Die Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945–1956)“

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins 

, , , ,

Dr. Jessica Bock ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Digitalen Deutschen Frauenarchiv. Zu ihren Forschungsthemen gehören unter anderem Frauenbewegungen nach 1945 in Ost- und Westdeutschland, Frauen-/Geschlechtergeschichte der DDR und in der Transformation.

Jessica Bock

Die (politischen) Haftsysteme der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR entwickelten sich rasch zu zentralen Themen der DDR-Forschung und der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die vorliegenden Forschungsergebnisse zeigen, dass die frauen- und geschlechtersensible Betrachtung der Gefängnisse und des Haftalltags in der Forschung und der Gedenkstättenarbeit eine untergeordnete Rolle einnimmt. Diese Nachrangigkeit zeigte sich unter anderem in der späten wissenschaftlichen Erforschung des Frauengefängnisses Hoheneck und dessen Ausbau zu einem Erinnerungsort.

Erfreulicherweise rücken die Forschung und die Bildung zunehmend Frauen in den Mittelpunkt. Ein Beispiel für diesen Perspektivwechsel ist die Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945–1956)“, die hier besprochen wird.

Die Wanderausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam sowie der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen. Sie zeigt, wie es auf der Webpräsenz der Ausstellung heißt, anhand von zwölf Biografien „ein fast vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte mit Verfolgung, Unrecht, Leid und Selbstbehauptung“. Die persönlichen Lebensgeschichten bettet die Ausstellung mithilfe zusätzlicher Tafeln in den historischen Kontext ein. Diese geben einen Überblick über Strafvollzug und Haftalltag in der SBZ/DDR. Neben dem Speziallager Sachsenhausen, in dem zwischen 4.000 und 5.000 Frauen inhaftiert waren, steht vor allem das Frauengefängnis Hoheneck im Fokus.

Ausgewählte Dokumente und Objekte veranschaulichen die Stationen der Haft: vom Transport über die Aufnahmeprozedur bei der Ankunft bis zum Haftalltag. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den Müttern und ihren Kindern. Während die Kinder im Speziallager Sachsenhausen noch bei ihren Müttern bleiben konnten, änderte sich die Situation 1950 mit ihrer Verlegung in das Frauengefängnis Hoheneck dramatisch. Kinder und Neugeborene kamen auf Beschluss des Ministeriums für Gesundheit in Kinderheime. Eindrücklich sind die Schilderungen über die Trennung von den in der Haft geborenen Kindern. Während bei einigen Frauen, wie bei Jutta Kubowsky, eine Zusammenführung nach der Haft glückte, gibt es zahlreiche Fälle, bei denen das weitere Schicksal der Kinder nicht geklärt werden konnte.

Neben Mutterschaft und Schwangerschaft war die Menstruation ein weiterer geschlechtsspezifischer Aspekt der Haftbedingungen von Frauen. Anhand der ausgestellten behelfsmäßigen Monatsbinde von Elisabeth Bach verdeutlicht die Ausstellung, mit welch geringen Mitteln die Frauen versuchten, für ihre Körperhygiene zu sorgen. Die Bemühungen um eine angemessene Menstruationsversorgung waren zugleich ein Versuch, die eigene Intimsphäre, körperliche Selbstbestimmung und Würde zu bewahren.

Premiere der Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945-1956)“ in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen im September 2025, © Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten/Foto: John Steer

Mit der Ausstellung „frauenHAFT“ bekommt die Geschichte der (politischen) Verfolgung und Inhaftierung von Frauen in der frühen DDR ein Gesicht. Jede biografische Geschichte beginnt mit einem Porträt in Großaufnahme, gefolgt von einem tabellarischen Lebenslauf mit Angaben zur familiären Herkunft, zum Bildungsweg, zu den einzelnen Stationen ihrer Inhaftierung und zum weiteren Lebensweg nach der Haftentlassung. Eine Karte illustriert anschaulich die Odyssee der Frauen durch verschiedene Haftanstalten in der SBZ/DDR.

Die zwölf biografischen Fallbeispiele zeigen das Spektrum der Gründe, aus denen Frauen zwischen 1945 und 1949 verhaftet und verurteilt wurden. Diese reichen von Spionage und so genannter antisowjetischer Propaganda über Beihilfe zur Fahnenflucht sowjetischer Soldaten bis hin zur Mitarbeit in NS-Organisationen und zur Beteiligung an Verbrechen an KZ-Häftlingen. Diskussionswürdig erscheint die fehlende Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Haftgründen. Insbesondere bei Frauen, die aufgrund ihrer Mitarbeit in NS-Organisationen oder ihrer Beteiligung an NS-Verbrechen inhaftiert waren, wäre eine stärkere historische Einordnung wünschenswert gewesen, da ihre Haft nicht in gleicher Weise als Ausdruck politischer Verfolgung verstanden werden kann wie in anderen präsentierten Fällen.

Zahlreiche der hier vorgestellten Frauen verließen nach ihrer Haftentlassung die DDR und gingen in die Bundesrepublik. Die Mehrheit der Frauen wurde in den 1990er und frühen 2000er Jahren durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert.

Premiere der Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945-1956)“ in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen im September 2025, © Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten/Foto: John Steer

Den Kuratorinnen ist es bei ihrer Recherche gelungen, zahlreiche persönliche Gegenstände ausfindig zu machen, die aufzeigen, mit welchen Mitteln die Frauen versuchten, die schwierigen Haftbedingungen zu bewältigen und sich selbst Hoffnung und Zuversicht zu bewahren. Zu erwähnen sind zum Beispiel das aus Brotresten hergestellte Kreuz, ein Notizheft mit selbst verfassten Gedichten und Osterhasen aus Wollfusseln. Abgedruckte Briefe geben Einblick in den Haftalltag und das Gefühlsleben der Frauen.

Positiv hervorzuheben ist die multimediale Gestaltung der Ausstellung. Über einen QR-Code können die Besucher/innen zeitgenössische Audioaufnahmen oder eingelesene Dokumente abrufen.

Insgesamt ist den Gedenkstätten Leistikowstraße und Sachsenhausen eine Ausstellung gelungen, die Interessierten anhand klug ausgewählter biografischer Fallbeispiele und Objekte das Thema Frauen und Haft in der SBZ/DDR näherbringt. Sie lädt dazu ein, sich mit diesem Aspekt der Diktaturgeschichte intensiver zu befassen, und verdeutlicht gleichermaßen Potenzial wie Notwendigkeit einer frauen- und geschlechtersensiblen Betrachtung von (Zeit)Geschichte. Diskussionswürdig erscheint die Verwendung des Doppelpunkts als Mittel geschlechtergerechter Sprache in den Ausstellungstexten. Dabei richtet die Ausstellung ihren Blick ausschließlich auf Frauen. Nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen sowie Menschen mit weiteren Geschlechtsidentitäten, die durch diese Schreibweise sprachlich einbezogen und sichtbar gemacht werden sollen, kommen weder in den präsentierten Quellen noch in den dargestellten Biografien vor.

Die Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945–1956)“ ist bis Ende 2028 ausschließlich in Gedenkstätten in Ostdeutschland zu sehen. Eine stärkere Rezeption in westdeutschen Regionen ist der Ausstellung sehr zu wünschen.

Nach oben scrollen
Lernen aus der Geschichte
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von Ihnen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind.

Weitere Informationen zu unseren Datenschutzrichtlinien finden Sie hier.