De-Zentralbild – Bilder erzählen lassen

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte 

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Sabrina Pfefferle ist freie Autorin und Psychotherapeutin in Ausbildung.

Sabrina Pfefferle

Die junge Frau auf der breiten Treppe stützt den Kopf in die Hand und blickt in die Ferne, an der Kamera vorbei. Im Hintergrund auf dem verglasten Gebäude sind die Worte „Flughafen Berlin-Schönefeld“ zu erkennen. Ein melancholisches Gefühl entsteht. Hat sie jemanden verabschiedet? Sehnt sie sich nach der Ferne? Oder ist sie gerade angekommen?

Vũ Thanh Điệp, Berlin 1990 © Vũ Thanh Điệp

Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt Vũ Thanh Điệp, die 1987 aus Vietnam in die DDR kam und als Vertragsarbeiterin in der sächsischen Textilindustrie bei Werdau arbeitete. Das Bild ist Teil des Archivs und der Online-Ausstellung „De-Zentralbild“, das private Fotografien und Erinnerungen von Migrant:innen in der DDR sammelt. Die Website setzt damit nicht nur namentlich einen bewussten Kontrapunkt zur staatlich geprägten Bildproduktion der Fotoagentur „Zentralbild“, die 1956 Teil des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) – der einzigen zugelassenen Nachrichten- und Bildagentur der DDR – wurde.

Offizielle Darstellungen inszenierten Migration im Sinne internationaler Solidarität: Staatliche Medien und Schulbücher zeigten Vertragsarbeiter:innen bei der Anleitung durch deutsche Kolleg:innen oder internationale Studierende beim Lernen. Dieser hierarchischen Perspektive, die den Blick auf migrierte Frauen:Männer richtet, begegnet De-Zentralbild mit privaten Fotografien der Akteur:innen: Neben Arbeit und Studium wurden Freundschaften, Freizeit und persönliche Momente abgelichtet, womit migrantische Lebensrealitäten sichtbar werden.

Das Archiv umfasst dreißig private Fotosammlungen, Interviews sowie biografische Texte. Die Materialien lassen sich nach Personen, Herkunftsländern sowie inhaltlichen Kategorien – wie unter anderem Exil, Rassismus und ungewollte Rückkehr – erschließen.

Die Porträtierten

Porträtiert werden Migrant:innen aus elf verschiedenen Ländern: Ägypten, Angola, Griechenland, Iran, Kamerun, Kuba, Mongolei, Mosambik, Nicaragua, der Türkei und Vietnam. Bereits diese geografische Vielfalt eröffnet zahlreiche Fragen: In welchem (außen)politischen Verhältnis stand die DDR zu diesen Staaten? Welche politische Situation herrschte dort jeweils? Diese Aspekte werden in den Biografien nur angerissen – häufig mit Verweisen auf vertiefende Texte. Das Archiv kann so zum Ausgangspunkt einer weiterführenden Beschäftigung mit den Themen werden.

Auch die Gründe für die Migration sind vielfältig: Ein Großteil der Porträtierten, insbesondere aus Angola, Kuba, Mosambik und Vietnam, kam in die DDR, um zu arbeiten. Viele berichteten, dass die Arbeit in Fabriken nicht ihr eigentliches Ziel war. Häufig wurden sie von anderen Versprechen und Hoffnungen angezogen, zum Beispiel von dem Wunsch zu studieren oder selbstbestimmt eine Ausbildung zu absolvieren. Diese Erwartungen erfüllten sich selten. Stattdessen wurden die meisten festen (Wohn)Orten, Betrieben und Tätigkeiten zugewiesen – was zu Frustration und Enttäuschung führte.

Andere Porträtierte, etwa aus Vietnam, Nicaragua und Ägypten, reisten zum Studium oder zur Promotion in die DDR. Ihre Biografien zeugen häufig von langjährigen Beziehungen zur DDR, die teilweise bereits in internationalen Jugendcamps begannen und sich auch nach der Universität fortsetzten. Daneben finden sich im Archiv die Lebensläufe politischer Immigrant:innen, etwa aus dem Iran, Griechenland oder der Türkei; Menschen, die vor politischer Gewalt oder autoritären Regimen flohen. Wieder andere Porträtierte wuchsen in internationalen Familien auf: Annette Hannemann etwa – deren Eltern, die Mutter aus der DDR, der Vater aus Kamerun, sich während der Semesterferien bei einem Ernteeinsatz kennenlernten – schildert ihre Kindheit und Jugend in der DDR.

Neben Herkunft und Migrationsgründen eröffnet das Portal weitere Erschließungsmöglichkeiten: Wie sah die propagierte „internationale Solidarität“ im Alltag aus? Welches Verhältnis hatten Migrant:innen zum DDR-Staat – beteiligten sie sich an den Protesten von 1989? Und was geschah nach der Wiedervereinigung?

Solche Einladungen zu Querlesungen erweitern das Material. Dabei macht gerade die Vielfalt der biografischen Verläufe den besonderen Wert der Website aus. So berichten einige Porträtierte, dass sie nach 1990 Arbeit, Wohnheimplatz und Aufenthaltsgenehmigung verloren und oft nur die Rückkehr in ihre Herkunftsländer blieb. Andere wurden bereits vor 1989 gegen ihren Willen zurückgeschickt – ein Resultat davon, dass die DDR Migration grundsätzlich als „vorübergehend“ betrachtete. Wieder andere entschieden sich bewusst für die Rückkehr, während einzelne Interviewte trotz staatlichen Drucks in Deutschland blieben.

Ein übergreifendes Thema sind die Erfahrungen mit Alltagsrassismus und rassistischer Gewalt. Besonders mit Blick auf die 1990er Jahre äußerten viele ihre Angst vor rassistischen Übergriffen – die Ausschreitungen in Hoyerswerda oder der Mord an Amadeu Antonio prägten ihre Realität. Doch bereits vor der Wiedervereinigung erlebten Migrant:innen Diskriminierung, unter anderem ökonomischer Art: So berichtet Augusto Jone Munjunga, dass er als angolanischer Arbeiter für die gleiche Arbeit nicht einmal halb so viel Lohn erhielt wie seine polnischen Kolleg:innen. Nach der Rückkehr setzte sich die materielle Ausbeutung im Herkunftsland teilweise fort: So warten viele mosambikanische Vertragsarbeiter:innen – die sogenannten Madgermanes – bis heute auf ausstehende Löhne und die Klärung ihrer Rentenansprüche oder ihre Rente.

Private Fotografien als Quellen

Die privaten Fotografien vermitteln eine Form von Intimität und Alltäglichkeit, die in offiziellen Bildbeständen häufig fehlt. Freundschaften, familiäre Situationen und stille Momente eröffnen Einblicke in Lebenswelten, die zugleich fremd und vertraut wirken. Alltagsgegenstände und Mode der Zeit – etwa Kleidung, Frisuren oder Einrichtungsdetails – bilden die Kulisse. Gerade diese Alltäglichkeit schafft Identifikationsräume: Beim Betrachten entstehen Vorstellungen über die Sorgen, Hoffnungen und Träume der Abgebildeten. Zugleich lassen die Bilder Leerstellen: Sie zeigen persönliche Erfahrungen, ohne sie vollständig zu erklären, und laden so zu eigenen Interpretationen ein.

Einige Themen – wie die Ernüchterung nach der Ankunft oder Alltagsrassismus – sind in den Fotografien nicht direkt sichtbar. Hier ergänzen die biografischen Texte und Interviews das Bildmaterial und verweisen auf zuvor verdeckte Gefühle wie Unsicherheit, Sehnsucht nach Heimat und Fremdheit. Sie übernehmen eine vermittelnde Funktion und füllen einzelne Leerstellen zwischen Bild und Betrachter:in.

Die Website, die von Akteur:innen in Mosambik, Vietnam, Kuba und Deutschland entwickelt wurden, richtet sich an ein breites Publikum: Die biografischen Texte sind verständlich geschrieben und auch das Bildmaterial lässt sich bereits von jungen Lernenden erschließen. Anhand von Bildvergleichen oder -analysen sind sie auch in höheren Altersstufen zur Reflexion historischer und politischer Zusammenhänge einsetzbar. Ein weiterer Gewinn: Die Website ist in fünf Sprachen verfügbar und spricht so ein internationales Publikum an.

Fazit

Das Archiv setzt auf den Prozess des Entdeckens: Indem es auf eine feste Deutungsperspektive verzichtet, macht es Besucher:innen zu aktiven Betrachter:innen – und eröffnet neue Zugänge zur Geschichte der Migration in der DDR.

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