Ein DDR-Gefängnis untersuchen − Angebote am Lernort Keibelstraße für die Grundschule

Dr. Henrike Voigtländer ist Historikerin und leitet seit 2024 den Lernort Keibelstraße. Ihre Dissertation hat sie zum Thema Geschlechterbeziehungen in DDR-Industriebetrieben verfasst.

Henrike Voigtländer

Donnerstagmorgen am Alexanderplatz: 22 Zehn- bis Zwölfjährige betreten die Haftraumhalle des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses in Berlin-Mitte. Zu DDR-Zeiten saßen hier Frauen und Männer aufgrund verschiedener Tatvorwürfe ein: wegen Diebstahls, vermeintlicher „Asozialität“ oder wegen politischer Delikte wie „Ungesetzlichem Grenzübertritt“ oder „Staatsfeindlicher Hetze“. Heute ist die Keibelstraße einer der wenigen Lernorte in Berlin, in dem Grundschulkinder sich mit der DDR-Geschichte auseinandersetzen können. Nach einigem „Boah“, „Wow“ und „Oh mein Gott“ löchert die sechste Klasse die Teamenden mit Fragen: „Wie viele Menschen saßen in einer Zelle?“, „Haben die Gefangenen genug zu essen bekommen?“ oder „Ist hier etwas Tragisches passiert?“

Kinder gehen auf Spurensuche

In der Lernwerkstatt „Erkundung der Haftanstalt“ untersuchen die Grundschüler*innen aus Berlin-Weißensee, begleitet durch Teamer*innen des Lernorts, das 1951 eröffnete Gefängnis. Sie bewegen sich frei in den Räumen, nehmen Ausstellungsgegenstände wie Bücher aus der Gefängnisbibliothek oder von Inhaftierten selbst hergestellte Kerzen in die Hand und begeben sich auf Spurensuche. Neben den Bedingungen, unter denen Inhaftierte Tage, Wochen und Monate im Gefängnis in der Keibelstraße verbrachten, entdecken die Kinder auch eine andere Schicht der Geschichte des Ortes. Nach der Schließung der Haftanstalt im Jahr 1990 drehten Filmcrews hier verschiedene Filme und veränderten dabei das Gebäudeinnere teils erheblich. Die Schüler*innen erkunden die Spuren der zeitlichen Ebenen – von unterschiedlichen Wandfarben bis zu Schraubenformen.

Historisches Lernen über Aktivierung

Diese Lernwerkstatt ist eines von mehreren am Lernort verfügbaren Angeboten, die  mit dem Lehrstuhl für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Sachunterricht an der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt wurden. In einem Format können Grundschulklassen der Stufe 4 bis 6 etwa ein Gespräch mit einer*m Zeitzeug*in führen. Das Besondere dabei ist, dass sie – nach einer Einführung zum Thema Erinnerung und wie sie funktioniert – das Gespräch selbstständig vorbereiten und moderieren. In der Lernwerkstatt „Spielfeld Deutschland“ untersuchen Lernende in praktischen Übungen, wie die Teilung Deutschlands und Europas nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte und wie sich der Lebensalltag in den beiden deutschen Staaten unterschied. Die Schüler*innen packen ein „Westpaket“ samt Geheimversteck, das ein Micky-Maus-Heft und eine Jeans sowie Westgeld enthält. Auf zwei großen Karten bauen sie den Eisernen Vorhang beziehungsweise die Berliner Mauer mit Playmobil- und Modellbauelementen nach. Die Lernwerkstatt bindet die deutsch-deutsche Geschichte in den internationalen Rahmen ein, ermöglicht damit eine erweiterte Perspektive, die im Schulunterricht nicht immer möglich ist. Darüber hinaus können Schüler*innen in einer Projektwoche einen Stop-Motion-Film erstellen und sich hierfür mit dem historischen Ort, verschiedenen Straftatvorwürfen oder den Haftbedingungen im Untersuchungsgefängnis auseinandersetzen.

Für die Grundschullernwerkstatt „Spielfeld Deutschland“ verwendetes Material, 2026 © Lernort Keibelstraße

DDR-Geschichte in der Grundschule?

Für den Besuch eines Gefängnisses aus der Zeit einer Diktatur mögen Grundschulkinder erst einmal zu jung erscheinen – vor allem, da solche Orte selbst auf Erwachsene oft bedrückend wirken. Doch gerade für die Klassen 4 sowie 5 und 6, die in Berlin und Brandenburg noch zur Grundschule gehören, bietet sich der Lernort Keibelstraße an. Kinder stoßen in ihrem Alltag immer wieder auf die Geschichte der SED-Diktatur und die Institution Gefängnis: in Büchern oder Filmen, im öffentlichen Raum oder durch Erzählungen von Verwandten. Die Frage ist daher nicht, ob sie mit diesen Themen in Berührung kommen, sondern wie der Unterricht diese Begegnungen aufgreifen und pädagogisch reflektieren kann, bevor sich Mythen verfestigen (Wenzel 2020: 12).

Grundschulkinder beschäftigen sich zudem intensiv mit Fragen von Gerechtigkeit, sie entwickeln Empathie mit Menschen, die Unrecht erlitten haben, und mitunter Empörung über deren Erfahrungen (ebd.). Gerade Schicksale von Inhaftierten sind ein guter Ansatzpunkt, um sich mit Fragen von Gerechtigkeit auseinanderzusetzen – in der DDR wie in der Gegenwart. Dabei ist es wichtig, die Kinder weder zu überfordern noch zu überwältigen. Deshalb passen wir die Materialien didaktisch an und besprechen im Vorfeld mit der betreuenden Lehrkraft mögliche schwierige Themen wie Fluchterfahrungen in der Klasse und den Umgang damit.

Die Beschäftigung mit der Geschichte der DDR sieht der Berliner Rahmenlehrplan Grundschule an mehreren Stellen für den Sachunterricht und die Gesellschaftswissenschaften vor. Dabei bietet er direkte inhaltliche Anknüpfungspunkte. So etwa im Themenfeld „Erde“ (Klasse 1–4), in dem sich Schüler*innen u. a. mit der Entstehung der beiden deutschen Staaten, dem geteilten Berlin und der friedlichen Revolution auseinandersetzen sollen (Rahmenlehrplan Teil C: Sachunterricht: 28–29). Der Rahmenlehrplan empfiehlt sowohl für die vierte als auch die fünfte und sechste Klasse den Besuch einer Gedenkstätte und ein Zeitzeug*innengespräch.

Der Besuch in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt am Alexanderplatz empfiehlt sich im Besonderen, wenn er in eine Unterrichtsreihe eingeordnet ist. Der Lernort unterstützt dabei: Neben Vor- und Nachbereitungsmaterial zum Download gibt es eine eigene Website mit Unterrichtsmaterial zum Thema Flucht aus der DDR. Hier kommen auch Zeitzeug*innen zu Wort, die in der Keibelstraße inhaftiert waren.

Für mehr Informationen zu unseren Bildungsformaten besuchen Sie unsere Website oder schreiben Sie uns: kontakt@keibelstrasse.de. Wir beraten Sie gerne bei der Wahl des passenden Bildungsangebots!

Literatur

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Berlin) und Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (Brandenburg) (Hrsg.): Rahmenlehrplan – Teil C Gesellschaftswissenschaften – Jahrgangsstufen 5/6 (Berlin/Brandenburg). Amtliche Fassung, Berlin 2015.

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Berlin) und Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (Brandenburg) (Hrsg.): Rahmenlehrplan – Teil C: Sachunterricht – Jahrgangsstufen 1–4 (Berlin/Brandenburg). Amtliche Fassung, Berlin/Potsdam 2015.

Wenzel, Birgit: Lernen an außerschulischen Lernorten zu zeitgeschichtlichen Themen, in: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Außerschulische Lernorte. Zeithistorisches Lernen in der Grundschule, Ludwigsfelde 2020, S. 7–13.

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