Die Kinderserie „Auf Fritzis Spuren“. Ein Lehrmaterial zur Vermittlung von DDR-Geschichte?

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Tobias Rischk ist Redaktionsassistent des Magazins „Lernen aus der Geschichte“. Er ist freiberuflicher Historiker mit den Schwerpunkten Geschichte des NS, deutsch-jüdische Geschichte in Berlin, Geschichte der Extremen Rechten nach 1945 und Erinnerungskultur im Berliner Stadtraum.

Tobias Rischk

Wie gelingt die Vermittlung von DDR-Geschichte in der Grundschule heute? Die kürzlich mit einem internationalen Emmy ausgezeichnete MDR-Produktion „Auf Fritzis Spuren – Wie war das so in der DDR?“ liefert eine Antwort: mit Animationstechnik, Zeitzeug*innen, Lebensweltbezug und moderierenden Influencer*innen.

Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung erschien der Animationsfilm „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ (2019), auf der die KiKa-Serie „Fritzi und Sophie – Grenzenlose Freundschaft“ (2024) basiert. „Auf Fritzis Spuren“ erweitert diese kindgerechte Annäherung an die Ereignisse von 1989 in Leipzig dokumentarisch. Im Folgenden wird die Doku-Serie auf ihren didaktisch-methodischen Nutzen für den Schulunterricht geprüft.

Plakat zum Film „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ © picture alliance / Collection Prod DB /Balance Film GmbH – TrickStudio Lutterbeck-Doghouse Film

„Fritzi und Sophie“ – eine animierte Serie zur Vermittlung von DDR-Geschichte

Um den Wert der Dokumentation „Auf Fritzis Spuren“ zu beurteilen, ist es notwendig, die animierte Serie „Fritzi und Sophie – Grenzenlose Freundschaft“ kurz vorzustellen, da sie den inhaltlichen Rahmen für das Bildungsmaterial bildet.

Fritzi und Sophie, beide zwölf Jahre alt, leben in Leipzig. Die Handlung setzt im Spätsommer 1989 ein und endet zeitlich mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze im November. In der achtteiligen Serie sind die beiden Freundinnen zunächst gemeinsam unterwegs. Es wird ein Eindruck ihres sozialistischen Alltags in Schule, bei den Pionieren und Freizeit vermittelt. Als Nebenfiguren begegnen uns historisch relevante, in diesem Setting jedoch fiktive Personen: Dissident*innen und Bürgerbewegte, Stasi-Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter*innen, Volkspolizist*innen und ideologisch einwandfreies Lehrpersonal.

Fritzi und Sophie wachsen in Familien mit einem kritischen Geist auf. Die Situation im Spätsommer und Herbst 1989 wird aus der Sicht der beiden Mädchen geschildert, die durch die Ausreisepläne von Sophies Mutter jäh auseinandergerissen werden. Sophie und ihrer Mutter gelingt über Ungarn die Flucht in die Bundesrepublik. Fortan verfolgen sie das Geschehen in der DDR aus der westdeutschen Grenzregion. Fritzi möchte ihrer besten Freundin deren Hund Sputnik bringen, wofür eine Klassenfahrt in eine Jugendherberge nahe der Grenze günstig erscheint. Gleichzeitig machen Fritzis Erlebnisse in Leipzig – Montagsdemos, die Bürgerbewegung in der Leipziger Nikolaikirche, Stasiaktivitäten – die politische Brisanz des Herbstes 1989 erfahrbar.

In einem Happy End kommen schließlich beide Erzählstränge zusammen: Die innerdeutsche Grenze wird geöffnet, wodurch der Vereinigung der beiden Freundinnen inklusive Hund nichts mehr im Wege steht. Schon die Serie selbst eignet sich zum Einsatz im Unterricht. Die angeschlossene Dokumentation „Auf Fritzis Spuren“ liefert pädagogisch-didaktisches Material mit.

„Auf Fritzis Spuren“ – für den Sachunterricht in der Grundschule geeignet?

Einen großen Mehrwert bietet dieses Material durch den Lebensweltbezug. Die Macher*innen orientieren sich an Themen, die für Kinder eine Rolle spielen: Schule, Freizeit, Familie oder Musik. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich die Lebenswelt der fiktiven DDR-Kinder Fritzi und Sophie durch die historischen Umstände wesentlich von der gegenwärtigen Lebenswelt unterscheiden: Die Freundschaft wird durch die Flucht von Sophie mit ihrer Mutter auseinandergerissen, Fritzi möchte an den Montagsdemonstrationen teilnehmen und versteht erst im Laufe der Zeit, weshalb das gefährlich ist. Die Handlung vermittelt dadurch auch Wissen über die Stasi. Grundschüler*innen erhalten so einen Zugang zu diesen Themen, realisieren jedoch gleichzeitig Unterschiede zur eigenen Lebenswelt. Weitere sinnvolle Methoden sind die Darstellung als Animation, die Einführung von Zeitzeug*innen und die Moderation durch das Influencer-Duo Anna und Julian („Checker Julian“). Über die Zeitzeug*innen werden bestimmte Aspekte der Animationsserie vertieft: die Pioniere, die Stasi, verbotene Musik und Tanz, Umwelt- und Bürgerbewegung, Flucht und Mauerfall. Ergänzt werden diese Oral-History-Elemente durch Archivbilder und -aufnahmen.

Chancen und Herausforderungen in der Arbeit mit der Serie

Neben dem Lebensweltbezug ist die altersbezogene Nähe zu den Animationsfiguren Fritzi und Sophie bzw. zu den interviewten Zeitzeug*innen besonders wertvoll. Die Kinder bekommen einen Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte als Kind in dieser Zeit zu leben. Die Bekanntheit der Serie „Fritzi und Sophie“ ist von Vorteil, da die Serie Neugier weckt und Fragen aufwirft. „Auf Fritzis Spuren“ kann auf die Figuren und bestimmte Szenen aufbauen. Der Wiedererkennungswert ist pädagogisch wertvoll. Durch Zeitzeug*innen wird deutlich, dass es reale Personen gibt, die einiges von dem, was in der Serie dargestellt wird, erlebt haben. Besonders bei den Themen Flucht und Maueröffnung fördert diese geschichtsdidaktische Methode Erkenntnisse. Mithilfe der eingeblendeten Archivaufnahmen kann die historisch-kritische Methode der Quellenarbeit mit Grundschüler*innen geübt werden. Die Serie enthält außerdem lexikalische Elemente, was die Annäherung an das Thema erleichtert.

Eine Herausforderung bei den kurzweiligen, 15-minütigen Folgen ist die Vielfalt der Darstellungsformen. Während die Animationsserie noch im kindgerechten Tempo läuft, wird in der dokumentarischen Serie „Auf Fritzis Spuren“ permanent zwischen den verschiedenen Elementen gewechselt. Die beiden Moderator*innen begegnen Zeitzeug*innen, manchmal treffen sie sich als Animationsfiguren mit Fritzi und Sophie. Unterbrochen wird das immer wieder durch Archivalien und die Erläuterung historischer Begriffe und Institutionen, im nächsten Moment entrollen die Moderator*innen in einem Reenactment schon wieder ein Demonstrationsplakat vor der Leipziger Nikolaikirche.  Dieser sprunghafte Wechsel erzeugt eine Tiktok-hafte Schnelligkeit, die für den Lernprozess hinderlich ist. Der Methodenmix ist gut, das Tempo jedoch zu hoch.

Was beim Einsatz im Unterricht beachtet werden sollte: Die Doku-Serie beleuchtet einen kurzen Zeitraum am Ende der DDR. Die Diktaturerfahrung wird betont und auch durch einige alltagshistorische Andeutungen nicht aufgebrochen. Das spiegelt das jahrzehntelang eingeschliffene Narrativ der DDR-Geschichte wider. Alltagserfahrungen bleiben auf der Strecke, während der Diktaturcharakter im Fokus steht. Indem die Serie sich auf das Ende der DDR konzentriert, bietet sie keinen differenzierenden Blick auf die Gesamtgeschichte des Landes, obwohl der Untertitel „Wie war das so in der DDR“ das nahelegt.

Fazit

Die Animationsserie und die Dokumentation eignen sich dank ihrer informativen Inhalte und des kindgerechten Methodenmixes gut für den Einsatz im Unterricht. Im Vergleich zu anderen Materialien, etwa denen des Bundes für Bildung e.V. (https://flucht.bundfuerbildung.de/), lässt sich „Auf Fritzis Spuren“ ohne großen Aufwand im Unterricht einsetzen. Jedoch sollte dies am Ende einer Einheit zur deutsch-deutschen Teilungsgeschichte geschehen. Alltagsweltliche Themen wie Konsum, Wohnen, Jugend oder Schule in den 1950er bis 1980er Jahren können die starke Betonung der Diktaturerfahrung aufbrechen und sinnvoll ergänzen.

Die in der Doku-Serie zentralen Begriffe Freiheit und demokratische Mitsprache schaffen ein besonderes Lernmoment. Die Zeitzeug*innen berichten, wofür sie im Herbst 1989 gekämpft haben und wovor sie geflohen sind. Hinweise auf die Gegenwart verdeutlichen, dass Demokratie mit ihren Rechten und Freiheiten nicht selbstverständlich ist. Die Serie lässt diese Menschen in kindgerechter Form zu Wort kommen und ermöglicht Schulkindern eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Filme und Serien

Kukula, Ralf/Bruhn, Matthias (Regie)/Völcker, Beate (Drehbuch): Fritzi – Eine Wendewundergeschichte, Produktion: TrickStudio Lutterbeck/Balance Film GmbH/MDR, Deutschland 2019.

Kukula, Ralf/Bruhn, Matthias/Meyer-Hermann, Thomas (Regie)/Völcker, Beate (Drehbuch): Fritzi und Sophie – Grenzenlose Freundschaft, Produktion: ARD/Balance Film GmbH, Deutschland 2024.

Kukula, Ralf (Regie): Auf Fritzis Spuren – Wie war das so in der DDR? Produktion: MDR, Deutschland 2025.

Literatur

Peuke, Julia: Was bleibt – die DDR aus der Perspektive von Kindern. Eine qualitative Studie zum historisch-politischen Lernen im Sachunterricht, Wiesbaden 2024.

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