Die Geschlossene Venerologische Station in Berlin-Buch: Ein langer Weg zur Erinnerung?
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins
Dr. Fruzsina Müller ist Historikerin und Gründungsmitglied des Initiativkreises Riebeckstraße 63 in Leipzig. Aktuell forscht sie am medizinhistorischen Institut der Berliner Charité unter anderem zum Umgang mit sexuell übertragbaren Infektionen in der DDR.
Hannes Schneider, M.A. in Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts, ist Mitarbeiter der Gedenkinitiative Riebeckstraße 63 in Leipzig. Unter anderem kuratierte er die Wanderausstellung: „Einweisungsgrund: Herumtreiberei. Disziplinierung in Venerologischen Stationen und Spezialheimen der DDR“.
Fruzsina Müller und Hannes Schneider
Venerologie ist die Heilkunde für Geschlechtskrankheiten, wie man sexuell übertragbare Infektionen früher nannte. Sie war in der DDR – wie in vielen europäischen Ländern – eng mit der Dermatologie verbunden. Die DDR verfügte über ein flächendeckendes, kostenfreies System zur Behandlung von Haut- und Geschlechtskrankheiten. Eine Besonderheit bestand jedoch, wie auch in anderen osteuropäischen sozialistischen Staaten: Die Behandlung von Geschlechtskrankheiten sowie die Angabe aller Sexualpartner waren verpflichtend. Wer sich weigerte, dem oder der drohte die Zwangseinweisung in eine geschlossene Einrichtung innerhalb eines Krankenhauses oder einer Poliklinik – in eine der sogenannten Geschlossenen Venerologischen Stationen (GVS).
Von Anfang an dienten die Stationen auch der Disziplinierung und Erziehung von Mädchen und Frauen, die dem staatssozialistischen Frauenbild nicht entsprachen. Es gab anfänglich auch geschlossene Stationen für Männer, diese existierten jedoch nicht lange. Das eigentlich gesetzlich vorgesehene Vorgehen – mehrmaliges Anschreiben, Hausbesuch, erst dann polizeiliche Abführung – umgingen sowohl Ärzt:innen und Fürsorger:innen als auch die Polizei. Auch willkürlich von der Polizei aufgegriffene Mädchen und Frauen wurden eingeliefert. Betroffen waren häufig junge Frauen aus dysfunktionalen Familien, die zu Hause Alkoholismus, Gewalt oder Vernachlässigung erlebt hatten und diesen Verhältnissen entkommen wollten. In den Akten finden sich als Einweisungsgrund Formulierungen wie „Arbeitsbummelei“, „Herumtreiberei“ oder „häufig wechselnder Geschlechtsverkehr“ (Schochow/Steger 2016).
Obwohl die Gleichstellung der Frauen erklärtes Ziel des SED-Staates war und in vielerlei Hinsicht auch verwirklicht wurde, herrschte zugleich ein eng gefasstes Frauenbild: Frauen sollten eine Ausbildung absolvieren, arbeiten, eine heterosexuelle, monogame Partnerschaft eingehen und eine Familie gründen. Abweichende Lebensläufe wurden mithilfe des staatlichen Disziplinierungssystems sanktioniert – dazu zählten die GVS, in denen Mädchen und Frauen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden sollten. Dort wurden sie eingeschüchtert, isoliert, gedemütigt und täglich gynäkologisch untersucht – ohne Aufklärung und ohne Einverständnis. Häufigkeit und Art dieser Untersuchungen waren medizinisch nicht begründbar; sie gelten heute als sexualisierte Gewalt. Viele Betroffene leiden noch immer unter den psychosozialen Folgen ihres Aufenthalts (Schochow/Steger 2016: 197ff.).
Die historischen Hintergründe
Die GVS gehen auf die Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, als Geschlechtskrankheiten weit verbreitet waren. Alle Besatzungsmächte richteten sogenannte Fürsorgestellen für Geschlechtskranke ein, die behandeln und aufklären, zugleich aber auch isolieren sollten. Auf dem Gebiet der späteren DDR wurden diese Stellen in Geschlossene Venerologische Stationen umgewandelt.
Spätestens seit den 1960er Jahren hatte der Großteil der eingewiesenen Frauen jedoch gar keine sexuell übertragbare Infektion, sondern wurde allein zum Zweck der Disziplinierung und Umerziehung eingesperrt (Brüning 2020). Allerdings war die Vorstellung, unangepasste Frauen für die Verbreitung sexuell übertragbarer Infektionen verantwortlich zu machen, nicht neu. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen in den USA und in Europa (vermeintliche) Sexarbeiterinnen im Fokus von Sitten- und Medizinalpolizei. Ihre Kontrolle wurde jedoch sukzessive in den ärztlichen Zuständigkeitsbereich überführt. Während Zwang und Eingriff in die Persönlichkeitsrechte in der Bundesrepublik von vielen Mediziner:innen nicht mehr mitgetragen wurden, ist nicht bekannt, dass sich Venerolog:innen in der DDR ihrer sozialen Kontrollfunktion verweigerten.
Die Geschlossene Venerologische Station in Berlin-Buch
Die erste Ost-Berliner GVS befand sich im Krankenhaus Prenzlauer Berg, 1971 verlegte man sie nach Buch. Dort wurde sie der 1951 gegründeten Hautklinik (Haus 114) angegliedert (Wolff/Kalinich 2006: 172). Die Leitung der Hautklinik und damit auch der GVS lag bei den international bekannten Dermato-Venerologen Karl Linser (bis 1967) und Günter Elste (ab 1967). Auf der geschlossenen Station selbst waren Ärzt:innen kaum präsent; die gynäkologischen Untersuchungen führten stattdessen Krankenschwestern durch. Eine Fürsorgerin sprach gelegentlich mit den eingewiesenen Mädchen und Frauen.

Die Bucher Station verfügte über elf Betten und ein einfaches „improvisiertes“ Mobiliar. Die Fenster waren verschlossen, die Zimmertüren blieben jedoch offen. Der Alltag war von Langeweile und Monotonie geprägt: Kontakte zur Außenwelt – auch Besuch und Post – waren untersagt, und anders als auf manchen anderen Stationen gab es keine Arbeitsmöglichkeit. Nur Essensausgabe und die Untersuchungen strukturierten den Tag. Unter diesen Bedingungen kam es zu gewalttätigen Übergriffen unter den Patientinnen und zu Sachbeschädigungen: Betten wurden angezündet, Fenster eingeschlagen. Als Reaktion verschärfte man Sicherheit und Abschottung, unter anderem durch Eisengitter vor den Fenstern. Eine Besonderheit der Bucher Station war zudem die Durchführung von Kosmetiktests an den Patientinnen (Schochow/Steger 2016: 143-165).
Die Geschichte einer Betroffenen
Die Biografie von Martina Blankenfeld, die als 15-Jährige in die GVS in Berlin-Buch eingewiesen wurde, verdeutlicht die Umstände, aus denen viele zwangseingewiesene Mädchen und Frauen kamen. Martina wird 1963 als uneheliches Kind in Berlin geboren. Ihre von Kriegserfahrungen traumatisierte Mutter und der Stiefvater erziehen sie mit viel Druck und Gewalt. Als Achtjährige wird sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Hilfsangebote, die es in der DDR gibt, kommen bei ihr nicht an. Vorwürfe und Strafen eskalieren die Situation für Martina während ihrer Pubertät weiter. Mit 15 Jahren versucht Martina, sich das Leben zu nehmen. Während sie noch im Krankenhaus ist, ordnet die Jugendhilfe Heimeinweisung für sie an. Zur Begründung heißt es, sie würde die Schule bummeln und sich mit einer „negativen Freizeitgruppe“ umgeben. Ihr wird unterstellt, „häufig wechselnde sexuelle Kontakte“ zu haben. Bevor sie in den Jugendwerkhof nach Burg gebracht wird, weist man sie in die GVS in Berlin-Buch ein. Sie muss dort drei Wochen bleiben; eine Geschlechtskrankheit wird nicht festgestellt. Bei ihrer Ankunft glaubt die Jugendliche, sie sei in eine Psychiatrie gebracht worden.
Bis zu ihrer Volljährigkeit bleibt Martina im Jugendwerkhof, auch weil sie es kategorisch ablehnt, bei ihrer psychisch kranken Mutter zu leben. Nach ihrer Entlassung kehrt sie nach Berlin zurück und baut sich ihr eigenes Leben auf. Erst nach der Wiedervereinigung kann Martina ihren Berufswunsch verwirklichen und Theaterpädagogin werden.
Wo steht die Aufarbeitung der Geschlossenen Venerologischen Stationen heute?
Mit der deutschen Wiedervereinigung verschwand das Thema GVS in der DDR für mehrere Jahrzehnte vollständig aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit, ebenso der Wissenschaft. Erst durch Initiativen und Erzählungen einiger betroffener Frauen begann eine langsame Aufarbeitung in den 2010er Jahren. Auch Martina Blankenfeld gehört zu den Frauen, die sich aktiv für die Aufarbeitung der GVS in Berlin-Buch einsetzen.
Das Wissen über diese Stationen ist nach wie vor sehr lückenhaft. Für die ehemaligen Standorte in Leipzig und Halle gibt es umfangreiche Forschungen und eine aktive gesellschaftliche Aufarbeitung. In anderen Städten wie Rostock, Berlin, Erfurt, Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Gera oder Zwickau gibt es erste Forschungsansätze. In weiteren Städten wird die Existenz einer GVS nur vermutet, so etwa in Potsdam, Cottbus, Schwedt oder Schwerin. Sehr wahrscheinlich ist, dass es in weiteren Städten derartige Stationen gab.
Diese Unterschiede ergeben sich zum einen durch die verschieden zusammengesetzten Überlieferungen. So sind im Leipziger Stadtarchiv große Teile der Patientinnenakten überliefert. Außerdem haben sich in Halle und Leipzig viele betroffene Frauen bereit erklärt, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zum anderen liegt es an den örtlichen Akteurinnen, welche sich den Geschichten der GVS annehmen. In Halle begann die wissenschaftliche Aufarbeitung mit einem Forschungsprojekt an der Martin-Luther-Universität (2012–2016), nachdem das Thema erstmals über den Verein Zeitgeschichte(n) e. V. an die Öffentlichkeit gebracht worden war. In Dresden war es das Städtische Klinikum, das sich entschied, die eigene Geschichte zu erforschen. Seit 2025 erinnert eine Tafel an die ehemalige Station in Dresden-Friedrichstadt. In Leipzig gründete sich 2019 die Initiative Riebeckstraße 63, die eine Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Städtischen Arbeitsanstalt schaffen möchte. Hier befand sich von 1946 bis 1990 die GVS Leipzig-Thonberg. Mittlerweile wird vor Ort die bundesweit umfangreichste Zeitzeuginnenarbeit zum Thema geleistet. Begonnen hat dies 2023 mit dem ersten „Erzählcafé zu den Venerologischen Stationen in der DDR“.
Was bleibt für die Aufarbeitung in Berlin zu tun?
Die Erfahrungen von zehntausenden betroffenen Frauen wurden in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte bisher nicht angemessen berücksichtigt. Es gibt für sie keine Interessenvertretung und nur sehr wenige Orte der Erinnerung und Aufarbeitung. Betroffene schwiegen aus unterschiedlichen Gründen jahrzehntelang über ihre Erfahrungen. Angesichts fehlender öffentlich zugänglicher Informationen scheuten sich viele, von ihrem Aufenthaltsort zu berichten – zu groß die Sorge, auf Unglauben und Unverständnis zu stoßen. Andere Zeitzeuginnen sind schwer traumatisiert und möchten ihre Erfahrungen vergessen – und dementsprechend auch niemandem davon berichten. Und insgesamt sind sexuell übertragbare Infektionen weiterhin kein einfaches Gesprächsthema. Für manche war die GVS nur einer von mehreren Orten wie Jugendwerkhöfen, Heimen und Gefängnissen, in denen sie Repression erfuhren.

In Berlin erschweren zwei weitere Faktoren Recherche und Aufarbeitung. Zum einen befand sich die Station ab 1971 im abgelegenen Berlin-Buch – in einem der größten medizinischen und wissenschaftlichen Vorzeigekomplexe der DDR. Im Alltag des heutigen Berlins ist es jedoch aufgrund der Entfernung wenig präsent; zudem befindet sich das Gebäude in Privatbesitz. Zum anderen sind nur sehr wenige Akten über die Station überliefert. Es ist wahrscheinlich, dass durch Trägerwechsel des Klinikums nach 1990 sämtliche Patient:innenakten vernichtet wurden. Damit fehlt ein grundlegender Bestand für die Erforschung. Es lassen sich keine zuverlässigen Aussagen treffen, wie viele Frauen und Mädchen in Berlin zwangseingewiesen wurden. Unbekannt ist auch das Jahr der Schließung der Station.
Umso wichtiger ist es, die Berichte von Zeitzeuginnen zu sammeln und die anhaltende Tabuisierung der Erfahrungen auf der Station abzubauen. Ein wichtiger Meilenstein ist die geplante Errichtung einer Erinnerungsstele, die Martina Blankenfeld 2024 initiierte. Es braucht zudem eine zuverlässige Anlaufstelle, die betroffene Frauen unterstützt, ihre Geschichten bewahrt und öffentlich zugänglich macht. Die wissenschaftliche Forschung gilt es auszuweiten: Eine beharrliche Recherche in den Beständen der Polizei- und Sicherheitsbehörden sowie der Jugendhilfe fördert mit Sicherheit weitere Erkenntnisse ans Tageslicht. Dabei sollte das ärztliche, fürsorgerische und pflegerische Personal eine stärkere Aufmerksamkeit bekommen. Ein weiterer Ansatz ist die Förderung der künstlerischen Auseinandersetzung in Form von Literatur, Theater oder bildender Kunst. Damit wird Aufmerksamkeit über Gedenkstätten und Aufarbeitungsinitiativen hinaus geschaffen.
Literatur
Brüning, Steffi: Prostitution in der DDR. Eine Untersuchung am Beispiel der Städte Rostock, Berlin und Leipzig von 1968 bis 1989, Berlin 2020.
Düben, Ann Katrin: Die ehemalige Leipziger Arbeitsanstalt Riebeckstraße 63. Verwahrung, Ausgrenzung, Verfolgung, Leipzig 2020.
Schochow, Maximilian: Zwischen Erziehung, Heilung und Zwang. Geschlossene Venerologische Einrichtungen der SBZ/DDR, Halle/Saale 2019.
Schochow, Maximilian/Steger, Florian: Traumatisierung durch politisierte Medizin. Geschlossene Venerologische Stationen in der DDR, Berlin 2016.
Wahl, Markus: Medical Memories and Experiences in Postwar East Germany: Treatments of the Past, London 2019.
Wolff, Horst-Peter/Kalinich, Arno: Zur Geschichte der Krankenhausstadt Berlin-Buch, Frankfurt 2006.