Mehr als Erzählung. Zeitzeug*innen in der Grundschule
Dr. Detlef Pech ist Professor für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Lernbereich Sachunterricht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Rekonstruktion kindlicher Perspektiven auf Zeitgeschichte.
Detlef Pech
Lange spielte historisches Lernen in der Grundschule kaum eine Rolle. In Westdeutschland war dies vor allem Warnungen vor einer „Verfrühung“ geschuldet (Roth 1955). Hintergrund war das entwicklungspsychologische Modell stufenförmiger Entwicklung und damit verbunden die Annahme, dass Grundschulkinder nicht abstrakt denken könnten. Da Geschichte immer abstrakt ist, es immer um Vergangenheit geht, die aus der Gegenwart rekonstruiert wird, wurde historisches Lernen in der Grundschule als problematisch angesehen. Eine analoge Diskussion gab es in der DDR nicht, da sie für ihr Selbstverständnis und ihre Legitimation auf historische Erzählungen angewiesen war. So wurden bereits in der Unterstufe die Geschichte Ernst Thälmanns ebenso wie Marx und Engels umfassend aufgegriffen. Eine systematische Annäherung an Geschichte oder gar eine übergreifende Diskussion über Ziele und Grundlagen des historischen Lernens findet sich aber auch dort nicht.
Zeitgeschichte kommt in die Grundschule
Eine Veränderung deutete sich erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre an. Klaus Bergmann (1996) widmete sich explizit dem historischen Lernen in der Grundschule. Er übertrug das Modell des reflektierten Geschichtsbewusstseins von Hans-Jürgen Pandel auf die Grundschule und ergänzte es. 1999 folgten Dietmar von Reekens Einführungsband sowie ein zweibändiges Handbuch, herausgegeben von Waldtraut Schreiber. Beide betonten, dass Kinder durchaus in der Lage seien, historisch zu lernen. Im von Schreiber herausgegebenen Band wird auf die besonderen Potenziale der Zeitgeschichte für den Grundschulunterricht verwiesen:
„Die Zeitgeschichte dürfte wie kaum eine andere Periode für den historischen Unterricht in der Grundschule geeignet sein. Denn indem sie die ‚Epoche der Mitlebenden‘ umfasst, ermöglicht sie erste Begegnungen mit der Geschichte und gibt Gelegenheit zu der historisch fundamentalen Erkenntnis von der Geschichtlichkeit menschlichen Daseins, zumal die Schüler über ihre eigene Lebensgeschichte selbst Anteil an der Zeitgeschichte haben“ (Doering-Manteuffel/Metzler 1999: 786).
Diese Annahme setzte sich in den folgenden Jahren durch. Das führte zu einer Verschiebung in den wissenschaftlichen Publikationen: Zeitgeschichte wurde als sinnvoller Zugang zum historischen Lernen in der Grundschule angesehen. Eine Diskussion darüber lässt sich jedoch nicht ausmachen.
Die veränderte Orientierung wird besonders daran deutlich, dass ab 2008 – also mehr als 60 Jahre nach der Befreiung – erstmals empirische Studien zu den Vorstellungen von Kindern zu Nationalsozialismus und/oder Holocaust erschienen (Becher 2009; Flügel 2009; Hanfland 2008; Koch 2017). In der Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Fragen erweiterte sich der Fokus in der Sachunterrichtsdidaktik dann auch auf die deutsch-deutsche Geschichte – zuletzt durch eine empirische Arbeit zu den Vorstellungen von Kindern zur DDR (Peuke 2024 und siehe der Beitrag von Julia Peuke in diesem Magazin).
Zeitgeschichte braucht Zeitzeug*innen – auch im Unterricht
Mit der wachsenden Bedeutung der Zeitgeschichte etablierte sich der Einsatz von Zeitzeug*innen im Grundschulunterricht – ohne, dass sich rückwirkend ein initiierender Punkt oder eine diskursive Klärung ausmachen lässt. Zeitzeug*innengespräche fanden Eingang in einschlägige Methodenhandbücher (z. B. Michalik 2020), in Lehrpläne wie unter anderem den Bildungsplan Grundschule in Baden-Württemberg (2016) oder Schulbücher (etwa „Umweltfreunde“ für Klasse 4, 2016). Die fachdidaktische und methodisch ausgerichtete Literatur betont, dass die Erzählungen von Zeitzeug*innen subjektiv und perspektivisch sind (Michalik 2020: 48); sie müssen daher reflektiert und ggf. auch durch andere Erzählungen ergänzt werden. Die Bedingtheit des Erinnerten gilt es ebenso zu analysieren wie mögliche Überwältigungseffekte authentischer Erzählungen (Schreiber 2009: 21). In den grundschulbezogenen Lehrplänen wird dies jedoch oft nur verkürzt oder gar nicht thematisiert. So lautet etwa der komplette Passus aus dem Lehrplan Sachunterricht in Baden-Württemberg dazu:
„Wie werden die Kinder bei der Erkenntnis unterstützt, dass Quellen perspektivisch geprägt sind? Wie erfahren die Kinder den Unterschied zwischen rekonstruierter und erfundener Darstellung von Geschichte (zum Beispiel in Sagen, Legenden, Hörspielen, Dokumentationen, durch Gebäude, Zeitzeugen)?“ (Ministerium Baden-Württemberg 2016: 53).
Hinweise zur konkreten Unterrichtspraxis gibt es kaum – und auch keine Diskussion darüber, bei welchen Teilthemen sich Zeitzeug*innengespräche in den Grundschulen empfehlen.
Auch empirische Forschung bleibt bisher ein Desiderat: Eigenständige empirische Untersuchungen im Grundschulbereich, die den Umgang von Kindern mit Zeitzeug*innen oder die Relevanz für Wissenszuwächse durch diese Methode untersuchen, existieren bislang nicht − Ausnahme ist die kleine Arbeit von Julia Diederich (2019). Damit finden sich bis in die Lehrpläne hinein Empfehlungen für einen Zugang, der bislang unzureichend empirisch erforscht ist. Das hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten kaum verändert (Pech 2012).
Bezüge zum eigenen Leben entdecken
Die wenigen vorliegenden Studien zeigen die Potenziale sowohl des Ansatzes „Zeitzeug*innengespräche“ als auch der Forschung in diesem Feld. So ist es für Kinder in der Grundschule durchaus möglich, ohne Vorbereitung eigene Fragen zu Zeitgeschichte zu entwickeln und Interviews zu führen. Dabei entdecken sie oft Bezüge zu ihrem eigenen Leben. In der Studie von Alexa Hempel und Detlef Pech (2016) sind es den Kindern bekannte Personen, oft die Eltern, denen Kinder Fragen stellen. Dabei zeigt sich, dass einzelne Kinder gezielt Nachfragen zum Erzählten stellen. Für die unterrichtliche Bearbeitung sind diese im Nahraum generierten Erzählungen jedoch eine Herausforderung. Denn eine Reflexion ebenso wie eine Kontrastierung von Aussagen von Personen aus dem privaten Raum, die mit Wertungen der Erzählungen verbunden sind, sind ethisch in der öffentlichen Institution Schule nicht zu rechtfertigen. Wichtig ist allerdings der Aspekt: Die Kinder entwickeln Fragen, und zwar unabhängig von unterrichtlicher Anlage. Das ermöglicht ihnen, für sie relevante Inhaltsfelder zu entziffern, die eben nicht zwingend deckungsgleich mit fachlich relevanten Inhalten sein müssen. Damit steht nicht die inhaltliche Dimension der Erzählungen im Mittelpunkt von Unterricht, sondern die Verknüpfung der Erzählung mit der Lebensgeschichte des einzelnen Kindes.
Gespräche mit DDR-Zeitzeug*innen
In Gesprächen von Kindern mit ihnen unbekannten älteren Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, trat noch ein anderes Moment zutage (Peuke/Pech/Urban 2021; 2022), das in der Literatur zu Zeitzeug*innenbefragungen im Grundschulkontext bislang nicht aufgegriffen wurde. Im Zentrum der Analyse standen dabei nicht die Fragen der Kinder, sondern die Erzählungen der Zeitzeug*innen. In den Erzählungen lassen sich unterschiedliche Intentionen entziffern. Die interviewten Personen wollen den Kindern, die sie interviewen, etwas mitgeben: Manche betonten mit Blick auf ihre „andere Kindheit“ die Einfachheit des Lebens früher. Eine zweite Variante dessen, was den Kindern über das Leben in der DDR „mitgegeben“ wurde, stellte den organisierten Charakter der DDR-geprägten Kindheit in den Mittelpunkt der Erzählung (Stichwort „Pioniere“ und Fürsorge durch staatliche Institutionen). Die dritte entzifferte Intention lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass etwas Allgemeines und Grundlegendes über die DDR mitgegeben werden soll. Bei den im Vergleich mit den beiden anderen Varianten eher unpersönlichen Erzählungen steht die Kritik an der DDR im Vordergrund. Demokratische Staaten und deren Ansprüche dienen dabei als Maßstab.
Daraus lassen sich zwei Punkte ableiten, die für die unterrichtliche Arbeit mit Zeitzeug*innengesprächen relevant sind. Zum einen sollte das Interesse von Menschen/Zeitzeug*innen, ihre Erfahrungen zugänglich zu machen, stärker beachtet werden. Die Zeitzeug*innen wollen nicht nur berichten, sondern ihre Erfahrungen weitergeben und damit auch Orientierung bieten. Damit deutet sich neben der fachlichen und der fachdidaktischen Dimension von Zeitzeug*innengesprächen eine pädagogische Dimension an, die bislang in den Grundschulen kaum genutzt wird. Deren Potenziale wurden bislang weder systematisch diskutiert noch erkundet. Zum anderen ist die starke Intentionalität der Erzählungen auch ein Risiko – und ein deutlicher Hinweis darauf, dass mit den Erzählungen der Zeitzeug*innen gearbeitet werden muss: Sie sollten reflektiert und analysiert werden, um ihre Perspektivität herauszuarbeiten. Damit spielt die Auswahl der Zeitzeug*innen eine große Rolle.
Fazit
Die Quintessenz ist folglich ambivalent: Das Potenzial von Zeitzeug*innengesprächen mit Kindern ist noch lange nicht ausgeschöpft, sondern wird deutlich unterschätzt, wenn Zeitzeug*innen lediglich als „Quelle“ betrachtet werden. Sie ermöglichen Kindern, Geschichte mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verknüpfen. Gleichzeitig bergen sie Risiken, etwa durch einseitige Darstellungen/Einflussnahme oder problematische Geschichts- und Kindbilder. Es bleibt eine Aufgabe für die Zukunft, die Potenziale und Herausforderungen durch Zeitzeug*innengespräche systematisch zu erforschen und in der Praxis zu nutzen.
Literatur
Becher, Andrea: Die Zeit des Holocaust in Vorstellungen von Grundschulkindern. Eine empirische Untersuchung im Kontext von Holocaust Education, Oldenburg 2009.
Bergmann, Klaus: Historisches Lernen in der Grundschule, in: George, Siegfried/Prote, Ingrid (Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung in der Grundschule, Schwalbach/Ts. 1996, S. 319–342.
Diederich, Julia: Vorstellungen von Grundschulkindern zur Zeitzeugenbefragung – eine empirische Untersuchung zu Kompetenzen historischen Denkens, in: Holzinger, Andrea u. a. (Hrsg.): Fokus Grundschule, Band 1: Forschungsperspektiven und Entwicklungslinien, Münster 2019, S. 189–198.
Doering-Manteuffel, Anselm/Metzler, Gabriele: Zeitgeschichte, in: Schreiber, Waltraut (Hrsg.): Erste Begegnungen mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens, Neuried 1999, S. 777–793.
Flügel, Alexandra: „Kinder können das auch schon mal wissen und nicht nur, dass alles schön ist!“ Nationalsozialismus und Holocaust im Spiegel kindlicher Reflexions- und Kommunikationsprozesse, Opladen 2009.
Hanfland, Vera: Holocaust – ein Thema für die Grundschule? Eine empirische Untersuchung zum Geschichtsbewusstsein von Viertklässlern, Münster 2008.
Hempel, Alexa/Pech, Detlef: Kinder erforschen Geschichte − Zeitzeug/-inneninterviews zur deutschen Teilung, in: ZISU − Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 5 (2016), S. 148–161.
Koch, Christina: Wissen von Kindern über den Nationalsozialismus. Eine quantitativ-empirische Studie im vierten Grundschuljahr, Wiesbaden 2017.
Koch, Inge et al.: Umweltfreunde 4, Brandenburg/Berlin. Ausgabe 2016 – 4. Schuljahr, Berlin 2016.
Michalik, Kerstin: Befragung und Zeitzeug/innenbefragung, in: von Reeken, Dietmar (Hrsg.): Handbuch Methoden im Sachunterricht. 5. Auflage, Baltmannsweiler 2020.
Ministerium Kultus, Jugend, Sport (Hrsg.): Bildungsplan der Grundschule Sachunterricht Baden-Württemberg 2016, URL: https://www.bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan-rebrush2024/get/documents/lsbw/export-pdf/depot-pdf/ALLG/BP2016BW_ALLG_GS_SU.pdf [eingesehen am 16.01.2026].
Pech, Detlef: Zeitgeschichte, Deutschland, Kinder – Annäherungen zum zeitgeschichtlichen Lernen in der Primarstufe, in: Magazin Lernen aus der Geschichte 10 (2012) vom 14.11.2012, URL: https://lernen-aus-der-geschichte.de/lernen-und-lehren/content/10842 [eingesehen am 26.01.2026].
Peuke, Julia/Pech, Detlef/Urban, Jara: Etwas mitgeben – Gespräche zwischen Grundschulkindern und älteren Menschen aus der DDR, in: Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, 2 (2021), S. 141–159.
Peuke, Julia/Pech, Detlef/Urban, Jara: Wie war das damals? Gespräche mit Zeitzeug*innen im Kontext des frühen historischen Lernens, in: ZISU, 11 (2022), S. 172–186.
Peuke, Julia: Was bleibt – die DDR aus der Perspektive von Kindern. Eine qualitative Studie zum historisch-politischen Lernen im Sachunterricht, Wiesbaden 2024.
von Reeken, Dietmar: Historisches Lernen im Sachunterricht, Seelze 1999.
Roth, Heinrich: Kind und Geschichte. Psychologische Voraussetzungen des Geschichtsunterrichts in der Volksschule, München 1955.
Schreiber, Waltraud (Hrsg.): Erste Begegnungen mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens, Neuried 1999.
Schreiber, Waltraud: Zeitzeugengespräche führen und auswerten, in: dies./Arkossy, Katalin (Hrsg.): Zeitzeugengespräche führen und auswerten. Historische Kompetenzen schulen, Neuried 2009, S. 21–28.