Die „DDR“ als Lerngegenstand im Sachunterricht der Grundschule
Dr. Christian Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Historischen Bildung, der Politischen Bildung, der Sozioökonomischen Bildung und der Nachhaltigkeitsbildung in Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II.
Christian Fischer
Denkt man über die DDR als Unterrichtsgegenstand nach, dann richten sich die Gedanken wahrscheinlich auf den Geschichtsunterricht der Klassen 9 bis 10 oder auf die gymnasiale Oberstufe. Wie die DDR im Geschichtsunterricht behandelt wird, sorgt oft für Diskussionen. Dabei stehen Fragen im Raum: Wurde der Unterricht der politischen und gesellschaftlichen Komplexität der DDR gerecht? Wurden verschiedene Perspektiven und Erinnerungsweisen berücksichtigt? Oder dominierte eine einseitige – negative oder verharmlosende – Darstellung? Diese Fragen verdeutlichen, wie herausfordernd das Thema DDR im Geschichtsunterricht ist – nicht zuletzt, weil es Teil aktueller Erinnerungs- und Deutungskonflikte bleibt.
Vor diesem Hintergrund mag es überraschen, wenn der Anspruch erhoben wird, die DDR bereits im Sachunterricht der Grundschule zu thematisieren. Kritische Stimmen lassen nicht lange auf sich warten: Ist das nicht viel zu kompliziert? Das ist doch eine didaktische Verfrühung! Hat die DDR-Geschichte überhaupt einen Bezug zur Lebenswelt von Grundschulkindern? Die DDR steht doch gar nicht in den Lehrplänen des Sachunterrichts! Und selbst wenn: Wie könnte man das altersgerecht in die Unterrichtspraxis umsetzen?
Solche skeptischen Fragen sind berechtigt und verdienen Beachtung. Dennoch spreche ich mich dafür aus, die DDR im Sachunterricht zu thematisieren und zwar sowohl in den ost- als auch in den westdeutschen Bundesländern. Ich lade Sie ein, mit mir darüber nachzudenken, warum, wozu und wie die DDR ein Lerngegenstand in der Grundschule sein kann.
Warum?
Zunächst eine didaktische Entlastung: Historisches Lernen im Sachunterricht – wie auch im Geschichtsunterricht – besteht nicht in einer detaillierten Abhandlung der DDR als historische Verlaufsgeschichte. Ein Übermaß an Fakten droht die „Köpfe der Kinder zu verstopfen“ (in Anlehnung an Rumpf 2002: 8, 10f.) und erstickt ihre Neugier. Vielmehr soll der Sachunterricht „Kinder beim Erschließen ihrer Umwelt“, auch in ihrer historischen Dimension, unterstützen (Kahlert 2016: 11). Doch wo begegnet Kindern die DDR in ihrer Alltagswelt? In Ostdeutschland liegt das auf der Hand: Gebäude aus der DDR, vielleicht sogar die eigene Schule und das Wohnviertel, sozialistische Wandgemälde und Mosaike an Häusern, Erzählungen der Großeltern, in tradierter Weise auch der Eltern und anderer Verwandter, DDR-Museen, Alltagsgegenstände aus der DDR auf Dachböden und in Benutzung oder Fotoalben – all das bringt die DDR ins Bewusstsein.

Wandbild „Unser Leben“ von Walter Womacka et al. (1962-64) am Haus des Lehrers, Berlin, 2016 © Fred Romero from Paris, France, Berlin – Haus des Lehrers (1), CC BY 2.0
Aber auch in den westdeutschen Bundesländern gibt es Anknüpfungspunkte: Nicht wenige Kinder haben Familienangehörige, die in der DDR gelebt haben. Manche Eltern oder Großeltern können von Besuchen in der DDR erzählen, von Geschichten, die sie darüber gehört haben, oder in denen es um die Zeit der deutsch-deutschen Teilung geht.
Ein weiterer Bezugspunkt ist die Geschichtskultur. Unabhängig davon, in welchem Bundesland die Kinder leben, freuen sie sich über den schulfreien „Tag der Deutschen Einheit“. Sie kommen gezielt oder zufällig mit Meldungen und Darstellungen der Zeit vor 1990 in Kontakt: im Fernsehen, im Internet, in beiläufigen Bemerkungen oder Gesprächen der Erwachsenen. Auch Kindernachrichten, Filme sowie die geschichtserzählende Kinder- und Jugendliteratur greifen das Leben in der DDR sowie das geteilte Deutschland auf. Aus all dem können Fragen und historische Orientierungsbedürfnisse bei Kindern entstehen.
Zwar taucht die DDR-Geschichte nicht explizit als Lerngegenstand in den Lehrplänen des Sachunterrichts auf, doch bieten diese viele Anschlussstellen: Themenbereiche wie „Familiengeschichte“, „Wer bin ich?“, „Geschichte unseres Wohnortes“, „Feste und Feiertage“ oder „Medien“. Ausdrücklich geht es nicht darum, ein Curriculum der DDR-Geschichte (doppelte Staatsgründung, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, Volksaufstand, Mauerbau etc.) abzuarbeiten. Vielmehr greift der Sachunterricht nach seinem Bildungsverständnis die alltagsweltlichen Impulse und die aus ihnen resultierenden Fragen der Kinder auf und macht sie zum Ausgangspunkt des Lernens (Kahlert 2016: 35).
Wozu? Oder: Was sind eigentlich die Bildungsziele?
Ein zentrales Ziel des frühen historischen Lernens ist es, historisches Denken anzubahnen (vgl. Bergmann 2015: 17–19; von Borries 2008: 9f.). Bezogen auf den Gegenstand DDR geht es darum, dass die Lernenden untersuchen und reflektieren, wie die Menschen – vor allem die Kinder – in der DDR lebten, was sie hatten oder was sie nicht hatten und wie sich ihr damaliges Leben von unserem heutigen unterscheidet (Bergmann 2015: 18f.; Fischer 2024: 5f.). Ebenso wichtig ist die Frage, was sich nicht verändert hat, etwa Gefühle innerhalb der Familie. Historisches Denken bedeutet zu fragen, wie die DDR-Vergangenheit unsere Gegenwart prägt und wie diese wurde, was sie ist. Mit Blick auf die Zukunft stellen sich auch die Fragen, was aus der DDR-Vergangenheit man vermeiden oder vielleicht verhindern und was man so oder ähnlich anstreben möchte.
Kinder bringen ein alltagsweltliches Geschichtsbewusstsein mit in den Unterricht. Im Bereich „DDR-Geschichte“ besteht dieses aus mehr oder weniger bewussten Vorstellungen, die sie sozialisatorisch, in Auseinandersetzung mit ihrer Alltagswelt, erworben haben. Historisches Lernen im Sachunterricht soll diese alltagsweltlichen Vorstellungen aktivieren, sie bewusst machen und irritieren (Fischer 2023a: 49f.). Richtungsgebende Fragen dabei sind: „Welche Fragen stellen sich mir/uns?“, „Was wissen wir?“, „Stimmt das überhaupt?“, „Was müsste ich/müssten wir noch wissen, um begründet(er) urteilen zu können?“, „Woher weiß ich/wissen wir überhaupt etwas?“, „Wie können wir etwas herausfinden?“. So erweitern die Kinder ihr Wissen, fundieren es fachlich und lernen, begründet zu diskutieren. Bildungsziel ist es, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu entwickeln (von Reeken 2017: 8–16).
Kompetenzen sind ein zentraler Bestandteil. Es geht darum, die Fähigkeit und Bereitschaft der Kinder zu fördern,
· Fragen an die DDR-Vergangenheit und zur deutsch-deutschen Teilung zu stellen (historische Fragekompetenz),
· in Quellen und Medien nach Antworten auf diese Fragen zu suchen (historische Methoden- und Medienkompetenz),
· Quellen und Medien, die DDR-Geschichte zum Inhalt haben, zu deuten und zu hinterfragen (historische Methoden- und Medienkompetenz),
· ausgehend vom eigenen Orientierungsbedürfnis Sachwissen über die DDR zu erwerben und anzuwenden (historische Sachkompetenz),
· Geschichten von Personen in der DDR (und danach) oder aus dem eigenen Wohnviertel zu erzählen (narrative Kompetenz),
· das eigene Leben mit der DDR-Vergangenheit in Beziehung zu setzen und zu beurteilen (historische Orientierungskompetenz) (Fischer 2023a: 51f.; Schreiber 2007: 9–11).
Nicht alle Kompetenzen des historischen Lernens müssen in einer Unterrichtsreihe gefördert werden. Schwerpunktsetzungen sind sinnvoll und notwendig.
Wie? – Die Umsetzung in der Unterrichtspraxis
Die Umsetzung orientiert sich an didaktischen Prinzipien und Standards. Das Prinzip der Mehrdimensionalität erfordert, unterschiedliche Aspekte der DDR-Vergangenheit – etwa Konsum-, Bildungs-, Herrschafts- oder Verfolgungsgeschichte – im Sachunterricht zu berücksichtigen. Das Prinzip der Multiperspektivität verlangt (Bergmann 2016: 66) verschiedene Perspektiven von Menschen, die in der DDR lebten, im Lehr-Lern-Prozess einzubeziehen. Im Sinne von Pluralität und Kontroversität ist es wichtig, verschiedenen heutigen Sichtweisen auf die DDR Raum zu geben (Fischer 2023a: 53).
Der Unterricht soll so gestaltet werden, dass sich die Kinder das Leben in der DDR als das von handelnden, denkenden und fühlenden Menschen vorstellen können. Denn: „Ohne Imaginationskraft keine Historie!“, so der Geschichtsdidaktiker Rolf Schörken (1994: 18). Gleichzeitig sind diese Vorstellungen zu hinterfragen und als Ausgangspunkt historischer Recherchen zu nutzen. Ästhetische und emotionale Zugänge sowie altersgerechte Inhalte spielen dabei eine zentrale Rolle (Fischer 2024: 7).
Für die didaktische Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements bieten sich verschiedene Zugänge an. Ich stelle im Folgenden fünf davon vor.
Die Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur
Bilderbücher und Romane, die vom Leben in der DDR in einer Mischung aus Faktizität und Fiktionalität lebendig und personenbezogen erzählen, fördern die historische Imaginationsfähigkeit. Ein erprobtes Unterrichtsbeispiel ist „Mit Ina in die DDR“ (Fischer 2023b), das Auszüge aus Judith Burgers Roman „Gertrude grenzenlos“ (2019) nutzt. Ergänzt durch eine speziell entwickelte Quellenmappe für die historischen Recherchen ermöglicht es eine mehrdimensionale und multiperspektivische Auseinandersetzung mit der DDR.
Arbeit mit Kinderliedern aus der DDR
Kinderlieder aus der DDR sind wertvolle Quellen, um über das damalige Leben von Kindern und Erwachsenen nachzudenken. Ihre musikalische und textliche Erschließung verbindet ästhetisches und fachliches Lernen. Ein Beispiel ist das Lied „Vielbesserland“ von Reinhard Lakomy und Monika Ehrhardt, das Fragen aufwirft, die die Kinder durch Recherchen vertiefen können. Sandra Tänzer und Verena Weidner haben diese Unterrichtsidee entwickelt, erprobt und ausgewertet (Tänzer/Weidner 2024).
Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
Erzählungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihr Leben in der DDR oder ihre Besuche dort (bei westdeutschen Biografien) können für Kinder faszinierend sein. Wichtig ist, diese Berichte als Erinnerungen und nicht als Fakten einzuordnen. Die Interviews sollten reflektiert und durch weitere Informationen und die Erinnerungen anderer Personen ergänzt werden, um Multiperspektivität zu erreichen. Erfahrungen, Forschungsergebnisse und methodische Hinweise dazu bieten beispielsweise Julia Peuke und Detlef Pech (2024).

Der Platz „Am Treff“ in Halle-Neustadt, im Vordergrund der „Alchimistenbrunnen“, 2026 © Christian Fischer
Die Erkundung der Schule und des Wohnviertels
Schulgebäude und Wohnviertel aus DDR-Zeiten eignen sich für historische Lokalerkundungen. Leitfragen können sein: „Wie sahen die Schule und unser Viertel früher aus? Wie wurden die Gebäude genutzt? Was hat sich geändert? Wie war das Leben damals?“. Die Arbeit mit alten Fotos, Gespräche mit Anwohnerinnen und Anwohnern oder Fachleuten der Stadtentwicklung bereichern die Erkundung. Stefanie Dörfel und Anja Kluge (2023) haben hierzu eine Unterrichtsidee für Altenburg entwickelt, erprobt und ausgewertet.

Alltagsgegenstände aus der DDR, Privatbesitz, 2026 © Christian Fischer
Die Untersuchung von Alltagsgegenständen aus der DDR
Spielzeuge, Küchenutensilien, Möbel oder Kleidung aus der DDR transportieren nicht nur eine hohe historische Authentizität, sondern können auch berührt und ausprobiert werden. Sie regen zum Nachdenken, Nachfragen und Nachforschen über das Leben in der DDR an.
Ausblick
Ich plädiere für didaktischen Mut und Offenheit – die Lehrkräfte vermutlich brauchen, wenn sie die DDR im Sachunterricht der Grundschule thematisieren. Weil dieser Lerngegenstand bisher kaum etabliert ist, ermöglicht er forschendes Unterrichten. Und es gilt, das Thema weiterhin interdisziplinär zu beleuchten und mit Fachleuten aus der Bildungspraxis zu besprechen.
Literatur
Bergmann, Klaus: „Papa, erklärˈ mir doch mal, wozu dient eigentlich die Geschichte?“ – Frühes Historisches Lernen in Grundschule und Sekundarstufe I, in: Bergmann, Klaus/Rohrbach, Rita (Hrsg.): Kinder entdecken Geschichte. Theorie und Praxis historischen Lernens in der Grundschule und im frühen Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2015, S. 8–31.
Bergmann, Klaus: Multiperspektivität, in: Mayer, Ulrich/Pandel, Hans-Jürgen/Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2016, S. 65–77.
Borries, Bodo von: Historisch Denken lernen – Welterschließung statt Epochenüberblick. Geschichte als Unterrichtsfach und Bildungsaufgabe, Opladen/Farmington Hills 2008.
Burger, Judith: Gertrude grenzenlos, Hildesheim 2019.
Dörfel, Stefanie/Kluge, Anja: Spurensuche in Schulumgebung und sozialem Nahraum – Ein Unterrichtsprojekt zur DDR-Geschichte „vor Ort“, in: Fischer, Christian/Tänzer, Sandra (Hrsg.): Mit Kindern über die DDR sprechen. Fachliche und fachdidaktische Grundlagen sowie Beispiele aus der Praxis, Bad Heilbrunn 2023, S. 139–149.
Fischer, Christian: Didaktische Überlegungen zum Umgang mit der DDR als Lerngegenstand im Sachunterricht: Bildungspotenziale, Prinzipien und mögliche Zugänge, in: Fischer, Christian/Tänzer, Sandra (Hrsg.): Mit Kindern über die DDR sprechen. Fachliche und fachdidaktische Grundlagen sowie Beispiele aus der Praxis, Bad Heilbrunn 2023a, S. 46–63.
Fischer, Christian: Das Aktionsforschungsprojekt „Mit Ina in die DDR“, in: Fischer, Christian/Tänzer, Sandra (Hrsg.): Mit Kindern über die DDR sprechen. Fachliche und fachdidaktische Grundlagen sowie Beispiele aus der Praxis, Bad Heilbrunn 2023b, S. 71–129.
Fischer, Christian: Die DDR: ein Thema für den Sachunterricht?! Einführende Überlegungen zu möglichen Bildungspotenzialen, richtungsgebenden Prinzipien und Wegen der Verwicklung, in: Grundschule Sachunterricht, 103 (2024), S. 4–9.
Peuke, Julia/Pech, Detlef: „Wie war das bei den Jungpionieren?“. Kinder befragen Zeitzeug:innen, in: Grundschule Sachunterricht, 103 (2024), S. 24–30.
Reeken, Dietmar von: Historisches Lernen im Sachunterricht. Eine Einführung mit Tipps für den Unterricht, Baltmannsweiler 2017.
Rumpf, Horst: Die Verstopfung der Köpfe und das wirkliche Verstehen. Eine Einführung in die vorliegende Auswahl von Arbeiten von Martin Wagenschein, in: Rumpf, Horst (Hrsg.): „… zäh am Staunen“. Pädagogische Texte zum Bestehen der Wissensgesellschaft, Seelze-Velber 2002, S. 8–23.
Schörken, Rolf: Historische Imagination und Geschichtsdidaktik, Paderborn u. a. 1994.
Schreiber, Waltraud: Historische Kompetenz. Was Schüler schon mitbringen und was sie noch lernen können, in: Grundschulmagazin, 3 (2007), S. 8–11.
Tänzer, Sandra/Weidner, Verena (2024): „Viel besser, viel höher, viel schöner …“. Auf Spurensuche in Kinderliedern der DDR, in: Grundschule Sachunterricht, 103 (2024), S. 10–18.