Grundschulkinder erkunden die Gedenkstätte Berliner Mauer – ein Werkstattbericht
Anja Bellmann ist Historikerin und Kuratorin für historisch-politische Bildung bei der Stiftung Berliner Mauer. Ihr Schwerpunkt liegt in der außerschulischen Bildungsarbeit zu den Themen DDR, Umbrüche und Transformationszeit.
Anja Bellmann
Die Gedenkstätte Berliner Mauer entwickelt ihre Angebote für Grundschulklassen kontinuierlich weiter. Seit 2025 werden bestehende Formate überprüft, neu zugeschnitten und um Materialien zur Vor- und Nachbereitung erweitert. Ziel ist es, Kindern der Klassen 3 bis 6 die Geschichte der Berliner Mauer anschaulich, altersgerecht und lebensnah zu vermitteln. Der folgende Beitrag beleuchtet die Angebote und ihre didaktisch-methodischen Prinzipien.
Die Gedenkstätte Berliner Mauer
Die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße ist der zentrale Ort des Erinnerns an die deutsche Teilung. Hier wird sichtbar, welche Auswirkungen der Mauerbau auf das Leben der Menschen hatte. Die Grenze verlief entlang der Hausfassaden, Fenster wurden zugemauert und Familien oft für Jahrzehnte getrennt. An diesem Ort gab es zahlreiche Fluchtversuche – erfolgreiche, aber auch erfolglose oder gar tödliche. Die Mauer in der Bernauer Straße wurde zu einem Symbol der Teilung. Heute können Besucher*innen hier originale Mauerspuren, den ehemaligen Grenzstreifen und viele persönliche Geschichten von Zeitzeug*innen entdecken. Der historische Ort macht die räumliche Dimension der Teilung greifbar und regt dazu an, Fragen an die Vergangenheit zu stellen.
In der Gedenkstätte Berliner Mauer ergänzen rostfarbige Markierungen aus Stahl die originalen Mauerreste, 2012 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Jürgen Hohmuth
Vermittlungsangebote für Grundschulklassen
Für die Klassenstufen 3 bis 6 bietet die Gedenkstätte vier Formate an: Die Führung „Wer will Mauer-Experte werden?“ (1 Stunde), den Workshop „Und plötzlich war die Straße gesperrt!“ (2 Stunden), eine Kreativwerkstatt (1,5 Stunden) als ergänzendes Modul sowie individuelle Angebote für Projekttage oder Projektwochen – auch an mehreren Standorten der Stiftung Berliner Mauer. Zudem gibt es in der Dauerausstellung „1961|1989. Die Berliner Mauer“ Angebote zur eigenständigen Erkundung: den Mauerkritzelblock und Arbeitsblätter.
Methodisch-didaktische Prinzipien
Exemplarisches Lernen
Im Mittelpunkt aller unserer Angebote steht die aktive Auseinandersetzung mit dem historischen Ort Bernauer Straße, seinen Mauerspuren und persönlichen Geschichten. Dabei geht es nicht um reines Faktenwissen, sondern darum, historische Kompetenzen und die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein zu fördern. Anhand konkreter Biografien und Ereignisse gehen wir Fragen nach: Warum wurde die Mauer gebaut? Wie erlebten Menschen die Teilung? Welche Handlungsspielräume hatten sie? Und wie kam es zum Mauerfall?
Rekonstruktionen
Zentral ist zunächst die Orientierung in Raum und Zeit. Die Kinder verorten das einstige Ost- und West-Berlin und begeben sich auf Spurensuche. Dabei erleben sie die Breite des ehemaligen Grenzstreifens und entdecken auch kleinere, oft unscheinbare Spuren. Mithilfe von historischen Fotografien rekonstruieren sie dann die Veränderung des Stadtbildes von 1961 bis 1989 und bis heute. Sie legen einen Zeitstrahl aus Bildern und erkennen, wie aus Stacheldraht ein breiter Grenzstreifen mit Hindernissen wurde. Dabei betrachten sie die Fotos ganz genau und beschreiben sie gemeinsam. Die Fotos regen die Kinder oft dazu an, eigene Fragen zu formulieren.

Aus der Projektarbeit: Kinder untersuchen historische Fotografien auf Hinweise zum Ausbau der Grenze in der Bernauer Straße, 2025 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Anja Bellmann
Biografische Zugänge
Über die Biografien von Anwohner*innen und von Familien mit Kindern begegnen die Schüler*innen unterschiedlichen Lebensentwürfen und Reaktionen auf die Teilung. Sie hören von Fluchten aus den Wohnhäusern und durch Tunnel. Gemeinsam überlegen die Kinder, warum Menschen gingen oder blieben – und welche Risiken beide Entscheidungen mit sich brachten. Im Workshop bleibt mehr Zeit für Gespräche – etwa über diese Fragen – als bei einer Führung. Besonders die Todesopfer an der Berliner Mauer, denen am Fenster des Gedenkens gedacht wird, lösen oft viele Fragen und Emotionen aus. Uns sind hierbei eine gute Vorbereitung und Einbettung in den Unterricht besonders wichtig, damit die Kinder mit ihren Gedanken gut aufgefangen werden können.
Künstlerische Reflexion
In der Kreativwerkstatt setzen die Kinder ihre Eindrücke und Fragen künstlerisch um. Mit Papier, Stiften, Schere, Leim und historischen Fotos gestalten sie kleine Magazine (Zines), Collagen oder Leporellos. Diese eignen sich gut für die Nachbereitung im Unterricht und geben Impulse für Gespräche in der Familie.

Bei der Kreativwerkstatt halten Kinder ihre Eindrücke und Fragen in kleinen Zines oder Leporellos fest, 2025 © Stiftung Berliner Mauer, Foto: Gesa Simons.
Ausblick und Einladung
Wir testen weitere Materialien zur Vor- und Nachbereitung, um Lehrkräften die Verknüpfung von Unterricht und Gedenkstättenbesuch zu erleichtern. So können sie nach dem Besuch mit Eindrücken und konkreten Geschichten weiterarbeiten. Erste Sets von historischen Fotos und Zines zur Gestaltung senden wir gern per E-Mail zu. Eine große Anzahl historischer Fotografien mit CC-Lizenz zur nichtkommerziellen Nutzung speziell für den Bildungskontext steht schon jetzt auf unserer Projektwebsite Berliner Mauer Fotos zur Verfügung (www.mauer-fotos.de).
Zudem planen wir ein Format für die selbstständige Erkundung der Bernauer Straße. Wir möchten diese Ideen und Materialien gemeinsam mit Lehrkräften und Schüler*innen der Klassen 4 bis 6 entwickeln und erproben. Wenn Sie Interesse haben, sich mit Ihrer Klasse zu beteiligen oder Anregungen und Wünsche einzubringen, freuen wir uns über Ihre Nachricht.
Unsere Angebote können über unsere Website gebucht werden. Wir beraten Sie gern, um den Besuch möglichst passgenau zu gestalten.