Der Workshop „Frauen in Haft in der DDR“ – im Gespräch mit Henrike Voigtländer

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins 

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Henrike Voigtländer ist Historikerin und Leiterin des Lernorts Keibelstraße, getragen von der Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e. V. Der Lernort bietet historisch-politische Bildung zur Geschichte des ehemaligen DDR-Untersuchungsgefängnisses für Frauen und Männer am Berliner Alexanderplatz an. Ihre Dissertation hat sie zu Geschlechterverhältnissen in der DDR-Industrie verfasst.

LaG: Der Workshop thematisierte die historisch-politische Bildungsarbeit zu Frauen in Haft an den ehemaligen Haftorten der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR. Was war sein Ziel? 

Henrike Voigtländer: Frauen in Haft wurden in Ausstellungen zu Gefängnissen und Lagern in SBZ und DDR selten als Gruppe mit spezifischen Erfahrungen beachtet. In jüngster Zeit bekommen sie jedoch mehr Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich auch in Erinnerungsorten wie der neu eröffneten Gedenkstätte Hoheneck. Vor allem jüngere Menschen fragen, etwa beim Besuch des Lernorts Keibelstraße, häufig sehr gezielt nach geschlechtsspezifischen Aspekten von Haft. Also insgesamt nehmen wir – vor allem bei Frauen – ein gesteigertes Interesse wahr. Dennoch werden an vielen der Gedenkstätten und Lernorte in oder zu gemischtgeschlechtlichen Haftorten frauenspezifische Hafterfahrungen bislang meist nur am Rande thematisiert – das war zumindest unser Eindruck. Und das, obwohl Frauen in SBZ und DDR einen nicht unerheblichen Anteil der Gefangenen stellten: Silke Klewin (siehe den Beitrag Klewin in dieser Magazinausgabe) spricht von zwölf Prozent der Inhaftierten in der DDR, die weiblich waren; im Vergleich zum Anteil von drei Prozent in der Bundesrepublik.

Daher war uns ­– das sind Katharina Hochmuth und Amélie zu Eulenburg von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Irmgard Zündorf vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und ich –, als wir beim Brainstorming für das Thema des nächsten gemeinsamen Workshops saßen, bald klar: Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme zur Geschlechtergeschichte! Und zwar eine, die das Thema aus gedenkstättenpädagogischer Perspektive beleuchtet: Was passiert auf dem Feld der Bildungsarbeit eigentlich zum Thema der in SBZ und DDR inhaftierten Frauen? Wo gibt es Best Practices, wo behindern Forschungslücken die pädagogische Arbeit? Und welche Rolle spielen eigentlich Zeitzeuginnen in Workshops oder Projekttagen?

Unser Ausgangspunkt war, dass ein geschlechtersensibler Blick auf Haft entscheidend zu einem differenzierten Verständnis sowohl von Geschlechterrollen und -bildern als auch der Herrschaftsmechanismen in der SED-Diktatur beitragen kann. Und zwar nicht nur für den Ort Gefängnis, sondern auch darüber hinaus. Darüber wollten wir mit Praktiker*innen, Forschenden und anderen Expert*innen sprechen. Mit ihnen gemeinsam widmeten wir uns nicht nur der Frage, welche Rolle weibliche Perspektiven und Schicksale in der historisch-politischen Bildungsarbeit spielen, sondern auch, wie männlich geprägte Erfahrungen die Arbeit der Gedenkstätten beeinflusst haben – und das noch heute tun.

Um die verschiedenen Straftatvorwürfe wissend, aufgrund derer Menschen in der Keibelstraße, ein dem Ministerium des Innern unterstelltes Untersuchungsgefängnis, inhaftiert waren, war mir wichtig, die Haftgründe von Frauen in all ihrer Heterogenität zu betrachten: Frauen waren wegen politischer Straftatvorwürfe wie der sogenannten Republikflucht, „staatsfeindlicher Hetze“ oder „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ in Haft. Viele aber auch im politisierten Strafrecht der SED-Diktatur wegen vermeintlicher „Asozialität“ oder Straftaten wie Diebstahl oder Raub.

LaG: Welche Referent*innen habt ihr eingeladen und wer nahm am Workshop teil?

Henrike Voigtländer: Im Workshop wollten wir für Expert*innen aus Gedenkstättenpädagogik und -forschung, aus der historisch-politischen Bildung und aus Museen eine Plattform für Austausch schaffen. Wichtig war uns, Akteur*innen aus verschiedenen Gedenkstätten und Lernorten an früheren Gefängnissen oder Haftorten einzuladen. Auch wollten wir mit ihnen und dem Publikum, das sich ebenso hauptsächlich aus Wissenschaftler*innen und historisch-politischen Bildner*innen zusammensetzte, bestehende Ansätze und Initiativen der Bildungsarbeit diskutieren.

Aber bevor es in die Praxis ging, widmeten wir uns einigen Themen intensiver. Zuerst der Frage: Wirkt sich die Erinnerungspraxis der DDR-Mahn- und Gedenkstätten auf die gegenwärtige Darstellung weiblicher Inhaftierter in den Gedenkstätten aus? Die ehemalige Leiterin der Gedenkstätte für die Opfer des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück, Insa Eschebach, sieht eine Kontinuität in dem bereits seit DDR-Zeiten bestehenden Fokus auf politische Häftlinge. Damit will sie brechen und regte in ihrem Beitrag an, Gefängnisse für das Erzählen einer – auch geschlechtsspezifischen – Gesellschaftsgeschichte zu nutzen. Um genauer zu verstehen, wie Geschlecht eigentlich in Haft (re)produziert wird, konnten wir Silke Klewin gewinnen. Sie hat sowohl die Haftordnung von Bautzen II auf geschlechtsspezifische Regelungen untersucht als auch Praktiken, die spezifisch weiblich waren. Nicht zuletzt haben wir uns gefragt, welche Erkenntnisse ein intersektionaler Blick auf Gefängnisse als Ort der Produktion von Geschlecht und Sexualität zu Tage bringen kann. Andrea Rottmann von der Freien Universität Berlin hat hierfür anhand lesbischer Inhaftierter im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße untersucht, wie Geschlecht, sexuelle Identität und soziale Schicht zusammenwirkten.

Mir hat ihr Beitrag verdeutlicht, dass gerade Einrichtungen des Frauenstrafvollzugs, die dem Ministerium des Innern unterstellt waren, als Orte der Abweichung verstanden werden können: Hier saßen großenteils Frauen ein, die nicht dem sozialistischen Frauenbild der heterosexuellen arbeitenden Mutter entsprachen. Frauen, die keine stete Berufsbiografie oder familiäre Probleme hatten oder sich anderweitig einem angepassten Leben entzogen haben. Daraus ergeben sich Chancen für die Bildungsarbeit: nämlich anhand von Gefängnissen den Charakter der DDR – in heutigen Termini – als sexistische, klassistische „leistungsorientierte Disziplinargesellschaft“ zu beschreiben, wie es die Ethnologin Edda Rohrbach 2024 in einem spannenden Artikel zu Potenzialen marginalisierter Stimmen in der DDR-Aufarbeitung und den Auswirkungen von Stigmata darlegt.

Nach den Inputs kamen wir in World Cafés zusammen. Neben den Beiträgen – etwa von Nancy Aris, der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (siehe den Beitrag Aris in dieser Magazinausgabe), oder von Elke Stadelmann-Wenz aus der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (siehe den Beitrag Stadelmann-Wenz in dieser Magazinausgabe) – wollten wir auch diskutieren, was Formate jenseits von Ausstellung und Workshop leisten können. Das haben wir mit Christoph Viscorsum am Beispiel des Audiodenkmals am Ort des ehemaligen Frauengefängnisses in der Barnimstraße in Berlin-Mitte erörtert (siehe den Beitrag Stoff in dieser Magazinausgabe).

Wichtig war uns aber auch ein Blick über Berlin und Hoheneck hinaus: Frauen waren republikweit in großer Zahl inhaftiert, oftmals – räumlich separiert – in Gefängnissen, in denen mehrheitlich Männer einsaßen. So etwa im „Roten Ochsen“ in Halle, einer Haftanstalt, wo ab 1950 bis zu 610 Frauen gleichzeitig im Strafvollzug waren. Im Workshop wollten wir von dem Gedenkstättenpädagogen Niklas Poppe erfahren, welche Rolle dieser Teil der Geschichte in der Bildungsarbeit der dortigen Gedenkstätte spielt, deren Ausstellung vor allem die Nutzung als Untersuchungsgefängnis des MfS thematisiert.

Die Chance, sich intensiver mit Bildungsarbeit zu Speziallagern in der SBZ und frühen Inhaftierungen in DDR-Gefängnissen zu befassen, bot die aktuelle Wanderausstellung „frauenHAFT. Sowjetische Repression und DDR-Strafvollzug (1945–1956)“. Katharina Gräb schilderte die kuratorische Erarbeitung der Lebenswege inhaftierter Frauen (siehe der Beitrag Bock in dieser Magazinausgabe).

World Café im Workshop „Frauen in Haft“, Berlin, 27.04.2026 © Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Nicht zuletzt war es uns gerade bei dem frauenspezifischen Thema wichtig, mit venerologischen Stationen den Fokus auf jene Einrichtungen zu lenken, in die Frauen mit Verdacht auf Geschlechtskrankheiten zwangseingewiesen wurden. So etwa in der Leipziger Riebeckstraße 63, zu der der gleichnamige Initiativkreis seit wenigen Jahren pädagogisch und konzeptionell arbeitet. Institutionen wie diese waren keine Einrichtungen des Strafvollzugs, hatten aber haftähnliche Bedingungen. Sie führen eindrücklich vor Augen, was diese Form staatlicher Fürsorge tatsächlich war: ein disziplinierender Zugriff des DDR-Regimes, dem bereits lange bestehende gesellschaftliche Normvorstellungen über weibliche Sexualität, und, ich würde sagen, auch über soziale Herkunft oder Schicht zugrunde lagen. Darüber haben wir mit Markus Streb vom Initiativkreis gesprochen.

LaG: Was waren die zentralen Fragen? Worüber wurde am meisten diskutiert?

Henrike Voigtländer: Wir haben uns viel mit den Herausforderungen beschäftigt. Immer wieder auftauchender Diskussionspunkt war, wie Hafterfahrungen von Frauen thematisiert werden können, ohne Stereotype zu reproduzieren. Ist etwa das Thema Elternsein in Haft und die Sorge um die zurückgelassenen Kinder ein spezifisch weiblicher Aspekt? Oder werden durch das Aufgreifen dieses Themas in einer Ausstellung zu Frauen in Haft Sorge- und Familienarbeit erneut vergeschlechtlicht? Diskussionen wie diese verweisen auf die Notwendigkeit, eigene Rollenbilder kritisch zu hinterfragen. Sie verdeutlichen aber auch, wie wichtig es ist, das Thema Haft aus geschlechtsspezifischer Sicht zu beleuchten – und damit nicht nur Frauen in Haft als ein „add-on“ zu Hafterfahrungen männlicher Insassen zu begreifen, sondern auch diese geschlechteranalytisch oder -sensibel zu untersuchen. Im Rahmen der Diskussion sind wir immer wieder zu der Frage gekommen, was eigentlich spezifisch weibliche Hafterfahrungen in den jeweiligen Gefängnissen und Haftorten sind. An allen Ecken und Enden hat sich gezeigt, dass – wie eine Teilnehmerin meinte – die historische Haft- und Justizforschung die „Orte erst verstehen“ müsse, also noch viel Forschungsbedarf bestehe.

Viele Teilnehmende beschäftigte auch eine weitere Frage: Warum gilt 36 Jahre nach dem Mauerfall den DDR- und SBZ-Haftorten, in denen Frauen einsaßen, weniger Aufmerksamkeit als solchen, in denen (auch oder ausschließlich) Männer inhaftiert waren? Ist das allein damit zu begründen, dass, wie es eine Teilnehmerin auf den Punkt brachte, Geld und Macht meist in den Händen von männlichen Akteuren lagen und liegen? Was mögliche andere Gründe betrifft, stellte eine These den Zusammenhang zwischen Widerstand gegen das herrschende System und Haft in den Vordergrund. Lange Zeit lenkten männlich geprägte Vorstellungen darüber, was oppositionelles Handeln in der SED-Diktatur war, unseren Blick auf bestimmte Inhaftierte, und zwar auf solche Männer, die im Widerstand gegen die Staats- und Parteiführung waren. Das kritische, oppositionelle Handeln von Frauen blieb dagegen in der Erinnerungskultur oft im Hintergrund. Der Historikerin Jessica Bock zufolge liegt das auch daran, dass Akteurinnen der unabhängigen DDR-Frauenbewegung der 1980er Jahre oftmals Denk- und Lebensweisen – mitunter in oppositionellen Strukturen selbst – hinterfragten. Ihr Widerspruch wurde in der Aufarbeitung der DDR-Opposition zögerlicher behandelt.

Ein weiterer Grund ist der Fokus auf politische Häftlinge – viele Inhaftierte in Frauengefängnissen der späten DDR waren aber aufgrund anderer Straftatvorwürfe inhaftiert. Gerade der Tatbestand des sogenannten asozialen Verhaltens spielte im Frauenstrafvollzug der DDR eine wichtige Rolle. Dieser „Gummiparagraf“ erhält erst in den letzten Jahren eine angemessene Aufmerksamkeit. Was hat es bis heute für Auswirkungen, dass viele Frauen aufgrund dieses stigmatisierenden Straftatvorwurfs hinter Gittern saßen? Welche Rolle spielte nicht nur die staatliche Repression, sondern auch die Erfahrung, dass viele bereits zu DDR-Zeiten von ihren Nachbar*innen oder Kolleg*innen, also von ihrem direkten sozialen Umfeld, als „das sozial Fremde im Innern“, wie es der Historiker Thomas Lindenberger gefasst hat, wahrgenommen wurden? Welche Rolle spielen Scham und bis in die Gegenwart bestehende Stigmatisierungen aufgrund sozialer Herkunft? Ich glaube, dass die Kontinuität dieser sozialen Ausgrenzung und Stigmatisierung – auch in Verbindung mit Geschlecht – in die Forschung und Vermittlung zu Frauen in Haft hineingewirkt hat und bis heute wirkt.

Medienstation mit dem videografierten Interview einer Zeitzeugin in einer Zelle der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt Berlin-Mitte, am Lernort Keibelstraße, Berlin, 10.09.2026 © Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V.

LaG: Wie sollte die Arbeit an diesem Thema weitergehen? Welche Ressourcen braucht es dafür?

Henrike Voigtländer: Das ist eine gute, aber auch keine einfache Frage! Es gab während des Workshops den Vorschlag zur Gründung einer Art Arbeitsgemeinschaft. Tatsächlich finde ich, dass Netzwerke wichtige Ressourcen sind. Nicht nur für den gegenseitigen Austausch, sondern auch, damit viele verschiedene Institutionen und Akteur*innen die Relevanz geschlechtsspezifischer Fragestellungen beharrlich betonen.

Deutlich wurde ebenfalls ein Mangel an Grundlagenforschung, konkret einer interdisziplinären Diktatur- und Repressionsforschung, die Geschlechteranalyse grundlegend einbezieht und die Kontinuitäten aus der NS-Geschichte mitdenkt. Denn auch in der Forschung zeigen sich die oben beschriebenen Mechanismen der männlichen Prägung von Themensetzungen und Fragestellungen. Und auch dafür braucht es unbedingt stetigen Austausch auf kollegialer Ebene.

LaG: Wie arbeitet der Lernort Keibelstraße zum Thema Frauen in Haft?

Henrike Voigtländer: Wie andere Lernorte und Gedenkstätten haben auch wir das Problem, dass sich für unsere Bildungsarbeit vor allem männliche ehemalige Inhaftierte gewinnen lassen. Frauen sind oft zurückhaltender und haben Bedenken, ihre mitunter mit Traumata oder Scham verbundene Haftbiografie zu erzählen. Am Lernort arbeiten wir daher in unseren Lernwerkstätten mit einigen Zeitzeuginnen-Interviews, aber im Schwerpunkt mit Akten, die den Haftvollzug dokumentieren – auch um die Gruppe der zahlreichen, aufgrund des Vorwurfs der „Asozialität“ einsitzenden Frauen abzudecken.

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