Aus der „Schule der Freundschaft“ in eine fremde Heimat. Ein deutsch-namibisches Schulprojekt

Dieser Beitrag ist Teil der Magazin Ausgabe:  Interkulturelles Lernen. Das Beispiel ostdeutsche Migrationsgeschichte 

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Eckhard Pfeffer unterrichtet Geschichte, Politik und Wirtschaft sowie Darstellendes Spiel. Zudem ist er Beauftragter für die Internationalisierung von Lernen an der Ricarda-Huch-Schule Gießen.

Sebastian Popovic unterrichtet, ebenfalls an der Ricarda-Huch-Schule, Politik und Wirtschaft, Geschichte sowie Sport. Er ist Teil des Lehrerteams in dem Schulprojekt mit der Jakob Marengo Secondary School in Windhoek.

Eckhard Pfeffer und Sebastian Popovic

Die Ricarda-Huch-Schule in Gießen und die Jakob Marengo Secondary School in Windhoek, Namibia, haben ein gemeinsames Schulprojekt ins Leben gerufen. Seit 2022 nehmen beide Schulen am ENSA-Programm für entwicklungspolitischen Schulaustausch teil. Aus dieser Zusammenarbeit entstand ein Projekt, das die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur förderte und inhaltlich begleitete. Das Ziel: Die Lebensgeschichten namibischer Kinder aufarbeiten, die zwischen 1979 und 1990 in der DDR lebten und nach Namibia zurückkehrten. Die SchülerInnen beider Schulen entwickelten dazu einen Fragebogen, führten in Windhoek Interviews mit den Betroffenen und werteten diese aus. Die Ergebnisse zeigen, wie der Aufenthalt in der DDR und die oft unbegleitete Rückkehr das Leben dieser Menschen bis heute prägen.

Deutsch-namibische Projektgruppe in Windhoek, Namibia, 2025 © Eckhard Pfeffer

Bereits die ersten Interviews machten deutlich, dass auch der Befreiungskampf gegen die südafrikanische Mandatsverwaltung sowie seine Folgen für die Zivilbevölkerung bis zur Unabhängigkeit Namibias 1990 in die Dokumentation einfließen sollten. Viele RückkehrerInnen stießen in Namibia auf Ablehnung, Unverständnis und Neid, da sie im Ausland eine vergleichsweise gesicherte Versorgung hatten, während die Zurückgebliebenen unter der Apartheid und den Kämpfen litten. Deshalb entschloss sich die Projektgruppe, auch Zeitzeugen zu interviewen, die während der Besatzungszeit in Namibia lebten.

Historischer Kontext

Die Kooperation zwischen der DDR und der South-West Africa People’s Organisation (SWAPO) entstand als Verbindung zweier sozialistischer Akteure im Kalten Krieg. Die SWAPO spielte im Befreiungskampf gegen das Apartheidsregime im damaligen Südwestafrika eine zentrale Rolle, weshalb die DDR sie auf politischer, materieller und personeller Ebene unterstützte. Nach dem „Kassinga-Massaker“ 1978 bot sie an, Kriegswaisen und Kinder von SWAPO-Kämpfern aufzunehmen und auszubilden. Diese Solidaritätsaktion – in der es darum ging, die nächste Generation namibischer Führungskräfte auszubilden – war ein zentrales Prestigeobjekt der DDR und wurde aus dem Staatshaushalt finanziert (vgl. Krause 2009: 65f.).

Die erste Gruppe von 80 Kindern im Alter von vier bis acht Jahren erreichte 1979 das ehemalige Jagdschloss bei Bellin (heute Mecklenburg-Vorpommern), das eigens für diese Gruppe als Kinderheim eingerichtet worden war. Die Kinder wurden von namibischen und deutschen ErzieherInnen betreut, lernten Deutsch und Englisch und besuchten Schulen in der Umgebung, später auch die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt.

Der „SWAPO-Kinderchor“ aus der Schule der Freundschaft beim Festival des politischen Liedes, Berlin, 16.02.1989 © Bundesarchiv Bild 183-1989-0217-028, Berlin, Festival des politischen Liedes, Thomas Uhlemann, CC BY-SA 3.0 DE

Insgesamt wurden etwa 430 namibische Kinder in der DDR bis 1985 aufgenommen. Ein Großteil verbrachte etwa elf Jahre der Kindheit und Jugend dort (Krause 2009: 101f.). Die Kinder sollten bei ihrer Rückkehr als SWAPO-Kader das sozialistische Namibia aufbauen. Tatsächlich blieben viele in Deutschland oder kehrten erst viel später nach Namibia zurück.

Ergebnisse und Erkenntnisse

Die deutschen und namibischen SchülerInnen und Lehrkräfte führten nicht nur Zeitzeugeninterviews, sondern werteten auch Archivmaterial aus und sammelten persönliche Geschichten. Die Ergebnisse werfen Fragen zu Identität, Heimat und politischer Instrumentalisierung auf, die in beiden Ländern bis heute nachwirken. Sie zeigen auch die Ambivalenz der Solidaritätsaktion: Einerseits erhielten die Kinder und Jugendlichen eine solide Ausbildung und erlernten die deutsche und englische Sprache. Sie schildern die DDR-Zeit als positiv prägend für ihre Disziplin und ihren Bildungshunger. Andererseits litten sie unter dem Leben „zwischen zwei Welten“, erfuhren Ablehnung und litten unter der Entfremdung sowie der Trennung von ihren Familien, sofern keine Familienmitglieder mitgereist waren. Diese Zerrissenheit prägt viele Biografien bis heute (vgl. Putsch 2020; Costa o. J.).

Die deutsche Wiedervereinigung und Namibias Unabhängigkeit 1990 stellten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei ihrer Rückkehr vor schwere Entscheidungen. Viele sprachen kein oder nur gebrochenes Oshivambo oder andere namibische Lokalsprachen. In Namibia wurden sie oft als „Deutsche“ wahrgenommen, während sie in Deutschland als „AusländerInnen“ galten. Einige der Interviewten äußerten, sie hätten Rassismus erst in Namibia erfahren – als auf einer der dortigen deutschen Schulen (weiße) MitschülerInnen den Kontakt zu ihnen ablehnten. Andere berichteten von „ethnischem Rassismus“ in Namibia; da sie sich in den unterschiedlichen Gepflogenheiten und sozialen Richtlinien der jeweiligen Volksgruppen nicht auskannten, erfuhren sie Diskriminierung. Dies betraf zum Beispiel eine Interviewpartnerin, deren modernes und emanzipiertes Selbstbild nicht mit den traditionellen Geschlechterrollen in Namibia zu vereinbaren war. Heute haben viele der interviewten RückkehrerInnen ihren Platz in der namibischen Gesellschaft gefunden, aber nicht alle.

Fazit

Das Thema der namibischen Kinder in der DDR gerät kaum in den Blickpunkt der Öffentlichkeit und fehlt in den Lehrplänen völlig. Mit unserem Projekt haben wir dazu beigetragen, diese Lücke zu schließen. Aus den Interviews und den Rechercheergebnissen wollen wir eine Plakatausstellung gestalten, die in Deutschland und Namibia an Schulen gezeigt wird. Zudem planen wir einen Graphic Novel-Workshop mit SchülerInnen der Ricarda-Huch-Schule, in dem wir die Geschichte eines heute in Deutschland lebenden Zeitzeugen künstlerisch umsetzen möchten.

Literatur

Bergmann, Klaus et al. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze Velber 1997.

Costa, Nangula: Ein DDR-Kind von Namibia, o. J., in: https://www.goethe.de/ins/cz/de/kul/the/ddr/24837715.html [eingesehen am 19.3.2026].

Genten, Elisabeth: Interkulturelles Lernen im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2019.

Krause, Jürgen: Das DDR-Namibia-Solidaritätsprojekt „Schule der Freundschaft“. Möglichkeiten und Grenzen interkultureller Erziehung, Oldenburg 2009.

Putsch, Christian: Die DDR-Kinder aus Namibia, 20.02.2020, in: https://www.christianputsch.com/home/die-ddr-kinder-aus-namibia [eingesehen am 19.03.2026].

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