Die DDR − ein Thema für Kinder?

, , , ,

Dr. Julia Peuke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Sachunterricht und seine Didaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Schwerpunkte liegen auf dem (zeit)historischen und politischen Lernen in der Grundschule. 

Julia Peuke

Die deutsche Teilung liegt mehr als 35 Jahre zurück und erscheint heutigen Kindern weit entfernt. Gleichzeitig wird auch in der Gegenwart noch über die DDR, Ost und West gesprochen, etwa in der Familie oder in Dokumentationen, Nachrichten, Filmen und Serien. Dabei zeigt sich immer wieder: Es gibt sehr verschiedene Perspektiven auf die jüngere deutsche Vergangenheit. Besonders über die Einordnung der DDR-Geschichte wird bis heute gesellschaftlich gerungen. Saskia Handro (2006: 4f.) beschreibt unterschiedliche Ansätze der Aufarbeitung: Die DDR wird über ihr politisches System erinnert und damit über Freiheitsbeschränkungen und Repressionen, aber auch über Widerstand, Opposition und die Friedliche Revolution. Zugleich erfolgt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anhand von Kultur, gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Alltagsleben der Menschen. Dabei kann das öffentliche Erinnern an die Diktatur sich stark von privaten Erinnerungen an den Alltag unterscheiden (vgl. Heß 2014). Die DDR wird außerdem in ihren Verflechtungen mit der westdeutschen oder globalen Geschichte betrachtet, also im Rahmen der deutschen Teilungsgeschichte und des Kalten Krieges. Diese verschiedenen inhaltlichen Ausrichtungen können zur Multiperspektivität im historischen Lernen beitragen, gleichzeitig stellen sie Lehrkräfte und außerschulische Lernorte vor Herausforderungen: Wie lässt sich dieses komplexe Thema für Kinder im Grundschulalter verständlich aufbereiten, ohne es zu stark zu vereinfachen?

Welche Vorstellungen haben Kinder von der DDR?

Um die Kinder an das Thema heranzuführen, lohnt es sich, ihre Fragen und Vorstellungen aufzugreifen. Bisher gibt es jedoch nur vereinzelt empirische Untersuchungen dazu. Sabine Moller (2008; 2011) zeigte in einer qualitativen Studie mit Kindern und Jugendlichen der 1. bis 12. Jahrgangsstufe, dass bereits Erstklässler*innen kurze Geschichten über Krieg, Teilung und den Mauerfall erzählen können. Alexa Hempel untersuchte die Fragen von Viertklässler*innen in Zeitzeugengesprächen zur deutschen Teilung (Hempel/Pech 2016).  Besonders die Berliner Mauer und deren Auswirkungen interessieren die Kinder. Sie fragen insbesondere nach Erfahrungen, Gefühlen und Einstellungen der Zeitzeug*innen.

Eine eigene Untersuchung der Autorin mit 9 bis 11-jährigen Kindern aus Berlin und Osnabrück ermöglicht vertiefte Einblicke in die Vorstellungen und Theorien von Kindern im Grundschulalter (Peuke 2024). Die Interviewstudie zeigt, dass die befragten Kinder weniger die DDR selbst thematisieren. Stattdessen rücken sie die unüberwindbare Grenze zwischen Ost und West in das Zentrum ihrer Theorien. Dabei sprechen die Kinder von „Seiten“, was darauf hindeutet, dass sie eher nicht von zwei verschiedenen Staaten ausgehen. Die Grenze konkretisieren sie anhand der Berliner Mauer, die sie mit verschiedenen Details wie Wachtürmen, Stacheldraht und Selbstschussanlagen beschreiben. Zentrale Themen der Befragten – wie Mauer, Flucht, getrennte Familien, Mauerfall und wiedervereinte Familien – spiegeln sich im Zitat der 9-jährigen Katja (alle Namen sind von den Kindern selbst gewählte Pseudonyme) aus Osnabrück wider:

„Und dann wurde eben halt getrennt mit der großen Mauer, fast so wie in China, nein. Also da war dann eben halt ganz viel Flucht auch. Und ganz viel Schießerei, Blutvergießen und da wollten auch ganz viele Leute über die Grenze. Da war Stacheldraht und dicker Mauer und als sie dann 1900irgendwas, ich weiß gerade nicht mehr, geöffnet wurde, dann war da ganz großer Tumult, weil manche Familien waren halt auch in der einen Hälfte und manche in der anderen. Und dann war die Mauer dazwischen und dann haben die sich eben ganz gefreut, da wieder zusammen zu können und das war ’ne ganz schreckliche Zeit“.

Insgesamt lassen sich die Theorien der Kinder zur deutschen Teilungsgeschichte wie folgt zusammenfassen (ebd.): Die Kinder erklären die Teilung mit der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Konflikten zwischen zwei Machtinhaber*innen oder den persönlichen Interessen eines autoritären Alleinherrschers. Diese Teilung durch eine unüberwindbare Grenze führt zu Freiheitsbeschränkungen und trennt Familien und Freund*innen. Die zwei „Seiten“ werden als gegensätzlich vorgestellt: Die eine „Seite“ (die DDR) ist von Mangel geprägt, die andere hat von allem mehr. Diese Situation führt zu einer wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung auf der mangelgeprägten „Seite“. Als einzige Handlungsoption der Menschen beschreiben die Kinder, wie auch in dem Zitat von Katja, Fluchtversuche. Diese sind untrennbar mit der Gefahr des Erschossenwerdens durch Grenzsoldaten verbunden. Letztendlich schließt sich die Bevölkerung zusammen und protestiert gegen die unüberwindbare Grenze, was zum Fall der Mauer führt. Getrennte Familien und Freund*innen werden wieder vereint, die Menschen freuen sich. Mit der Grenzöffnung ist Deutschland erneut ein Land und die Geschichte findet ihr gutes Ende.

In ihren Ausführungen stellen die Kinder zudem immer wieder Bezüge zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg her. Dabei kommt es auch zu inhaltlichen Vermischungen, etwa, dass Adolf Hitler die Mauer gebaut hat (Peuke 2024: 300f.). Hitler ist der einzige Name, der wiederholt von den Kindern genannt wird; die DDR wird von ihnen sonst ohne Namen oder herausgestellte Personen besprochen.

Diese Einblicke in die Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass Kinder im Grundschulalter Vorstellungen und Theorien zur deutschen Teilungsgeschichte haben. Sie sehen die DDR vor allem als Diktatur und beschreiben sie als eine Art Gefängnis, aus dem die Menschen unbedingt fliehen wollen. Flucht ist ein Thema, was die Kinder immer wieder selbst in die Interviews eingebracht haben, und somit im Kontext DDR-Geschichte besonders relevant für sie. Bei den Kindern, die familiäre Verbindungen zur DDR haben, finden sich kleinere Bezüge zum Alltagsleben, so beschreiben sie zum Beispiel wiederholt „Westpakete“. Detailwissen zum Alltagsleben in Westdeutschland findet sich bei keinem der befragten Kinder. Insgesamt haben sie vom Alltagsleben der Menschen im geteilten Deutschland kaum Vorstellungen, es weckt aber ihr Interesse (Peuke 2024: 309).

Kinder im Grundschulalter beziehen ihr Wissen über die DDR vorwiegend aus Gesprächen mit Familienmitgliedern, Filmen und Dokumentationen. Daraus entwickeln sie eigene Theorien zu Abläufen und Zusammenhängen der Geschehnisse. Eine gezielte Thematisierung im Unterricht könnte ihnen helfen, ihr Wissen zu ordnen und Missverständnisse – etwa die Vermischung mit dem Nationalsozialismus – aufzuklären. Der in der Erinnerungskultur häufig genutzte Begriff „Mauerfall“ irritiert einige Kinder, wie das Zitat des 9-jährigen Schweinsteiger aus Berlin zeigt: „Also, eigentlich find ich das ja unmöglich, weil mit den Händen könnte ich keine Steinmauer wegschieben. Also, umfallen lassen. Also weiß ich nicht, wie die das geschafft haben.“ Leerstellen gibt es vor allem bei der westdeutschen Geschichte und der Zeit nach dem Ende der Teilung. Hier empfiehlt sich eine stärkere Einordnung in die gesamtdeutsche Nachkriegsgeschichte.

Potenzial für das historische Lernen in der Grundschule

Die Geschichte der beiden deutschen Staaten, der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer macht politische Strukturen und ihre Veränderbarkeit sichtbar. Gleichzeitig können abstrakte Konzepte wie Demokratie, Freiheit oder Macht inhaltlich gefüllt und damit greifbar werden. Als zeithistorisches Thema besitzt die deutsche Teilungsgeschichte einen starken Gegenwartsbezug und ermöglicht die Verknüpfung lebensgeschichtlicher, erinnerungskultureller und wissenschaftlicher Dimensionen (Hockerts 2001). Der Zugang zur lebensgeschichtlichen Dimension erfolgt über Menschen, die diese Zeit selbst miterlebt haben und davon berichten können. In Familien oder Gesprächen mit Zeitzeug*innen wird beispielsweise über das Aufwachsen, die Schule und den Alltag in Ost und West gesprochen. Die Dimension der Erinnerungskultur beinhaltet das gesamtgesellschaftliche Erinnern, wie in Filmen und Dokumentationen, in Gedenkstätten oder den offiziellen Feierlichkeiten zum 9. November oder 3. Oktober. Die wissenschaftliche Dimension umfasst die kritische Arbeit mit historischen Quellen, die einer klaren Fragestellung folgt.

Diese drei Zugänge – lebensgeschichtlich, erinnerungskulturell und wissenschaftlich – können im Unterricht kombiniert werden, um Kindern zu zeigen, wie Geschichte mit ihrem Leben und der Gegenwart zusammenhängt. Das fördert ihre Orientierungskompetenz und verdeutlicht die Multiperspektivität von Geschichte. Es gibt eine Vielzahl an leicht zugänglichen Quellen, die für das kompetenzorientierte historische Lernen genutzt werden können: Zeitzeugenberichte, alte Fotos, Bücher oder Sachquellen, die etwa noch bei den Großeltern der Kinder zu finden sind, oder die Vielzahl an Fotos und Videos, die zur deutschen Teilungsgeschichte online existieren. Zudem kann im eigenen Wohnort nach Spuren dieser Zeit gesucht werden.

Fazit

Die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung ist komplex, bis heute relevant und geht mit verschiedenen Deutungen einher. Dass sie multiperspektivische Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit ermöglicht, macht sie besonders spannend für historische und politische Lernprozesse. Wie der Einblick in die Forschung zeigt, sind Kinder bereits im Grundschulalter in erinnerungskulturelle Diskurse zur DDR eingebunden, entwickeln darüber eigene Theorien und bringen ihre Fragen ein. Historisches Lernen in der Grundschule sollte sich an den Vorstellungen der Kinder orientieren und ihre Fragen zur Gewordenheit ihrer Lebenswelt explizit einbeziehen. Die reichhaltige Quellenlage kann hierbei genutzt werden, um historisches Denken zu fördern. Die Diskurshaftigkeit und konflikthafte Deutungskämpfe um die DDR-Vergangenheit sind besondere Herausforderungen. Lehrkräfte sollten sich daher mit ihrer eigenen Position dazu auseinandersetzen und die verschiedenen Perspektiven in den Quellen erkennen und einordnen können. Das Einbringen alltagsgeschichtlicher und diktaturgeschichtlicher Inhalte und Erinnerungen kann Kindern verdeutlichen, inwiefern politische Gegebenheiten Einfluss auf das alltägliche Leben von Menschen haben können. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Deutungen fördert zudem das Verständnis, dass Geschichte ein Konstrukt ist.

Literatur

Handro, Saskia: DDR-Geschichte unterrichten – aber welche? in: Geschichte lernen, 19 (2006), H. 111, S. 2–7.

Hempel, Alexa/Pech, Detlef: Kinder erforschen Geschichte. Zeitzeug/-inneninterviews zur deutschen Teilung, in: Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 5 (2016), H. 1, S. 148–161.

Hockerts, Hans Günter: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 28 (2001), S. 15–30.

Moller, Sabine: Eine Fußnote des Geschichtsbewusstseins? Wie Schüler in Westdeutschland Sinn aus der DDR-Geschichte machen, in: Barricelli, Michele/Hornig, Julia (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, „Histotainment“? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt/Main 2008, S. 175–187.

Moller, Sabine: Diktatur und Familiengedächtnis. Anmerkungen zu Widersprüchen im Geschichtsbewusstsein von Schülern, in: Handro, Saskia/Schaarschmidt, Thomas (Hrsg.): Aufarbeitung der Aufarbeitung. Die DDR im geschichtskulturellen Diskurs, Schwalbach/Ts. 2011, S. 140–151.

Peuke, Julia: Was bleibt – die DDR aus der Perspektive von Kindern. Eine qualitative Studie zum historisch-politischen Lernen im Sachunterricht, Wiesbaden 2024.

Nach oben scrollen
Lernen aus der Geschichte
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von Ihnen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind.

Weitere Informationen zu unseren Datenschutzrichtlinien finden Sie hier.