd.). Das Sexualleben der ausländischen Studierenden versuchten die Behörden zwar auch zu kontrollieren, dies jedoch weniger rigide (Langner 2026: 126f.).

Trotz allem wurden Kinder geboren, die mit dem Oberbegriff „zweite Generation“ bezeichnet werden. Zu diesen zählen auch die Nachkommen aus binationalen Partnerschaften, meist kamen die Mütter aus der DDR. Die Beziehungen standen vor verschiedenen Herausforderungen. Insbesondere bei einem schwarzen Partner waren sie mit Rassismus und sexualisiert-kolonialrassistischen Vorstellungen konfrontiert (Wetzel/Schenck 2022). Neben den Vorbehalten aus den Familien und der Gesellschaft erschwerten komplizierte rechtliche Regelungen Eheschließungen. Politische und wirtschaftliche Interessen konnten den Ausschlag darüber geben, ob ein Antrag auf Eheschließung bewilligt wurde. Auch die Regierungen der Entsendeländer aus dem globalen Süden pochten auf Rückkehr ihrer Bürger*innen nach dem Studium oder der Vertragsarbeit. Bis in die 1980er Jahre scheiterten daher die meisten Versuche, eine binationale Ehe zu schließen (Lorke 2022: 426).

Wer gehört zur zweiten Generation?

Bereits in den 1960er Jahren lebten größere Gruppen ausländischer Studierender in der DDR (Pugach 2022). Kleinere Gruppen von Kommunist*innen aus befreundeten Staaten und politische Exilant:innen waren in den 1950er Jahren ins Land gekommen (Poutrus 2009). In den 1950er und 1960er Jahren kamen die ersten Kinder binationaler Paare zur Welt. Angehörige dieser Geburtenkohorte engagierten sich früh, um auf die Existenz migrantischen Lebens in der DDR hinzuweisen. Angelika Nguyen, Peggy Piesche und Patrice Poutrus gehören zu den Autor*innen, die seit den 1990er Jahren die Auseinandersetzung mit migrantischem Leben in der DDR vorantreiben. In jüngster Zeit melden sich verstärkt Angehörige der zweiten Generation zu Wort, die in den späten 1980er und in den frühen 1990er Jahren geboren wurden. Besonders in den letzten Jahren der DDR stieg die Zahl der Menschen aus dem Globalen Süden, die ins Land geholt wurden – und damit auch die Zahl ihrer Kinder. Viele Kinder ehemaliger Vertragsarbeiter*innen, insbesondere aus der vietnamesischen Community, wurden nach 1989 geboren (siehe den Beitrag von Tobias Rischk in diesem Heft). Zwar standen ihre Eltern vor existenziellen und alltäglichen Herausforderungen, doch kontrollierte der Staat weder ihr Sexualleben noch ihre Familienplanung. Manche konnten in Vietnam zurückgelassene Kinder zu sich nach Deutschland holen. Diese Generation teilt die Erfahrung, die DDR kaum selbst erlebt zu haben. Dennoch wurde sie von deren Migrationsgeschichte und der Leugnung, dass die DDR eine solche hatte, geprägt. Dazu kommt das Wissen, in den „Baseballschläger-Jahren“ aufgewachsen zu sein und ein Bedürfnis, an diese Zeit zu erinnern. Diese Erfahrungen spiegeln sich in zahlreichen künstlerischen Werken. Exemplarisch werden hier zwei Künstler der zweiten Generation vorgestellt und kurz auf weitere online zugängliche Arbeiten in verschiedenen Medien verwiesen.

Kunst als Erinnerungsarbeit

Pham, Minh Duc* wurde 1991 in einer sächsischen Kleinstadt geboren. Der Konzeptkünstler setzt sich in Ausstellungen, Installationen und Performances mit den Erfahrungen der vietnamesischen Community in der DDR auseinander. Seine Arbeiten sind auf seiner Website einzusehen. In der Installation „12 Percent – Giờ ăn đến rồi!“, die unter anderem 2023 in der Ausstellung „Re-Connect. Kunst und Kampf im Bruderland“ in Leipzig gezeigt wurde, setzt sich Pham mit der Reproduktionspolitik auseinander, der die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen unterworfen waren.

Installation „12 Percent –  Giờ ăn đến rồi!“!“, Leipzig 2023 © Alexander Schmidt / punctum

Mit handgefertigten Vasen, die jenen auf deutschen Friedhöfen nachempfunden sind, setzt er die symbolische und wirtschaftliche Bedeutung von Blumen für die vietnamesische Community und das Leben von ehemaligen Vertragsarbeiter*innen in Beziehung. Die Vasen bleiben leer, die Installation gedenkt den „Vertragsarbeiter*innen und ihrer ungeborenen Kinder, unserer Eltern […] und unserer verlorenen Geschwister, deren Namen wir heute tragen. […] Eine neue Generation, die überlebenden Kinder der Vertragsarbeiter*innen, trägt heute die Verantwortung und die Last dieser Trauer.“ (Hurttig/Weeratunga 2023: 246).

Die Fotografin Alina Simmelbauer beschäftigt sich in den Arbeiten „Garcías Tochter“ und „Wir träumen allein“ mit der Suche nach den Vätern. Ihr Vater lebte als Vertragsarbeiter aus Kuba in der DDR und musste Partnerin und die zweijährige Tochter nach dem Ende seines Arbeitsvertrags zurücklassen. Gegenseitige Briefe kamen nicht an, der Kontakt zwischen den Eltern brach ab. Als erwachsene Frau suchte und fand sie ihren Vater in Kuba. „Auf dieser Suche traf sie auf zahlreiche Kinder, die hinter einem Schleier der Verschwiegenheit aufwuchsen; ohne Väter oder das Wissen über deren Verbleib“ (zit. aus Website Simmelbauer). Alina Simmelbauers Fotoinstallationen zeigen Menschen, die ihre Geschichte teilen. „Neben den Aufnahmen meiner Suche in einem fremden Land kombiniere ich Porträts von Nachfahren mit persönlichen Memorabilien und Archivalien, um zu verdeutlichen, wie abstrakt politische Entscheidungen die Schicksale vieler junger Menschen und ihrer Familien bis in die Gegenwart nachhaltig prägt“ (Hurttig/Weeratunga 2023: 258).

Brief aus Kuba an Alina Simmelbauers Vater, aus der Serie „Garcías Tochter“, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, © Alina Simmelbauer

Simmelbauers Nahaufnahmen junger Leute schlagen eine Brücke zwischen zwei Welten, die von Brüchen geprägt sind. Die Bruderländer gibt es nicht mehr, die Verbindungen zwischen den Ländern und den Menschen sind häufig abgebrochen. Als „Kind internationaler sozialistischer Liebe“ stellt sich der Journalist Dennis Chiponda (Podcast „Mauerecho“) gerne vor. Die Gegenwart solcher Kinder und die Bruchstücke der vergangenen Welten zeigt Simmelbauer in ihren Installationen.

Die zweite Generation nutzt verschiedene Medien. Exemplarisch wird hier auf einige online zugängliche Arbeiten verwiesen: auf die Filme „Bruderland ist abgebrannt“ von Angelika Nguyen; „Sorge 87“ von Nguyễn Phương Thanh; „Obst und Gemüse“ von Ngô Ngọc Đức, den Podcast „Springerstiefel“ mit Don Pablo Mulemba und auf die zivilgesellschaftliche „Initiative 12. August“, die zweier Opfer der tödlichen Gewalt gegen Migrant*innen in der DDR gedenkt.

 

*Vietnamesische Namen bestehen in der Regel aus dem Familiennamen, einem Mittelnamen und dem Vornamen, die in dieser Reihenfolge notiert werden. Ich verwende diese Reihenfolge der Namen.

Literatur

Elsner, Eva-Maria/Elsner, Lothar: Zwischen Nationalismus und Internationalismus. Über Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR 1949–1990, Darstellung und Dokumente, Rostock 1994.

Enzenbach Isabel/Kollath, Mai-Phuong/Oelkers, Julia: Eigensinn im Bruderland, Webdokumentation, 2019, URL: https://bruderland.de/ [eingesehen am 01.04.2026].

Hurttig, Marcus A./Weeratunga Sithara (Hrsg.): Re-Connect. Kunst und Kampf im Bruderland − Art and Conflict in Brotherland, München 2023.

Langner, Carsta: Solidarität und Gewalt. Migration, Rassismus und Engagement in der ostdeutschen Umbruchgesellschaft, 1970–2000, Bielefeld 2026.

Lorke, Christoph: Binationale Paarbeziehungen und Eheschließungen im geteilten Deutschland. Praktiken, Deutungen und Agency, in: Geschichte und Gesellschaft, 48 (2022), H. 3, S. 394−427.

Poutrus, Patrice G.: Die DDR als „Hort der internationalen Solidarität“. Ausländer in der DDR, in: Großbölting, Thomas (Hrsg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 134−154.

Pugach, Sara: African Students in East Germany, 1949–1975, Michigan 2022.

Schenck, Marcia C.: Von Luanda und Maputo nach Ostberlin. Erinnerungen afrikanischer Werktätiger an die DDR, Berlin 2025.

Wetzel, Johanna M./Schenck, Marcia C.: Liebe in Zeiten der Vertragsarbeit. Rassismus, Wissen und binationale Beziehungen in der DDR und Ostdeutschland, in: Peripherie − Politik, Ökonomie, Kultur 42 (1-2022), H. 165/166, S. 31−55.

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