Biografieforschung zu inhaftierten Frauen in der zentralen Untersuchungshaftanstalt der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Überlegungen zu Methode und Analyse
Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe: Frauen in Haft. Bildungsarbeit an ehemaligen Haftorten Ost-Berlins
Dr. Elke Stadelmann-Wenz ist Historikerin und Leiterin des Bereichs Forschung und Sammlung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Elke Stadelmann-Wenz
Individuelle Lebensgeschichten darzustellen, ist integraler Bestandteil der Gedenkstättenarbeit. Dabei nutzt insbesondere die historisch-politische Bildung die Tatsache, dass biografische Erzählungen unser Geschichts- und Kulturverständnis in hohem Maße prägen. Sie schaffen eine emotionale Nähe zur Vergangenheit, machen damit Geschichte leichter zugänglich als abstrakte Strukturen oder Prozesse und stellen Bezüge zur Gegenwart her (Possing 2017). In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen können in unterschiedlichen Vermittlungsformaten (geführter Rundgang, Workshop, Seminare, Ausstellungen) die politische Strafjustiz in der DDR und die konkreten Auswirkungen des Haftregimes der Staatssicherheit auf Menschen nachvollzogen werden − unmittelbar mit oder durch Zeitzeug:innen sowie anhand von Dokumenten wie Tagebüchern, Briefen, Fotos und auch Stasi-Unterlagen. Die Biografieforschung in der Gedenkstätte liefert hierzu wichtige Impulse.
Methodischer Ansatz
Eine biografische Untersuchung ist stets eine Reflektion des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie ermöglicht sowohl die diachrone als auch die vertikale Untersuchung historischer Zeitphasen. Eine Biografie zeigt, wie ein Individuum den zeitlichen Wandel erlebt, gestaltet oder auch erleidet. Dabei sind Einflüsse der großen Politik ebenso erkennbar wie die des alltäglichen Lebens. Und es wird deutlich, wie ein Mensch auf diese Faktoren reagiert. Lebensläufe sind keine widerspruchsfreien und lückenlosen Geschichten, sondern fragmentierte Erzählungen im Spannungsfeld von individueller Handlungsfähigkeit und strukturellen Zwängen (Harders 2025). Vor diesem Hintergrund berücksichtigt die biografische Forschung in Hohenschönhausen die einzelnen Lebensphasen ehemaliger Häftlinge vor, während und nach der Haft. Dazu gehören die Sozialisation in der Jugend, der Weg bis zur Verhaftung, die Haftphase selbst, die Haftfolgen sowie die Erinnerungen an die Verfolgung unter dem SED-Regime und auch die Strategien, um diese Erfahrungen bewältigen zu können.
Grundlegend dabei ist der Umgang mit den Quellen. Liegen schriftliche und/oder mündliche autobiografische Erzählungen vor, dienen diese nicht einfach nur als „Quellen“ für eine Rekonstruktion von Vergangenem. Das Erzählte gibt zwar Auskunft über Ereignisse und die jeweiligen Erfahrungen der Erzähler:innen. Zu beachten ist jedoch, dass es sich dabei um die (Re)Konstruktion einer individuell-biografischen Wirklichkeit handelt, die als kommunikative Praxis während des Erzähl- oder Schreibaktes gedeutet werden muss. Das heißt, der Kontext und die Bedingungen, unter denen die Narration entstand, müssen ebenso Teil der Analyse sein wie das Erzählte selbst (Dausien 2001: 59). Zu diesem Ansatz gehört auch, unsere Position als Forschende zu reflektieren und eigene Wahrnehmungsmuster von Geschlechterstereotypen zu befreien.
Warum Frauen?
Biografisches Arbeiten zu Frauen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen ist deshalb so wichtig, weil der Erfahrungsraum „Repression und Haft bei der DDR-Staatssicherheit“ stark männlich dominiert ist. Einige wenige Untersuchungen widmeten sich bisher inhaftierten Frauen in der DDR (u. a. Lindner 2025; Czech 2020; Beier 2018), auch gibt es verschiedene Internetportale, auf denen Frauen über ihre Hafterfahrungen berichten. Aber insgesamt teilen eher Männer ihre Erinnerungen an ihre Haftzeit in Interviews oder auch in Büchern. Im Zeitzeugenarchiv der Gedenkstätte Hohenschönhausen sind rund 950 Interviews aufbewahrt; ungefähr 80 % der Interviewten sind Männer. Auch die an der Gedenkstätte heute noch aktiven Zeitzeug:innen sind mehrheitlich Männer. Trotz der vor wenigen Jahren eröffneten Ausstellung zu den Frauen in den Strafgefangenenarbeitskommandos überwiegen in den Vermittlungsformaten in Hohenschönhausen männliche Erfahrungsgeschichten. Verstärkt werden diese männlichen Wahrnehmungsmuster durch die überlieferten Quellen der DDR-Staatssicherheit, die wir neben den Selbstzeugnissen in unserer Forschung nutzen. Beim MfS, das als ausführendes Organ des SED-Regimes für die Repression in der DDR und das Haftregime in seinen Untersuchungshaftanstalten verantwortlich war, handelte es sich um eine „totale Institution“, die geprägt war von dem „patriarchalischen und sexistischen Rollenverständnis eines Männerbundes“ (Gieseke 1999: 209). Auch deshalb sind explizit weibliche Perspektiven dringend nötig. Sie durchbrechen die vorherrschenden androzentrischen Wahrnehmungen und Interpretationen in diesem Erfahrungsraum – die heutigen wie die vergangenen. Und sie hinterfragen die tradierte narrative Konstruktion von Geschlecht und damit die binäre Geschlechterordnung. Dabei geht es nicht darum, der einen Perspektive die andere entgegenzusetzen. Vielmehr ist es das Ziel, vielfältige und geschlechtergerechte Perspektiven zuzulassen und starre Muster aufzulösen (Dausien 2001; Gregor/Ruby 2018).
Wie begegnen wir nun aber der Tatsache, dass für weibliche Gefangene in Hohenschönhausen nur wenige Selbstzeugnisse vorliegen? Eine grundsätzliche Hilfe sind quantitative Daten zur Inhaftierung in Hohenschönhausen und in anderen Untersuchungshaftanstalten der DDR-Staatssicherheit. Sie dienen in unserer biografischen Arbeit zu Frauen in Hohenschönhausen zunächst als „Suchscheinwerfer“, die bislang verborgene weibliche Lebensverläufe auffindbar machen. Sie verdeutlichen zudem Strukturen und Muster, liefern Kontexte und ermöglichen Verallgemeinerungen. Und nicht zuletzt können sie das fehlende Material zu dem persönlichen Erleben zumindest in einem gewissen Maße durch Lebenslaufdaten kompensieren.
Quantitative Dimensionen zu inhaftierten Frauen in Hohenschönhausen
An dieser Stelle soll nur ein erster Blick auf die Verteilung der Gefangenen in Hohenschönhausen nach Geschlecht geworfen werden – jedoch zeigt sich schon damit das Potenzial der Verbindung zwischen Biografieforschung und quantitativer Datenanalyse. Die verwendeten Daten stammen zum einen aus der Hafteingangsdokumentation des Untersuchungsgefängnisses Hohenschönhausen der Jahre 1951 bis 1989 (Hafteingangsdokumentation HSH) und zum anderen aus einer Kartei zu MfS-Ermittlungsverfahren der Jahre 1963 bis 1989 (Haft in der DDR 2023). In der zentralen Untersuchungshaftanstalt der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen waren zwischen Frühjahr 1951 und Dezember 1989 rund 11.000 Personen inhaftiert. Frauen bildeten mit durchschnittlich knapp 22 % die deutliche Minderheit der Gefangenen (Hafteingangsdokumentation HSH). Im Vergleich dazu lag der Durchschnittswert inhaftierter Frauen in allen MfS-Untersuchungshaftanstalten in den Jahren 1963 bis 1989 bei nicht ganz 16 % (Haft in der DDR 2023). Das bedeutet, dass Frauen zumindest für die Jahre ab 1963 häufiger in Hohenschönhausen als in den regionalen Untersuchungsgefängnissen inhaftiert waren.

Die Haftdaten nach Geschlecht in Hohenschönhausen verdeutlichen, dass die Anzahl der männlichen Gefangenen stark schwankte, während kontinuierlich deutlich weniger Frauen inhaftiert waren: zwischen 16 und 126 Inhaftierten pro Jahr. Zeitspannen verschärfter Repression – um 1953, um 1961 und in der Spätphase der DDR – sind deutlich zu erkennen. Zum absoluten Höchststand der Männer (730) stieg auch die Zahl der Frauen im Jahr 1953 spürbar an und erreichte einen ersten Höhepunkt mit 95 Inhaftierten. Bei der Repressionswelle um den Mauerbau herum war der Höhepunkt mit 373 männlichen Gefangenen im Jahr 1961, während der Höchststand mit 126 inhaftierten Frauen erst 1962 festzustellen ist. In der Spätphase der DDR stieg die Gefangenenzahl in Hohenschönhausen seit 1984 wieder deutlich an. Hier markiert das Jahr 1988 den Höhepunkt bei den Frauen mit 115 Gefangenen. Bei den Männern ist der Höchststand 1989 mit 360 Gefangenen erreicht.
Ein Vergleich der relativen Dynamik zwischen diesen drei herausgehobenen Repressionsphasen zeigt, dass das klassische Muster vom männlichen politischen Häftling in der Frühphase der DDR klar dominiert, sich aber in den späteren Jahren zusehends auflöst. In diesen Relationen wird deutlich, dass in Zeiten von offenem Protest Männer deutlich stärker von Verhaftung bedroht waren. Mit der zunehmenden Fluchtbewegung kurz vor und nach dem Mauerbau sowie mit der Bürgerrechtsbewegung in der Spätphase der DDR gerieten auch Frauen mehr und mehr in den Fokus der Staatssicherheit.
Für eine tiefergehende Analyse der Rolle und Bedeutung von Frauen als politisch Verfolgte in der DDR müssten diese Daten noch sehr viel intensiver befragt und verglichen werden. So zeigen beispielsweise die Verhaftungsgründe, aufgrund welcher Tatvorwürfe Frauen bei der Staatssicherheit in Haft gerieten und ob die Schwerpunkte anders lagen als bei Männern. Daten zu Haftdauer, Alter bei der Verhaftung und familiärem Status verdeutlichen darüber hinaus, wie massiv die Haft weibliche Erwerbs- und Familienbiografien zerstörte. Gruppenprofile lassen Gemeinsamkeiten in Herkunft, Bildung und sozialem Status erkennen. Korrelationen zwischen Geschlecht und Alter beantworten die Frage, welche Altersgruppen beider Geschlechter besonders ins Visier der DDR-Staatssicherheit gerieten. Über Netzwerkanalysen lassen sich gemeinsam agierende Frauen identifizieren. Und nicht zuletzt beantworten Auswertungen zu Urteil und Strafmaß die Frage, ob Frauen systematisch anders bestraft wurden als Männer.
Zusammengefasst machen diese Überlegungen deutlich, dass qualitative biografische Einzel- oder Gruppenstudien, unterlegt mit validen Daten, dazu beitragen, geschlechtsspezifische Verfolgungsmuster in der DDR zu identifizieren. Der hier beschriebene methodische Ansatz hilft uns, Wahrnehmungsmuster – die untersuchten wie auch die eigenen – von Geschlechterstereotypen zu befreien und den traditionellen „male bias“ in der DDR-Haftforschung zu überwinden.
Literatur
Beier, Frank: Politisch inhaftierte Frauen in der DDR. Eine biographieanalytische Studie zur Genese von Flucht- und Ausreiseentscheidungen, Leverkusen 2018.
Czech, Sandra: Das DDR-Frauengefängnis in der Grünauer Straße, Berlin 2020, URL: https://www.stiftung-hsh.de/themen/forschungsvorhaben/gruenauer-strasse/ddr-frauengefaengnis [eingesehen am 17.08.2026].
Dausien, Bettina: Erzähltes Leben – erzähltes Geschlecht? Aspekte der narrativen Konstruktion von Geschlecht im Kontext der Biographieforschung, in: Feministische Studien, 19 (2001), H. 2, S. 57–73.
Gieseke, Jens: „Genossen erster Kategorie“: Die hauptamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit als Elite, in: Peter Hübner (Hrsg.): Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 201–240.
Ginzburg, Carlo: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Berlin 2007.
Gregor, Joris Anja/Ruby, Sophie: Biographie und Geschlecht, in: Lutz, Helma/Schiebel, Martina/Tuider, Elisabeth (Hrsg.): Handbuch Biographieforschung, Wiesbaden 2018, S. 233–244.
Harders, Levke: Historische Biografieforschung, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.08.2025, URL: https://docupedia.de/zg/harders_historische_biografieforschung_v2_de_2025 [eingesehen am 17.08.2026].
Lindner, Sebastian: Hoheneck. Die Geschichte des zentralen Frauengefängnisses der DDR, Leipzig 2026.
Medick, Hans: Mikro-Historie, in: Schulze, Winfried (Hrsg.): Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion, Göttingen 1994, S. 40–53.
Possing, Birgitte: Understanding Biographies. On Biographies in History and Stories in Biography, Odense 2017.
Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Hrsg.): Haft in der DDR. Die Gefangenen der Stasi, Berlin 2023, URL: https://haft-ddr.de/ [eingesehen am 17.08.2026].
Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: Hafteingangsdokumentation, unveröffentlichte Datensammlung.