Das internationale Projekt und die App „Living Memorials: (Re)Vitalize Digital History!“
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Gesellschaftsverbrechen NS-Zwangsarbeit. Ereignis und Erinnerung
André Bossuroy wechselte nach dem Berufsstart als Ingenieur zum Film. Der belgische Regisseur entwickelt Projekte rund um Dokumentarfilme und interdisziplinäre Workshops mit Künstler:innen und Jugendlichen. Seine Filme werden auf ARTE.tv und anderen europäischen Sendern gezeigt.
André Bossuroy
Das Projekt „Living Memorials: (Re)Vitalize Digital History!“ entstand aus dem Wunsch, neue Wege in der historisch-politischen Bildung zu gehen. Ziel war es, junge Menschen aktiv einzubinden und die Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen zu verknüpfen. Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Belgien und Frankreich arbeiteten gemeinsam in einem künstlerisch-pädagogischen Prozess zum Thema NS-Zwangsarbeit. Die belgische Organisation MEDIEL, die seit über 20 Jahren internationale Erinnerungs- und Bildungsprojekte initiiert, entwickelte und organisierte das Vorhaben.
Europäische Förderung für maximale Wirkung
Das Projekt, unterstützt von der Europäischen Union, wurde von einem Duo konzipiert und geleitet: dem belgischen Regisseur und Koordinator André Bossuroy und dem deutschen Künstler Roman Kroke, der die pädagogische und künstlerische Leitung übernahm. Im Zentrum stand die historische Rolle des Chemiestandortes Leverkusen der I.G. Farben (heute Bayer AG), die von ihr gegründete Hans und Berthold Finkelstein Stiftung unterstützte das Projekt, ermöglichte den Zugang zu Archiven und vermittelte Expert:innen.
Bereits im Vorfeld arbeiteten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht mit historischen Quellen, ihren Familiengeschichten und sie setzten sich mit Fragen von Erinnerung und Verantwortung auseinander. In Zoom-Meetings tauschten sie sich über Ländergrenzen hinweg aus, schickten sich Bilder und Objekte per Post und entwickelten erste Fragestellungen. Dieser Austausch war ein Kernanliegen des Projekts: Geschichte wurde nicht nur lokal betrachtet, sondern aus verschiedenen europäischen Perspektiven gemeinsam reflektiert.

Anschließend besuchten die Jugendlichen Erinnerungsorte in Deutschland und Frankreich, darunter den Erinnerungsort NS-Zwangsarbeit der Bayer AG in Leverkusen sowie die Gedenkstätte Mémorial Ascq 1944 in Villeneuve d’Ascq. Vor Ort nahmen sie an künstlerischen Workshops teil, unterstützt vom Opladener Geschichtsverein von 1979 e. V. Leverkusen und der Société Historique de Villeneuve d’Ascq. Sie betrachteten die Orte aus unterschiedlichen Perspektiven und hielten ihre Eindrücke durch Fotos, Videos, Audioaufnahmen und künstlerische Performances fest. Ziel war es, eine persönliche und sinnliche Beziehung zu den Orten aufzubauen und Geschichte als Teil aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen zu begreifen.

Zurück im Unterricht verwandelten die Schülerinnen und Schüler ihre Erfahrungen in Kunstwerke und audiovisuelle Produktionen mit eher dokumentarischem Charakter. Dabei verknüpften sie historische Themen mit eigenen Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung oder Hate Speech im digitalen Raum. Die Ergebnisse präsentierten sie anschließend in Schulen, Ausstellungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen. Zudem wirkten sie an 30-minütigen Fernseh- und Radiosendungen des belgischen Senders RTBF mit.
Die digitale Plattform „Living Memorials“
Die mehrsprachige App (DE, EN, FR) Living Memorials richtet sich an Lehrkräfte, die kreative und partizipative Formen der Erinnerungsarbeit umsetzen möchten. Sie bietet einen strukturierten pädagogischen Leitfaden, der sich auf unterschiedliche Erinnerungsorte und historische Kontexte übertragen lässt.
Bereits in der Unterrichtsvorbereitung können Lehrkräfte die App nutzen: Ein Dokumentarfilm gibt Einblick in den Projektablauf, während Video-Tutorials die MATRIX-Methode anhand von Schülerarbeiten Schritt für Schritt erklären. Die von Roman Kroke entwickelte MATRIX-Methode nutzt Kunst als Instrument der kritischen Reflexion, um historische Fakten und komplexe gesellschaftliche Fragestellungen in visuelle Metaphern zu übersetzen. Ergänzend stehen PDFs für den direkten Einsatz im Unterricht bereit.
Die App ermutigt Schülerinnen und Schüler, Erinnerungsorte bewusst wahrzunehmen, Beobachtungen zu dokumentieren, Interviews zu führen und eigene künstlerische Interpretationen zu entwickeln. Die digitalen Materialien bieten Lehrkräften und Lernenden einen methodischen Rahmen.

Auch die Nachbereitung begleitet die Plattform: Die Schülerinnen und Schüler analysieren ihre gesammelten Materialien, gestalten künstlerische oder audiovisuelle Werke und diskutieren die Bedeutung historischer Ereignisse für die Gegenwart. Die Methode bleibt bewusst flexibel und lässt sich auf verschiedene Erinnerungsorte anwenden. So vermittelt die App nicht nur historische Inhalte, sondern auch erprobte kreative Methoden aktiver Erinnerungsarbeit.